27.04.1998

LEICHTATHLETIKDreimal Bums Fidel Fallera

Eine Posse um den Berliner Schwulenverein „Vorspiel“ zeugt von den Verklemmungen im Umgang mit homosexuellen Sportlern.
Im Stadtbad Berlin-Mitte bläst der Schwimmtrainer Ulrich Garlt kräftig in seine Trillerpfeife. Einige Müßiggänger, die am Beckenrand einen Plausch halten, scheucht er rüde zurück ins Wasser ("Das ist kein Kaffeekränzchen"). Einen Sportler, der mit ausladenden Bewegungen durchs Becken pflügt, mahnt er energisch zu züchtigem Stil: "Thomas, wackel nicht so mit den Hüften."
Im Club der Schwulen und Lesben herrschen Anstand und Sitte. "Wir sind keine tuntige Duschgruppe", sagt Garlt, der einmal ein erfolgreicher Leistungsschwimmer war und nun das Team des Homosexuellen-Sportvereins "Vorspiel" trimmt.
Unentwegt bimst er seiner Klientel ein, daß es beim Treiben in der Halle um Sport geht, und um sonst gar nichts. Diese Botschaft versteht der Übungsleiter auch als Teil einer vereinsweiten Imagekampagne. Denn wenn es um die Belange des mit 800 Mitgliedern größten Schwulen- und Lesben-Clubs in Europa geht, treiben die Phantasien mancherorts in Berlin schon genug bizzare Blüten.
Acht Jahre lang führten die Kollegen der Leichtathletik-Abteilung mit dem Berliner Leichtathletik-Verband (BLV) einen delikaten Streit. Vordergründig ging es dabei um eine Formalie: Der BLV verweigert den homosexuellen Sportlern die Aufnahme. Den Funktionären ging der Vereinstitel "Vorspiel" zu weit.
Was als Posse um einen Namen begann, mündete in ein Politikum: Die Debatte um die Ausgrenzung von Minderheiten reichte bis hinauf in den Berliner Senat. Vergangene Woche nahm der Vorgang eine neue Wendung, die Schwulen treiben der Satisfaktion entgegen: Beim Verbandstag am Dienstag dieser Woche sollen die Vorspieler jetzt doch die offizielle Weihe erhalten.
Die Schadensbegrenzung kommt allerdings zu spät. Längst gilt der Fall als bundesweites Muster für die Verklemmungen im Umgang mit homosexuellen Athleten. Und der organisierte Sport in Berlin steckt in der Klemme: Zwar kämpft der mittlerweile gegen Drogen und Ausländerfeindlichkeit - auf das sportive Treiben der Männerfreunde allerdings, so werfen ihm Kritiker vor, reagiere er nach vatikanischem Vorbild.
Dabei ging es zunächst nur um ein semantisches Problem. Den Hang zu schlüpfriger Namenssymbolik verstehen Homosexuellen-Vereine als Zeichen für Selbstbewußtsein und Eigenständigkeit. "Quickies" heißen im Vereinsorgan von Vorspiel etwa die Kurzmeldungen. "Warminia" nennen sich die gleichgesinnten Sportsmänner aus Bielefeld. Die sittenstrengen Funktionäre sperren sich gegen diese Art der Selbstdarstellung. "Sexuelle Neigungen gehören nicht in den Titel", ließ der Verband wissen, als Vorspiel erstmals um Anerkennung warb - und wies das Gesuch mit Rücksicht auf das "sportliche und gesellige Vereinsleben" der Stadt zurück.
Mit der Ablehnung im vergangenen Jahr teilte der BLV die Bedenken eines Sportsfreundes aus Neukölln. Der hatte davor gewarnt, als nächstes werde womöglich ein Club mit dem Namen "Dreimal Bums Fidel Fallera" um Mitgliedschaft bitten.
Einer "rufschädigenden Schwulenhatz" sehen sich seither die Vorspiel-Sportler ausgesetzt. Vorstandsmitglied Ortwin Passon zieh die BLV-Funktionäre der "Homophobie".
