30.05.2011

ENERGIEWIRTSCHAFTSchnell ins Ausland

Deutschen Stromkonzernen droht ein Absturz. Der Ausstieg aus der Kernenergie reißt Milliardenlöcher in ihre Bilanzen. Das althergebrachte Geschäftsmodell funktioniert nicht mehr.
Jürgen Großmann liebt die Rolle des einsamen Streiters. Weder die Bundesregierung noch Kanzlerin Angela Merkel persönlich könnte ihn von seinem "Atomkurs abbringen", brummte der 2,05 Meter große Hüne vor wenigen Tagen in Düsseldorf. Als Chef des Energieriesen RWE trage er schließlich große Verantwortung für das Unternehmen und dessen gut 70 000 Beschäftigte. Die Sicherheit ihrer Jobs liege ihm sehr am Herzen - "dafür werde ich kämpfen".
Das wird er auch müssen, denn die deutsche Energiebranche - allen voran die vier großen Stromkonzerne RWE, E.on, EnBW und Vattenfall - steckt seit dem Reaktorunfall im japanischen Atomkraftwerk Fukushima und der sich anschließenden Atomdebatte in einer kaum für möglich gehaltenen Krise.
Die Gewinne brechen dramatisch ein. Bis zu 30 Prozent nach Steuern, so die internen Prognosen, könnten es im laufenden Jahr werden. In Scharen laufen die Kunden zu Ökostrom-Konkurrenten wie Lichtblick oder Naturstrom über. Die Aktienkurse der Versorger brechen seit Monaten ein (siehe Grafik). Die Börsenstars von gestern drohen die Übernahmekandidaten von morgen zu werden. Gleichzeitig bereitet die Bundesregierung unter Federführung von Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) im Rekordtempo den endgültigen Ausstieg aus der Kernenergie vor. Die 7 ältesten von insgesamt 17 deutschen Kernkraftwerken wurden per Moratorium bereits vom Netz genommen. Dass auch die restlichen Meiler abgeschaltet werden, ist nur eine Frage der Zeit.
Noch in dieser Woche will die Koalition die fehlenden Eckpunkte für ihren Ausstiegsplan definieren. Soll der letzte Atomstrom im Jahr 2020 oder 2024 fließen? Welche Kraftwerke müssen wann vom Netz? Was passiert mit der im vergangenen Jahr verabschiedeten Brennelementesteuer? Es geht um wichtige Fragen, jedoch nicht mehr um den Grundsatz.
Fatal für die Konzerne: Anders als bei energiepolitischen Entscheidungen der Vergangenheit sitzen die Chefs des Strom-Quartetts nicht in den Verhandlungsrunden. Mauscheleien, wie sie noch bei der Laufzeitverlängerung im Sommer vergangenen Jahres angeprangert wurden, soll es diesmal nicht geben. "Das ist eine genuin politische Entscheidung", stellte Bundesumweltminister Röttgen vergangene Woche klar.
Mit jedem Tag der Ungewissheit wächst bei RWE und E.on die Nervosität. Denn es geht um mehr als den möglichen Ausfall milliardenschwerer Einnahmen aus Atomkraftwerken und die Frage, ob die Brennelementesteuer erhalten bleibt. Im Kern steht die Tragfähigkeit ihres Geschäftsmodells zur Disposition, Strom zentral in riesigen Kraftwerken zu produzieren. Es geht ums Überleben.
Schon haben Rating-Agenturen angedroht, die deutschen Konzerne weiter herabzustufen. Seitdem wächst die Angst vor möglichen Übernahmen. Der ehemalige französische Staatskonzern GDF Suez, aber auch russische Giganten wie Gazprom kämen in Frage.
Besonders gefährdet sind der bisherige Branchenprimus E.on und sein Chef Johannes Teyssen. Mit rund 40 Prozent Kernkraftanteil ist der Konzern der größte Atomstromproduzent Deutschlands. An insgesamt elf Kernkraftwerken ist E.on beteiligt, sechs davon betreibt es allein.
