06.06.2011

„Wir sind sehr emotional“

Außenminister Ahmet Davutoglu, 52, über die Enttäuschung der Türken über Europa, Ankaras Einfluss auf die arabischen Diktatoren und den zu erwartenden Wahlsieg der AKP
SPIEGEL: Herr Minister, seit mehr als 20 Jahren bemüht sich die Türkei vergebens um die Mitgliedschaft in der EU. Warum wollen Sie überhaupt noch nach Europa?
Davutoglu: Ich kann Ihnen drei Gründe nennen, warum wir in die Europäische Union gehören. Erstens: Die Türkei ist seit Jahrhunderten ein Teil der europäischen Diplomatie. Wir sind nicht China. Zweitens: Europa braucht die Türkei aus strategischen Gründen. Nur zusammen mit der Türkei kann die EU eine Großmacht werden. Und drittens: Wir teilen zentrale politische Werte, die in den Kopenhagener Kriterien niedergelegt sind. Die Türkei ist ein wichtiges Mitglied in der Familie der Demokratien.
SPIEGEL: Wir haben uns das außenpolitische Kapitel Ihres Wahlprogramms angesehen. Dort taucht das Wort Europa zum ersten Mal auf der sechsten Seite auf.
Davutoglu: (lacht) Nun, manchmal stehen die attraktivsten Kapitel eben am Ende eines Buches, das hat nichts mit unseren Präferenzen zu tun. Europa bleibt unser ultimatives Ziel.
SPIEGEL: Dabei sind heute weniger als 50 Prozent der Türken für den EU-Beitritt. 2004 waren es noch 75 Prozent.
Davutoglu: Wir müssen unterscheiden zwischen der Frage, ob die Leute wollen, dass die Türkei EU-Mitglied wird, oder ob sie daran glauben. Diese Frage beantworten nur noch 30 Prozent mit Ja. Die Menschen haben das Vertrauen verloren. Da sind wir wie alle anderen Südeuropäer: sehr emotional. Wenn wir merken, dass uns jemand nicht will, reagieren wir.
SPIEGEL: Premierminister Recep Tayyip Erdogan, auch ein sehr emotionaler Mann, hat dem SPIEGEL gegenüber erklärt, Europa brauche die Türkei dringender als die Türkei Europa.
Davutoglu: Das ist keine emotionale, sondern eine sehr rationale Aussage. Denken Sie nur an die Energiesicherheit. Brauchen wir Europa, um unseren Energiehunger zu stillen? Nein, wir brauchen den Irak, Iran und Russland. Die Europäer dagegen sind auf den anatolischen Korridor angewiesen, um an Gas und Öl zu kommen. In Wahrheit brauchen wir einander beide. Nur so können wir uns gegenüber Mächten wie China oder Indien behaupten. Wir sollten uns gemeinsam fragen: Wo liegt Europas Zukunft?
SPIEGEL: Im Moment fragen sich auch viele, wo die Zukunft des Nahen Ostens liegt. Haben Sie mit den Unruhen in der arabischen Welt gerechnet?
Davutoglu: Ja, durchaus. Ich selbst habe schon vor zehn Jahren in meinen Büchern geschrieben, dass es in der arabischen Welt zwei historische Anomalien gibt: den Kolonialismus des 20. Jahrhunderts, er hat die arabischen Gesellschaften entzweit. Und den Kalten Krieg, der dazu beitrug, dass sich in der Region autokratische Regime etablierten. Eine Transformation, wie sie der Ostblock in den neunziger Jahren erlebte, ist in Arabien ausgeblieben. Aber jetzt ist der Wandel gekommen.
SPIEGEL: Und wie steht die Türkei zu diesem Wandel?
Davutoglu: Wir haben zwei Prinzipien formuliert: Der Kalte Krieg ist ein für alle Mal zu Ende, es ist Zeit für Veränderung. Und: Die Transformation muss friedlich ablaufen. Diese beiden Prinzipien gelten für alle Staaten des Nahen Ostens.
SPIEGEL: Wirklich? Warum hat Premier Erdogan dann den Ägypter Husni Mubarak als einer der Ersten zum Rücktritt aufgefordert, während er sich bei Muammar al-Gaddafi so lange Zeit gelassen hat?
Davutoglu: Weil er sah, dass sich die ägyptische Armee neutral verhielt. In Libyen war das anders. Hier mussten wir mit ansehen, wie sich das Land spaltete, und dass es keine Armee gab, die sich schützend vor die Menschen stellte. Wir begriffen, dass es ein Blutbad geben würde. Also versuchten wir, unsere Gesprächskanäle zu beiden Seiten zu erhalten.
SPIEGEL: Geht es nicht vor allem um Geld? Schließlich haben türkische Firmen in Libyen milliardenschwere Bauaufträge …
