04.05.1998

GENTESTBormanns Skelett eindeutig identifiziert

Gleich zweimal wurde Martin Bormann amtlich für tot erklärt. Doch die Spekulationen um den nach Adolf Hitler mächtigsten Mann der Nazi-Zeit hielten sich Jahrzehnte. Eine DNS-Analyse brachte jetzt Gewißheit: Der 1972 in Berlin gefundene Schädel gehört zu Bormanns Skelett.
Der Stoff, in dem die wahre Erkenntnis lag, wiegt nur den Bruchteil eines Gramms. Er stammt aus dem Skelett eines Mannes, der zu Lebzeiten um die 1,70 Meter groß war.
Der bräunliche Schädel und andere Knochen des Toten wurden vor über 25 Jahren aus Berliner Erde nahe des Lehrter Bahnhofs geborgen. Dann lagen sie unter Verschluß bei Kripo und Staatsanwaltschaft - als Asservat eines Frankfurter Ermittlungsverfahrens, mit dem Aktenzeichen Js 11/61.
Monatelang beschäftigten diese Beweisstücke Gerichtsmediziner in Frankfurt am Main, Bern und München. Ihr Job war Knochenarbeit. Sie sollten aus dem kleinen Rest Mensch das Erbmolekül Desoxyribonukleinsäure (DNS) isolieren - um eine Frage beantworten zu können, die weltweit bis heute immer noch gestellt wurde: War der Tote wirklich Martin Bormann, in Nazi-Deutschland zweitmächtigster Mann nach Adolf Hitler?
Das Vergleichsmaterial für den Gentest, zwei Ampullen Blut, hatte eine 83jährige Dame geliefert, die nahe der hessischen Kleinstadt Gelnhausen lebt. Sie ist die Enkelin von Amalie Vollborn, einer Schwester der Bormann-Mutter Antonie.
Deren Blutsverwandter war Hitlers engster Handlanger und umtriebigster Schreibtischtäter. Er fungierte als Reichsleiter der NSDAP, als Reichsminister, als Leiter der Parteikanzlei, als Sekretär des Führers, als politischer Chef des Volkssturms und SS-Obergruppenführer, und er war mitverantwortlich für millionenfachen Mord.
Über Jahrzehnte galt Bormann als der meistgesuchte Mann der Welt. Dabei war sein Schicksal amtlich längst doppelt besiegelt. Im Januar 1954 erklärte ihn ein Gericht in Berchtesgaden für tot und legte den Sterbetag auf den 2. Mai 1945, 24 Uhr, fest. Der Tod ist unter der Nummer 29223 in einem Berliner Standesamt registriert.
Frankfurter Staatsanwälte, die zwölf Jahre lang gegen Bormann ermittelten, hatten nach dem Berliner Knochenfund und peniblen Recherchen das Verfahren eingestellt und den bis dahin gültigen Haftbefehl aufheben lassen. In einem langen Vermerk waren sie im April 1973 zu dem Schluß gekommen, daß das Skelett "mit Sicherheit" mit "dem Angeschuldigten Martin Bormann ... identisch" sei.
Diesem Ergebnis deutscher Gründlichkeit wurde immer wieder mißtraut. Legenden und Mythen weisen erstaunliche Halbwertszeiten auf, aber nun hat die Wissenschaft gesprochen. Bormann ist Bormann - eindeutig, unzweifelhaft. Es seien lediglich noch "ein paar Kleinigkeiten abzuarbeiten", formulierten Ende vergangener Woche Frankfurter Justizkreise. Was die moderne Gentechnik an Sicherheit geben könne, hieß es, sei jedoch erzielt worden.
Anders als ihren hessischen und schweizerischen Kollegen ist es den bayerischen Rechtsmedizinern gelungen, mit DNS-Hilfe endgültig ein besonderes deutsches Schicksal zu klären. Es sei "für uns schmerzlich", schrieb noch im vergangenen Jahr der älteste Bormann-Sohn Martin, 68, daß es über den Verbleib "unseres Vaters seit dem 2. Mai 1945 keine Sicherheit" gebe.
Nun wird Bormann junior, einst Mitglied der Ordensgemeinschaft der Herz-Jesu-Missionare und Religionslehrer, für eine ordentliche Bestattung der Gebeine sorgen. Ort und Zeit der Feierlichkeit sollen streng geheim bleiben. Die Familie will vermeiden, daß die Ruhestätte zu einem Wallfahrtsort für Neonazis und alte Kameraden wird.
