11.05.1998

CDU/CSU

Die chinesische Lösung

Von Mayr, Walter

Ramponiert, aber unverzagt geht Unions-Fraktionschef Wolfgang Schäuble nach dem Gezänk um sein Zukunftsprogramm in den Bremer CDU-Parteitag. Eine Große Koalition unter seiner Führung gilt vielen als letzter Weg zum Machterhalt. Von Walter Mayr

Zwei Seelen haben Krach in Wolfgang Schäubles Brust. Die eine neigt dem Alten zu, die andere dem Neuen. Die eine drängt: Wir ernennen Helmut Kohl zum Motor des Wandels. Die andere bremst: Wir ernennen den Wandel zum Motor und warten ab, ob Helmut Kohl sich draufsetzt.

Äußerlich ist dem Unions-Fraktionschef Schäuble dieser Tage wenig anzumerken vom Zwiespalt, in dem er feststeckt. Wie eh und je lobt er den Kanzler.

Daß Epochales "im Moment seiner Entstehung immer auch von Banalem begleitet wird", sei ja wohl nichts Neues, sagt er am vergangenen Mittwoch im Bundestag während der Debatte über das Hickhack beim Brüsseler Euro-Gipfel. Wer sich wie die SPD ständig mit Kleinigkeiten aufhalte, sei, anders als Kohl, "unfähig zum Großen".

Drei Stunden später ist die Gelegenheit günstig, den Vorwurf kleinkrämerischen Getrickses zu wiederholen - diesmal an die Adresse der eigenen Partei. Es geht ums Zukunftsprogramm der CDU, das Schäuble selbst verantwortet und für dessen mutigen Erstentwurf er vom eigenen Lager gezaust worden ist wie selten zuvor.

"Dumme Wiederholung oller Kamellen", haben ihm der Energiesteuer wegen CSU-Vertreter vorgeworfen, deren Namen er noch nie gehört zu haben glaubt, vorsätzliches "Abzocken" von Bürgern, Mangel an politischem Instinkt. Ihm, Schäuble. Der Kanzler und die CDU-Granden haben bemerkenswert lange dazu geschwiegen.

Rächt Schäuble sich nun öffentlich? Er murmelt was von einem "Streit um nichts", stellt die überarbeitete Fassung vor und widmet dem Gezänk auf dem Weg zu seinem Programm, das über den Bremer Parteitag hinaus ins nächste Jahrtausend weisen soll, weiter kein Wort: "Irgendwann ist jeder Knochen abgenagt", sagt er. "Ich richte meinen Blick lieber nach vorne."

Der Politiker Schäuble ist seit 37 Jahren Parteimensch - und als solcher loyal bis an die Grenze der Selbstaufgabe. Nur im kleinen Kreis fordert er, die Union müsse "anstrengend statt bequem" sein und dürfe sich "nicht nach dem Hergebrachten sehnen, nach einer falschen Sicherheit, die rückwärtsgewandt ist".

Nach draußen wünscht er dem "Herrn Bundeskanzler", der dieser im Herzen rückwärtsgewandten Partei seit 25 Jahren vorsitzt, alles Gute auf dem weiteren Weg. Schäuble hat schmerzhaft erfahren und begriffen, daß derzeit in der Union jeder noch so wahre Satz als falsches Signal gedeutet werden kann; jeder Schritt nach vorn als Waffengang gegen den Kanzler. Und gegen die CSU, in der immer noch viele auf Kohl zählen.

So sitzt er nun da, still lächelnd, die Pfeife frisch gestopft, und verordnet sich äußerlich Gelöstheit. Das tut er, wenn er getroffen ist, wenn er innerlich noch rätselt. Meinten die Kritiker sein Programm oder ihn? Den Politiker, den Kanzleraspiranten, den Menschen gar?

Daß er den Bayern von der CSU nicht barock, nicht herzerwärmend genug ist, weiß Schäuble. Daß er sie vor Jahren als Vertreter einer "Regionalpartei", also auf Sicht als entbehrlich bezeichnet hat, bekommt er noch immer zu spüren.

Selbst Theo Waigel und Edmund Stoiber, Parteivorsitzender und Ministerpräsident, sind sich einig im Vorbehalt gegen Schäuble: "Keine Liebe kann brennen so heiß", wird in der CSU gespottet, wie die gemeinsame Abneigung der sonst so feindlichen Brüder gegen Kohls Kronprinzen als tatsächlichen Erbfolger.

Wird Schäuble angegriffen, zieht er sich, ganz Jurist, gern zurück auf das, was er für nicht angreifbar hält - das Recht: "Wenn man nicht mehr zwischen Opfer und Täter unterscheidet, erzielt man suboptimale Ergebnisse in der Verbrechensbekämpfung", hat er schneidend und gekränkt in die Sitzung des Bundesvorstands vor zwei Wochen gerufen.

