06.06.2011

NATURJeder ein lieber Gott

Mehr als die Hälfte der Deutschen bestellt einen Garten. Sie buddeln, zupfen, rupfen - und geben Milliarden dafür aus. Warum eigentlich? Von Katja Thimm
Eva Kohlrusch hat auch in diesem Frühling wieder achthundert tiefblaue Stiefmütterchen in die alte Schweinewiese gepflanzt. Jahrelang war sie Städterin, meistens im Getümmel, Konferenzen, Machtkämpfe, Artikel, ein Journalistenalltag eben. Nun ist ihr Haar ergraut, und sie verlässt Hamburg, sooft es geht.
In einem Dorf im Wendland hat sie die Wiese entdeckt, groß wie sieben Fußballfelder; dort blühen die blauen Stiefmütterchen zwischen Felsenbirne, Buchsbaum, tausend Rosenbüschen und eintausendvierhundert Meter grüner Hecke. Ganz hinten, am Horizont, hat sie ein Freiluftschachspiel angelegt, vorn, nahe der Terrasse, steinerne Putten aufgestellt. Sie hat die Knaben und Mädchen zuvor mit Joghurt eingerieben. Schimmelbefall bedeutet Patina, und verwunschen soll es aussehen im Garten der einst stellvertretenden Chefredakteurin, mystisch, weltentrückt. "Ich sage immer, ich bin bloß verrückt", sagt sie. "Und ich bin ja nicht die Einzige."
Die Schriftstellerin Ulla Hahn liebt Unkrautjäten. Der Fernsehmoderator Dieter Moor biobauert im Brandenburgischen. Die eigenen Freunde ziehen seit kurzem Waldmeisterstecklinge, und der literaturbegeisterte Kollege geht wochenends auf den Pflanzenflohmarkt. Zu beinahe 60 Prozent der deutschen Haushalte gehört ein Garten. Millionen Männer und Frauen beackern Laubenpieper-Parzellen, selbsternannte "Guerillagärtner" umzäunen Bürgersteigbäume und pflanzen dort Vergissmeinnicht. Es arbeiten mehr Menschen lieber in einem Beet, als in einem Theater oder Konzertsaal zu sitzen. Und dass die erfolgreichste neu gegründete Zeitschrift der vergangenen Jahre "Landlust" heißt und eine Auflage von 800 000 Exemplaren erreicht, auch das ist kein Zufall.
Eva Kohlrusch hat selbst zwei Gartenbücher verfasst, und noch immer beschreibt sie für die Illustrierte "Bunte" Wirrnis und Irrnis von Prominenten. Es ist ein ungewöhnliches Geschäft für eine 68-Jährige. Doch die alte Schweinewiese ist anspruchsvoll: Tausend Euro Unterhalt braucht sie im Monat, mindestens, und dann ist noch keine Pflanze bezahlt.
Nicht überall geht es derart gewaltig zu, derart perfekt, doch in der Regel ebenso bedingungslos. Die Branche "Gartenmöbel, Geräte und lebendes Grün" wird, eine Schätzung, in diesem Jahr fast 16 Milliarden Euro umsetzen. Gärtnern in Deutschland gleicht einem Exzess, einem Rausch. Aber warum nur?
Wer nach einer Antwort sucht, bei abgeblühten Tulpen, Erntetaumel, erstem Grün und Schnecken im Salat, landet bald bei allem, was ihn selbst ausmacht: Hoffen und Bangen, Glück und Niederlage, Demut und Größenwahn, Werden und Vergänglichkeit. Gärtnern sei der Mega-Ausdruck des Spitzentrends Individualisierung, sagen Marktforscher. Wer also buddelt, zupft und rupft, beschäftigt sich aufs Schönste mit dem eigenen Leben.
"Seitdem die Kamelien aufgeblüht sind, denke ich viel an das Ernsthafteste, was es geben kann, nämlich Blumen", schrieb der Schriftsteller Rudolf Borchardt einmal. "Denn was kann ernsthafter sein als diese größte Metapher, die das Menschengeschlecht besitzt", mit ihrem "Begriff der Wurzel und der Blüte, des Samens und der Frucht, des Welkens und Sprießens". Ein Garten sei Ausdruck "des Wesens der Menschen", so sagt es der amerikanische Literaturwissenschaftler Robert Harrison. Er lehre Freundschaft, Hingabe, Pflichtgefühl, Leidensfähigkeit, Geduld - im Grunde alles, was einer braucht, um sein Leben zwischen all den anderen zu meistern.
