27.04.1998

EXTREMISTENHitlerjunge mit Tränensäcken

Der als Terrorist verurteilte Manfred Roeder, der mit einem Vortrag an der Führungsakademie der Bundeswehr für Schlagzeilen sorgte, präsentiert sich als Führer einer rechten APO. NPD und Kirchenfunktionäre leisten ihm Schützenhilfe.
Im "Musikantenstadl" wäre er einer unter vielen. Lederhose, grüne Kniestrümpfe, Trachtenjanker - so sehen Menschen aus, die zur Blasmusik schunkeln, bis der Watzmann wankt. Inmitten der Jungen Nationaldemokraten mit den kahlgeschorenen Köpfen in Leipzig wirkt der 69jährige mit dem freundlich-jovialen Habitus eher fehl am Platz. Doch sobald Manfred Roeder zu reden beginnt, wird klar: Hier wächst zusammen, was zusammengehört. Er wettert gegen "die Flut von Fremden", verdammt den "vaterlandslosen Pöbel" und droht, er werde "als erster die Spitzhacke" gegen ein Holocaust-Mahnmal schwingen.
Roeder läßt keinen Zweifel aufkommen, daß er von einer modernen "Neuen Rechten" nicht viel hält. Er rühmt "das große Erlebnis der Kameradschaft im Dritten Reich", schwärmt davon, wie Hitler "das Arbeitslosenproblem gelöst" habe und verklärt den Nationalsozialismus als "Versuch eines dritten Weges zwischen Kapitalismus und Kommunismus". Das kommt an bei Kameraden in Ost und West. Die Konzentrationslager ab 1933 sind aus seiner Sicht schlicht "Maßnahmen" gewesen, "um einen kommunistischen Umsturz abzuwehren". Der Applaus steigert sich bei solchen Sprüchen zur Begeisterung.
Seit Bekanntwerden seines Gastvortrags an der Führungsakademie der Bundeswehr
(SPIEGEL 50/1997) ist Roeder in der rechten Szene ein Star. Lange Jahre galt er als Alleinunterhalter für ominöse Zirkel ehemaliger Wehrmachts- und SS-Angehöriger. Das Verdikt des 1991 verstorbenen Neonaziführers Michael Kühnen, der ihn Ende der achtziger Jahre in einem Pamphlet als "Scheinheiligen auf dem Weg ins Nichts" bezeichnet hatte, scheint vergessen. Die Vorzugsbehandlung an der Führungsakademie, mit Kameradschaftsabend und Übernachtung, gilt in der an Führungsfiguren inzwischen armen Szene als Bonitätsnachweis. Die stille Hoffnung, daß Roeder auch manchem im rechtskonservativen Lager aus der Seele spricht, fördert das Selbstbewußtsein.
Am "Tag des nationalen Widerstandes" Anfang Februar in der Nibelungenhalle in Passau umjubelten mehr als 4000 überwiegend junge NPD-Anhänger den als "Patrioten" gerühmten Gast.
Roeder, der parteilos bleiben will, hält die NPD für die "einzig wählbare nationale Alternative", die durch "eine Außerparlamentarische Opposition, wie ich sie verkörpere", ergänzt werden müsse.
Kaum einer scheint dafür so geeignet wie er. Denn Roeders Vita liest sich wie ein Schlüsselroman der deutschen Nachkriegsrechten. 1945, im Alter von 16 Jahren, hatte sich der Sohn eines alten NSDAP-Parteigenossen freiwillig zur Wehrmacht gemeldet. Vater Herbert Roeder, geboren im russischen St. Petersburg, war als glühender Antikommunist gemeinsam mit seiner Frau 1931 der NSDAP beigetreten. Für den Sohn als Absolventen einer Nationalpolitischen Erziehungsanstalt (Napola), wo die Nazis ihre Nachwuchselite formten, war dies, wie er noch heute sagt, "eine Selbstverständlichkeit".
Auf seine "strenge und gute Erziehung" in der Napola ist Roeder heute noch stolz. Ganz im Sinne des Führers, der von "Stubenhockern" und "vorwiegend geistiger Kost" nicht viel hielt, gab es in der Nazi-Kaderschmiede mehr Sport als Schulung.
