30.05.2011

SPIEGEL-GESPRÄCH„Sex ist ein Modus des Lebens“

Die französische Autorin und Kunstkritikerin Catherine Millet über die Affäre Dominique Strauss-Kahn, die Macht des Sextriebs und die Libertinage in der französischen Gesellschaft
SPIEGEL: Madame Millet, was haben Sie empfunden, als Sie die Unglücksmiene von Dominique Strauss-Kahn vor einem New Yorker Gericht sahen?
Millet: Es ist traurig, wenn jemand so zur Schau gestellt wird, noch bevor seine Schuld bewiesen ist. In den USA hat man gern hervorgehoben, dass Strauss-Kahn genauso wie jeder andere Angeschuldigte vorgeführt wurde. Natürlich gibt es nichts gegen den Grundsatz zu sagen, dass vor dem Gesetz alle gleich sind.
SPIEGEL: Aber?
Millet: Mir scheint, dass in diesem Fall bereits ein Verstoß gegen das Gleichheitsgebot vorlag. Hätte es sich um einen Anonymus gehandelt, wäre kaum die Presse zusammengerufen worden, um das Häufchen Elend im Bild zu dokumentieren. Die französischen Medien suhlten sich in der Heuchelei: Sie taten schockiert und erinnerten unablässig daran, dass in Frankreich, diesem ach so zivilisierten Land, diese Art der Anprangerung verboten ist. Doch weil das Gesetz nicht die Verbreitung auswärts aufgenommener Bilder verbietet, wurde das Anstößige auch bei uns immer wieder gezeigt.
SPIEGEL: Obwohl auch für Strauss-Kahn die Unschuldsvermutung gilt. Noch ist ungeklärt, was genau sich in seinem New Yorker Hotelzimmer abgespielt hat. Er bestreitet die Anschuldigungen vehement. Aber Sexskandale der Mächtigen sind eben fesselnder als politische Debatten.
Millet: Ja, sie bewegen uns leidenschaftlich, und das zu Recht, denn sie enthüllen das Menschliche vor uns selbst. Frankreich ist ein ausgeklügelt raffiniertes Land, das diese medialen Zirkusspiele keineswegs verabscheut.
SPIEGEL: Man muss kein Mitleid mit den Größen dieser Welt haben, wenn sie Opfer ihrer Prominenz werden.
Millet: Das Spektakel des gefeierten Gladiators, der in der Arena den reißenden Löwen vorgeworfen wird, hat immer etwas Schaurig-Schönes an sich. Es beflügelt die Phantasie. Die Leute denken sich alles Mögliche über das Geschehen in jener Hotelsuite aus. Wenn ich an der Stelle von Strauss-Kahn wäre, würde ich mir sagen: Was für ein außergewöhnliches Schicksal ich doch habe! Daraus kann man einen Roman machen, eine antike Tragödie. Wenn DSK seine Prüfung richtig nutzt, könnte er sie literarisch in etwas Schönes verwandeln.
SPIEGEL: Sie können den Fall nicht einfach in ästhetische Kategorien pressen. Das tragische Schicksal hat ja einen Grund: die Hybris, die Arroganz der Macht, das Gefühl, sich alles nehmen zu dürfen.
Millet: Sie meinen, er müsste Reue zeigen? Der Sünder, der in sich geht? Dazu würde ich ihm nicht raten, außer vielleicht aus gerichtstaktischen Gründen. Da können Reuebekundungen natürlich helfen.
SPIEGEL: Jetzt werden Sie zynisch.
Millet: Ich halte das Verbrechen, das er begangen haben soll, für ziemlich relativ. Deshalb wage ich das Bekenntnis, auch aufgrund meiner eigenen Vergangenheit und meines Rufs als Freigeist, dass ich nicht in den Ruf nach unerbittlicher Strenge einstimme.
SPIEGEL: In Ihrem Buch haben Sie geschrieben, dass Sie selbst nie Opfer gewalttätiger Übergriffe waren. Wie können Sie da so nachsichtig urteilen?
Millet: Selbstverständlich würde ich die Gewalt verurteilen, die ein Starker gegenüber einem Schwächeren anwendet. Aber es kommt auf den Grad der Gewalt an, nicht auf die sexuelle Natur der Tat. Nichts ist relativer als ein Urteil über eine sexuelle Handlung.
SPIEGEL: Auch nach Ihrem Maßstab darf sich sexuelle Freizügigkeit nur im Einvernehmen der Betroffenen entwickeln. Nach allem, was man weiß, scheint Strauss-Kahn dagegen verstoßen zu haben.
