30.05.2011

ZEITGESCHICHTEWahnsinn und Wahrheit

War der legendäre Flug von Rudolf Heß nach Großbritannien 1941 mit Adolf Hitler abgestimmt? Die neu aufgetauchte Aussage eines Heß-Adjutanten stützt diese These.
Den Tag hatte er mit einer Astrologin ausgewählt, am 10. Mai 1941 standen die Sterne günstig. Gegen sechs Uhr abends hob Rudolf Heß vom Flugplatz Haunstetten bei Augsburg ab.
Der zweite Mann in der Nazi-Partei war ein geübter Pilot, einst Sieger des Fliegerwettbewerbs "Rund um die Zugspitze". Heß lenkte seine Messerschmitt 110 rheinabwärts, über die niederländische Küste hinaus auf die Nordsee, schwenkte dann in Richtung Schottland und sprang nach fünf Stunden Flug in der Nähe von Glasgow mit dem Fallschirm ab.
Ein Tagelöhner fand den Deutschen, der sich den Knöchel verstaucht hatte, dann nahmen ihn die Männer des Heimatschutzes mit auf ihr Revier. Er müsse dringend den im nahen Schloss Dungavel House lebenden Herzog von Hamilton sprechen, eröffnete ihnen der Deutsche.
Schon am nächsten Vormittag saß Heß dem britischen Adligen gegenüber, den er während der Olympischen Spiele in Berlin kennengelernt hatte. Er befinde sich auf einer "Mission der Humanität", erklärte Heß, der Krieg mit Großbritannien müsse enden, auch wenn Deutschland ihn sicherlich gewinnen werde.
Der England-Flug des Rudolf Heß vor genau 70 Jahren ist immer eines der großen Mysterien des Zweiten Weltkriegs geblieben. Was trieb den Führer-Stellvertreter dazu, sein Leben zu riskieren, an einem Frühlingstag, an dem 500 deutsche Bomber ihren bis dahin schwersten Angriff gegen London flogen? Warum bot er dem Königreich den Frieden an, zu einem Zeitpunkt, als der Wehrmacht nur noch Großbritannien als letzter kämpfender Gegner blieb und Hitler den Angriff auf die Sowjetunion vorbereitete?
Bislang ging die historische Forschung davon aus, Hitlers Stellvertreter sei auf eigene Faust gestartet. "Heß handelte ohne Hitlers Wissen, aber in der tiefen, wenn auch konfusen Überzeugung, seine Wünsche auszuführen", urteilt etwa der britische Hitler-Biograf Ian Kershaw. Doch nun wirft ein unbekanntes Dokument ein neues Licht auf Heß' legendären One-Way-Trip: ein 28-seitiger handschriftlicher Bericht, den der Historiker Matthias Uhl vom Deutschen Historischen Institut Moskau im Staatsarchiv der Russischen Föderation entdeckt hat.
Verfasst hat ihn im Februar 1948 ein Mann aus Heß' nächster Nähe: sein Adjutant Karlheinz Pintsch, der von 1945 bis 1955 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft saß. Der gelernte Kaufmann und Nazi der ersten Stunde hatte Heß zum Flugplatz begleitet, und er hatte tags darauf Adolf Hitler auf dem Obersalzberg wecken lassen, um ihm ein Schreiben zu überreichen. Es begann laut Augenzeugen mit den Worten: "Mein Führer, wenn Sie diesen Brief erhalten, bin ich in England."
Entgegen der gängigen Meinung habe Hitler, so Pintsch, die Nachricht keinesfalls tobend aufgenommen: "Hitler hörte mit Ruhe meine Meldung an und entließ mich ohne eine Bemerkung." Der Führer sei längst eingeweiht gewesen, behauptet der Adjutant in dem Bericht, denn Berlin habe schon seit längerem mit London verhandelt. Der Flug sei in "vorheriger Übereinkunft mit den Engländern erfolgt". Heß' Aufgabe sei es gewesen, "mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln, wenn schon nicht ein Militärbündnis Deutschlands mit England gegen Russland, so doch wenigstens eine Neutralisierung Englands zu erreichen".
Muss ein Teil der Geschichte des Zweiten Weltkriegs also neu geschrieben werden? Handelte es sich bei dem Manöver etwa doch um offizielle Diplomatie?
Das neue Dokument stützt jedenfalls diejenigen, die an die Version des einsamen Überzeugungstäters nie geglaubt haben; so hat-te schon Hitlers Kammerdiener Heinz Linge nach dem Krieg erzählt: "Ob er von Heß' Englandflug gewusst habe, wagte ich ihn nicht zu fragen; aber sein Verhalten sagte mir: Er hat es nicht nur vorher gewusst, sondern Heß wahrscheinlich sogar nach England geschickt." Ähnliches berichteten auch Gauleiter Ernst Wilhelm Bohle von der Auslandsorganisation der NSDAP und Hermann Görings Adjutant Karl Heinrich Bodenschatz, die beide in den Tagen, als Hitler die Nachricht vom Heß-Flug erhielt, auf dem Obersalzberg weilten.