"Deswegen", freut sich Roeder in seinem Arbeitszimmer im "Haus Richberg" auf dem Knüllköpfchen im hessischen Schwarzenborn, "bin ich immer noch so fit." Trotz seiner 69 Jahre wirkt der Mann, der seine Frau "Mutti" nennt, fast wie ein Hitlerjunge, einer mit Tränensäcken. Und als solcher gerät er schnell ins Schwadronieren - über soldatische Tugenden und jene Tage kurz vor Kriegsende, als er in einem Schützengraben in Berlin-Gatow lag und auf heranrückende Rotarmisten feuerte: "50 Meter vor mir türmten sich die Toten zu Dutzenden." Heldenepen, die niemand überprüfen kann.
Es folgte eine bürgerliche Nachkriegskarriere. Roeder studierte Jura, arbeitete als Rechtsanwalt unter anderem als Rechtsberater im US-Hauptquartier in West-Berlin. Er war Mitglied der CDU und gründete 1967 in West-Berlin einen "Demokratischen Klub", der die "demo-
kratisch gesinnten Berliner" gegen die "Aktionen der politischen Extremisten" mobilisieren wollte - gemeint waren die rebellischen Studenten.
Selbst dem ehemaligen Berliner Innensenator Heinrich Lummer, einem Mann, der auf dem rechten Auge mitunter Sehschwächen hat, fiel Roeder unangenehm auf: "Der hatte einen Hang zum Eiferer."
In der "Moralischen Aufrüstung" (MRA), einer missionarischen Bewegung, die der Amerikaner Frank Nathan Daniel Buchman in den dreißiger Jahren aufgebaut hatte, konnte Roeder diese Neigung ausleben. Er gehörte zum kadermäßigen Kern der weltweit operierenden MRA, den "Fulltimern", die sich als "geschulte Menschen-Erneuerer" begriffen.
Die MRA war stark von einem autoritären Kollektivismus geprägt. Ihre Vordenker wetterten gegen "Individualismus und Selbstsucht", forderten, "alles für etwas Großes zu geben" und propagierten "Führung" sowie mystische Erlösungsversprechen. Auf frühere Nationalsozialisten wie Roeder wirkten derlei Sätze wie ein ideologisches Methadonprogramm.
1970 startete er eine Kampagne gegen die Sexwelle - nach einem Kinoabend mit Oswald Kolles Aufklärungsfilm "Dein Mann - das unbekannte Wesen", den Roeder flugs als "Schweinkram" einstufte.
Fortan zog der Saubermann gegen die "allgemeine Sittenverwilderung" zu Felde. Er bekämpfte Sexmessen mit Farbbeuteln und Buttersäure. Mit solchen Radauaktionen für die "Erneuerung des Volkes" begann Roeders geistige Rückreise zu den ideologischen Mythen seiner frühen Jugend.
Im Kampf gegen den Sittenverfall gründete er 1970 die "Deutsche Bürgerinitiative" und verließ die CDU. Einen Verbündeten fand er ab 1972 in dem früheren SS-Mann Thies Christophersen, der während des Zweiten Weltkriegs Wachmann im Konzentrationslager Auschwitz war.
Roeder ermunterte ihn, eine Schrift zu verfassen, die den Massenmord an Juden leugnete: "Die Auschwitz-Lüge". Er selbst schrieb 1973 das Vorwort, in dem er gegen "jüdische Weltherrschaftscliquen" wetterte und behauptete, Hitler habe "gar nicht die Juden umbringen" wollen.
Die 40seitige Broschüre, die bald zur Bekenntnisfibel der Neonazis avancierte, brachte ihm 1976 eine Freiheitsstrafe von sieben Monaten auf Bewährung plus 3000 Mark Geldstrafe ein. Roeder erhielt Berufsverbot als Rechtsanwalt. Von diesem Zeitpunkt an wurde seine Nazi-Neigung zum Fulltime-Job.
1975 versuchte er vergebens, den Hitler-Nachfolger Großadmiral Karl Dönitz davon zu überzeugen, sich als deutsches Staatsoberhaupt zu präsentieren. Nachdem der "verehrte Herr Reichspräsident", wie Roeder ihn brieflich ansprach, dankend abgelehnt hatte, trat Roeder selbst als "Sprecher aller reichsbewußten und rechtsbewußten Bürger" auf und berief als eine Art selbsternannter Reichsverweser "Reichstage" ein - mal vor dem Deutschen Haus in Flensburg (1975), mal in einem kirchlichen Gebäude in Regensburg (1977). Mitunter kamen einige hundert Anhänger.