Der Fall Bormann war die Nachkriegsphantasterei schlechthin und ein Kriminalstück ersten Ranges. Mindestens 16mal wurden Männer unter dem Verdacht festgenommen, Bormann zu sein. Mehrfach wurden vermeintliche Bormann-Gräber ausgehoben. Allein bis Anfang der siebziger Jahre gingen Fahnder 6400 Hinweisen nach.
Hitlers Helfer war Hauptdarsteller in einem internationalen Verwirrspiel, das noch absurder wirkt, seitdem das Gen-Ergebnis bekannt ist. Nannte er sich nach dem Krieg Manfredo Berg? Kurt Gautsch? Van Cloothen, José Pessea, Luigi Boglilio oder Eliezer Goldstein? Oder Josef Jany? Oder Martini Bormagione?
War er als angeblicher Mönch im römischen Franziskanerkloster Sant''Antonio untergekommen? Oder in der Benediktiner-Abtei Montserrat im Nordosten Spaniens? Als katholischer Priester in Polen?
Litt er an Magenkrebs? An Lungenkrebs? An Leberzirrhose? Tötete ihn ein jüdischer Arzt mit der Überdosis eines Herzmittels? Oder riß ihm eine Granate den Kopf ab?
Starb Bormann nicht doch 1952 in Italien? Oder 1959 in Paraguay? 1973 in der Sowjetunion? 1975 in Argentinien? 1989 in Großbritannien?
Wurde er im paraguayischen Städtchen Itá beigesetzt? An unbekannter Stelle in England? In einem Hochgrab auf dem römischen Friedhof Verano?
Von Hunderten Lesarten über seinen Verbleib hatten sich im Laufe der Jahre drei als die wahrscheinlichsten festgesetzt.
Version 1: Bormann flüchtete an Bord eines deutschen U-Boots nach Südamerika. Er versuchte, mit reichlich gefüllter Kasse, ein Viertes Reich zu organisieren. Unter anderem betrieb er im Grenzgebiet von Brasilien und Paraguay eine Ranch mit mehreren tausend Quadratkilometer Land.
Version 2: Bormann wurde schon kurz nach Kriegsbeginn 1939 russischer Agent - und wechselte nach Hitlers Tod endgültig zu Stalin über. Reinhard Gehlen, erster Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND), gilt hierfür als prominentester Zeuge.
Version 3: Bormann verließ die zerstörte Reichskanzlei, um dem neuen Staatschef Karl Dönitz das Testament Hitlers zu überbringen. Russen stoppten ihn. In auswegloser, verzweifelter Lage schluckte er Gift. Er starb neben dem SS-Obersturmbannführer Ludwig Stumpfegger, Hitlers letztem Leibarzt, und wurde wenig später als Namenloser unweit des Todesortes bestattet. Bis heute ist diese Version die offizielle - und sie findet im Münchner Untersuchungsergebnis ihre Bestätigung.
Das immense öffentliche Interesse an Bormann stand stets in direktem Widerspruch zu seiner Biographie bis zum Mai 1945. "Niemand aus der ersten Garnitur der NS-Größen", so sein Biograph Jochen von Lang, "war so wenig bekannt wie er."
Die allermeisten Bürger hatten seinen Namen noch nie gehört. Selbst Zeitungen schrieben ihn oftmals falsch. Fotos gab es nur ganz wenige. Wer doch mit ihm zu tun hatte, fürchtete oder haßte ihn. Reichsmarschall Hermann Göring nannte ihn "einen kleinen Sekretär, einen großen Intriganten und ein dreckiges Schwein".
Bormann war ein arbeitsamer, alerter, anpassungsfähiger Funktionär mit hervorragendem Gedächtnis. Diese Fähigkeiten genügten offenbar in der Parteidiktatur, vom Faktotum eines Weltkrieg-I-Offiziers und landwirtschaftlichen Eleven aufzusteigen bis zu dem "Mann, der Hitler beherrschte" (Lang).