Millet: Sicher. Seine Zudringlichkeit, sein aggressives, ja fast obsessives Nachstellen ist in einschlägigen Kreisen hinlänglich bekannt. Aber ich weiß nicht, ob er ein Vergewaltiger ist. Er hat keine Waffe benutzt, das Zimmermädchen im Hotel scheint unverletzt geblieben zu sein. Ich halte es eher mit dem früheren Kulturminister Jack Lang, der gesagt hat, es sei ja niemand zu Tode gekommen.
SPIEGEL: Womit er einen Aufschrei der Empörung auslöste. Sie verhalten sich jetzt so wie diejenigen, die dem Opfer die Mitschuld geben, weil es sich nicht heftig genug gewehrt habe. Was hätten Sie denn in dieser Situation getan?
Millet: Die Frage habe ich mir in der Tat gestellt. Zwei Möglichkeiten: Entweder gefällt DSK mir oder er gefällt mir nicht.
SPIEGEL: Ersteres kommt kaum in Frage.
Millet: So? Na ja, ich bedauere ein bisschen, dass DSK und ich uns nicht früher begegnet sind, als ich noch etliche Jahre jünger war. Wir hätten uns wahrscheinlich gut verstanden, zwei ähnlich Gestrickte.
SPIEGEL: Gewaltanwendung wäre da nicht nötig gewesen. Verkehr auf Augenhöhe, wenn man das so sagen kann.
Millet: Und falls er mir nicht gefällt, stoße ich ihn laut lachend zurück. Im Allgemeinen entschärft das Gelächter die Geilheit. Eine andere Frau hätte geschrien. Noch eine andere, kämpferischer, hätte ihm eine runtergehauen, und wieder eine andere, eine käufliche, hätte die Möglichkeit genutzt, ihrem Angreifer Geld zu entwinden. Und da von Fellatio die Rede ist, oder zumindest von einem Kontakt zwischen Penis und Mund, hätte eine Frau, kühn und böse, dort beißen können, wo es sehr weh tut. Viele Frauen haben mich gefragt, warum die Hotelangestellte das nicht getan hat, die Zahnarzthelferin in der Praxis, wo ich neulich war, ebenso wie eine junge Praktikantin hier in der Redaktion unserer Zeitschrift "Art Press".
SPIEGEL: Das Zimmermädchen war, wenn die Situation so war, vermutlich überrumpelt, geschockt. Und auch wenn sie nicht wusste, mit wem sie es zu tun hatte, so war der Gast in der Prominentensuite für sie doch wohl eine Respektsperson.
Millet: Das ist sicher richtig. Ich will damit auch nur sagen, dass es angesichts eines brunftigen Mannes so viele mögliche Reaktionen wie Frauentypen gibt, vom schüchternen bis zum tapferen. Frauen können sich nach einem solchen Erlebnis höchst unterschiedlich verhalten. Die eine denkt, dass sie einem fetten dreckigen Schwein eine Lehre erteilt hat, die andere betrachtet sich als Opfer einer Vergewaltigung und trägt ein Trauma davon.
SPIEGEL: Das ändert nichts am Delikt.
Millet: Was ich Strauss-Kahn, einem intelligenten, kultivierten Mann, vorwerfe, ist, dass er sich benahm wie ein Grobian.
SPIEGEL: Das klingt nach Kavaliersdelikt.
Millet: Wie ein Rohling, der seinen Trieb nicht unter Kontrolle hat, einem Impuls des Augenblicks nachgibt. Es gibt mehr Männer, die ihm darin ähnlich sind, als man denkt.
SPIEGEL: Aber vielleicht nicht so viele, die glauben, sie könnten ungestraft davonkommen, sie würden sich nur nehmen, was ihnen zusteht. Die Betrachtung der Frau als verfügbares Objekt.
Millet: Sein Verhalten danach, dass er ganz normal aus dem Hotel auscheckte, planmäßig das Flugzeug bestieg und die Beamten, die ihn herausholten, offenbar nur fragte, what's the matter?, deutet darauf hin, dass ihm das Bewusstsein für das, was wohl geschehen war, schlicht abging.
SPIEGEL: Ist das nicht auch bei Wiederholungstätern öfter so?
Millet: Bei Vergewaltigern findet man das häufig. Noch einmal: Ich sage damit nicht, dass ich DSK für einen Vergewaltiger halte. Ich sage nur, dass ich die Strafe, die ihn vor Gericht erwartet, und diejenige, die er als Politiker mit Chancen auf den Einzug in den Elysée-Palast bereits erlitten hat, für unverhältnismäßig halte.
