30.05.2011

UNTERNEHMENIn die Wolle gekriegt

Die Mitarbeiter des Öko-Mode-Labels Hessnatur wehren sich gegen den Verkauf an Finanzinvestoren - und lernen deshalb das Einmaleins des Großkapitals.
Christina Pöttner hat schon mit diesem komischen Wort ihre Schwierigkeiten: Private Equity? Das klingt aus dem Mund der leidenschaftlichen Gewerkschafterin merkwürdig hölzern und fremd, was nicht weiter verwundert: Im vergangenen Herbst hörte sie den Begriff zum ersten Mal. Seither hat sie immerhin gelernt, "dass Equity per se keine schlechte Sache ist".
Pöttner braucht genau das, Equity, finanzielle Mittel also. Zwischen 25 und 30 Millionen Euro müssen es werden, denn als stellvertretende Betriebsratsvorsitzende des Öko-Modekonzerns Hessnatur will sie gemeinsam mit ihren Kollegen ihr eigenes Unternehmen kaufen, um es vor dem Zugriff eines internationalen Finanzinvestors zu retten.
Ende dieser Woche kommt es zum Showdown: Anfang Juni muss ein verbindliches Angebot vorliegen und die Finanzierung stehen.
"Heuschrecke" trifft auf Öko-Heilsversprechen, Großkapital auf hessische Lass-uns-reden-Mentalität. Denn Hessnatur ist nicht irgendeine mittelständische Modeklitsche. Der Versandhändler aus Butzbach gilt als Pionier deutscher Öko-Mode und Europas größter Händler für naturbelassene Textilien.
Seit 1976 verkauft die Firma Unterwäsche, Kinderklamotten und sonstige Bekleidung aus Biobaumwolle und anderen Naturfasern. Stolz verweist man darauf, "als erstes deutsches Mitglied der Fair Wear Foundation" für Kleidung zu stehen, "die sozial fair und ökologisch hergestellt wird". 700 000 Namen hat das Unternehmen in seiner Kundendatei, mit über 300 Beschäftigten erwirtschaftet man einen Umsatz von 70 Millionen Euro.
Wer bei Hessnatur kauft, tut das aus Überzeugung. Weil er giftfreie Kleidung will, weil er an die Baumwollpflanzer in Burkina Faso genauso denkt wie an die Näherinnen in Bangladesch. Den Aufpreis und die anthroposophischen Wurzeln nehmen die Kunden offenbar gern in Kauf - sie haben Hessnatur zu einem weit über Latzhosen-Zirkel hinaus bekannten Unternehmen gemacht.
Der Erfolg der Firma ist zugleich ihr Fluch: Die guten Renditen lockten auch weniger nachhaltig denkende Investoren an. Und das Unternehmen, einst vom Öko-Pionier Heinz Hess gegründet, ist längst nicht mehr in Familienbesitz. Heute gehört es zur Primondo Specialty Group (PSG), in der die restlichen Versandhändler der insolventen Arcandor-Gruppe gebündelt wurden.
Hinter der PSG wiederum steht der KarstadtQuelle-Mitarbeiter-Trust. Und weil der seine Einlage in Höhe von 500 Millionen Euro zurückbekommen möchte, wurden bereits im Herbst sechs PSG-Unternehmen an den amerikanischen Finanzinvestor Carlyle verkauft. Angeblich sollte Hessnatur folgen, geräuschlos geschluckt von dem 100-Milliarden-Dollar-Finanzkonzern aus Washington, der sein Geld unter anderem mit Waffengeschäften verdient.
"Das war ein Schock für uns, so ein Finanzinvestor passt nicht zu unserer Unternehmensphilosophie", sagt Pöttner. Die Nachricht, dass ausgerechnet ein als "Heuschrecke" verschriener Großinvestor die Butzbacher übernehmen könnte, verschreckte allerdings nicht nur die Mitarbeiter, sondern alarmierte auch die Fans.
Innerhalb weniger Wochen wurden Tausende von Kunden aus dem gesamten Bundesgebiet mobilisiert, die sich per Unterschrift gegen eine Übernahme durch Carlyle wehrten und unverhohlen drohten: "Bei Übernahme Boykott!"
