30.05.2011

RECHTSCHREIBUNG„Neue Wörter brauchen genug Beweise“

Werner Scholze-Stubenrecht, 62, Leiter der Duden-Redaktion, über die Bewegung der deutschen Sprache
SPIEGEL: Der "Wutbürger" hat es als Wort des Jahres 2010 nur in die Online-Version des Dudens geschafft. Warum?
Scholze-Stubenrecht: Weil wir bei Redaktionsschluss des neuen gedruckten Universal-Dudens noch nicht sicher waren, ob das Wort Bestand hat.
SPIEGEL: Weniger bekannte Wörter wurden dagegen schon aufgenommen. "Rudelgucken" zum Beispiel.
Scholze-Stubenrecht: Es werden immer dann neue Wörter aufgenommen, wenn wir genug Beweise haben, dass sie im Sprachgebrauch etabliert sind.
SPIEGEL: Das heißt, es gibt mehr Menschen, die zu Public Viewing "Rudelgucken" sagen, als solche, die für die neue deutsche Protestkultur den Begriff "Wutbürger" verwenden?
Scholze-Stubenrecht: Nein, aber Rudelgucken ist schon länger gebräuchlich. Besonders seit der Fußball-WM 2010 ist es in vielen unabhängigen Quellen aufgetaucht. Ähnlich verhält es sich auch mit den Wörtern "Blogosphäre", der Gesamtheit der Blogs im Internet, oder dem "Exzellenzcluster", einer Gruppe von hochrangigen Forschern.
SPIEGEL: Wie prüfen Sie diese Wörter?
Scholze-Stubenrecht: Wir haben eine elektronische Volltextsammlung von Zeitungen, Büchern, Online-Texten, aber auch Radiomanuskripten. Wir werten diese Daten dann mit einem speziellen Computerprogramm aus.
SPIEGEL: Wie wird entschieden, wie ein neues Wort geschrieben wird?
Scholze-Stubenrecht: Wir wenden die Regeln der Rechtschreibung an.
SPIEGEL: Aber wenn ein Wort entsteht, kann es dafür keine Regeln geben.
Scholze-Stubenrecht: Doch, Substantive haben ja immer einen großen Anfangsbuchstaben. Und sollte es Spielräume geben, gilt der Schreibgebrauch, der in den Quellen am häufigsten auftritt.
SPIEGEL: Können Wörter auch wieder aus dem Duden herausfliegen?
Scholze-Stubenrecht: Bei der letzten Auflage wurde etwa die "Federbüchse" nicht mehr gedruckt. Darin bewahrten Schüler früher ihre Schreibfedern auf. Dieser Begriff ist nicht mehr geläufig.
SPIEGEL: Haben Sie ein Lieblingswort?
Scholze-Stubenrecht: Ich mag das Wort "Sommermärchen" und das Wort "Blitzgneißer" aus dem Österreichischen.
SPIEGEL: Blitzgneißer?
Scholze-Stubenrecht: Schnellmerker.
"Duden. Deutsches Universalwörterbuch". Bibliographisches Institut, Mannheim; 2112 Seiten; 39,95 Euro.

DER SPIEGEL 22/2011
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