Dem kleinen Funktionär mit dem feisten Stiernacken, geboren am 17. Juni 1900, wurde auch Gewalttätigkeit nachgesagt. "Unter den vielen gewissenlosen Machtträgern" der Nationalsozialisten, so Hitlers Rüstungsminister Albert Speer, sei besonders Bormann "durch seine Brutalität und Gefühlsroheit" aufgefallen.
1923 wurde dieser Charakterzug erstmals aktenkundig. Mitglieder eines Freikorps - zu denen neben Bormann auch der spätere Konzentrationslager-Kommandant Rudolf Höß gehörte - töteten einen als kommunistischen Spitzel verdächtigten Kameraden. Der Fememord fand milde Richter, Bormann kam wegen Beihilfe mit einem Jahr Gefängnis davon. Die Bluttat aus angeblicher Liebe zum Vaterland brachte Bormann später den begehrten Blutorden der Hitler-Partei ein - und Hitlers Sympathie.
Als Bormann 1929 Gerda Buch heiratete, die Tochter des hohen Parteifunktionärs Walter Buch, fungierte Hitler als Trauzeuge; mit seiner schweren Limousine ließ er Brautpaar und Gäste chauffieren.
Bormann kümmerte sich um Konten der Partei und die privaten Finanzen Hitlers. Er kaufte das riesige Anwesen am Obersalzberg, vertrieb unwillige Grundbesitzer mit Gewalt und spionierte NS-Prominenz hinterher. Kein anderer, so Lang, sei je "besser über die Pläne Hitlers unterrichtet" gewesen. Bormann habe geholfen, den Krieg vorzubereiten, und als der längst verloren war, erfand er Durchhalteparolen.
In der Nacht zum 29. April 1945 heiratete Hitler im Bunker unterhalb der zerstörten, von den Russen großräumig eingekesselten Reichskanzlei seine Lebensgefährtin Eva Braun; dann diktierte er seiner Sekretärin Gertraud Junge auch sein politisches und sein privates Testament.
Großadmiral Karl Dönitz ernannte er zum Reichspräsidenten. Bormann, den "treuesten Parteigenossen", bestimmte er zum Testamentsvollstrecker und berechtigte ihn, "alle Entscheidungen endgültig und rechtsgültig zu treffen".
Bald darauf begingen die frisch Vermählten Selbstmord. In sein Tagebuch, das später in russische Hände fiel, malte Bormann hinter den Namen Adolf Hitler und Eva H. umgekehrte Y - ein germanisches Runenzeichen, das Bormann als Todeskürzel verwendete.
Tags drauf, am 1. Mai, einem Dienstag, schrieb er nur ein Wort auf: "Ausbruchsversuch!" Es war der letzte Eintrag.
Dem Telefonisten Rochus Misch sagte Bormann: "Mach''s gut, mein Junge." Der Reichsleiter, erinnert sich Misch heute, sei ihm "ziemlich allein gelassen" vorgekommen. Von seiner Sekretärin Else Krüger verabschiedete er sich mit einem "Wiedersehen". Doch Bormann ahnte: "Ich werde es mal versuchen, aber durchkommen werde ich doch nicht mehr."
So verlor sich erst einmal die Spur des Mannes, den viele für den "Mephisto des Führers" hielten.
Der erste, der offiziell nach ihm suchte, war der britische Major Richard W. H. Hortin. Er bekam am 18. Oktober 1945 die Order, dem nunmehr wegen Verbrechen gegen den Frieden, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen angeklagten Bormann mitzuteilen, daß ihm und 23 anderen Männern vom 20. November an "zu Nürnberg, Deutschland" der Prozeß gemacht werde.
Major Hortin ließ 200 000 Steckbriefe drucken, jeder Sender und jede Zeitung mußten auf seine Weisung hin mehrfach die "an den Angeklagten Bormann gerichtete Bekanntmachung" verbreiten - dieser blieb dennoch verschwunden.
Während die Fahndung lief, ergab sich im Allgäu-Städtchen Memmingen der Ex-Chef der Hitlerjugend, Artur Axmann, den Alliierten. Er berichtete seinen Vernehmern, daß er fast zeitgleich mit Bormann, Stumpfegger, Hitlers Flugkapitän Hans Baur und anderen Personen aus der Reichskanzlei ausgebrochen sei, und schilderte, was sich im einzelnen abgespielt habe.
