30.05.2011

SERBIENAbgang eines Hütchenspielers

Europas meistgesuchter Kriegsverbrecher ist verhaftet. Ruhe wird deshalb in Belgrad noch immer nicht einkehren, denn Ratko Mladic, der „Schlächter vom Balkan“, hatte während seines Versteckspiels mächtige Mitwisser. Auch ihnen drohen nun Konsequenzen.
Der Mann, der da am vergangenen Donnerstag in Belgrad abgeführt wird, trägt Baseballmütze und geht schleppend. Dem, der er noch in Srebrenica war, ähnelt er nicht mehr.
Das Bild von General Ratko Mladić, das sich wie kein anderes ins Gedächtnis eingebrannt hat, stammt vom 12. Juli 1995: Es zeigt den damaligen Armeechef der bosnischen Serben mit aufgekrempelten Uniformärmeln und gerecktem Glas, in Feierlaune. An seiner Seite, auch er mit erhobenem Glas, steht Oberstleutnant Thom Karremans, Kommandant der niederländischen Blauhelme in Srebrenica.
Karremans wird die Eroberung Srebrenicas später einen "korrekten Angriff" unter dem Befehl von General Mladić nennen. Obwohl da längst bekannt ist, dass in jenen Julitagen in der ostbosnischen Enklave fast 8000 muslimische Männer und Jungen exekutiert wurden - von bosnisch-serbischen Einheiten, unter den Augen der niederländischen Uno-Schutztruppen und im Fokus amerikanischer U-2-Aufklärer.
General Mladić immerhin kann nun für das Massaker in und um Srebrenica zur Verantwortung gezogen werden: Am vergangenen Donnerstag ist der 68 Jahre alte Veteran im Banater Dorf Lazarevo (Lazarfeld), hundert Kilometer nördlich von Belgrad, verhaftet worden. Vor dem Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag erwarten ihn Anklagen wegen Völkermords, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen während des Bosnien-Konflikts von 1992 bis 1995.
Der meistgesuchte mutmaßliche Kriegsverbrecher des Kontinents ist gefasst - der Mann, der unter Ermittlern als der militärisch Verantwortliche gilt für die entsetzlichste Bluttat in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Ausgerechnet die Niederländer, die ihre hilflosen Blauhelme nach der Rückkehr aus Srebrenica mit Trost und Orden überschütteten, werden fast 16 Jahre später nun auch Mladić empfangen. Die Einweisung des Generals in den Gefängnistrakt des Seebads Scheveningen am Rande von Den Haag wird für diese Woche erwartet, ein Belgrader Gericht ordnete vergangenen Freitag die Überstellung an.
Serbiens Ex-Präsident Slobodan Milošević ist in Scheveningen 2006, fünf Jahre nach seiner Festnahme, in U-Haft verstorben. Der bosnische Serbenführer Radovan Karadžić sitzt weiter ein - ihm wird seit 2009 der Prozess gemacht. Dass nun auch sein einstiger Weggefährte noch zu ihm stoßen soll, tue ihm leid, ließ Karadžić über seine Anwälte ausrichten: Er bedauere, "dass General Mladić seine Freiheit eingebüßt" habe.
Zwei Jahrzehnte nach Ausbruch der jugoslawischen Erbfolgekriege, die Verwüstung und hunderttausendfach Tod über die Balkanhalbinsel brachten, scheinen endlich auch für die Serben bessere Zeiten in Sicht. Also für die ehemals stärkste Volksgruppe im Staat der "Brüderlichkeit und Einheit", dessen Zerfall sie ab 1991 mit brutalen Angriffskriegen zu verhindern versuchte. Bis in die Gegenwart büßte Serbien dafür mit diplomatischer Ächtung, und ganz vorn dabei stand die EU.
"Jetzt ist ein Kapitel in unserer unglücklichen Geschichte abgeschlossen", sagte Serbiens Präsident Boris Tadić, kaum dass Mladić verhaftet war. Wie er da so stand und mit versteinerter Miene die frohe Nachricht verkündete, sah er allerdings eher aus, als spräche er zu einer Trauergemeinde.
Ob Tadić daran dachte, was dem damaligen Premier Zoran Djindjić widerfuhr, der im März 2003 ermordet wurde? Das war zwei Wochen nach dessen Ankündigung, Mladić ausliefern zu wollen. Oder ob Serbiens Präsident die Erschütterungen vorhersah, die Mladićs Verhaftung im Machtapparat auslösen wird? Wo und mit wessen Hilfe der von vielen Serben bis heute als Held gefeierte General sich anderthalb Jahrzehnte lang verstecken konnte, müsse nun geprüft werden, sprach das Staatsoberhaupt.
