Der Brief, der im Frühling 1995 beim Turn- und Sportverein Boll einging, hatte keinen Absender. Wolfgang Langermann, Vorstand des 1000 Mitglieder zählenden Clubs am Fuße der Schwäbischen Alb, nahm den Inhalt deshalb nicht sonderlich ernst: Der anonyme Schreiber warnte vor der Unterwanderung des TSV durch eine Sekte. Eine Übungsleiterin, behauptete er, stünde Scientology nahe.
Heute weiß Langermann, daß er den Hinweis mächtig unterschätzt hat: Der TSV Boll geriet in die ärgste Krise seiner über 90jährigen Geschichte.
Denn im Mai 1996 outete sich tatsächlich eine Assistenztrainerin der Kinder-Leichtathletikabteilung als Scientology-Anhängerin. Kurz darauf bekannte sich auch noch die Übungsleiterin der Mutter-Kind-Turngruppe unter Tränen zur Sekte.
Obschon die beiden Trainerinnen ausgewechselt wurden, verzeichnete die Leichtathletikabteilung eine Austrittswelle, besorgte Eltern ließen ihre Kinder nicht mehr zum Vereinssport. Das Idyll zwischen Kleintierzüchterverein, Kurhaus und Evangelischer Akademie ist seither gebrandmarkt als Scientologen-Gebiet. "Wir wurden überrollt von der Situation", sagt Langermann.
Turbulenzen dieser Art sind beispielhaft für ein Phänomen, mit dem sich nach Meinung von Sektenexperten Vereine und Verbände verstärkt auseinandersetzen müssen: Waren bislang meist Wirtschaft und Kultur das Ziel scientologischer Umtriebe, befindet sich nun auch der Sport "im Visier der Sekte", wie Roger Schenk warnt, der sich in einer Diplomarbeit mit der Unterwanderung von Unternehmen durch Scientology befaßt hat.
Bereits 1995 offenbarte ein Fall im Fecht-Olympiazentrum Tauberbischofsheim, daß der Psycho-Konzern seine Sympathisanten auch im Bereich des Sports findet. Damals mußte der stellvertretende Stützpunktleiter Bernd Lang gehen, weil er bei der Trainingsarbeit scientologische Techniken angewendet haben soll.
Zuletzt gab der Deutsche Sportbund (DSB) sogar eine Broschüre heraus, um die Vereine "über Ziele und Wege der Einflußnahme" aufzuklären. Ein Vorstoß, der überfällig war. Denn mittlerweile, glaubt DSB-Mann Friedhelm Kreiß, der sich mit der Sektenproblematik beschäftigt, "ist Scientology bestrebt, den Sport zur Propagandabühne zu machen".
Die Werbewirksamkeit einer Sportlervita hat die Sekte, die in Deutschland in einigen Bundesländern vom Verfassungsschutz beobachtet wird, schon länger erkannt: Neben Grammy-Preisträger Chick Corea und dem Schauspieler John Travolta preisen in einer über 800 Seiten dicken Selbstdarstellung der Psycho-Gruppe der Motorradsportler Keith Code und Rennfahrer Philippe de Henning, Le-Mans-Teilnehmer 1987, die Lehre von Sekten-Begründer L. Ron Hubbard. Der Tenor der Hymnen: "Ohne Scientology hätte ich dies niemals zustande gebracht."
Inzwischen hat die Propaganda-Offensive im Sport jedoch eine neue Dimension erreicht: Scientology warb vergangenes Jahr beim Uefa-Cup-Endspiel Inter Mailand gegen Schalke 04 auf einer Drehbande für das Hubbard-Standardwerk "Dianetics". In Deutschland war der Reklame-Schriftzug nur deshalb nicht zu sehen, weil der übertragende Sender Sat 1 mit eigenen Kameras angerückt war.
Die bislang spektakulärste Kampagne unternahm Scientology wenig später während des Tennisturniers von Wimbledon: Im Zentrum stand diesmal - unfreiwillig - Boris Becker. Im Internet tauchte eine Seite auf, in der die selbsternannten Weltverbesserer Intoleranz in Deutschland anprangerten. Illustriert wurde die Botschaft mit einem Foto von Becker und seiner dunkelhäutigen Gattin Barbara. Erst als Becker Klage androhte, verschwand das Foto aus dem Computernetz.
Experten im Ministerium für Kultus, Jugend und Sport in Baden-Württemberg haben in internen Scientology-Schreiben, sogenannten HCO-PL's (Hubbard Communication Office - Policy Letters), Passagen gefunden, in denen angedeutet wird, daß scientologische Techniken auch über die "Einflußnahme auf private Vereine" weitergetragen werden können.