Nahe der Weidendammbrücke, so Axmann, seien sie in starkes Feuer geraten und hätten in einem Granattrichter Deckung gesucht. Wenig später sei Reichsleiter Bormann in der Grube aufgetaucht.
Am frühen Morgen hätte die auf zehn Mann angewachsene Gruppe beschlossen, über die S-Bahn-Gleise in westlicher Richtung zu marschieren. Sie hätten sich die Abzeichen von den Uniformen gerissen und die Waffen weggeworfen.
Kurz vor dem Erreichen der S-Bahn-Station am Lehrter Bahnhof hätten sie bemerkt, daß auf dem Bahnsteig Rotarmisten standen. Sie seien auf die Invalidenstraße hinuntergeklettert und geradenwegs neben einer russischen Feldwache gelandet. Die Russen, die sie für versprengte Volkssturmmänner hielten, boten Zigaretten an und begannen radebrechend mit "woina kaputt, Gitler kaputt" ein Gespräch.
Dies aber sei für den unsicher wirkenden Bormann zuviel gewesen. Nach Axmanns Schilderung setzten sich Bormann und Stumpfegger "mit immer schneller werdenden Schritten" (Lang) Richtung Charité ab. Als Axmann und sein Adjutant Gerd Weltzin kurz darauf beide wiedersahen, hätten sie auf der Straße nahe des Lehrter Bahnhofs gelegen - leblos. Axmann präzisierte Jahre später: "Wir knieten bei den beiden Personen nieder und erkannten einwandfrei Martin Bormann und Dr. Stumpfegger. Beide lagen auf dem Rücken ... Ich sprach Bormann an, befühlte ihn und rüttelte ihn etwas hin und her und vernahm keinen Atem."
Erstaunlicherweise fand die Axmann-Aussage über Bormanns Ende im Nürnberger Prozeß keine Beachtung, obschon einer der ersten Vernehmer Axmanns, der britische Historiker Hugh R. Trevor-Roper, die Darstellung für die wahrscheinlichste hielt. Das Protokoll sei, so Trevor-Roper, "offensichtlich, obwohl verfügbar, übersehen" worden.
Statt Axmann vernahm das Tribunal Erich Kempka, Hitlers Cheffahrer. Der berichtete in auffälliger Übereinstimmung mit Axmann, er habe Bormann letztmalig "in der Nacht vom 1. zum 2. Mai 1945" nahe der Weidendammbrücke gesehen. Auf Bormanns Frage, ob es eine Chance zum Durchbruch gebe, antwortete Kempka, dies sei "fast unmöglich, da ein zu starker Abwehrkampf wäre".
Bormann, laut Kempka: "Eventuell mit Panzern?"
In diesem Moment seien mehrere Panzer und Panzerspähwagen gekommen, die Menschen hätten sich hinter sie geklemmt. Bormann sei "Mitte des Spitzenpanzers" gegangen, als dieser "plötzlich einen Treffer bekam ... und in die Luft flog". Kempka: "Gerade an der Seite, wo der Martin Bormann ging, stieg plötzlich eine Stichflamme heraus."
Bormanns Verteidiger Friedrich Bergold hakte nach: "Zeuge! Haben Sie Martin Bormann bei dieser Gelegenheit in der sich entwickelnden Stichflamme zusammenbrechen sehen?"
Kempka: "Jawohl. Ich sah noch eine Bewegung, die eine Art Zusammenbrechen, man kann auch sagen, ein Wegfliegen war."
Bergold: "War diese Explosion so stark, daß nach Ihrer Beobachtung Martin Bormann dabei ums Leben gekommen sein müßte?"
Kempka: "Jawohl, ich nehme an, daß er von der Stärke der Explosion ums Leben gekommen ist."
Die alliierten Richter fällten am 1. Oktober 1946 ihr Abwesenheitsurteil gegen Bormann. Bis zuletzt hatte sich der Amerikaner Francis Biddle dafür eingesetzt, auf einen Schuldspruch zu verzichten und Bormann für tot zu erklären. Dann gab Biddle seinen Widerstand auf und stimmte mit - "Tod durch den Strang".
Noch im Gerichtssaal klagte Verteidiger Bergold, der unaufgeklärte Fall Bormann werde in den nächsten Jahren "die Legendenbildung außerordentlich fördern". Es war eine rechte Prophezeiung.
