30.05.2011

„Der Schlüssel zum Sieg“

Aus den Aufzeichnungen von Armeechef Ratko Mladi#263
Am 23. Februar 2010 wurden bei einer Hausdurchsuchung in Mladićs Belgrader Villa zahlreiche Tagebücher mit insgesamt 3500 Seiten konfisziert. In ihnen hatte der serbisch-bosnische Militärchef wichtige Gespräche notiert, die in seinem Beisein geführt worden waren. Die Notizen wurden vom Haager Kriegsverbrecher-Tribunal als Beweismaterial akzeptiert. Die Einträge erfolgten oft nur stichpunktartig und sind für Außenstehende nicht ohne weiteres verständlich. Sie geben Mladićs Sicht wieder, offenbaren seinen Hass auf andere Ethnien und das paranoide Weltbild des Generals. Und sie bestätigen zugleich: Es waren vor allem Präsident Slobodan Milošević und seine verschiedenen Generalstabschefs, die Mladićs militärische Siege in Bosnien ermöglichten.
Donnerstag, 14. Januar 1993: Momčilo Krajišnik (der Premier der bosnisch-serbischen Republika Srpska) sagt bei einem Treffen mit Jugoslawiens Präsident Dobrica Cosić in Anwesenheit von Mladić: "Ich will eine feste Bindung mit Belgrad. Wir wollen eine Währungsunion mit Serbien. Wir können unser Volk nicht länger hintergehen." Mladić notiert das Zitat.
Dienstag, 19. Januar 1993: Der russische Oberst Gennadij Sorokin behauptet bei einem Treffen mit Mladić, die Juden wollten die Welt führen: "Wegen der jüdischen Ehefrau von Präsident Boris Jelzin konnten wir die Sanktionen gegen Serbien nicht verhindern."
Donnerstag, 21. Januar 1993: Bei einem Treffen in Pale klagen Mladić, der bosnische Serbenführer Radovan Karadžić und Jugoslawiens Generalstabschef Zivota Panić über die mangelnde Disziplin in der Armee. Der Zustand des Drina-Korps sei katastrophal. Panić empfiehlt Mladić, notfalls durch Erschießungen die Armee zu disziplinieren.
Freitag, 7. Mai 1993: Karadžić mahnt Mladić zur Zurückhaltung bei der weiteren Einnahme von Dörfern. Es wäre eine "Katastrophe", wenn die Nato zum Eingreifen provoziert werde.
Freitag, 28. Mai 1993: Jugoslawiens Premier Radoje Kontić erinnert bei einem Treffen, an dem Mladić teilnimmt, daran, dass Belgrad trotz der heiklen wirtschaftlichen Lage in den ersten fünf Monaten die Hälfte seines Budgets für Munition und Kriegsmaterial ausgegeben habe, das der Armee der bosnischen Serben geliefert wurde. Mladić protokolliert, dass Serbiens Präsident Milošević sagt: "Wir haben eine Milliarde Dollar für den Krieg in Bosnien und Kroatien ausgegeben."
Donnerstag, 8. Juli 1993: Milošević erklärt gegenüber Karadžić und Mladić: "Wir haben (dem kroatischen Präsidenten) Franjo Tudjman die (bosnischen) Muslime angeboten. Aber er hat gesagt: ,Nehmt ihr sie.'" General Panić verspricht zusätzliche Munition und Kriegsausrüstung.
Montag, 13. Dezember 1993: Karadžić bemerkt zu Milošević und Mladić: "Jetzt ist eine günstige Zeit, den Krieg zu beenden. Wir halten 75 Prozent des Territoriums, den Durchbruch zum Meer werden wir auf politischem Weg erzwingen. Sarajevo ist der Schlüssel zum Sieg."
Samstag, 29. Januar 1994: Mladić erklärt bei einem Treffen mit Armeeangehörigen in Vlasenica: "Die Muslime muss man so lange prügeln, bis die ganze Welt sieht, dass es sich nicht auszahlt, gegen die Serben zu kämpfen. Der wichtigste Punkt ist Sarajevo, dies ist das Hirn ihres Staates. Mit der Blockade Sarajevos haben wir unseren Staat geschaffen. Wir dürfen jetzt keine kriegerischen Aussagen machen, wir müssen vom Frieden reden. Nur so können wir Serbien vor einer Blockade retten. Unser Interesse ist die Gründung eines gesamtserbischen Staates. Vielleicht wird uns Europa dies nicht sofort erlauben, es will kein Großserbien."
Samstag, 23. April 1994: Mladić notiert bei einem Treffen mit seinem Oberkommando: "Die Türken (so nennt Mladić die bosnischen Muslime) haben keine organisierte Militärkraft in den Enklaven Goražde, Zepa und Srebrenica. Wir sollten sie in nächster Zeit neutralisieren, notfalls mit militärischer Gewalt."
Freitag, 14. Juli 1995 (drei Tage nach der Einnahme von Srebrenica): Nach einem Treffen mit Milošević, dem schwedischen Uno-Repräsentanten Carl Bildt und dem französischen General Bertrand de La Presle in Belgrad hält Mladić fest: "Bildt hat Informationen, dass in Bratunac (bei Srebrenica) zahlreiche Muslime gefangen genommen wurden. Er sagt, man müsse etwas übers Wochenende unternehmen, sonst gebe es Probleme. Die Männer müssten befreit werden. Bildt verlangt außerdem, dass wir 48 niederländische Soldaten freigeben, die bei uns sind."
Einen Tag später schreibt er, er sei von (dem britischen) General Rupert Smith mit dem Vorwurf konfrontiert worden, es gäbe Informationen über Morde und Vergewaltigungen durch serbische Soldaten nach der Einnahme von Srebrenica.
Montag, 18. September 1995: Der serbische General Dragan Radenović bietet Mladić in Belgrad im Auftrag der Russen Geschosse mit einer ungeheuren Zerstörungskraft an. Preis pro Stück: 52 000 Dollar. Moskau werde die Waffen über ein Drittland an die bosnischen Serben verkaufen. "Der russische Geheimdienst würde uns außerdem zahlreiche militärische Gegenstände schenken. Angeblich hat der Vermittler die Rückendeckung Jelzins."
Sonntag, 1. Oktober 1995: Eine Delegation der russischen Streitkräfte bietet in Bijeljina Mladić weitere Hilfe an. Einzige Bedingung, schreibt Mladić, sei es, dass Serbien keine Stationierung von Nato-Truppen auf seinem Territorium erlaube.
Freitag, 8. Dezember 1995: Mladić trifft General de La Presle. Der informiert ihn, dass Präsident Chirac nach dem Krieg fest auf serbischer Seite stehen werde - falls er, Mladić, zwei gefangene französische Piloten freilasse. Er habe den Auftrag, die Piloten tot oder lebendig zurückzubringen. Sonst ziehe Frankreich seine Truppen aus Sarajevo zurück, was den Muslimen sehr entgegenkäme.
Mladić verlangt, dass er nicht vors Haager Kriegsverbrecher-Tribunal komme. Dort gehörten jene hin, die die Serben bombardierten. "Es ist die Zeit gekommen, General, wo die Großen den Kleinen gehorchen. Wenn Sie und England und die USA es so wollen, dann sterben Sie eben für die Muslime." De La Presle weist darauf hin, dass Milošević vor wenigen Tagen den Friedensvertrag von Dayton paraphiert habe. Mladić schreibt: "Er hatte kein Recht, serbisches Territorium oder mich zu verkaufen. Er hat kein Recht auf mein Leben."

DER SPIEGEL 22/2011
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