Ein Sparringspartner im Training für den Alltag also. Denn auch in der Rabatte finden sich die Diven und die Unscheinbaren, Sonnenbraut und Fette Henne, Venusschuh und Fleißiges Lieschen. Es kämpfen die Maßlosen gegen die Zaghaften, es konkurrieren Lückenfüller mit Saisonschönheiten, überall Gewächse, die andere zu überwuchern drohen. So lockt das vermeintliche Paradies, ähnlich dem biblischen Eden, auch die Allmachtsphantasie des Menschen. Hier kann er sich an dem versuchen, was im wahren Leben nur wenigen erlaubt ist.
Ein Gärtner spielt Schöpfer, Herrscher, weist andere in ihre Grenzen - so lange jedenfalls, bis die Natur ihn selbst zurechtstutzt. Auf Unkraut, Wucher, Ungeziefer folgt unausweichlich Wut, dann Demut. Eine Urerfahrung nach der anderen. "Ein Garten", sagt Eva Kohlrusch und erhebt sich vom Terrassenstuhl, "gibt einem das Gefühl, das eigene Dasein als etwas Bewunderungswürdiges zu begreifen. Aber wir sollten nun endlich einen Rundgang machen."
Weit über eine Stunde dauert die Führung, auf grauen Pumps und in schwerem Kleid lotst sie den Gast durch 19 buchsbaumumwachsene Karrees: der weiße Garten wie in Sissinghurst, dem berühmten Landsitz der Schriftstellerin Vita Sackville-West. Der Gemüsegarten mit Rhabarberblättern, groß wie Elefantenohren. Der geheime Garten, eine einsame gewaltige Eisentür aus China steht darin. Ein Schattengarten, ein blauer Garten, Sichtachsen und Symmetrien, Kapitelle aus der Prignitz. Und überall sirrende Wassersprenger.
Eine Frau aus der Gegend hilft ihr bei alledem und ein Gärtner, er schneidet auch die Hecke, sie darf nicht höher wachsen, als er selbst groß ist. "Wenn er alle paar Meter eine Leiter verschieben muss, schafft er es nie", sagt Eva Kohlrusch. Er braucht auch so jedes Mal zwei Wochen.
"Bald ist es so weit", sagt sie. "Bald wird es lila, pink und rosa lodern." Nie würde sie überbordendes Gelb akzeptieren, "zu aggressiv, zu vernünftig", sagt sie, und auch die Sonnenbrille schimmert violett und zyklampink der Lippenstift. "Bald ist es so weit. Dann wird es voll."
Spätestens im Frühsommer, wenn an bestimmten Tagen Hunderte deutsche Privatgärtner ihr Tor für neugierige Besucher öffnen, fahren auch bei Eva Kohlrusch die Gäste vor. Meist sind es Frauen, und manchmal rollen sie in Reisebussen an. 60 wetterfeste Stühle und 120 Kaffeebecher hat Eva Kohlrusch für diese Fremden angeschafft, die drei Euro für den Eintritt in einen Metallkasten werfen und dann selig verzweifelt seufzen, weil all das so unerreichbar scheint. "Ich habe mir immer einen geräumigen Garten gewünscht, durch den man unterm Himmel hindurchschreiten kann", sagt Eva Kohlrusch und huscht unterm Tropfenstrahl des Wassersprengers hinweg. "Ich wollte diese Umarmung, diese magische Verwobenheit mit der Natur."
Sehr blumig mag das alles klingen, doch selbst der ungebremste Gärtner hat in seinem Überschwang die Wissenschaft auf seiner Seite. Die Biophilie, die Liebe zum Lebendigen, sei im Menschen tief verankert, sagen Evolutionsforscher. Auch der moderne Hightech-Bürobürger strebe unbewusst nach dem uralten Zustand seiner Vorfahren - dem Leben mit Gras und Grün und allen fünf Sinnen. Daran habe der Gang der Entwicklung den Menschen gewöhnt. Denn in der heutigen Welt mit ihren künstlichen Räumen lebt er, gemessen an seiner Stammesgeschichte, gerade mal seit einem Tag.
Studien belegen, dass Gartenfreunde seltener unter Stress leiden. Der Blutdruck sinkt, das Herz schlägt ruhig, die Muskeln lockern sich. Allein der Blick auf eine Pflanze signalisiert dem Gehirn bereits Entspannung. Ein Garten, so drücken es Mediziner und Psychologen aus, evoziere die heilsame Erfahrung von Ruhe und Ordnung - und die Gewissheit, dass alles Leben nach langen Monaten der Dunkelheit noch immer irgendwie weitergegangen ist.
