30.05.2011

LITERATURKaugummi

Niemand nimmt für bare Münze, was sich ein Verlag zur Anpreisung seiner Neuerscheinungen ausdenkt. Wenn jetzt ein neues Prosawerk des Münchner Schriftstellers Albert Ostermaier bei Suhrkamp als "rasanter Thriller" angepriesen wird - was soll's? Ärgerlich allerdings, wenn die Literaturkritik den Faden aufnimmt und angesichts "dieses packenden Romans" ("FAZ") in Begeisterung ausbricht. Das Buch mit dem dramatischen Titel "Schwarze Sonne scheine" ist weder spannend noch rasant und von einem Thriller Lichtjahre entfernt. Das, was Ostermaier, 43, mit kaum überbietbarer Redundanz erzählt, füllt auch keinen Roman. Es ist Stoff für eine Erzählung. Der Held, der gern Dichter werden möchte, wird mit einer erschreckenden Diagnose konfrontiert: Er, Sebastian, habe sich eine tödliche Herpes-Erkrankung zugezogen. Es ist ein väterlicher Abt, der ihn zu der Ärztin geschickt hat, die in Wahrheit keine ist. Alles ein Schwindel. Das deutet sich rasch an. Und doch kaut der Autor auf der Frage, ob etwas an der Diagnose dran sein könnte, fast 300 Seiten herum wie auf einem Kaugummi, dem jeder Geschmack abhandenkommt. Und statt den treffenden Ausdruck zu suchen, häuft er Formulierungen wie Bauklötze. Etwa in einem der vielen Kommentare zum Zeitgeschehen: "Tausende von Flüchtlingen in kleinen Booten, selbstgebauten Flößen, treiben auf dem glasklaren, strahlenden Wasser unter einem leuchtenden Himmel, ersaufen vor abdrehenden Yachten, verbrennen in der Sonne, werfen die Leichen über Bord, umwickeln die Gesichter mit Tüchern, füttern die Fische mit Tränen." Politisch korrekter Kitsch. Wollte Ostermaier eine Parodie auf einen Jungschriftsteller schreiben, der nicht schreiben kann? Offenbar wurde stattdessen auf einen Skandal spekuliert. Jenen Abt, der seinen Ziehsohn hier in Todesangst versetzt, gibt es tatsächlich. Doch ob die Figuren Vorbilder haben oder nicht, ist am Ende völlig belanglos. Der Roman selbst auch.

DER SPIEGEL 22/2011
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LITERATUR:
Kaugummi

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