Die Täter aus seiner Sicht - Waigel, Stoiber, Protzner - waren nicht dabei. Der zuständige Richter aber, der Bundeskanzler, saß neben Schäuble und schwieg.

Es komme Kohl nicht ungelegen, wenn sein wortmächtiger Fraktionschef bisweilen eins auf den Deckel bekomme, vermuten die einen. Daß er Schäuble nach dessen glanzvollem Auftritt beim Parteitag in Leipzig zum Kronprinzen im unbegrenzten Wartestand ausgerufen, sich quasi "an die Spitze der Bewegung gesetzt" habe, sei Teil dieses Kalküls.

Kohl genieße im demoskopischen Tief mehr als sonst die Gewißheit, versichern andere, der einzige zu sein, der mit Zügeln und Schenkeldruck das Gespann zum Traben oder Stehen bringen könne: CDU und CSU.

Schäuble jedenfalls fühlt sich verkannt - seine beharrliche Arbeit an einem moderneren Profil der Partei, seine Treue zu ihren Zielen. "Gutmütigkeit kommt gleich vor der Liederlichkeit", zitiert er scheinbar selbstkritisch aus dem pietistisch gefärbten Erfahrungsschatz seiner badischen Vorfahren. So rügt sich einer, der nichts zu bereuen im Sinn hat.

Wie aber steht er nun da, wenn Kohl im Herbst die Wahl verliert und Schröder sie nicht gewinnt? Wenn die Union mit der FDP keine Mehrheit hat sowenig wie die SPD mit den Grünen?

Da zischelt, tuschelt und mauschelt es in Bonn; ein trübes Süppchen kocht hoch im Kessel: Schäuble als Kanzler, Schäuble als Oppositionsführer, Schäuble am Ende - Stoiber am Zug? Alles scheint möglich, die Zeit der Zucht abgelaufen bei der Christenunion; in Gedanken, Worten und Werken.

Mit knapper Not stärkste Fraktion zu werden, sei momentan das Maximalziel, dringt es aus ihren Kreisen nach draußen. Dann aber käme, eine Erbfolge nach Kohls Willen vorausgesetzt, die Stunde von Schäuble, dem Kanzler-Kandidaten in einer Großen Koalition. Schon formieren sich unauffällig die Truppen, haben die Verteilungskämpfe begonnen.

Die stärkste Kompanie stellen noch jene, die Kohl unverändert für die Idealbesetzung halten wie der alte Kamerad Norbert Blüm; oder ihn als Bestandsgarantie für die eigene Bedeutung zu schätzen wissen wie die CSU-Oberen; dazu kommen jene, die es für ratsam erachten, sich nicht zu früh aus seinem Schatten ans Licht zu wagen wie der ehrgeizige Minister Matthias Wissmann.

Zu einem einflußreichen Bataillon formieren sich längst die Anhänger Schäubles - langjährige Wegbegleiter, jüngere Abgeordnete, notorische Kohl-Gegner wie Heiner Geißler. Sie verbindet, daß sie die Lebensleistung des Kanzlers gern gewürdigt, seine Lebensdauer im Amt aber am liebsten beschnitten sähen. Sie setzen auf Schäuble und den Charme der Reform.

Die am perfektesten getarnte Einheit im unionsinternen Stellungskampf ist mit Pionierarbeit beschäftigt. Da werden Brücken gebaut hinüber in die Zeit nach Kohl, so heißt es in Bonn, möglichst geräuschlos, damit der Kanzler nichts merkt.

Volker Rühe und Edmund Stoiber gelten als Meister dieses Handwerks. In Rühes Nähe und in Gegnerschaft zu Schäuble wird Kohls Sprecher Andreas Fritzenkötter vermutet, der bereits hausieren geht mit seiner Befürchtung, "am 28. September arbeitslos" zu sein, am Tag nach der Wahl. "Ist Kohl weg, ist der Sex von Fritzi auch weg", heißt es in der Unionsspitze - das Herrschaftswissen.

Verschwörungsszenarien, Endzeitstimmung im Angesicht der sinkenden Sonne des Kanzlers?

Schäuble gibt vor, das alles nicht zu durchschauen. Dabei wüßte morgens um acht, nach Lektüre aller maßgeblichen Blätter, kaum einer präziser als der notorische Frühaufsteher zu sagen, wer da wem wieder was gesteckt hat. Er kennt seine Gegner; sie sollen sich noch wundern.

Der Mann aus Baden gebärdet sich als Vertreter intellektueller Redlichkeit, als einer, der unangenehme Wahrheiten ausspricht und damit auch noch Wahlen gewinnen will. "Der schon wieder mit seiner Ehrlichkeit", schallt's vor allem aus der CSU. Schäuble nimmt das als Kompliment. "Ich lüge selten, praktisch nie", sagt er und hat auch die ökonomische Begründung dafür parat: "Moral spart Transaktionskosten."

