06.06.2011

BriefeRichterliches Krähensyndrom

Nr. 22/2011, Fehlurteile - Wie gerecht kann Justiz sein?
In einem Land, in dem für Richter und Staatsanwälte eine fundierte kriminalistische Ausbildung nicht vorgeschrieben ist und diese bei der Ausbildung von Polizisten und Kriminalisten meist nur unzureichend erfolgt, kann keine herausragende Qualität der Beweisführung erwartet werden.
Hamburg,
Gerhard-H. Müller
Der gesamte deutsche Justizapparat leidet an bis heute gültigen NS-Rechtsvorschriften, die nach 1945 nicht entrümpelt wurden, gepaart mit einem sektenähn-lichen Corpsgeist. Über Richter richten Richter. Das "Krähensyndrom" ist eine richterliche Berufskrankheit.
Chemnitz,
Peter Mark Graf v. Wolffersdorff
Sosehr Sie mit Ihrem Artikel recht haben mögen, sowenig ich mir ein Urteil über den Fall Kachelmann bilden kann, so bedenklich finde ich aber, dass Sie ausgerechnet einen Vergewaltigungsprozess als Beispiel heranziehen, um aufzuzeigen, wie unmöglich eine Urteilsfindung auf der Basis von Indizien ist. Wenn man nur anhand wasserdichter Beweise ein Urteil fällen dürfte, dann könnte kaum eine Vergewaltigung verurteilt werden, denn es steht bei diesem Delikt fast ausschließlich Aussage gegen Aussage, und beinahe jede Vergewaltigungsverletzung kann auch anders gedeutet werden.
Berlin,
Anne Georgi
Gerade der Fall Kachelmann zeigt, dass die öffentliche Berichterstattung Fluch und Segen zugleich ist - nur, was ist mit den zu Unrecht Beschuldigten, die nicht im Fokus der Öffentlichkeit stehen?
Stuttgart,
Michael Kempter
Beim leisesten Zweifel einer Täterschaft sollten Richter den Mut aufbringen, den In-dubio-pro-reo-Grundsatz anzuwenden. Ist es nicht erträglicher, mit dem Gedanken zu leben, dass ein Täter frei herumläuft, als mit dem, dass jemand für Jahre unschuldig in Haft sitzen muss?
Wiefelstede (Nieders.),
Werner Birken
Kein Strafverteidiger wird bestreiten können, dass der Grundsatz in dubio pro reo im juristischen Alltag häufig nur auf dem Papier existiert und der Angeklagte, spätestens wenn er in der Hauptverhandlung sitzt, seine Unschuld beweisen muss, wenn er nicht verurteilt werden will. Objektivität wird gern für die eigene Behörde in Anspruch genommen, aber nicht gegenüber dem Beschuldigten geübt, wenn man sich einmal festgelegt hat.
Duderstadt (nieders.),
Uwe Herberholz
Man möchte den Beteiligten am Kachelmann-Prozess das SPIEGEL-Gespräch mit Catherine Millet ans Herz legen, denn absolute Gewissheiten gibt es nun mal nicht. Ich-schwache Persönlichkeiten werden auch nach phantasierter Vergewal-tigung oder liebloser Inbesitznahme nur schwer von Rachephantasien loskommen.
Eppstein (Hessen),
Dirk Hess
Himmel, war ich naiv! Dachte tatsächlich, das Gericht suche die Wahrheit, um auf deren Basis ein Urteil zu fällen. Das Vertrauen in den Rechtsstaat schwindet, wenn diverse Repräsentanten des Justizsystems mit Profilneurose und Hybris am eigenen Sieg interessiert sind, aber nicht daran, die Wahrheit herauszufinden und wirklich Recht zu sprechen.
Erlangen,
Monika Romhanyi
Fehlurteile haben vielfältige Ursachen. Doch sind sie auch deswegen unvermeidbar, weil es zur Wahrheitsfindung nicht allein auf naturwissenschaftlich nachweisbare Fakten, sondern auf die persönliche Überzeugung des Richters ankommt. Umso wichtiger scheint mir, dass man als Richter möglichst viele seiner eigenen Vorurteile kennt und besonders gefährliche verborgene Vorurteile ans Licht heben kann. Die Juristenausbildung sollte ein viel größeres Gewicht auf die Facetten und Problematiken der Wahrheitsfindung legen.
Northeim (Nieders.),
Werner Kammeyer
Bei der Lektüre des aufschlussreichen Artikels fiel mir spontan folgender Anwaltswitz ein: Mandant ruft bei seinem Anwalt an: "Wie ist denn mein Prozess ausgegangen?" Anwalt: "Die Gerechtigkeit hat gesiegt." Mandant: "Dann legen Sie sofort Berufung ein!"
Koblenz,
Detlev Winkelmann
Ich habe mich in den 40 Jahren, in denen ich als Rechtsmediziner tätig war, oft gefragt: Wer begutachtet eigentlich den Gutachter? Der Richter dürfte häufig überfordert sein, es sei denn, er hat sich mit der Arbeitsweise der Gutachter vertraut gemacht. Um die Zahl der Fehlurteile zu minimieren, sollte eine Waffengleichheit vor Gericht angestrebt werden, das heißt, viel häufiger sollte die Verteidigung von der Möglichkeit Gebrauch machen, einen zweiten Gutachter in die Verhandlung einzubringen. Die Kostenfrage sollte dies nicht unmöglich machen.
Berlin,
Prof. Dr. Volkmar Schneider

DER SPIEGEL 23/2011
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