Allein 324 Rosenstöcke sind im vergangenen Jahr auf der alten Schweinewiese eingegangen. "Aber die Niederlagen im Garten sind absichtslos", sagt Eva Kohlrusch. "Da ist niemand, der einem Böses will." Als Kind saß sie auf einem Schemel in einer Nische zwischen Wand und Schrank, stundenlang und traumverloren, mit angezogenen Beinen und ihrer Puppe auf den Knien. "Später ist dieses sichere Gefühl, wie in einer Kugel zu leben, am ehesten im Garten möglich. Man zieht einen Zaun gegen die etwas kalte und schreckliche Welt und schafft einen Zufluchtsort für sich selbst."
Lange eigneten sich im westlichen Kulturkreis allenfalls die Anlagen antiker Tempel oder christlicher Klöster als Gärten der Versenkung. Die meisten Menschen kultivierten das Land rund um ihre Behausungen, um sich ernähren zu können. Oder sie benutzten Blüten, Büsche und Bäume im Namen von Moral, Macht und Weltanschauung.
So dienten die Labyrinthe in den Schlossgärten des Rokoko zwar immer auch den Lusttollen, gedacht aber waren sie als Sinnbild für die schwierige Suche des Menschen nach dem rechten Weg. Die streng geometrischen Beete des Absolutismus spiegelten, wie in Versailles, die unbedingte Autorität des Herrschers. Die Aufklärung befreite auch die Natur aus derlei Zwängen und schenkte Landschaftsgärten englischen Stils, der Zweite Weltkrieg machte aus Gärten wieder Orte für Rübe und Kartoffel, und die fünfziger Jahre brachten Deutschland den Goldregen und die anständige Grünanlage. Und wer sich darin aufhielt, der arbeitete. Oder er beaufsichtigte die spielenden Kinder. Da draußen zu entspannen, zu genießen gar, hieß lange Gammelei. Allenfalls Hippies lagen zwischen Klatschmohn auf der Wiese.
"Die Bank", ruft Eva Kohlrusch der Angestellten zu, freundlich, doch alarmiert, ein Ton, der keine Widerrede duldet. "Magst du bitte mit anfassen? Die steht an der falschen Stelle." Irritationen im Idyll, die kann sie schlecht ertragen.
Der Zustand der Gärten spiegle immer auch die Befindlichkeit der Gesellschaft, sagen Kulturwissenschaftler. Und so klingt das meiste, was Landschaftsarchitekten über ihre Kunden erzählen, als lebten die Deutschen in einem Gefühl permanenter Bedrohung und Überforderung. Gärten werden heute angelegt, als seien sie der einzig sichere Ort des eigenen Lebens - als Gegenentwurf zu Hektik und Mobilität und Angst und Terrorgefahr und Handystrahlung und pestizidversetzter Landwirtschaft.
Noch vor zwanzig Jahren war das anders, da gab es den Rasen, darin auch manchmal einen Baum, und drum herum Gehölz. Forsythie, Birke, Konifere. Mittlerweile sollen sich Nischen, Teich und Wasserlauf vereinen, mehrere Sitzplätze an lauschigen Stellen und in den Beeten eine Symphonie, wie sie früher allenfalls britischen Landgütern eigen war. Dill zwischen Rosen zwischen Gräsern und Himbeersträuchern zwischen Orchideen und Spalierobst. Naturreine Romantik.
Heutige Gärten konterkarieren, wie Soziologen es ausdrücken, die technisch-ökonomische Zivilisation. Sie verkörpern das Ideal jener sauberen, nachhaltigen Erde, die sich draußen vor dem Zaun vielleicht nie mehr wird erleben lassen. Und sie entlasten den Menschen - so wie es ihn entlasten kann, auf Fleisch zu verzichten oder die Grünen zu wählen. Einem, der gießt und säet und hegt, sollen andere erst einmal nachsagen, er missachte die Zukunft des Planeten. Selbst wenn er gerade nur die gemeine Blattwanze bekämpft und die Leere genießt, die sich dabei im Kopf einstellt.
Er ist auch ein Narkotikum, der Garten unserer Zeit.
Es war schon einmal so. Biedermeier hieß die Epoche. Damals erfand das deutsche Bürgertum den heimelig dekorierten Wohnraum unter freiem Himmel und zog sich zurück. Die Zustände im Land aber blieben, wie sie waren.
Auf der Schweinewiese neigt sich der Rundgang dem Ende. Im letzten Karree hat Eva Kohlrusch zwei Buchsbäume in die Erde gesetzt, sie stehen da in Gestalt einer Ente und eines Eichhörnchens.
Man müsse das alles schon auch ein bisschen spielerisch sehen, sagt sie noch und entlässt den Gast, zurück auf die Straße, zurück in die Welt. ◆
Von Katja Thimm

DER SPIEGEL 23/2011
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