SPIEGEL: Ist es für eine Frau wie Sie verlockend, einen Mann wie Strauss-Kahn zu entschuldigen? Ist das die Komplizenschaft zweier Libertins?
Millet: Er ist gegenüber dem Zimmermädchen aufgetreten wie ein Lümmel. Das kann ich nicht verteidigen. Aber ich wende mich gegen die Anklage der Feministinnen alter Schule, die dadurch die Frauen in der Opferrolle einsperren. Das weibliche Geschlecht ist heute zweigeteilt: Auf der einen Seite die Frauen, die selbstbewusst genug sind, über sich und ihre Sexualität zu bestimmen und sich entschieden zur Wehr zu setzen; auf der anderen diejenigen, die sich fügen und unterwerfen lassen. Statt Letzteren zu helfen, Mut zu fassen und sich zu befreien, schlagen die Feministinnen den Nagel oft noch weiter ein. Sie legen aufs Unglück noch eins drauf, wenn sie verkünden, dass eine vergewaltigte Frau später in Depressionen versinken werde oder dass die Vergewaltigung ein zutiefst zerstörender Akt sei, der die Freiheit aller Frauen bedrohe.
SPIEGEL: Sie können dem Opfer doch nicht sagen: Komm, vergiss es.
Millet: Man kann ihr helfen, ihr klarmachen, dass ihr Körper nicht unheilbar beschädigt ist, dass Sperma sich abwaschen lässt, vom Leib und auch aus dem Kopf, dass der Mann sich des Körpers einer Frau bemächtigen kann, aber nicht ihrer Persönlichkeit, denn die lässt sich nicht auf den Körper reduzieren. Was tut stattdessen ein Bekannter der Frau in New York? Er erklärt, sie sei völlig zerstört. In der Moschee in ihrem Wohnviertel heißt es, sie sei in alle Ewigkeit befleckt. Ist das etwa nicht skandalös?
SPIEGEL: Immerhin teilen Sie nicht den Glauben vieler Franzosen, Strauss-Kahn sei in eine Falle getappt.
Millet: Die bösen Amerikaner, die den Chef des Internationalen Währungsfonds loswerden wollen, oder der böse Sarkozy, der einen Rivalen ausschalten will - das gehört zu den Legenden, die sich um solche Geschichten unvermeidlich ranken. Es hat etwas rührend Romantisches. Wer sich das ausdenkt, kann sich die Realität nicht vorstellen.
SPIEGEL: Alle, die Strauss-Kahn kennen, beteuern, dass ihm das nicht ähnlich sehe, er, der große Verführer und Charmeur habe so etwas nicht nötig gehabt.
Millet: So hart das klingt: Für die Verführung eines Zimmermädchens wollte er wohl keine Zeit verschwenden. Ich selbst habe übrigens nie großen Wert auf die Präliminarien des Verführens und des Techtelmechtels gelegt.
SPIEGEL: Das unterscheidet Sie von vielen.
Millet: Ja. Dafür war das gegenseitige Einverständnis für mich unabdingbar, selbst wenn es sich aus der Spontaneität eines Augenblicks heraus ergab. Ich erinnere mich, dass mir einmal ein Unbekannter auf der Straße folgte. Er kam mir nach bis zu meiner Wohnung, als ich mich umdrehte und ihn aufforderte abzuhauen, stellte er den Fuß in die Tür, nahm seinen Schwanz heraus, drückte sich gegen mich und onanierte. So ähnlich könnte die Sache mit DSK im Hotel abgelaufen sein.
SPIEGEL: Und was haben Sie gemacht?
Millet: Nichts weiter. Ich war genervt und habe nur gedacht: so ein Arschloch. Die meisten können sich nicht vorstellen, dass in ein und derselben Person ein Triebtäter und ein rationaler Kopf koexistieren können. Sie unterschätzen die Macht des Sexus, die Verdoppelung der Persönlichkeit in zwei parallele Welten übersteigt ihr Vorstellungsvermögen. Dann wuchern die wildesten Spekulationen. Ich habe mich eine Zeitlang ausgiebig mit Studien über Vergewaltiger beschäftigt. Sie können den Impuls ihres Triebs nicht unterdrücken, obwohl ihr rationales Ich ihnen sagt, dass sie etwas Verwerfliches tun.