Sicher ist: Kein Zweiter seiner Paladine war dem Führer so ergeben wie Heß, der schon beim Putschversuch 1923 mit gezogener Pistole vorneweg marschiert war und anschließend in der Landsberger Festungshaft das Manuskript von "Mein Kampf" mitredigiert hatte. Es war Heß, der in den jungen Jahren der Partei SA-Schlägertrupps organisiert und den pseudoreligiösen Führerkult mitbegründet hatte. Es war auch Heß, der über Mittelsmänner Kontakte zu deutschfreundlichen britischen Kreisen gepflegt hatte.
Doch seine Flugmission scheiterte schon im Ansatz. Der britische Premier Winston Churchill, der gerade eine Dinnerparty auf seinem Wochenendsitz bei Oxford gab, als er von dem unerwarteten Besuch aus Deutschland erfuhr, mochte nicht einmal eine geplante Filmvorführung verschieben: "Ob Heß oder nicht Heß, ich sehe mir jetzt die Marx Brothers an." Wozu Frieden mit einem Aggressor schließen, der sich Europa untertan machen wollte? Heß kam in Gewahrsam.
Drei Tage nach dem Flug las Parteikanzlei-Leiter Martin Bormann den versammelten Reichs- und Gauleitern Heß' Abschiedsbrief an den Führer vor. Dann appellierte Hitler an die Treue seiner Mitkämpfer. Heß habe einen "beispiellosen Vertrauensbruch" begangen, sagte er. Reichspropagandaminister Joseph Goebbels schmähte den Stellvertreter als "Narren" und "geistig Zerrütteten". In einem Kommuniqué hieß es, Heß sei "Opfer von Wahnvorstellungen" geworden. Schon Zeitgenossen hielten die offizielle Version vom plötzlichen Irrsinn des Stellvertreters für fragwürdig.
Pintsch, der Zeuge von Heß' akribischen Vorbereitungen gewesen war und keine Anzeichen von Wahnsinn bemerkt hatte, wurde verhaftet. Aus dem Gestapo-Gefängnis in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße verlegte man ihn ins Konzentrationslager Oranienburg und von dort an die Ostfront.
Bei Kriegsende geriet der Adjutant in sowjetische Gefangenschaft, wo er vom Geheimdienst nach den Geschehnissen im Frühjahr 1941 befragt wurde. Nach Recherchen des Historikers Uhl gingen Abschriften seiner Aussagen unter anderem an Diktator Josef Stalin, Außenminister Wjatscheslaw Molotow und Lawrentij Berija, den Chef des Geheimdienstes.
Unklar ist, ob sie die Wahrheit zu lesen bekamen - oder eben nur das, was sie von Pintsch hören wollten. Es fällt auf,
dass der Adjutant Vokabeln der Sowjetpropaganda verwendete. Der Kalte Krieg
hatte inzwischen begonnen, und Pintsch erklärte, er wolle "gerade jetzt" an die Öffentlichkeit gehen, "da die reaktionären Kreise Englands und Amerikas bestrebt sind, einen Krieg zu entfesseln". Der Adjutant schließt mit den Worten: "Die von mir berichteten Tatsachen bestätigen, dass England, indem es die hitlerische Aggression gegen Sowjetrussland begünstigte, nach seinem alten Prinzip handelte, die Kastanien mit fremden Händen aus dem Feuer holen zu lassen."
Die These vom deutsch-britischen Komplott entspricht der Interpretation Stalins, der bis zum deutschen Überfall auf sein Land am 22. Juni 1941 geglaubt hatte, Hitler werde keinen Zweifronten-krieg zulassen und vorher den Frieden mit England suchen - Stalin irrte.
Historiker wie der Würzburger Forscher Rainer Schmidt blicken auch deshalb mit Skepsis auf das neue Dokument. Die Kardinalsfrage bleibe unbeantwortet: "Wenn man mit friedensbereiten Engländern diese Kontakte hat, weshalb trifft man sich nicht auf neutralem Boden?"
Rainer Schmidt verweist zudem auf eine abweichende Version, die Pintsch 1963 in Freiheit einem britischen Journalisten erzählte. Danach habe ihm Rudolf Heß nach einem Vorbereitungsflug gesagt: "Der Führer weiß nicht, dass ich heute Abend diesen Versuch unternommen habe"(SPIEGEL 43/ 1963).
Im Nürnberger Prozess gegen die deutschen Hauptkriegsverbrecher forderte der sowjetische Richter für Heß den Tod durch den Strang, der französische Vertreter votierte für 20 Jahre Gefängnis. Man einigte sich schließlich auf das Urteil lebenslänglich, unter anderem für einen Anklagepunkt, den Heß, der sich als Vermittler sah, wohl besonders schwer akzeptieren konnte: Verschwörung gegen den Weltfrieden.
Der "subalternste" (Kershaw) aller Gefolgsleute Hitlers musste stärker büßen als die meisten Planer und Exekutoren von Judenmord und Vernichtungskrieg. 40 Jahre verbrachte Heß hinter Gittern im Spandauer "Allied Prison", die meiste Zeit allein. Kein Historiker dufte ihn über seine Motive befragen, sein Anwalt seinen Fall nicht mit ihm erörtern.
Erhielt er Zeitungen, dann waren Passagen über die Nazi-Zeit herausgerissen. 7000 Bücher soll er gelesen haben und sich gegen Ende seines Lebens vor dem Fernseher für das Tennisspiel von Steffi Graf begeistert haben. 1987 erdrosselte sich Heß mit einem Elektrokabel - da war er 93 Jahre alt.
Von Jan Friedmann und Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 22/2011
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