Unter den diversen deutschen AKW sind Pannenreaktoren wie Krümmel, aber auch Altmeiler wie das 1978 ans Netz gegangene Kernkraftwerk Unterweser in Niedersachsen, das eigentlich schon 2012 abgeschaltet werden sollte.
Und weil auch das zweite Standbein des Düsseldorfer Konzerns, das Gasgeschäft mit Russland, Millionenverluste einfährt, versucht Teyssen in den Gesprächen mit der Bundesregierung zu retten, was zu retten ist - mit für ihn ungewöhnlicher Milde.
Er habe, lächelt er in jede Kamera, Verständnis für den Moratoriumsbeschluss. Rechtliche Schritte kämen vorerst nicht in Frage. "Sicherheit geht vor", auch seine Kinder lebten schließlich "in der Nähe eines Atomkraftwerkes".
Tatsächlich steckt hinter dem öffentlich zur Schau getragenen Bild des verständnisvollen Strommanagers Kalkül. Teyssen hofft trotz gegenteiliger Beschlüsse, seinen Altmeiler Unterweser nach Ablauf des Moratoriums wieder ans Netz zu bekommen. Sein Argument: Im Gegensatz zu anderen Altmeilern verfüge Unterweser über modernere Sicherheitstechnik.
Außerdem braucht der E.on-Chef Unterstützung bei einem weiteren schwierigen Großprojekt: dem über eine Milliarde Euro teuren Kohlekraftwerk im nordrhein-westfälischen Datteln. Seit über einem Jahr ruhen in dem fast fertiggestellten Bau auf richterlichen Beschluss die Arbeiten, weil E.on Planungsfehler unterlaufen sind.
Ohne tatkräftige Hilfe der Politik, weiß der E.on-Manager, könnte sein hochmodernes Kohlekraftwerk zu einer der kostspieligsten Investitionsruinen Deutschlands werden. Weitere Löcher in der Bilanz wären die Folge. Denn auch Abriss und Entsorgung des Kraftwerks müsste E.on bezahlen.
Während Teyssen noch taktiert, jedoch intern bereits angekündigt hat, auch ganz andere Saiten aufziehen zu können, hat sein RWE-Kollege Großmann sämtliche Zurückhaltung fahrenlassen. Der energiepolitische Kurs der Bundesregierung sei falsch, polterte er vergangene Woche beim Wirtschaftsrat der CDU in Berlin. Deutschland drohe eine "Ökodiktatur".
Großmann hat nicht nur gegen das Moratorium geklagt. Seit Monaten bereits versucht der RWE-Chef, den Traditionskonzern aus der Abhängigkeit des deutschen Marktes und der Politik zu lösen. Am liebsten würde er Teile des Konzerns ins Ausland verlagern - oder gar mit einem internationalen Partner fusionieren.
Das würde nicht nur die Abhängigkeit vom Deutschland-Geschäft mindern. Möglicherweise könnte aus grenznahen Kraftwerken im Ausland auch Strom importiert werden. Und so sondiert Großmann von Russland über Tschechien bis nach Frankreich die Möglichkeiten, die ihm noch bleiben.
Eine erste Chance sah Großmann vor knapp zwei Wochen. In den Niederlanden erwarb er eine knapp 30-prozentige Beteiligung an einem Atomkraftwerk in Borssele. Neben dem bereits 1973 erbauten Altmeiler plant die niederländische Regierung möglicherweise den Bau eines neuen AKW. Auch daran könnte sich RWE beteiligen. Doch das wäre womöglich nur der Auftakt für einen noch viel größeren Schachzug. Wozu Großmann tatsächlich fähig wäre, hat er vor drei Monaten mit dem spanischen Stromversorger Iberdrola demonstriert.