Die Räume für den "Reichstag" in Regensburg hatte der 1992 verstorbene katholische Bischof Rudolf Graber zur Verfügung gestellt, ein alter Nazi-Anhänger, der noch Jahrzehnte nach dem Ableben des Führers über den "biologischen Niedergang" des deutschen Volkes und die "Rettung der weißen Rasse" sinnierte.
Roeder, der sich von seinen Verehrern mit einem bizarren Personenkult feiern ließ (Parole: "Unser Recht, unser Reich, unser Roeder"), hetzte auf den Versammlungen im "Stürmer"-Stil gegen das "verjudete Angelsachsentum" als "Vorhof der Hölle" und rief zum "wahren Befreiungskampf".
Die "aufgezwungene Demokratie" müsse "bis zum letzten Atemzug bekämpft" werden. Terror, schrieb er 1977 in einem Rundbrief seiner Deutschen Bürgerinitiative, sei "sogar zu begrüßen", es könne "gar nicht schlimm genug kommen".
Den martialischen Parolen des Rechtsextremisten, der von Verfassungsschützern lange als Spinner belächelt wurde, folgten bald Taten. 1978 ging Roeder in den Untergrund, um eine sechsmonatige Haftstrafe wegen Volksverhetzung nicht antreten zu müssen. In den USA besorgte er sich einen falschen Paß auf den Namen seines verstorbenen Freundes Rick Norton.
Als Mr. Norton reiste er nach Damaskus, Beirut, Teheran und Südafrika und suchte eifrig Bündnispartner. In Beirut nahm er Kontakt zur Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO auf, der er sich als Vorkämpfer gegen den Zionismus andiente. Arafat-Getreue ließen Roeder Anfang 1980 Bunker und Flakstellungen inspizieren.
Beim Mullah-Regime im Iran beantragte der Neonazi Anfang 1980 politisches Asyl. Es wurde gewährt, doch Roeder war pleite und kehrte im Februar 1980 mit falschem Paß nach Deutschland zurück, wo er die "Deutschen Aktionsgruppen" gründete. Dem Quartett gehörten neben Roeder dessen Arzt Heinz Colditz, der Handwerker Raymund H. und die Arzttochter Sibylle V. an.
Im Februar 1980 verübte die Gruppe einen Bombenanschlag auf das Landratsamt Esslingen, in dessen Räumen eine Auschwitz-Ausstellung stattfand. Roeder selbst rührte Bomben nicht an. Der Inspirator ließ nach der Explosion im Landratsamt mit den Kameraden lediglich Sektkorken knallen und stieß im Hause Colditz mit den Bombenlegern auf den Beginn des "Befreiungskampfes" an.
Es folgten Anschläge der braunen RAF-Nachahmer auf die Janusz-Korczak-Schule in Hamburg, wo die SS bei Kriegsende jüdische Kinder hatte umbringen lassen, auf das Bundessammellager für Asylbewerber in Zirndorf und auf eine Asylunterkunft in Lörrach. Dort wurden drei Eritreer verletzt.
Den schwersten Anschlag begingen die Rechtsterroristen am 22. August 1980 in Hamburg. Sibylle V. und Raymund H. warfen drei Molotowcocktails in eine Asylunterkunft in der Halskestraße im Stadtteil Billbrook. In den Flammen starb der 21jährige vietnamesische Flüchtling Nguyen Ngoc Chan. Sein 18jähriger Freund Do Anh Lan erlag wenige Tage später den Folgen seiner schweren Brandverletzungen.
Es war der erste Mordanschlag rechtsextremistischer Terroristen auf das Leben von Menschen, die in der Bundesrepublik politisches Asyl gesucht hatten. Die beiden Vietnamesen waren im April 1980 von dem deutschen Flüchtlingsschiff "Cap Anamur" gerettet und nach Hamburg gebracht worden. Roeder, der in den Opfern des Anschlags "keine Menschen, sondern Halbaffen" sah, und die anderen Bandenmitglieder wurden im September 1980 verhaftet.