Davutoglu: Nein, völlig falsch. Wir hatten in Libyen ein humanitäres Anliegen. Wir haben in den ersten Tagen der libyschen Krise mehr als 10 000 Menschen aus 63 Staaten evakuiert. Wenn Sie von Wirtschaftsinteressen sprechen - ich nenne keine Namen, aber fragen Sie sich selbst, welche Hauptstädte Gaddafi besucht hat. Wer hat denn Gaddafis Hand geküsst?
SPIEGEL: Silvio Berlusconi.
Davutoglu: Kein Kommentar.
SPIEGEL: Und wo bleibt Ihre Kritik an Syriens Präsident Baschar al-Assad? Warum fordern Sie nicht auch seinen Rücktritt?
Davutoglu: Wir glauben, dass Syrien für den Friedensprozess im Nahen Osten das wichtigste Land ist. Es grenzt an den Irak, an Israel, den Libanon, Jordanien und die Türkei. Es ist darüber hinaus, anders als Libyen oder Tunesien, ein multikonfessionelles Land. Trotzdem gelten auch hier unsere Kriterien: Politische Veränderung muss stattfinden, und zwar friedlich.
SPIEGEL: Aber wie soll das - nach tausend Toten - noch friedlich gelingen?
Davutoglu: Es wäre einfacher gewesen, wenn der Reformprozess schon im Januar eingeleitet worden wäre. Damals flog Premier Erdogan nach Damaskus und sprach sehr offen mit Assad. Im Moment ist das Zeitfenster nur mehr einen Spalt weit offen. Wir werden aber weiter mit unseren syrischen Freunden sprechen.
SPIEGEL: Ihre Regierung versucht seit längerem, im Nahen Osten Konflikte zu schlichten. Was haben Sie denn erreicht, bevor der "arabische Frühling" anbrach?
Davutoglu: Oh, eine Menge! Auf dem Höhepunkt der konfessionellen Kämpfe im Irak haben wir die sunnitischen Parteien überzeugt, sich in den demokratischen Prozess einzubringen. 2008 vermittelten wir zwischen den Fraktionen im Libanon, danach zwischen Hamas und Fatah und 2009 im Streit zwischen Irak und Syrien. Die syrisch-israelischen Friedensgespräche konnten wir nicht zu Ende bringen, aber es war ein Erfolg, sie überhaupt begonnen zu haben.
SPIEGEL: Warum sind diese Gespräche denn gescheitert?
Davutoglu: Ende 2008 besuchte der israelische Premierminister Ehud Olmert Ministerpräsident Erdogan in dessen Residenz in Ankara. Er blieb sechs Stunden, und wir stellten eine telefonische Verbindung zwischen Olmert und Assad her. Kurze Zeit später waren wir so weit, direkte Gespräche zu beginnen. Ich rief die Syrer an und machte ihnen ein Angebot. Sie sagten: Gut, wir akzeptieren, wenn die Israelis auch akzeptieren. Am nächsten Morgen versuchten wir, mit Olmert zu sprechen. Doch da war schon klar: Israel hatte den Gaza-Streifen angegriffen. Danach veränderte sich alles.
SPIEGEL: Am 12. Juni wird ein neues Parlament in der Türkei gewählt. Welches Ergebnis erwarten Sie für Ihre Partei, die islamisch-konservative AKP?
Davutoglu: Es könnten wohl zwischen 45 und 50 Prozent werden. Wichtig ist eine klare Mehrheit. Die Türkei braucht stabile Verhältnisse.
SPIEGEL: Sie wollen eine Zweidrittelmehrheit, um die Verfassung im Alleingang ändern zu können.
Davutoglu: Ja, das würde die Dinge erleichtern. Davor wollen wir aber mit allen Bevölkerungsgruppen sprechen. Wir wollen das nicht allein durchpeitschen.
SPIEGEL: Dann wäre es doch besser, die Mehrheit für die Regierungspartei fiele nicht allzu groß aus.
Davutoglu: Das muss das Volk entscheiden! Früher war es eine nicht vom Volk gewählte Elite, die Verfassungen schrieb. Das ist nicht unserer Ansatz. Wir wollen demokratische Verhältnisse.
SPIEGEL: Verstehen Sie, dass viele Türken den Machtzuwachs von Ministerpräsident Erdogan als bedrohlich empfinden?
Davutoglu: In parlamentarischen Demokratien hat der Ministerpräsident immer eine starke Position. Aber ich habe lange als außenpolitischer Berater und als Außenminister für Erdogan gearbeitet und kann Ihnen versichern: Der Premier ist immer für Beratung empfänglich.
SPIEGEL: Aber es gibt Befürchtungen, dass Ihrem Land unter der AKP die "checks and balances" abhandenkommen. Erdogan könnte der Putin der Türkei werden.
Davutoglu: Nein. Jedes Land hat seine eigenen Traditionen. Die Demokratie ist in der Türkei festverwurzelt. Eine autoritäre Politik wird es mit uns nicht geben.
Von Daniel Steinvorth und Bernhard Zand

