30.05.2011

METROPOLEN

Diese Stille

Von Höbel, Wolfgang

Münchens legendäre Absturzkneipe Schwabinger 7 wird abgerissen. Ein Symbol für den Bedeutungsverlust der Weltstadt mit Herz? Von Wolfgang Höbel

Geleuchtet hat München in dieser Höhle nie. Feilitzschstraße Nummer 7, Funzellicht, die Wände erdbraun, als ob sie lange nicht gestrichen worden sind, vermutlich in den sechziger Jahren das letzte Mal. Hunderte Gäste haben dort in einer Schicht aus Bier, Schweiß und Nikotin Liebesschwüre und Flüche, Herzen und Namenskürzel geritzt. Auf den zerschrammten Holztischen stehen Kerzen in leeren Jägermeister-Flaschen, am Tresen schreien die ersten Betrunkenen herum. Die Luft ist schon jetzt am frühen Abend eine Zumutung.

Richtig los geht es erst ab Mitternacht. Die Schwabinger 7 ist seit fünf Jahrzehnten die Absturzkneipe dieser Stadt. Draußen vor der Tür ist ein buntes Graffito aufgesprüht, das eine Maus mit einem Bierglas und viel Schaum zeigt, die Besucher quetschen sich gleich hinter der niedrigen Tür erst mal durch den Toilettengang, bis sie in der eigentlichen Kneipe anlangen - und dort wird fast jede Nacht nach altem Brauch gebrüllt, geprostet und auf den Tischen getanzt.

"Unendlich viele Gehirnzellen liegen hier rum", sagt der Münchner Komiker Michael Mittermeier. Die junge Uschi Obermaier und Rainer Werner Fassbinder haben hier getrunken, vor sehr langer Zeit, und natürlich viele andere Berühmte. Schauspielerinnen und Schriftsteller, Regisseure und Komiker, viele schöne Frauen und einige Halunken.

Für die Prügeleien ist die Schwabinger 7 mindestens so berühmt wie für die verwegenen Gesichtszüge ihrer Stammkunden. Und nun soll wirklich Schluss sein? Die Kneipe macht Ende Juni dicht, dann kommen die Abrissbagger und schaffen Platz für ein großes neues Büro- und Wohnhaus. So weit dürfe es auf keinen Fall kommen, sagt Mittermeier. "Schon wegen der Gehirnzellen: Wir müssen die Schwabinger 7 retten!"

In München zürnen gerade viele Menschen. Die Fußballfans der Ultra-Truppe "Schickeria" haben Mitte des Monats beim Heimspiel der Bayern gegen den VfB Stuttgart ein Spruchband entrollt, auf dem war zu lesen: "Lieber in der dunkelsten Kneipe der Welt als am hellsten Arbeitsplatz - Schwabinger 7 muss bleiben!" Auf Facebook und auf der Web-Seite "www.muenchens-freiheit.de" trommelt eine Bürgerinitiative für den Erhalt der Kneipe. Und an einem Dienstagabend Mitte Mai drängen sich rund tausend Zuschauer vor einem zusammengezimmerten Podium auf dem Platz der Münchner Freiheit, zwei Steinwürfe von der Schwabinger 7 entfernt. Mittermeier und ein Dutzend andere Musiker und Komiker singen und zetern zwei Stunden lang dagegen an, dass diese Stadt bald nur noch von Bonzen und Rentnern bewohnt werde.

Auch der Liedermacher Konstantin Wecker hebt sein graues Haupt. Er ist ein geübter Empörer. Er sagt, er möchte auf "mein München" endlich "wieder geil" sein können. Er spricht von der "Totsanierung" ganzer Stadtviertel und davon, dass die Schwabinger 7 nichts weniger sei als "der letzte Zeuge der wilden Schwabinger Zeit".

Schwabing war um 1900 mal ein Künstlerviertel und 1962 Schauplatz der "Schwabinger Krawalle", als sich zum ersten Mal eine Art Jugendprotest im Nachkriegsdeutschland regte. Seitdem ist es vor allem ein Kneipenviertel, und natürlich geht es bei diesem Protest um mehr als nur Schwabing, das Selbstverständnis Münchens steht in Frage, einer Stadt, die viele ihrer Bewohner für eine Kulturmetropole halten und für ein international strahlendes Juwel. "Vital" und "eine der attraktivsten Städte der Welt" nennt sie zum Beispiel der stets emsige Politik- und Wirtschaftsberater Roland Berger, der rein zufällig auch in München lebt.