Bormann schien überall und nirgends zu sein. Er wurde angeblich in Australien gesichtet, in Ägypten, Spanisch-Marokko, als Jäger im tschechischen Chomutov, in Bayreuth beim Präsidenten der Industrie- und Handelskammer, in München bei einem Geheimen Kommerzienrat oder in Bozen, wo ihn eine Zahnarztfrau aus Südtirol erkannt haben wollte.
Die Suche nach Bormann hatte auch ernsthaftere Züge. Eine Spezialeinheit der US-Besatzer, die "Civil Censorship Division" (CCD), kontrollierte vor allem in Süddeutschland und im Alpengebiet die Post und zapfte Telefone an. In den National Archives, dem Washingtoner Staatsarchiv, sind etliche solcher TÜ-Protokolle vorhanden.
So klinkten sich CCD-Experten in ein Gespräch ein, das am 14. Juli 1947 von einem Anschluß im fränkischen Hof mit der Münchner Telefonnummer 6 06 08 geführt wurde. Der Dialog:
"Hallo Ilse, wie geht es dir?"
Ilse: "Weißt du, daß Ernst den Bormann in Luzern gesehen hat?"
"Warum hat er ihn nicht festgenommen?"
Ilse: "Weiß ich nicht."
Die Überprüfung dieser Spur verlief im Sande, wie alle. Agenten des CIC, des Geheimdienstes der US-Armee, fanden heraus, daß die Frau am Telefon lediglich den Inhalt eines Briefs referiert hatte. Der zuständige CIC-Offizier notierte: "Keine voreiligen Ermittlungen."
Da meldete sich 1949 aus Chile der frühere Zentrumspolitiker Paul Hesslein. Er habe Bormann hundertprozentig inmitten einer kleinen Reitergruppe erkannt, schließlich habe er ihn "in der Zeit von 1930 bis 1933 sehr oft im Reichstag" gesehen.
Emigrant Hesslein wollte sogar gehört haben, wie der von ihm Erkannte, bevor er in den Urwald wegtrabte, ausrief: "Das war Hesslein!" Die Erzählungen des Ex-Politikers hätten nach kurzer Recherche schnell ins Fabelreich verwiesen werden können. Bormann zog erst nach den Novemberwahlen 1933 in den Reichstag ein; Hesslein war - entgegen vielen und immer wieder geglaubten Literaturangaben - keinesfalls Mitglied des Reichstags, sondern zwischen 1920 und 1922 Abgeordneter des Sächsischen Landtags.
Als sich die Hinweise häuften, Bormann könne noch am Leben sein, mußten die dem Legalitätsprinzip unterworfenen Staatsanwälte handeln. 1959 leitete die Berliner Justiz, der amtlichen Todeserklärung zum Trotz, ein Ermittlungsverfahren ein; zwei Jahre später gab sie es nach Frankfurt ab.
Hier amtierte Fritz Bauer, einer der engagiertesten Nazi-Jäger überhaupt. Und Bauer war anfangs überzeugt, daß Bormann das Ende der Hitler-Ära gut überstanden habe und wohlsituiert lebe - "in Südamerika".
Bauer gab sich so optimistisch, weil er mit einem halbwegs brauchbaren Zeugen aufwarten konnte. Nach fast 15jährigem Leben in der Illegalität hatte sich im November 1959 der Ex-SS-Standartenführer Werner Heyde gestellt; als Neurologie-Professor war er in die staatlichen Massenmorde an Kranken und Behinderten verstrickt und hatte kurz nach Kriegsende unerkannt in einem Lazarett in Dänemark gearbeitet.
Später, in der jungen Bundesrepublik, praktizierte Heyde als Doktor Fritz Sawade - unter anderem als medizinischer Gutachter in Flensburg.
Heyde alias Sawade soll Bauer gestanden haben, während seiner Tätigkeit in Dänemark etliche NS-Größen versteckt zu haben, auch Bormann. Der Reichsleiter sei einige Tage bei ihm gewesen und dann Richtung Süden geschafft worden.
Hinzu kam, daß der Holocaust-Organisator und Massenmörder Adolf Eichmann - 1960 von einem israelischen Kommando in Argentinien aufgespürt und nach Tel Aviv ausgeflogen - in Verhören angeblich auch von Bormanns Überleben berichtet hatte. "Wo soviel Rauch aufsteigt", sagte Bauer, "da muß Feuer sein."
