Die Wände hängen voller goldener Schallplatten, eine freundliche Helferin serviert artig Getränke, doch die beiden Männer, die sich da in rollbaren ledernen Bürostühlen lümmeln, haben trotzdem schlechte Laune - sie gehören nun mal zu jener Sorte Musiker, die davon überzeugt ist, daß ein Gitarren-Solo mehr sagt als tausend Worte.
Also jammern Jimmy Page, 54, und Robert Plant, 49, ein bißchen darüber, daß der gute alte Rock'n'Roll leider nur noch ein Geschäft sei, blicken griesgrämig im trophäenverzierten Büro ihres Managers umher und lehren neugierige Journalisten erst mal das Fürchten: "Damit eines gleich mal klar ist", raunzt Plant, "wir reden überhaupt nur, weil wir angeblich damit ein paar CDs mehr verkaufen - aber wir tun es zu unseren Bedingungen."
Page und Plant sind seit mehr als 30 Jahren im Rockgeschäft, und sie kennen dessen Regeln. Als Chefs der Band Led Zeppelin waren die beiden in den siebziger Jahren spektakulär erfolgreich; mit dem genialen "Stairway To Heaven" gelang ihnen jener Song, der bis heute zu den meistgespielten Rock'n'Roll-Stücken der Welt zählt.
Im Frühjahr 1998 aber weigern sich Plant und Page, über Led Zeppelin auch nur ein paar Sätze lang zu reden - und drohen mit Rausschmiß schon bei der Erwähnung des Bandnamens: Schließlich geht es dem mürrischen Duo allein darum, das aktuelle Album ihrer neuen Unternehmung "Page & Plant" anzupreisen; das allerdings mit hohntriefenden Nullsätzen wie diesem: "Die neue Platte steht für sich."
Die beiden Altrocker nutzen jede Begegnung mit Medienmenschen dazu, Rache zu nehmen für erlittene Verunglimpfungen. Ihre Karriere, so behaupten sie, sei erkämpft gegen die Macht von Presse und Radio. "Viele Jahre lang", so erinnert sich Plant, "wurden wir von den Kritikern nur bespuckt und beschimpft."
Dabei war Jimmy Page schon in jungen Jahren, lange vor der Gründung von Led Zeppelin, eine Art Star im geheimen. Der virtuos begabte Gitarrist wurde in den Sechzigern von allerlei Berühmtheiten als Studiomusiker engagiert: Mit den Kinks etwa nahm er den Klassiker "You Really Got Me" auf, mit Shirley Bassey den Evergreen "Diamonds Are Forever" und mit Van Morrisons Band Them den Wundersong "Gloria". Später fand er zu den Yardbirds, und erst als er sich auch dort über zuwenig Platz für eigene Eskapaden grämte, startete er 1968 Led Zeppelin - mit den Provinzrockern John Bonham am Schlagzeug, John Paul Jones am Baß und Plant als Sänger.
Von Anfang an erklärten die vier Briten, daß sie es vor allem auf die Rock'n'Roll-Trophäen Geld, schöne Frauen und Drogen abgesehen hatten, und weil sie die in den USA leichter zu erbeuten hofften, handelten sie mit dem New Yorker Musikmanager Ahmet Ertegun und dessen Firma "Atlantic Records" den bis dahin höchstdotierten Vertrag der Musikgeschichte aus. Das Debüt der damals allein von Page geleiteten Band war sensationell - und gilt bis heute als Begründung eines neuen Genres, des Heavy Metal.
Der grimmige, wüste Bluesrock voller monumentalem Pathos begeisterte zwar die Hörer und füllte bald Stadien, die meisten Kritiker aber prangerten den Stumpfsinn der "aufgeblasenen Epigonen" an - zeitweise sei es so schlimm gewesen, berichtet eine Band-Biographie, daß ihr Manager die Artikel vor den Musikern versteckte.
Immerhin gaben sich die Jungs alle Mühe, ihr finsteres Image durch prahlerische Exzesse zu bestärken: Von Drogen- und Sex-Partys am Swimmingpool war die Rede, von Groupies, die zur Freude der Stars erotischen Humbug mit Hummern trieben - und zur Empörung gottesfürchtiger Eltern verbreitete sich auch bald das Gerücht, die wildgewordenen Briten seien mit dem Satan im Bunde.
Pop-Historiker verbreiten heute, Led Zeppelin habe in den Siebzigern mehr Geld verdient als jede andere Band der Welt; und das, obwohl sie sich weigerten, Singles zu veröffentlichen. Selbst die Hymne "Stairway To Heaven" gab es nur auf einem Langspielalbum - weil das Werk mittlerweile einer der Standardsongs bei Hochzeiten ist, spricht Plant heute nur noch von "the bloody wedding song".
Ende der Siebziger liefen die Geschäfte plötzlich schlechter, Trommler Bonham (Kosename "Bonzo") fiel nach einer durchzechten Nacht tot um; und weil Plant und Page, nunmehr gleichberechtigte Doppelspitze der Band, sich ausgiebig öffentlich beschimpften, löste sich die Band auf. "Eigentlich konnten wir uns nie ausstehen", behauptete Plant.
Erst vor vier Jahren versöhnten sich die beiden mittlerweile angejahrten Radaubrüder, präsentierten das exotische Folkrock-Album "No Quarter" und gingen noch mal auf Tournee. Auf ihrer neuen Platte "Walking Into Clarksdale" erstaunten sie die nun ungleich respektvollere Kritik mit zahmen Rocksongs. "Wir machen, wozu wir Lust haben, und wir verdienen Geld dabei", sagt Plant, "was soll daran auszusetzen sein?" So sind die Helden, die einst die steilen Stufen in den Rockerhimmel besangen, nun als zickige Spaßvögel unterwegs auf der Treppe ins Rentnerparadies.
DER SPIEGEL 18/1998
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