SPIEGEL: Politiker mit Charisma sind auch Verführer. Offenbart sich im Werben um Wähler eine sexuelle Ausstrahlung?
Millet: Die wenigsten entscheiden nach den Wahlprogrammen der Kandidaten, sondern aus dem Bauchgefühl heraus, je nachdem, wer ihnen am besten gefällt. Dabei kann durchaus eine erotische Übertragung stattfinden. Das Volk schätzt es, wenn der Staatschef so ist, wie sie gern sein möchten. Max Weber hat erkannt, dass der charismatische Führer eine Gefahr darstellen kann.
SPIEGEL: Auch im Umgang mit Frauen?
Millet: Es ist bekannt, dass viele Frauen, insbesondere solche mit leicht hysterischer Persönlichkeitsstruktur, sich von der Macht angezogen fühlen. Spitzenpolitiker bewegen sich in einem Umfeld, das ihnen zu Diensten ist. Das fördert die Bereitschaft zu Grenzüberschreitungen, was wiederum den Kitzel steigert. Und urplötzlich werden Bürger damit konfrontiert, dass das Intimleben ihrer Politiker in den öffentlichen Raum überschwappt. Ich bin deshalb entschieden dafür, die Privatsphäre weiterhin zu respektieren, sonst gibt es kein Halten mehr. In der Sexualität konstruiert sich jeder seine eigene Moral. Gebote und Verbote entspringen in diesem Bereich eher dem Aberglauben als einem Verständnis dessen, was gut und was böse ist. Politische Folgen hatte die Sexsucht von DSK ja nur für ihn selbst. Dass sich mit ihm ganz Frankreich blamiert habe, halte ich für Quatsch.
SPIEGEL: In der öffentlichen Meinung des Landes scheint die Nachsicht zu überwiegen. Gehört das zu den kulturellen Besonderheiten Frankreichs, das eine lange höfische und intellektuelle Tradition der Libertinage hat?
Millet: Auf die Gefahr hin, Sie zu schockieren: Ich halte den Ausrutscher von DSK nicht für anormal, geschweige denn pathologisch.
SPIEGEL: Schon verstanden. Für Sie ist es anscheinend nur eine Unhöflichkeit, eine Rempelei in der U-Bahn.
Millet: Sexualität ist ein Modus des Lebens. In Frankreich verübelt es niemand einer jungen Frau, wenn sie ihre Attraktivität einsetzt, um sich Vorteile in der Firma zu verschaffen. Frauen legen Wert auf eine elegante Erscheinung. Sie erwarten Komplimente und sehen darin nicht gleich eine Belästigung. Kulturelle Unterschiede sind unbestreitbar vorhanden. Wo sonst fühlten sich so viele Intellektuelle aufgerufen, diese Affäre zu kommentieren? Noch mal: Für mich ist eine Vergewaltigung weniger schlimm, als ein Auge zu verlieren, voilà.
SPIEGEL: Sie sind im Kunstmilieu zu Hause, mit einer Vertrautheit und einer Freizügigkeit im Umgang, die es leicht machen, Verhältnisse untereinander zu knüpfen und wieder zu lösen. Vögeln, haben Sie geschrieben, sei so selbstverständlich wie atmen. Gilt das auch für die Welt der Politik? Entsteht da ein geschlossenes Systems von parallelen Gemeinschaften, die sich ihre eigenen Normen setzen?
Millet: Ah, die dunkle, versteckte Seite der Bourgeoisie! Buñuel und Godard! Natürlich lernt man in bestimmten Berufen mehr Menschen kennen als in anderen, Journalisten gehören auch dazu. Verbindungen werden ganz ungezwungen eingegangen. Aber der sexuelle Egalitarismus ebnet auch soziale Unterschiede ein. Es heißt, Strauss-Kahn sei häufiger Gast im Pariser Club "Les Chandelles". Ich bin sicher, dass er dort Leute aus den verschiedensten Milieus getroffen hat. Sexuelle Ausschweifungen sind kein Privileg der Großbourgeoisie.
SPIEGEL: Deswegen darf man mal eben der Bediensteten an den Rock gehen?
Millet: Auch ich habe mich in meiner wilden Zeit nicht gescheut, es gelegentlich mit hässlichen, schwitzenden, stinkenden Männern zu treiben. Eine gewisse Vulgarität in der Beziehung kann den Reiz erhöhen, besonders bei Männern. Das erklärt, nebenbei gesagt, einen Teil der Faszination für Marine Le Pen, die Chefin des rechtsextremen Front national: ein männlich-dominantes Auftreten mit einem Stich ins Vulgäre.