So regt sich gerade an vielen Ecken Unmut und schlechte Laune über das, was die Attraktivität dieser Stadt steigern könnte. Der Bau einer zweiten S-Bahn-Röhre quer durch die Münchner Innenstadt provoziert Demonstrationen gegen "die Achse des Bösen", wie das Projekt von Gegnern genannt wird. Auch gegen die Olympischen Winterspiele im Jahr 2018, die München gemeinsam mit Garmisch-Partenkirchen ausrichten soll, gibt es Stunk. Olympia sei ein "Umwelt- und Milliardengrab", heißt einer der Slogans, mit denen "Nolympics"-Aktivisten mitunter vorm Rathaus demonstrieren.

"Die Schwabinger 7 ist ein Symbol", sagt Liedermacher Wecker. Es gelte, sich gegen den "Ausverkauf einer Künstlerstadt" zu wehren.

"Die Schwabinger 7 ist ein Symbol", sagt der Gastronomie- und Bühnenunternehmer Till Hofmann. Er ist Herr über eine ganze Reihe von Cafés und Kleinkunsttheatern in München und Wien, zu denen auch die berühmte Münchner Lach- und Schießgesellschaft gehört. "Hier geht es um die Frage: Zeigt diese Stadt Solidarität mit ein paar bunten Vögeln und armen Schluckern, oder findet sie sich damit ab, dass sich in München ein reiches italophiles Gesindel breitmacht und hier seine Zweitwohnsitze einrichtet?"

"Die Schwabinger 7 ist ein Symbol", glaubt auch der Münchner Kulturreferent Hans-Georg Küppers. "Zum Flair dieser Stadt gehört nicht nur das Gelackte, eine Stadt darf auch Lücken und Risse haben."

Küppers, sonnengerötet, Silberbrille, ironisches Lächeln, sitzt in einem großen, hellen Büro gleich hinterm Marienplatz. Seit er vor vier Jahren von Bochum nach München wechselte, hat er sich hier einen Ruf als cleverer Arbeiter erworben.

Küppers sagt: "Die Kulturstadt München hat kein Bedeutungsproblem." Die Orchester der Stadt, die Museen, die Theater seien prächtig aufgestellt. "Ich lasse mir auch kein Bedeutungsproblem einreden." Im Fall der Schwabinger 7 offenbare sich die Ohnmacht der Politik. "Alle wissen, die Stadt kann gar nichts machen, die Sache ist meines Erachtens gelaufen", so der Beamte. Der Bauherr, eine Hamburger Investmentfirma, müsse sich nur an ein paar Größenvorgaben halten. "Aber", und nun liegt Spott in Küppers' Stimme, "sosehr ich verstehe, dass sich die Menschen an ein Lebensgefühl klammern, mit dem sie groß geworden sind: Städte verändern sich nun mal. Ich empfinde das im Prinzip als positiv und sage: Gott sei Dank."

Fast alle deutschen Großstädte mussten sich, seit aus der Bonner die Berliner Republik wurde, im größeren Deutschland ein neues Selbstbild suchen. Die Sogkraft, die Berlin auf junge, talentierte Menschen ausübt, klar, die lasse sich nicht bestreiten, aber die Flüchtlinge "kommen nach ein paar Jahren wieder und sehen ein, dass das aufgeregte und keineswegs so aufregende Berlin ein Fehler war", sagt Küppers, der Kulturreferent. "Berlin hat einen so hohen Konkurrenzdruck entwickelt, dass junge Künstler oder Designer dort kaum überleben können. Deshalb kommen sie zurück und bleiben gerne hier."

Roland Berger, der München-Fan, hat in der "Süddeutschen Zeitung" vor ein paar Wochen die Abwanderung begabter junger Menschen Richtung Hauptstadt entschieden dementiert: "Die besten Talente gehen am liebsten dorthin, wo das Leben pulsiert - und das war und ist München."

Aber könnte es nicht sein, dass es den kulturellen Föderalismus, der die alte Bundesrepublik manchmal piefig erscheinen und oft überraschend erblühen ließ, für eine ganze Generation junger Kreativer gar nicht mehr gibt? Dass für ehrgeizige Autoren und Künstler, Filmemacher und Musiker erst mal Berlin kommt und dann lange nichts? In München streiten dies fast alle ab, die schreiben oder Filme drehen oder malen und in der Stadt geblieben sind. Dass neben den Jungen auch manche berühmte Ältere wie der Schriftsteller Rainald Goetz oder der Regisseur Helmut Dietl die Stadt Richtung Berlin verlassen haben, quittiert man mit einem Schulterzucken. Der Schriftsteller Matthias Politycki zum Beispiel, ein weitgereister Mann, behauptet: "München ist eine Art zu leben und zu denken, ein Prinzip. Dieses Prinzip ist durch kein Berlin zu ersetzen."