Fachleute gehen davon aus, daß der Sport damit Bestandteil der sogenannten "Clear Germany"-Strategie der Scientologen geworden ist. Hinter diesem Begriff verbirgt sich das proklamierte Ziel, gleich in ganz Deutschland eine Gesellschaftsform nach scientologischen Grundsätzen aufzubauen. Um dies zu erreichen, will die Organisation zunächst Einfluß auf alle gesellschaftlich relevanten Bereiche wie Wirtschaft, Politik und Kultur erlangen. Weil Sportvereine die größte Interessenvertretung in Deutschland darstellen, fürchtet Eberhard Kleinmann, Sektenexperte der Verbraucherorganisation "Aktion Bildungsinformation" (ABI), "daß nun auch sie infiltriert werden sollen".
Im Auftrag des Württembergischen Sportbundes tourt deshalb Roger Schenk, beim Wirtschaftsverband Bund der Selbständigen für die Scientology-Thematik zuständig, durchs Land, um Vereine zu warnen. Bei der ABI in Stuttgart, die sich seit Jahren mit den Scientologen beschäftigt, hat Kleinmann schon ein eigenes Register für die Vorkommnisse im Bereich Sport angelegt.
Es bleibt nicht immer nur beim unaufgeforderten Versand des Buches "L. Ron Hubbard - ein Portrait", wie an die Trainerakademie in Köln - ein Begleitbrief war von derselben Absenderin unterschrieben, die auch Politiker mit Literatur umwirbt. Beim Ravensburger Eishockey-Club schaffte es ein Scientology-Anhänger sogar bis zum ersten Vorsitzenden.
Baden-Württemberg scheint zu einem Brennpunkt scientologischer Umtriebe geworden zu sein. In Göppingen, Stuttgart, Mannheim, Heilbronn und Karlsruhe unterhält die Sekte Stützpunkte. Auf eine "Kleine Anfrage" im Stuttgarter Landtag gab das Kultusministerium betont vorsichtig zu Protokoll, daß der Vizepräsident der Frankfurter Scientology-Niederlassung einem Club im nordbadischen Raum vorstehe. Bei einem Kampfsportverein in Südbaden, heißt es weiter, sei die Judo-Abteilung "beeinflußt" von einem Absolventen der "Privaten Akademie für Management und Kommunikation" - einer Schulungsstätte, die Scientology nahestehen soll.
Daß der DSB unter Federführung seines Präsidenten Manfred von Richthofen nun mit Vehemenz gegen die Sekte vorgeht, liegt vor allem an der Anfälligkeit von Sportvereinen für den scientologischen Missionierungsdrang. So eröffnet die Rolle des Trainers einem Hubbard-Adepten ein Agitationsfeld, in dem er lange wirken kann, ohne sich verdächtig zu machen.
Denn die Grenzen zwischen Sportwissenschaft und Psycho-Hokuspokus sind bisweilen verschwommen. Einladungen zu Persönlichkeitstests oder Kommunikationskursen können ebenso als moderne Trainingsmethodik mißverstanden werden wie ausgedehnte Saunagänge oder Vitaminkuren, die Teil des sogenannten Reinigungs-Rundown sind.
Weil die Ideologie Hubbards verspricht, ungenutzte Ressourcen im Menschen freizusetzen, stellen scientologische Praktiken für ehrgeizige Sportler unter Umständen ein Angebot dar.
Bereits Anfang der neunziger Jahre stellte die Münchner Scientology-Mission einen Zusammenhang her: "Steigern Sie Ihre Leistungsfähigkeit!" lautete der Slogan auf einem Faltblatt. Untermauert wurde die Verheißung mit dem Foto eines Radrennfahrers, der einem Auto davoneilt.
So manchen Club führte die gesteigerte Sensibilität beim Thema Scientology jedoch bereits in ein Dilemma. So lehnte Fußball-Zweitligaclub FSV Zwickau zunächst ein Sponsoring-Angebot der Sachsenring AG ab. Grund waren Gerüchte und Presseberichte über angebliche Kontakte eines hochrangigen Konzernmitglieds zur Sekte. Erst nachdem sich die Vorwürfe als haltlos erwiesen, kam es zur Partnerschaft.
Auch beim TSV Boll mündete die vereinsweite Sektenpanik in einer Hexenjagd, die über das Ziel hinausschoß. Eine weitere Übungsleiterin, die zu Unrecht beschuldigt wurde, verließ den Club.
Wie falschen Verdächtigungen vorzubeugen ist, dazu weiß auch der DSB keinen rechten Rat. Wenig praktikabel scheint der Vorschlag der Aufklärungsbroschüre. Danach sollen verdächtige Trainer oder Funktionäre eine Erklärung unterschreiben "daß ich nicht nach der Technologie von L. Ron Hubbard arbeite".
Sektenkenner Kleinmann hält diese Art der Prävention für untauglich: "Auch Scientologen können lügen."
DER SPIEGEL 17/1998
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