Die Drohung galt nicht zuletzt Vojislav Koštunica, der einst Milošević-Nachfolger war und heute Führer der oppositionellen Demokratischen Partei Serbiens ist. Über ihn urteilte die ehemalige Haager Chefanklägerin Carla Del Ponte am Ende ihres Mandats: "Koštunica wollte Mladić niemals verhaften, sondern ihn höchstens überreden, sich selbst zu stellen." Dass Ende Januar der ehemalige Chef des Militärnachrichtendienstes, Aca Tomić, festgenommen wurde, kommt erschwerend hinzu - er war ein enger Vertrauter Koštunicas und wird verdächtigt, Mladić jahrelang versteckt zu haben.
Auch Boris Tadić, der amtierende Präsident, wird mit Sperrfeuer rechnen müssen. Tadić war einst als Verteidigungsminister oberster Dienstherr der Armee, in einer Zeit, da der gesuchte Mladić mit freundlicher Unterstützung alter Waffengefährten von einem Versteck ins andere wechselte und die Restwelt dabei zum Narren hielt wie ein Hütchenspieler. Selbst später, als Präsident, hat der als "pro-westlich" etikettierte Tadić Gerüchte in Regierungskreisen nicht entkräften wollen, Mladić sei tot oder nach Moskau entkommen.
Auf zehn Millionen Euro hat Serbiens Regierung im vergangenen Jahr die Belohnung für Hinweise zur Ergreifung Mladićs erhöht. Die bleiben jetzt im Staatssäckel, denn der Flüchtige sei ja "im Rahmen der normalen operativen Arbeit der serbischen Sicherheitsorgane" gefasst worden, verlautete aus dem Justizministerium. Mladić habe ohnehin frühzeitig jedem Mitwisser samt dessen entferntesten Verwandten für den Fall des Verrats mit Rache gedroht, sagt ein ranghoher Belgrader Politiker.
Niemand also soll den entscheidenden Hinweis zur Verhaftung gegeben haben. Vielleicht stimmt das ja, denn es war bekannt, dass Mladić jahrelang ungestört in seinem Haus im Belgrader Diplomatenviertel lebte. Dass der steckbrieflich Gesuchte beim Bäcker einkaufen ging, durch die Straßen Belgrads joggte und sich bei Fußballspielen in der Ehrenloge des Partizan-Stadions sehen ließ. Aussagen seines früheren Leibwächters Brabislav Puhalo zufolge bewegte sich der General bis 2001 frei in Belgrad und wurde sogar im Innenministerium empfangen.
Später siedelte er vorübergehend in militärische Erholungsheime über, nutzte verschiedene Appartements in Belgrader Neubauvierteln und erwarb schließlich ein Bauernhaus nahe Valjevo, wo er sich
Ziegen hielt und 60 Bienenkörbe aufstellte. Finanziert wurden die Fluchtquartiere von Geschäftsleuten sowie durch geheime Fonds von Armee und Geheimdienst. Darüber hinaus konnten Mladićs Sohn Darko sowie zwei serbische Offiziere bis 2005 die Rente des pensionierten Generals ungeniert bei der Bank abheben.
Dass es anders als 2008 bei der Verhaftung von Radovan Karadžić vergangene Woche auf den Belgrader Straßen ruhig blieb, mag dem Verdruss des Volks nach 20 Jahren Isolation geschuldet sein. Von der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton waren trotzdem nur dürre Worte der Genugtuung zu hören, als klarwurde, dass der Druck auf Serbien Wirkung gezeigt hatte. Ashton war am Tag von Mladićs Verhaftung in Belgrad angekündigt. Und der Haager Chefankläger Serge Brammertz hatte in seinem Bericht vom 17. Mai Serbiens Jagd nach Mladić als "nicht ausreichend" gegeißelt.
Ungeklärt bleibt bis auf weiteres, was über Mladićs Versteckspiel im Westen bekannt war, wo nun von den Zinnen der Festung Europa herab großer Beifall für den EU-Aspiranten Serbien gespendet wird. Ungeklärt bleibt vor allem, was die Amerikaner wussten.
Florence Hartmann, ehemals Sprecherin der Haager Chefanklägerin Carla Del Ponte, beschreibt in ihrem Buch "Frieden und Strafe" die Fassungslosigkeit der Ermittler im Jahr 2006. Sie hatten damals entdeckt, warum ihre jahrelange Zusammenarbeit mit der CIA so erfolglos verlief: Die seit 2002 in Serbien tätigen US-Agenten hätten ihre Informationen über Mladićs Verstecke zunächst in die CIA-Zentrale nach Langley geschickt. Dort seien die Berichte bearbeitet und danach nur jene Teile ans Tribunal weitergeleitet worden, die die Behauptung stützten, Mladić befinde sich gar nicht in Serbien.