Zudem traten Unterstützer auf den Plan, mit denen in Butzbach niemand gerechnet hatte: Dagmar Embshoff vom Attac-nahen Netzwerk Solidarische Ökonomie und Mathias Fiedler, Anwalt und Geschäftsführer des Zentralverbandes deutscher Konsumgenossenschaften, wollen das fast vergessene Genossenschaftswesen in Deutschland wieder reanimieren. Aus ihrer Idee ist die kürzlich gegründete hnGeno geworden, die nun ihrerseits Hessnatur übernehmen möchte.
Im Schnelldurchlauf arbeiteten die 20 Gründungsgenossen eine Satzung aus. Sie stritten sich über Mitsprachemöglichkeiten, Verzinsung und Kapitalgeber - weil Welten zwischen den Vorstellungen der beiden Finanzbuchhalter Pöttner und ihrem Kollegen Walter Strasheim-Weitz sowie denen der Genossenschaftsanhänger lagen.
Die einen wollten eine ausreichende Rendite, die anderen hielten es für überflüssig, den Geldgebern ihr Kapital überhaupt zu verzinsen. "Wir haben die Attac-Leute zwischenzeitlich stark strapaziert", sagt Pöttner. "Aber nur mit Idealen lässt sich kein Unternehmen führen."
Anfang Mai schließlich wurde ein unverbindliches Angebot für den Kauf der Hessnatur GmbH abgegeben. Inzwischen gilt hnGeno als einer von vier ernstzunehmenden Kaufinteressenten, während Finanzinvestor Carlyle bereits dankend abgewinkt hat.
Weit über tausend Genossen haben bei der hnGeno bereits Anteile gezeichnet, täglich kommen zwischen 50 und 80 neue Mitglieder hinzu. Das reicht allerdings noch lange nicht, um den kolportierten Verkaufspreis von 25 bis 30 Millionen Euro aufzubringen.
Für den Rest ist Barbara Geisel zuständig, die seit Jahren im Private-Equity-Geschäft aktiv ist. "Hätten wir diesen Prozess allein durchstehen müssen, wir wären gnadenlos aufgelaufen", sagt Strasheim-Weitz. Selbst für den bodenständigsten Betriebsrat ist die Wandlung zum Unternehmenschef eine Herausforderung, auch wenn er neuerdings bereit ist, sich übers Wochenende in die mathematischen Formeln zur Berechnung des Unternehmenswertes einzuarbeiten.
"Unsere Rolle ist seltsam", sagt Strasheim-Weitz, "auf der einen Seite bereiten wir der Geschäftsführung Zahlen vor, damit sie sich einem möglichen Käufer präsentieren kann. Gleichzeitig prüfen wir genau diese Zahlen als Kaufinteressent." Auch das Verhältnis zum Geschäftsführer Wolf Lüdge ist schwierig geworden. Seine eigenen Betriebsräte könnten schließlich seine künftigen Chefs werden.
Beim bisherigen Eigentümer ist man wenig begeistert über den neuen Bieter, der den Verkauf an den Großinvestor Carlyle verhindert hat. Das liegt vielleicht auch an der Rolle von PSG-Chef Matthias Siekmann. Der fungiert gleichzeitig als Geschäftsführer bei Puccini, der Holding, in der die bereits von Carlyle gekauften Spezialversender teilweise gebündelt sind. Außerdem ist man, wie es im Umfeld der Verkäufer heißt, sauer über die Boykottandrohungen der Kunden. "Das ist Erpressung", sagt ein Insider.
Vor allem wird der Butzbacher Truppe nicht zugetraut, die Finanzierung auf die Beine zu stellen. Offiziell spricht man bei PSG allerdings von einem "vorbehaltlosen Verkaufsprozess", in dem es allein auf zwei Kriterien ankomme: die Fortführung des Hessnatur-Geschäftsmodells und die Höhe des Kaufangebots.
Was das angeht, gibt sich die hnGeno gelassen. Fachfrau Geisel lacht: "Uns ist aus Frankfurter Bankenkreisen eine unheimliche Sympathie entgegengeschlagen, in vielen Bankhäusern wurde erfolgreich für unsere Sache geworben."
Von Susanne Amann

DER SPIEGEL 22/2011
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