Am 4. Juli 1961 erwirkte der Frankfurter Generalstaatsanwalt einen Haftbefehl. Auch der Amtsgerichtsrat Opper, der das rote Papier abzeichnete, schien Bauers Meinung zu sein. Es bestehe die Gefahr, heißt es oberhalb des Dienstsiegels, daß sich Bormann "in Kenntnis des schweren Vorwurfs weiterhin dem Verfahren entziehen werde, wie er es bereits seit 1945 getan hat".
Im Sommer 1965 ordnete die Staatsanwaltschaft an, nahe des Lehrter Bahnhofs nach Bormanns Überresten zu graben. Die Suche blieb ohne Erfolg. Und wieder gab es eine Flut neuer Theorien.
So veröffentlichte die Londoner "Sunday Times" einen Bericht ihres Korrespondenten Antony Terry, der auf der Aussage eines vermeintlichen Bormann-Vertrauten namens Erich Karl Wiedwald basierte; auch der SPIEGEL druckte die Geschichte.
Wiedwald berichtete Terry, er habe Bormann aus dem eingekesselten Berlin herausgelotst und ihm in Südamerika als Leibwächter gedient. Der Reichsleiter, ermittelte Terry weiter, habe erst eine Ranch südlich der argentinischen Stadt San Carlos de Bariloche bewohnt und sei später in den Dschungel des brasilianisch-paraguayischen Grenzgebiets am Fluß Paraná gezogen. "Kolonie Waldner 555" nenne sich die Siedlung. 555 - das war Bormanns SS-Mitgliedsnummer ehrenhalber, die ihm Heinrich Himmler anläßlich der Ernennung zum Obergruppenführer verpaßt hatte.
Bormann verfüge über jede Menge Geld. 350 Millionen Mark habe er aus dem Parteivermögen und dem Privatvermögen Hitlers an sich gerissen und nochmals 130 Millionen aus dem Vermögen der SS. Wiedwald mußte dann einem Frankfurter Richter gestehen, alles erfunden zu haben.
BND-Präsident Gehlen indes war über jeden Zweifel erhaben, ein Geschichtenerzähler zu sein. Kaum retiriert, veröffentlichte er Ende 1971 seine Erinnerungen, und fast beiläufig kam er auf Bormann zu sprechen. Die vier entscheidenden Absätze in seinem 424 Seiten starken Buch "Der Dienst" begann er ganz feierlich: "Ich will an dieser Stelle mein langes Schweigen um ein Geheimnis brechen."
Bormann, so Gehlen über "einen der rätselhaftesten Fälle unseres Jahrhun-
* Im Juli 1965 in der Invalidenstraße in Berlin.
derts", sei russischer Spion gewesen. Der Vorwurf war nicht neu. Aber daß ihn der ehedem ranghöchste deutsche Geheimdienstler erhob, mußte als kleine Sensation gelten.
"Schon zu Beginn des Rußlandfeldzuges", schrieb Gehlen, habe Bormann den Sowjets "als prominentester Informant und Berater" gedient und vermutlich über "die einzige unkontrollierte Funkstation" in Berlin Nachrichten abgesetzt. Später "lebte er perfekt abgeschirmt in der Sowjetunion".
Quelle dafür seien "zwei zuverlässige Informanten", deren Namen er auch bei einer Vernehmung durch den Frankfurter Untersuchungsrichter Horst von Glasenapp nicht preisgeben wollte. Allerdings räumte er ein, entweder Bundeskanzler Konrad Adenauer oder dessen Staatssekretär Hans Globke über den Verdacht informiert zu haben. Der Kanzler jedenfalls habe entschieden, erinnerte sich Gehlen, daß "politisch in dieser Sache nichts zu unternehmen sei".
Ein Jahr nach der Gehlen-Enthüllung begannen Berliner Arbeiter etwa 12 bis 15 Meter von der alten Grabung entfernt die Erde auszuschachten. Leitungen sollten verlegt werden. Als sie einen Schädel fanden, stoppte der Bauleiter die Arbeiten; es gab einen entsprechenden Ukas der Berliner Kripo.