Im braunen Untergrund, so stellte sich nach Beschlagnahme des Roederschen Tagebuches heraus, waren dem "Menschenerneuerer" seine moralischen Maßstäbe in puncto Sex arg entglitten. Der Moralprediger hatte im März 1980 ein Verhältnis mit der damals 23 Jahre alten Kameradin Sibylle begonnen. Er nannte sie zärtlich "Thusnelda" und notierte in seinem Tagebuch, wenn Martin Luther "aus Protest gegen Papst und Kirche und Zölibat" Katharina von Bora geheiratet habe, stünden ihm "aus Protest gegen alle bürgerliche Enge mindestens zwei Frauen" zu.
Daß die 27 Jahre jüngere Frau ihm hörig war, nutzte der Mann, der jahrelang vor der "Zerstörung der Familie" gewarnt hatte, skrupellos aus. In seinem Tagebuch notierte er über seine hilflose Gefährtin: "Sib. folgt meinen Anregungen und meiner Führung vorbehaltlos." Den Bombenanschlag von Hamburg habe sie begangen, als sie Roeder "geistig und sexuell hörig" gewesen sei, konstatierte die Bundesanwaltschaft.
Die mädchenhafte Geliebte, der eine Gerichtssachverständige eine "ausgeprägte Gefühlsbestimmtheit ihres Handelns" bescheinigte, erkannte später selbst ihren Hang zum "Prinzip von Befehl und Gehorsam". Für sie, so die Ex-Terroristin rückblickend, sei "immer eine Bezugsperson richtungweisend" gewesen.
Dem "Menschen-Erneuerer" war sie begegnet, nachdem sie die Tochter des Roeder-Arztes in Hamburg kennengelernt hatte. In ihrem Tagebuch verklärte sie Roeder als "unseren Führer", dem "wir bedingungslos folgen" müßten. Die Folgen dieser Gefolgschaft gegenüber dem Ver-Führer waren für die junge Frau bitter. Das Oberlandesgericht Stuttgart verurteilte sie wegen des Hamburger Brandanschlages 1984, zweifachen Mordes und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu zwölf Jahren Haft, von denen sie acht in Stuttgart-Stammheim absaß.
Roeder, vom Stuttgarter Oberlandesgericht wegen Rädelsführerschaft in einer terroristischen Vereinigung 1982 zu 13 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, hatte sich schon während des Prozesses von seiner Geliebten abgewandt, die er heute mit kalter Distanz als "naiv und total unbeleckt" einstuft.
Im Gegensatz zu Sibylle V., die nach dem Anschlag jahrelang an Depressionen litt, kennt Roeder keine Reue. Mit dem Tod der Asylanten habe er "nichts zu tun", behauptet er kaltschnäuzig. Schließlich sei er selbst an den Anschlägen nicht beteiligt gewesen.
"Jeder Mann ist der Versuchung einer schönen Frau ausgeliefert", resümiert der Ex-Moralapostel rückblickend das Verhältnis zu seinem Opfer. Der Mann kehre nach einem solchen Abenteuer doch "wieder zum Gehabten, Gesitteten zurück" - so als wolle er die Theorie des Sozialpsychologen Erich Fromm über den rebellischautoritären Charakter bestätigen.
Für die Rückkehr zu Traudel Roeder gab es neben dem weltanschaulichen Hang zu Familie und Vaterland auch pragmatische Gründe. Das geräumige zweigeschossige Haus Richberg, von Roeder schon mal als "Reichshof" tituliert, gehört "Mutti".
In der Haftzeit hat Roeder sein ausgeprägtes Talent zum Tarnen, Tricksen und Täuschen noch verfeinert. Noch aus dem Gefängnis heraus gelang es ihm 1987, im zwischenzeitlich eingestellten Frankfurter Sponti-Blatt "Pflasterstrand", zu dessen Herausgebern Daniel Cohn-Bendit gehörte, als vermeintlich geläuterter "Ex-Nazi" einen Beitrag gegen die Anti-Terrorgesetze zu veröffentlichen.
1990 wurde Roeder aus der Haft entlassen, im Februar 1993 gründete er das Deutsch-Russische Gemeinschaftswerk, das sich laut Satzung der "humanitären Hilfe" und dem "Gedanken der Völkerverständigung" verschrieben hat.