Wochenlang verhandelte er ernsthaft über einen Zusammenschluss mit dem auf regenerative Energien spezialisierten Energieversorger. Dabei war Großmann offenbar nicht nur bereit, RWE als Juniorpartner in ein gemeinsames Unternehmen einzubringen. Sogar der Unternehmenssitz sollte ins Ausland verlegt werden. Nur die Angst der Spanier vor zu viel Mitbestimmung der Gewerkschaften stoppte den Plan.
Wie sein E.on-Konkurrent Teyssen plant Großmann überdies, Teile des bisherigen Geschäfts zu verkaufen. Nach RWE-Planungen geht es um eine Größenordnung von rund acht Milliarden Euro.
Grund für den Rückzug: Mit dem Ausstieg aus der Kernenergie und dem Ausbau der regenerativen Energien ändert sich für die Konzerne mehr als nur ein Teil ihrer Stromerzeugung. Durch die gewaltigen Kohle- und Atomanlagen konnten die vier Versorger in der Vergangenheit billigeren Strom anbieten als kleine Stadtwerke. Die Gewinne nutzten sie, um ihre Vormachtstellung zu sichern.
In erneuerbare Energien oder zukunftsweisende Technologien investierten sie in Deutschland dagegen wenig. Nicht einmal die selbstauferlegten Verpflichtungen, genügend Offshore-Windparks vor deutschen Küsten zu bauen, wurden erfüllt. Warum auch? Die abgeschriebenen Kohlemeiler und Atomkraftwerke sorgten für Milliardengewinne.
Mit dem Ausstieg aus der Atomkraft wird sich das ändern. Die Energieversorgung der Zukunft soll aus wenigen Reservekraftwerken und vielen kleinen, dezentralen und intelligent vernetzten Einheiten, aus Wind-, Sonnen-, Wasser- und Biomasseanlagen bestehen. Ein Terrain, auf dem sich die Stromversorger kaum auskennen und auf dem sie, wie Umweltminister Röttgen dem verdutzten RWE-Chef bereits vor eineinhalb Jahren prophezeite, auch nicht gebraucht werden.
So versuchen immer mehr Gemeinden etwa mit Bürgerwindparks eine eigene Energieversorgung aufzubauen. Und auch die wichtigsten Kunden der Stromriesen, die rund 900 Stadtwerke, setzen sich ab. Vor wenigen Wochen erst hat sich ein Konsortium aus sieben Stadtwerken für 651 Millionen Euro eine Mehrheit am Kraftwerksbetreiber Steag gesichert. Ziel: mehr Unabhängigkeit von RWE und Co.
Die Stadtwerke Münster etwa versuchen, Lieferverträge mit RWE-Chef Großmann zu kippen, um ihren Kunden demnächst atomfreien Strom anbieten zu können. In Hamburg versuchen Bürger, das Stromnetz vom Betreiber Vattenfall zurückzukaufen. Und auch das größte Stadtwerk Deutschlands in München plant, seine Produktion bis zum Jahr 2025 auf regenerative Energien umzustellen.
Um das ehrgeizige Ziel zu erreichen, investiert das Stadtwerk sogar europaweit. "In der Region allein können wir unsere Ziele nicht erreichen", sagt Stadtwerkschef Kurt Mühlhäuser. Aber auch in Bayern ist Mühlhäuser aktiv.
Ob solche Projekte sich durchsetzen und ob sie geeignet sind, einen Industriestandort wie Deutschland mit genügend Strom zu versorgen, ist offen.
Sicher ist, dass für die Stromriesen immer weniger Platz sein wird. Ohne Reformen und einen Neuanfang auch in den Chefetagen, glauben inzwischen selbst deutsche Spitzenmanager, dürften weitere Einbrüche kaum zu verhindern sein.
Bei RWE könnte das schneller gehen als gedacht. Dort will der Aufsichtsrat Anfang August überraschend zu einer Sondersitzung zusammenkommen. Einziger Tagesordnungspunkt: die Energiewende und der damit verbundene Kurs von RWE-Chef Großmann.
Von Frank Dohmen, Karin Christmann und Christian Schwägerl

DER SPIEGEL 22/2011
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