SPIEGEL: Seine Ehefrau hat sich Strauss-Kahn nach ganz anderen Kriterien ausgesucht.
Millet: Und das spricht für ihn. Seine Frau ist ihm ebenbürtig: eine angesehene Journalistin, klug und brillant, vermögend, im gleichen Alter wie er. Manche Männer mit Macht, Geld und Einfluss suchen sich in diesem Alter jugendliche Glitzertrophäen aus. Er hat es vorgezogen, eine
unabhängige Intellektuelle zu heiraten, eine Frau, die eben kein Objekt ist.
SPIEGEL: Er hat mal gesagt, sie bedeute ihm alles. Und sie steht ja auch jetzt zu ihm. Zugleich hat er sie ständig betrogen.
Millet: Die beiden haben es vermutlich nicht als Betrug empfunden. Da so viele Freunde von seinen Eskapaden wussten, kann Anne Sinclair nicht ahnungslos gewesen sein. Nicht der folgenlose Seitensprung ist in diesen Kreisen der Verrat, sondern das Verlassen des Partners. Sie hat seine Art akzeptiert. Und wer weiß, wie sie ihre eigene Freiheit definiert hat.
SPIEGEL: Gehören Sexpartys, Swingerclubs, Partnertausch schlicht zur gehobenen Lebensart gewisser Kreise der französischen Gesellschaft, so wie der Bistro-Besuch für andere?
Millet: Ich möchte dazu etwas sagen, was paradox erscheint: Für Libertins hat der Sexualakt nicht dieselbe Bedeutung wie für andere. Sie betrachten ihn nicht als einen Ausnahmeakt, der eine besondere amouröse Beziehung zur Voraussetzung hat. Sie verbinden den sexuellen Verkehr mit der Zufälligkeit von Begegnungen im Leben und den Gelegenheiten, die sich daraus ergeben. Ich glaube, in der moralischen Vorstellung von Strauss-Kahn, wie auch in meiner, erscheint es nicht als besonders gravierend und auch nicht als folgenschwer zu masturbieren, indem man sich an einem anderen Körper reibt.
SPIEGEL: Es gibt einen sehr französischen Hang, die Libertinage als Lebensstil intellektuell, philosophisch und literarisch zu überhöhen. Der Marquis de Sade wird gern als der "Göttliche" bewundert. Bleibt das nicht doch eine elitäre Angelegenheit, der Versuch, die Zügellosigkeit der Begierde als höchste Form der Freiheit und Selbstverwirklichung zu stilisieren?
Millet: Ich wende mich entschieden gegen die Annahme, sexuelle Freiheit sei die Sache einer bourgeoisen Elite, zu der die einfachen und armen Leute, die Romanfiguren von Michel Houellebecq, keinen Zugang hätten. Ich habe in meiner aktiven Zeit alle möglichen Leute aus allen Berufen und Gesellschaftsschichten getroffen. Frankreich ist übersät mit verschwiegenen Begegnungsstätten, auch in den kleinsten Städten der Provinz, wo man die Libertinage nicht unbedingt erwartet. Es handelt sich nicht nur um den Lebensstil einer Oberschicht in Paris.
SPIEGEL: Werden die Franzosen jetzt, da Strauss-Kahn nicht mehr in Frage kommt, lieber einen soliden Vater oder eine brave Mutter der Nation wählen?
Millet: Ich glaube nicht, dass die Franzosen bereit sind, eine Frau an die Spitze des Staates zu bringen. Sie wollen auch keinen Langweiler, sondern eine faszinierende Gestalt, der sie auch unangenehme Überraschungen nachsehen.
SPIEGEL: Madame Millet, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Millet: (lacht) Was habe ich nicht alles gesagt? Was wird wohl aus diesem Gespräch?

Catherine Millet
Mit ihrem autobiografischen Bericht "Das sexuelle Leben der Catherine M." (2001) gelang Catherine Millet, 63, ein aufsehenerregender und umstrittener Bestseller, der zu den freimütigsten und schonungslosesten Büchern über Sex gehört, die jemals von einer Frau geschrieben wurden. Die Expertin für moderne Kunst und Herausgeberin der Zeitschrift "Art Press" beschrieb in ihrem zweiten autobiografischen Buch "Eifersucht" (2010) die seelische Krise, in die sie durch eine Affäre ihres Mannes Jacques Henric stürzte.
(*) Mit Redakteur Romain Leick in Paris.
Von Romain Leick

DER SPIEGEL 22/2011
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