06.06.2011

KOMMENTARDie Angst-Macher

Wie WHO-Experten Daten aus Handy-Studien verdrehen
Die bisher größte Untersuchung zur Frage, wie Mobiltelefone auf das Gehirn wirken, hat ein verblüffendes Ergebnis erbracht: Handys schützen vor Krebs.
Für die voriges Frühjahr veröffentlichte Interphone-Studie haben Forscher mehr als 5000 an Hirntumoren erkrankte Menschen nach ihren Telefoniergewohnheiten befragt und die Daten mit gesunden Vergleichspersonen verglichen. Das Resultat: Menschen, die so gut wie nie mobil telefonierten, erkrankten häufiger an Hirntumoren als Menschen, die seit Jahren Handys benutzen. Wer etwa zwischen 735 und 1639 Stunden lang telefonierte, der hatte statistisch ein um 29 Prozent verringertes Risiko, am bösartigen Gliom zu erkranken.
Noch erstaunlicher als die scheinbar gesundheitsfördernde Wirkung von Handys ist allerdings, was Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vorige Woche aus der Interphone-Studie destilliert haben - das genaue Gegenteil: In einer Pressemitteilung bezeichneten Mitarbeiter der zur WHO gehörenden Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) in Lyon elektromagnetische Strahlung von Handys als "möglicherweise krebserregend".
Wie ist dieser Widerspruch zu erklären? Die IARC-Beamten verdrehen die Daten in einer Art und Weise, die für eine WHO-Behörde blamabel ist. In acht Gruppen von Testpersonen ergaben sich Hinweise auf ein verringertes Krebsrisiko durch Handys - das behalten die Angst-Macher für sich. Stattdessen stützen sie sich ausschließlich auf eine Probanden-Gruppe, in der ein um 40 Prozent erhöhtes Krebsrisiko für Vieltelefonierer beobachtet wurde.
Das klingt bedrohlich, ist es aber nicht. Allein die relative Risikoerhöhung zu nennen ist ein statistischer Taschenspielertrick. Wie groß der Effekt in absoluten Zahlen wäre, verrät die IARC-Meldung wohl schon deshalb nicht, weil es keinem wirklich Angst machen würde. Pro Jahr erkranken 3 von 100 000 Menschen an einem Gliom. Eine Steigerung um 40 Prozent entspräche einem zusätzlichen Fall auf 100 000.
Mehr noch: Die Steigerung um 40 Prozent steht so gar nicht in der Interphone-Studie. Zwar scheint es so zu sein, als ob Menschen, die insgesamt 1640 oder mehr Stunden mobil telefoniert hatten, häufiger an Gliomen erkrankten. Jedoch relativieren die Forscher ihr eigenes Ergebnis: Der "Hinweis ist nicht beweiskräftig", weil es methodische Fehler gegeben habe.
Vor allem aber sagen die Daten nichts darüber aus, ob elektromagnetische Strahlen ursächlich etwas mit Hirntumoren zu tun haben. Strahlen aus dem Handy erwärmen zwar das Gewebe, schädigen aber in dieser Dosis nicht die Zellkerne. So dürfte das Hirntumorrisiko in der zehnten Gruppe in Wahrheit ein zufälliger Befund sein - wie auch das verringerte Krebsrisiko der vielen Handybenutzer aus den anderen Gruppen, das die IARC-Beamten so geflissentlich verschweigen. Jörg Blech

DER SPIEGEL 23/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 23/2011
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KOMMENTAR:
Die Angst-Macher

Video 01:34

Schlägerei auf der "Carnival Legend" 23 Passagiere müssen Schiff verlassen

  • Video "Annegret Kramp-Karrenbauer im Porträt: Sie ist eine Art Mini-Merkel" Video 03:30
    Annegret Kramp-Karrenbauer im Porträt: "Sie ist eine Art Mini-Merkel"
  • Video "Fun Facts über Curling: Dann zählt das größte Bruchstück" Video 01:54
    Fun Facts über Curling: "Dann zählt das größte Bruchstück"
  • Video "Amoklauf-Überlebende kritisiert Trump: Schämen Sie sich" Video 02:36
    Amoklauf-Überlebende kritisiert Trump: "Schämen Sie sich"
  • Video "Aschewolke steigt fünf Kilometer hoch: Vulkanausbruch auf Sumatra" Video 00:47
    Aschewolke steigt fünf Kilometer hoch: Vulkanausbruch auf Sumatra
  • Video "Webvideos der Woche: Wo kommen denn die ganzen Otter auf einmal her?" Video 02:40
    Webvideos der Woche: Wo kommen denn die ganzen Otter auf einmal her?
  • Video "Luftkampf-Übung: F-22 Raptor fliegt ein Herbst-Manöver" Video 00:41
    Luftkampf-Übung: F-22 Raptor fliegt ein "Herbst-Manöver"
  • Video "Trump vs. Reality: Lügen, Jets und Immigranten" Video 03:30
    Trump vs. Reality: Lügen, Jets und Immigranten
  • Video "Atemberaubende Aufnahmen: Taucher wehrt Tigerhai ab" Video 00:54
    Atemberaubende Aufnahmen: Taucher wehrt Tigerhai ab
  • Video "Sicherheitslage in der Welt: Wie zuverlässig sind die USA noch?" Video 04:17
    Sicherheitslage in der Welt: Wie zuverlässig sind die USA noch?
  • Video "Abgesackte A20: Ein Loch in der Autobahn" Video 01:54
    Abgesackte A20: Ein Loch in der Autobahn
  • Video "Albtraum auf Langstreckenflug: Kleinkind schreit acht Stunden lang" Video 02:45
    Albtraum auf Langstreckenflug: Kleinkind schreit acht Stunden lang
  • Video "Nach Freilassung von Deniz Yücel: Es bleibt ein bitterer Beigeschmack" Video 02:02
    Nach Freilassung von Deniz Yücel: "Es bleibt ein bitterer Beigeschmack"
  • Video "Südkorea abseits von Olympia: Was es mit dem Penis-Park auf sich hat" Video 02:28
    Südkorea abseits von Olympia: Was es mit dem "Penis-Park" auf sich hat
  • Video "Schwerer Erdrutsch in Rom: Straße bricht weg - Autos stürzen in die Tiefe" Video 00:54
    Schwerer Erdrutsch in Rom: Straße bricht weg - Autos stürzen in die Tiefe
  • Video "Schlägerei auf der Carnival Legend: 23 Passagiere müssen Schiff verlassen" Video 01:34
    Schlägerei auf der "Carnival Legend": 23 Passagiere müssen Schiff verlassen