Die folgende systematische Suche am 7. und am 8. Dezember 1972 förderte zwei Skelette zutage, "verhältnismäßig gut erhalten" (Staatsanwaltschaft). Später wurden noch einige Zähne und eine goldene Zahnbrücke gefunden.
Monatelang untersuchten Spezialisten der Berliner Polizeizahnklinik und des Landesinstituts für gerichtliche und soziale Medizin die als Nummer 1 und Nummer 2 registrierten Skelette. Nach den "anthropometrischen Errechnungen aus den Mittelmaßen der Röhrenknochen" ergab sich im ersten Fall eine Körpergröße von "190 - 194 cm". Stumpfegger war 1,90 Meter groß.
Im zweiten Fall kamen die Experten auf "168 - 171 cm". Bormann war laut SS-Stammrolle 1,70 Meter groß.
Skelett Nr. 1 wies eine ausgeheilte Fraktur im unteren Drittel des linken Unterarms auf; Stumpfegger hatte sich 1923 den Arm gebrochen. Markant beim Skelett Nr. 2 war "eine Defektheilung nach Fraktur des rechten Schlüsselbeins"; zwei Bormann-Söhne bestätigen, der Vater habe sich bei einem Reitunfall 1938 oder 1939 das Schlüsselbein gebrochen.
In den "Gebißteilen beider Schädel" fanden sich Glassplitterchen. Nach Stärke und Form habe es sich möglicherweise "um Trümmer von Ampullen bzw. Phiolen" gehandelt, konstatierten die Untersucher. Also: Selbstmord durch Gifteinnahme.
Der Zustand des Gebisses im Schädel Nr. 1 wies "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" auf Stumpfegger; im zweiten Fall waren sich die Experten nicht ganz einig. Die Unsicherheit resultierte daraus, daß es keine Röntgenaufnahmen von Bormanns Gebiß gab. Und so mußten sich die Spezialisten mit einem Zahnschema auseinandersetzen, das Hugo Blaschke, Bormanns behandelnder Arzt, aus dem Gedächtnis gezeichnet hatte.
Dennoch kamen sie mehr oder weniger eindeutig zu der Erkenntnis, Bormann vor sich zu haben. Staatsanwalt Joachim Richter, der Dezernent des Verfahrens, war sich nun absolut sicher: "Der Angeschuldigte und Dr. Ludwig Stumpfegger sind in den frühen Morgenstunden des 2. Mai 1945 - etwa zwischen 1.30 Uhr und 2.30 Uhr - in Berlin verstorben." Zwar schrieben noch der amerikanische Zahnmediziner Reidar Sognnaes oder Autoren wie der frühere Geheimdienstler Ladislas Farago gegen dieses Ergebnis an; Farago verkündete sogar in Gesprächen mit den Staatsanwälten, er könne anhand schlüssiger Beweise ihre Arbeit torpedieren. Die kamen in Frankfurt nie an.
Und so herrschte erst einmal Ruhe an der Bormann-Front. Sie wurde wieder nachhaltig gestört, als im Herbst 1996 der frühere britische Agent Christopher Creighton alias John Ainsworth-Davis in seinem Buch "Operation James Bond" behauptete, Bormann in letzter Sekunde aus Berlin herausgeholt zu haben.
Sein Premier Winston Churchill habe höchstselbst den Auftrag erteilt. Das Ziel: Bormann, Hitlers Testamentsvollstrecker, sollte die geheimen Nummernkonten der Nazis in der Schweiz preisgeben.
Daß Bormanns plötzliches Fehlen in Berlin nicht auffiel, erklärte Autor Creighton mit einem einfachen Trick. Aus London sei ein perfekter Doppelgänger - gleiche Warze, gleiche Narben, gleiche Zahnplomben - mit nach Berlin geflogen. Der sei dann in russischem Granatfeuer umgekommen.
Wie die Zeitläufte so spielen, präsentierte nur wenig später das auflagenschwache italienische Linksblatt "il manifesto" die "wahre Geschichte". Bormann sei, so schrieb "Manifesto"-Mitarbeiter Lorenzo Grassi am 1. Dezember 1996, zu Beginn des Sommers 1952 in Rom gestorben, natürlich "unter falschem Namen".
Den richtigen nannte auch der USamerikanische Autor Robert Katz nicht, als er Ende vergangenen Jahres weltweit über eine New Yorker Literaturagentin ein Manuskript über diese römische Spur offerierte.