Der Verband blieb unbeeindruckt. Die Tugendwächter wissen ihre Haltung auf juristischem Fundament. Die Kombination von "Vorspiel" und "Schwuler" bewirke "unsachliche, der Integration aller Leichtathleten entgegenwirkende Emotionen", entschied 1992 das Kammergericht Berlin. Der Name "Vorspiel" lasse vermuten, der Verein interpretiere Sport als "Vorwand zur Partnerschaftsanbahnung". Das Urteil ist mittlerweile Kulturgut. Als Exponat VII. 196 fand es Einlaß in der Ausstellung "100 Jahre Schwulenbewegung" der Berliner Akademie der Künste.
Das Stück soll nicht nur für sich wirken, sondern auf generelle Tendenzen hinweisen. Denn in der Tat hat der rustikale Umgang mit Homosexuellen im Sport Tradition.
Aus Angst vor Repressionen verbarg selbst die einstmals weltbeste Tennisspielerin Martina Navratilova lange ihren Hang zum Weibe. Denn bisweilen begegnen reaktionäre Vereinsfürsten der sexuellen Andersartigkeit mit offener Ablehnung: So sah ein Präsident im Schweizer Kanton Zürich seinen Verein zum "Ausleben abnormer Veranlagungen" mißbraucht - im Frauen-Fußballteam kickten sieben Lesben. Die Riege wurde aufgelöst.
Der Fußball war schon immer Keimzelle sonderbarer Berührungsängste. Erzählungen von Ruhmestaten im Lendenbereich prägen hier ganze Vereinsabende. Als die Homosexuellen-Europameisterschaft "Eurogames" 1995 in Frankfurt anstand, befiel den Deutschen Fußball-Bund (DFB) jedoch eine plötzliche Verspannung. In einer internen Direktive warnte er alle Spielerinnen der Nationalmannschaft, daß sie nicht mehr mit einer Berufung in die DFB-Auswahl rechnen könnten, sollten sie an dem Turnier teilnehmen.
Um einen "unbelasteten Raum" (Passon) zu schaffen, in dem Homosexuelle ihre Neigungen nicht weiter verbergen müssen, gründeten sich in den achtziger Jahren die Schwulen- und Lesben-Vereine. Heute hat sich diese Sportszene zu einer anerkannten Bewegung formiert.
Im August werden in Amsterdam über 15 000 Aktive zu den vierten Gay Games, dem Pendant zu den Olympischen Spielen, erwartet. Erstmals treten dort mit der Fluggesellschaft KLM und Bierbrauer Heineken Großfirmen als Sponsoren auf.
An Solidaritätsbekundungen mangelt es auch in Deutschland nicht. Die Schirmherrschaft der "Eurogames" vor zwei Jahren in Berlin übernahm Bürgermeister Eberhard Diepgen. Bundespräsident Roman Herzog übermittelte eine Grußbotschaft.
Mit seiner verstockten Haltung stand der BLV daher zuletzt allein. Längst ist der Verein Vorspiel, dessen Abteilungen mehrere Berliner Meister stellen, hoch angesehen. Vorstandsmitglied Passon ist Träger der Ehrenmedaille "Förderer des Sports".
Eine stramme Allianz aus Politik und Sport hatte der Berliner Verband mithin herausgefordert. Zwischenzeitlich drohte das Gezänk den örtlichen Sport sogar in eine Krise zu stürzen.
Die Bezirksverwaltung Tiergarten kündigte an, ihre Hallen für alle beim BLV gemeldeten Vereine zu sperren. "Langsam lächerlich" empfand Sport-Staatssekretär Klaus Löhe (SPD) die Blockade des BLV. Besorgt um den Ruf der weltoffenen Metropole, forderte die Senatorin für Schule, Jugend und Sport, Ingrid Stahmer, beim Schlichtungsgespräch in der Vorspiel-Stammkneipe "Anderes Ufer" den Verband zur Umkehr.
Nun hat der BLV dem Druck nachgegeben. Zum Durchbruch verhalf offiziell die Feinheit der Sprache.
Weil neuerdings auch Lesben in dem Homosexuellen-Verein sporteln, änderte der Club jüngst den Namen von "Vorspiel - Schwuler Sportverein" in "Vorspiel - Sportverein für Schwule und Lesben".
Durch die "vorgenommene räumliche und auch sinngemäße Trennung der Worte Vorspiel und schwul", heißt es in dem Verbandsschreiben, "sind unsere Bedenken erledigt".

DER SPIEGEL 18/1998
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