DER SPIEGEL 23/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 23/2011
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Wir sind sehr emotional“

Video 01:16

Hawaii Taucher schwimmen mit riesigem Weißen Hai

  • Video "Neuer Porsche 911: Eine Runde mit Mark Webber" Video 01:48
    Neuer Porsche 911: Eine Runde mit Mark Webber
  • Video "Doku über Boris Palmer: Provokateur aus Leidenschaft" Video 59:39
    Doku über Boris Palmer: Provokateur aus Leidenschaft
  • Video "Geschäftsaufgabe wegen Brexit: Verrückt ist noch nett gesagt" Video 03:11
    Geschäftsaufgabe wegen Brexit: "Verrückt ist noch nett gesagt"
  • Video "100 Jahre Frauenwahlrecht: Schauspielerin rezitiert aus historischer Rede" Video 04:34
    100 Jahre Frauenwahlrecht: Schauspielerin rezitiert aus historischer Rede
  • Video "Unterhaus-Sprecher John Bercow: Der einzige Gewinner" Video 02:55
    Unterhaus-Sprecher John Bercow: Der einzige Gewinner
  • Video "Fahrenheit 11/9 von Micheal Moore: Wie konnte das nur passieren?" Video 02:25
    "Fahrenheit 11/9" von Micheal Moore: "Wie konnte das nur passieren?"
  • Video "Beeindruckende Aufnahmen: Lawinensprengung in der Schweiz" Video 00:50
    Beeindruckende Aufnahmen: Lawinensprengung in der Schweiz
  • Video "Videoreportage zur Lawinengefahr: Herrn Bergmayrs Gespür für Schnee" Video 05:34
    Videoreportage zur Lawinengefahr: Herrn Bergmayrs Gespür für Schnee
  • Video "Amateurvideo: Explosion in Lyon" Video 00:46
    Amateurvideo: Explosion in Lyon
  • Video "Naturphänomen in Maine: Was steckt hinter dem Eiskreis?" Video 01:20
    Naturphänomen in Maine: Was steckt hinter dem Eiskreis?
  • Video "In Spanien vermisster Zweijähriger: Hoffnung, dass er noch lebt" Video 01:00
    In Spanien vermisster Zweijähriger: "Hoffnung, dass er noch lebt"
  • Video "Beinahesturz von LKW: Keine Angst, Hilfe naht" Video 00:30
    Beinahesturz von LKW: Keine Angst, Hilfe naht
  • Video "Schlagabtausch im Unterhaus: Das Land bemitleidet Sie" Video 03:18
    Schlagabtausch im Unterhaus: "Das Land bemitleidet Sie"
  • Video "Brexit-Krise: Je größer das Unternehmen, desto größer die Sorge" Video 03:14
    Brexit-Krise: "Je größer das Unternehmen, desto größer die Sorge"
  • Video "Hawaii: Taucher schwimmen mit riesigem Weißen Hai" Video 01:16
    Hawaii: Taucher schwimmen mit riesigem Weißen Hai