Weil Hartmann für ihre aufsehenerregende Veröffentlichung geheime Unterlagen des Tribunals benutzt und vertrauliche Informationen preisgegeben hatte, wurde sie zu einer Geldstrafe von 7000 Euro verurteilt. Mit ihren Anschuldigungen zum rätselhaften Doppelspiel der Amerikaner allerdings steht sie nicht allein.
Noch mindestens 18 Monate nach der Anklageerhebung gegen Mladić habe der General unbehelligt im amerikanisch kontrollierten Sektor Bosniens gelebt, gab William Stuebner, ehemals Vizemissionschef der OSZE in Bosnien-Herzegowina zu Protokoll. Stuebner war auch als Verbindungsmann zwischen dem Haager Tribunal und den Nato-geführten Kräften in Bosnien tätig.
Als die Friedenstruppen sich 2004 endlich entschlossen hätten, Mladićs unterirdischen Kommandositz in Han Pjesak zu durchsuchen, so Stuebner, sei das nicht nur vorab angekündigt, sondern zugleich auch versprochen worden, in bestimmte Teile des Komplexes gar nicht erst vorzudringen.
Wer den kraftstrotzenden, cholerischen Mladić noch in Han Pjesak getroffen hat, wo er in seinem kleinen Arbeitszimmer zwischen Mini-Couch und Schreibtisch scherzte, wie Palästinenser-Führer Arafat sei auch er reif für den Friedensnobelpreis, der mag kaum glauben, was dieser Tage kolportiert wird: dass Mladić nach zwei Gehirnschlägen gebrechlich, nicht vernehmungsfähig und zuletzt kaum mehr in der Lage gewesen sei, sich seinen Alias-Namen Milorad Komadić zu merken.
Mladić galt als Muster an Willenskraft. Geboren 1943 in Bozinović, 50 Kilometer südlich von Sarajevo, unweit jener Stadt, die er später 42 Monate lang beschießen lässt, macht er in der Jugoslawischen Volksarmee Karriere. Der überzeugte Kommunist, Sohn eines im Zweiten Weltkrieg gefallenen Partisanen, glänzt im Sport und an der Waffe. Als Serbiens Präsident Milošević auf der Suche nach einem Vollstrecker für seine Kriegspolitik auf ihn aufmerksam wird, hat der bereits eine steile Karriere hinter sich. Am 12. Mai 1992 wird er Leiter des Generalstabs der Armee bosnischer Serben. Unter Führung von Mladić bomben sie sich von Sieg zu Sieg, beherrschen zeitweise 70 Prozent des bosnischen Territoriums. Dem Haager Kriegsverbrecher-Tribunal liegen Hunderte Dokumente und Zeugenaussagen vor, die belegen, dass Mladić nicht nur seinen Sold, sondern auch seine Befehle aus Belgrad erhielt.
Für den anstehenden Mladić-Prozess in Den Haag ist dies nicht ohne Bedeutung. Schon im laufenden Verfahren gegen Momćilo Perišić, Generalstabschef der jugoslawischen Armee während der Einnahme Srebrenicas, geht es darum, ob Perišić und Mladić gemeinsam die Einnahme Srebrenicas planten und durchführten. Ließe sich nachweisen, dass Belgrad entgegen allen bisherigen Verlautbarungen in den Bosnien-Krieg militärisch eingegriffen hat, könnten auf Serbien milliardenschwere Forderungen Kriegsgeschädigter zukommen.
Zwar sind die mutmaßlichen Massenmörder Karadžić und Mladić - der eine jahrelang als Quacksalber getarnt, der andere als Bienenzüchter - nun gefasst. Doch das Schlusskapitel der balkanischen Tragödie vom Ende des vorigen Jahrhunderts ist damit noch nicht geschrieben. Denn die westliche Wertegemeinschaft hat ein kurzes Gedächtnis.
Während Mladić auf seine Überstellung nach Den Haag wartet, bewirbt sich die Nachfolgepartei seines Gönners Milošević um die Aufnahme in die Sozialistische Internationale, mit Unterstützung deutscher Sozialdemokraten. In Bosnien-Herzegowina, das fast 20 Jahre nach Kriegsausbruch noch immer unter internationaler Verwaltung steht, drohen Serbenführer mit Abspaltung. Und auch im serbisch besiedelten Norden des Kosovo drehen sie die Antennen weiter nach Belgrad.
Die Grenzen zwischen Völkern und Staaten würden von jeher mit Blut gezogen, mit solchen Sätzen brüstete sich Mladić nach dem Krieg bei einem Treffen in seinem bosnischen Unterschlupf. Nun, da dem General das Handwerk gelegt ist, werden andere über die Zukunft der Serben zu entscheiden haben.
(*) Im Lager der internationalen Schutztruppe bei Srebrenica am 12. Juli 1995.
Von Renate Flottau und Walter Mayr

DER SPIEGEL 22/2011
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