Katz gilt als Experte. Sein Buch "Mord in Rom", das minutiös das SS-Massaker 1944 in den Ardeatinischen Höhlen beschrieb, ist die wohl beste Darstellung der Blutorgie unter der Regie des SS-Obersturmbannführers Herbert Kappler.
Was Katz anbot, war ein praller, bunter Stoff mit durchaus unspektakulärem Finale. Kurzform: Bormann, nach dem Nürnberger Tribunal überall gesucht, nimmt die Personalien eines Soldaten an, der während des Afrika-Feldzugs an Malaria erkrankt und stirbt. Eine römische Adelige bietet ihm Unterschlupf, nur sie und ihr Mann, ein hoher Polizeioffizier, kennen Bormanns wahre Identität. Er erliegt 1952 einem Krebsleiden.
Doch der Mann, dessen Namen Katz verschwieg, hieß Kurt Gautsch. Er hieß so bei seiner Geburt, und er hieß so bei seinem Tod. Und der Mann, der mal als Musiker in Uruguay, mal als Fakturist in Wien und mal als Dieb in Rom lebte, hat mit Bormann, außer einer gewissen Ähnlichkeit, überhaupt nichts zu tun.
Katz ist auf eine Gruppe sinistrer Österreicher und Italiener hereingefallen, die mit der Behauptung hausieren gehen, Gautsch sei in Wahrheit Bormann. Zum Beweis präsentieren sie allerlei Dokumente - nur in Kopie und deshalb nichts wert. Die Originale, behaupten sie, seien gestohlen worden.
Die Adelige, eine glühende Faschistin, gab es tatsächlich; sie starb 1977. "Sie war", so eine enge Vertraute, "im heutigen Sprachgebrauch ein flippiger Typ, unkonventionell, und sie liebte die Deutschen."
Bormanns Nachkommen wollten von solchen Geschichten schon lange nichts mehr hören. Deshalb bat der Münchner Familienanwalt Florian Besold vor knapp zwei Jahren eindringlich den Frankfurter Generalstaatsanwalt Hans Christoph Schaefer, mit Hilfe der DNS-Analyse endgültig den Skelettfund von 1972 bestimmen zu lassen.
Schaefer, einer der Nachfolger Bauers, hielt es zwar für "grundsätzlich nicht geboten, auf Wunsch von Familienangehörigen ermittlungsmäßig tätig zu werden". Aber er befürwortete die Untersuchung der Gebeine, weil "ein politisches Interesse an der Aufarbeitung der historischen Vergangenheit" bestehe.
Hessens Justizminister, der Grüne Rupert von Plottnitz, pflichtete Schaefer bei. "Um vollständige Gewißheit zu erlangen" über Bormanns Ende, erscheine es "sachgerecht, nunmehr diese letzte Möglichkeit wahrzunehmen".
Die ersten Aufträge zur Untersuchung erhielten Frankfurter und Berner Gerichtsmediziner. Sie wandten die normale DNS-Analyse an - und die mußte erfolglos bleiben. Die vermeintlichen Bormann-Knochen waren zu angegriffen, um auf diesem Wege die Desoxyribonukleinsäure aus dem Zellkern extrahieren zu können.
Erst mit einem aufwendigen Verfahren am Münchner Universitätsinstitut für Rechtsmedizin, der Analyse der sogenannten mitochondrialen DNS, konnte genug Erbmaterial aus den Skelett-Teilen gewonnen werden. Es mit dem Blut der Bormann-Verwandten zu vergleichen war für die Spezialisten des Instituts von Professor Wolfgang Eisenmenger ein Kinderspiel.
Vor über 20 Jahren schrieb der Untersuchungsrichter von Glasenapp, "ähnlich wie bei Kaspar Hauser" werde Martin Bormann "wohl noch lange die Phantasie der Menschheit beflügeln". Der Fall Hauser konnte 1996 geklärt werden - aufgrund einer DNS-Untersuchung von Eisenmengers Leuten. Findelkind Kaspar war nicht - wie vermutet - ein badischer Erbprinz. Martin Bormann aber ist Martin Bormann.
* Im Juli 1965 in der Invalidenstraße in Berlin.

DER SPIEGEL 19/1998
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GENTEST:
Bormanns Skelett eindeutig identifiziert

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