Mit Rundbriefen seiner Deutschen Bürgerinitiative sammelte Roeder großspurig Spenden für die Schaffung von "Musterdörfern" im früheren Ostpreußen, um wieder eine "echte Heimat für Deutsche" in dem Gebiet an der Ostsee zu schaffen. Mit der Realität hatten die Roederschen Versprechungen nicht viel zu tun. Im Dörfchen Olchowatka östlich von Kaliningrad, früher Königsberg, zum Beispiel wollte Roeder vier Häuser bauen, doch nur eines wurde halbwegs fertig. Was mit den gesammelten Geldern geschah, steht dahin. Rund ein dutzendmal reiste Roeder nach Rußland, bis er 1995 auf Initiative des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB Einreiseverbot erhielt.
Bei seinen Aktivitäten kann sich Roeder, der laut eigener Angabe als "Schriftsteller" von 1500 Mark im Monat lebt, seit Jahren auf einen Kreis von rund hundert Spendern stützen, die monatlich meist Beträge zwischen 50 und 100 Mark überweisen. Ein jährliches Spendenaufkommen von rund 100 000 Mark ermöglicht es ihm nicht nur, seine Rundbriefe monatlich in einer Auflage von 1200 Exemplaren mit der Post zu versenden.
Aus dem Spendentopf, gefüllt von Kameraden vorwiegend reiferer Jahrgänge, darunter zahlreiche Witwen mit einer Vergangenheit im Hitlerschen Bund Deutscher Mädel (BDM), bestreitet Roeder auch Postwurfsendungen und Anzeigenkampagnen mit Parolen gegen Asylanten, Rauschgift und den "Ausverkauf Deutschlands".
Daß gegen den "Patrioten" gegenwärtig mehrere Ermittlungsverfahren laufen, wegen Betrugs in Sachen Ostpreußenhilfe und wegen Volksverhetzung, Beleidigung und Verunglimpfung von Verfassungsorganen, scheint seine meist bürgerlichen Spender nicht zu stören. Schließlich geht es um Deutschland, und Roeder bestreitet, sich strafbar gemacht zu haben.
Auch Kirchenfunktionäre sind dem völkischen Mahner zugetan. Per Post, in Anzeigen und als Mitautor in einem Buch verbreitet Roeder 95 Thesen zum Lutherjahr. Im Aufbau grob angelehnt an Luthers Thesen von 1517 und als theologische Debatte getarnt, leugnet Roeder die deutsche Schuld am Zweiten Weltkrieg und verbreitet subtilen Antisemitismus.
Von Kriegsschuld zu reden, so Roeder, sei "eine moderne Erfindung des Teufels", eine "Wiedergutmachung" verstoße gegen Wahrheit und Gerechtigkeit, "Wochen der Brüderlichkeit" zwischen Juden und Christen seien "Heuchelei", es gebe "keine besonders bösen Deutschen und keine makellosen Juden".
Die braunen Thesen, die er in einem Rundschreiben als "eine Art Wunderwaffe" charakterisiert, die dazu diene, "den weltanschaulichen Stellungskrieg wieder in Bewegung zu bringen", scheinen in einigen Kirchenkreisen salonfähig zu sein.
Kirchenrat Rainer Stahl, Referent des evangelischen Bischofs von Thüringen, Roland Hoffmann, bedankte sich per Brief bei Roeder für die Zusendung seiner Thesen und antwortete, er stimme einigen seiner Aussagen, etwa gegen eine deutsche "Kollektivschuld" zu.
Was die deutsche Kriegsschuld angehe, schrieb der Kirchenrat dem Nazi, habe "ich das dumpfe Gefühl, daß Sie im Tiefsten recht haben".
Angetan zeigte sich auch Franz Gruber, bayerischer Provinzsekretär des katholischen Franziskanerordens von den ihm zugesandten Ausführungen Roeders. In einem Dankschreiben wünschte der Observant des Ordens unter der braunen Kutte Roeder "von ganzem Herzen Glück, Segen und viel Erfolg in Ihren Bemühungen um das Wohl des deutschen Volkes". Die Franziskanermönche, versicherte Gruber dem Neonazi, würden "Ihr spezielles Anliegen im Gebet vor den Thron Gottes tragen".
* 1980 nach einem Bombenanschlag der Roeder-Bande in Hamburg-Billbrook. * Oben: am 7. Februar in der Passauer Nibelungenhalle; unten: am 28. Juni 1982 vor Gericht. * Am 4. Februar vor dem Bundeswehruntersuchungsausschuß in Bonn.

DER SPIEGEL 18/1998
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