Eine Stadt wie Köln glaubte auch lange an ein eigenes Prinzip: Doch nach der Wiedervereinigung gingen erst die Künstler und dann die Galerien, schließlich verschwand auch die Popkomm. Inzwischen sind nur noch die Privatsender und die Lit.Cologne, ein Lesefestival, übrig geblieben. Hamburg brauchte auch sehr lange, den Bedeutungsverlust zu begreifen und die Flucht von Theaterleuten, Musikern, Schriftstellern, Opernregisseuren und bildenden Künstlern ins nahe Berlin wahrzunehmen. Dafür ist der Jammer in den vergangenen Jahren sehr laut geworden. Die neue Kultursenatorin Barbara Kisseler tut sich schwer angesichts einer Melancholie, die wohl kaum durch die Eröffnung der Elbphilharmonie - mutmaßlich 2013 - zu beheben sein wird.

Auch in München streiten sie, ob man den Konzertsaal der Philharmoniker im Betonklotz am Gasteig hoch über dem Isarufer, dort, wo am vergangenen Wochenende der Dirigent Christian Thielemann sein Abschiedskonzert gab, durch einen neuen Musikpalast ersetzen soll. Der Plan wurde vorerst verworfen. Zu teuer. "Wir blicken nicht neidisch nach Hamburg", sagt der Kulturmann Küppers. "Knapp 400 Millionen Euro in ein Prestigeobjekt wie die Elbphilharmonie zu investieren und die stadteigene Kunsthalle nicht mehr heizen zu können, das ist keine besonders vernünftige Kulturpolitik."

Es liegt an den Subventionen der bayerischen Landesregierung und der eigenen Stadtoberen, dass sich für die Münchner Staatsoper, für die Museen und Theater tatsächlich oft noch Spitzenkräfte anheuern lassen. Dirigenten wie Lorin Maazel und Kirill Petrenko, Theatermacher wie Martin Kusej, Kunstmanager wie Okwui Enwezor.

Aber wie diese Spitzenkräfte dann über die Stadt, in der sie arbeiten, sprechen, das ist nicht unbedingt schmeichelhaft. Nikolaus Bachler, der aus Österreich stammende Staatsoperndirektor, verkündet: "Die Stadt ist so unaufdringlich. Man muss sich nicht ständig anstrengen, und das hat man gerne, wenn man älter wird."

Johan Simons, der Intendant der Münchner Kammerspiele, ein Holländer, sagt, er habe stets gern "vom Rand her gearbeitet". Deshalb werkele er nun in München und nicht in Berlin. "Ich mag die Ruhe und die Konzentration außerhalb der Zentren."

Chris Dercon, der Belgier, der acht Jahre lang das Haus der Kunst geleitet hat, sich dort unter anderem als deutscher Verbündeter des chinesischen Superstars Ai Weiwei profilierte und nun zur Tate Gallery nach London abwandert, behauptet: "Ich bin ganz froh, wieder in eine Stadt zu ziehen, in der die Welt zu Hause ist." Der für eine Weltstadt nötige Mix fremder Kulturen fehle in München. Andererseits: "Das Dörfliche, das Beschauliche werde ich vermissen. Diese absolute Stille hier."

Nun werden große Hoffnungen gesetzt in einen Zuschlag für Olympia 2018. Die Sommerspiele 1972 waren Münchens Erweckung zur Großstadt, trotz des Terroranschlags gegen israelische Sportler eine gelungene Party aus hinreißender Architektur und swingender Pop-Leichtigkeit, ein Signal der Neugier, der Lust und der Weltaufgeschlossenheit.

Roland Berger hat für die neuerliche Olympia-Bewerbung getrommelt, weil eine Stadt "Höhepunkte setzen muss, um sich weiterzuentwickeln".

"Olympische Winterspiele sind immer ein kleineres Projekt", sagt der Kulturbeamte Küppers, "aber es wäre zu wünschen, dass ein mit 1972 vergleichbar großer Sprung für die Kultur kommt."

"Die Investitionen in Olympia sind die nachhaltigsten Geldausgaben, die man sich vorstellen kann", verkündet Oberbürgermeister Christian Ude. "Wir müssen an die Zukunft denken und den jungen Leuten neue Chancen geben."

Am 6. Juli entscheidet das Internationale Olympische Komitee. In den Wettbüros werden die Chancen der Münchner und der Garmischer gegenüber dem stärksten Mitbewerber, der südkoreanischen Stadt Pyeongchang, vergangene Woche nur mit 4:6 eingeschätzt. Was München droht, wenn die Deutschen leer ausgehen, hat Berger schon mal in eine Prognose gefasst. "Dann könnte München zu einem konservativen Vorort von Salzburg werden."

Komiker Mittermeier jedoch sieht zukünftig viel weniger Gefahren für die Gehirnzellen der jüngeren München-Bewohner: "Unsere Kinder werden dort, wo heute noch Kneipen herumstehen, nur noch Nagelstudios finden."


DER SPIEGEL 22/2011
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