Leider verfüge Schäuble, räumt selbst sein Bataillon ein, über deutlich weniger Gefühl als Kohl dafür, "wieviel Realität den Menschen zuzumuten" sei. Das sei einer der Hauptgründe, warum ihn so mancher gern vom Gipfel der Macht fernhielte: "Kohl ist die Mitte und Schäuble das Zentrum. Nicht jedes Zentrum liegt in der Mitte."

Sein für deutsche Verhältnisse karges Weltbild predigt Schäuble, wo sich Gelegenheit bietet. Es rankt sich um das berüchtigte, zweisekündig-atemlose Credo "Stillstandbedeutetrückstand" oder "Werrastetderrostet". Es läßt auch den seligen, im Wahnsinn begrabenen Landsmann Hölderlin nicht ruhen, der geweissagt hat: "Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch."

Und es kommt, breite schwäbische Exkurse humanistisch untermauernd, wieder als "Ecclesia semper reformanda" - die Kirche hat sich immer zu erneuern; das löst dann nicht selten im Publikum denselben wohligen Schauer aus, wie wenn Franz Josef Strauß sein "Pacta sunt servanda" bellte. Einer von uns, steht da in viele Gesichter geschrieben, der wirklich durchblickt.

Vom dritten Brustwirbel abwärts ist der schmale Mann gelähmt, die Gedanken aber sind frei, der Kopf ist beweglich. Schäuble bekennt sich zur chinesischen Lösung: "Die haben da das gleiche Schriftzeichen für Risiko und Chance." Das stimmt zwar nicht ganz, klingt aber gut. Und Schäuble wählt sich auch noch das Fahrrad zum Symbol: "Stehen Sie still, dann fallen Sie um."

Das wäre nun so ziemlich das Letzte, was die seit 16 Jahren regierenden Christdemokraten im Schilde führen. Und so gibt es inzwischen viele mit wackligen Wahlkreisen und schlechten Listenplätzen, die für Schäuble sind, weil das frech klingt, und auch für Kohl, weil das noch immer was gebracht hat.

Geht beides gleichzeitig? So ist es geplant. "Die Delegierten sind nicht so blöd, daß sie nicht wüßten, wer da beim Parteitag in Bremen zu feiern ist", heißt es in Schäubles Umgebung. Kohl also. Er soll auch künftig irgendwie für dasselbe stehen wie Schäuble, sagt aber was anderes.

Kohl will Politik machen "mit Gottes Segen"; nennt befreundete Regierungschefs aus Europa "hervorragende Männer aus der jungen Generation, die das Staffelholz vorantragen"; und spricht von seiner Hoffnung, die Menschen wieder in "Arbeit und Brot" zu setzen.

Es ist die Sprache der frühen Jahre. Sie ruft Respekt und Überdruß gleichermaßen hervor und bisweilen den Wunsch, den Alten sacht auf einer Sänfte rauszutragen.

Schäuble aber weiß, daß das nun nicht mehr geht. Er wünscht es wohl auch nicht. Obwohl er wahrnimmt, wie die Sitzungen der CDU-Führungsgremien zunehmend denen des implodierten SED-Politbüros gleichen; mit rituellen Loyalitätsadressen einerseits und Grobheiten andererseits selbst auf zaghafteste Einwände.

Nur: Auch der Spott über Kohl nimmt zu, subtil zwar, aber spürbar. "Du mußt aufpassen, daß du nicht irgendwann mehr Stimmen als abgegeben kriegst", hat ihm unlängst der Getreue Rudolf Seiters zugerufen.

Und selbst Schäuble kommt inzwischen aus der Deckung: "Einige fahren dann in Osterurlaub und versuchen mit nicht so großem Erfolg abzunehmen", hat er sich vernehmen lassen, als es darum ging, warum ihn keiner gegen die CSU-Angriffe geschützt hat.

Undenkbar früher. Und doch wird Schäuble sich zu gedulden wissen, als Mann im Rollstuhl ist er es gewohnt. Wenn im Getümmel alle fliehen, muß er warten. Führen andere im Stehen Vier-Augen-Gespräche, schaut er auf deren Hüften.

Warten schärft den Sinn für Zeit und Ziel. Vielleicht ist es das, was die anderen, Schnelleren an ihm befremdet. Warum sie ihn für eine Sphinx halten - unergründlich, unerquicklich.

Schäuble ist keiner, der an Kanzleramtszäunen rütteln würde. Auch keiner wie der junge Kohl, der sich zeitig im Festtagsstaat zu Adenauer aufs Foto geschmuggelt hat. Schäuble will, daß etwas zwangsläufig auf ihn zukommt, wie der Eisenspan zum Magneten, wie das Glück zum Tüchtigen.

"Wenn dir einer nicht seine Loyalität versichern muß, dann bin das ich", hat er vor kurzem zu Kohl gesagt: "Von mir aus kannst du tausend Jahre Kanzler bleiben."

Vermutlich meint er auch das wieder ernst.


DER SPIEGEL 20/1998
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