18.05.1998

Viagra ist eine Bombe

Der Hamburger Urologe Hartmut Porst über Nutzen und Gefahren der Potenzpille

SPIEGEL: Herr Professor Porst, ist Viagra der Durchbruch bei den Mitteln gegen Impotenz?

Porst: Diese Pille ist eine Zeitenwende. Den Penis als versagendes Organ wird es künftig nur noch höchst selten geben. Viagra hilft ja sogar in fast hoffnungslosen Fällen: Ich habe in den letzten drei Wochen Männer in meiner Praxis gesehen, die trotz Potenzspritze und Vakuumpumpe seit Jahren keine Erektion hatten und schon auf der Operationsliste zur Penisprothese standen. Diese Männer nehmen 100 Milligramm Viagra und können den Verkehr aufnehmen. Seit 18 Jahren bin ich auf diesem Gebiet tätig - was ich jetzt täglich erlebe, das hätte ich nie für möglich gehalten.

SPIEGEL: Haben auch Gesunde etwas von Viagra?

Porst: Ich und befreundete Kollegen haben es selbst ausprobiert: Die Pille verbessert entschieden die sexuelle Performance. Die Erektion ist härter, tritt schneller ein und hält länger an. Fast jeder Mann, der sexuell aktiv sein möchte, wird diese Pille ausprobieren wollen. Ich sage Ihnen: Viagra ist ein Teufelszeug.

SPIEGEL: Nicht eher ein Wunderwerk?

Porst: Viagra wird die Gesellschaft verändern. Viele Paare, die Sex wegen Penisdysfunktion vor Jahren aufgegeben haben, werden dieses Gebiet für sich zurückgewinnen. Von den Männern fallen die Versagensängste ab, die Sorge, eine Erektion nicht halten zu können. Andererseits wird Viagra eine Lifestyle-Droge ersten Ranges werden. Viagra kommt zu Pornodarstellern, auf den Kiez, auf Partys, in Swingerkreise. Niemand wird das verhindern können. Noch nie ist eine Pille auf den Markt gekommen, bei der das Mißbrauchspotential so groß war.

SPIEGEL: Ist es bereits Mißbrauch, wenn ein Paar ohne Potenzprobleme sich mit Viagra besser als bisher amüsieren will?

Porst: Nein, der Mißbrauch beginnt dort, wo Viagra gegen andere eingesetzt wird. Diese Pille birgt ein bisher nicht abzuschätzendes Risiko, daß mit ihr die Zahl der Sexualstraftaten zunimmt. Ich habe die Verschreibung dieser Pille daher schon etlichen Patienten verweigert: Thailand-Fahrern, die sich dort mit Viagra an Minderjährigen vergreifen wollten; einem mittlerweile impotenten Sexualverbrecher, der im Gefängnis saß. Auch einem Aidsinfizierten habe ich die Pille nicht gegeben, denn er hatte keinen festen Partner. Die Gefahr bestand, daß er mit Viagra andere infizieren würde, und als Arzt will ich das nicht verantworten.

SPIEGEL: Viagra zu kontrollieren ist aber ebenso illusorisch wie die Kontrolle über Heroin oder Kokain.

Porst: Das fürchte ich auch. Ich appelliere dennoch an alle Mediziner: Untersucht jeden Patienten. Macht eine genaue Anamnese. Was ist seine Motivation, warum will der Viagra? Das ist der Arzt sich selbst und seinen Patienten schuldig, denn viele Männer sind ja nicht nur da unten krank. Die haben zwei Herzinfarkte hinter sich, schwere Durchblutungsstörungen, Bluthochdruck. Wenn Ärzte jedem Viagra-Interessenten das Mittel hemmungslos verschreiben, dann wird Mors in coitu sprunghaft zunehmen. Viele ältere Viagra-Konsumenten sind gar nicht in der Verfassung, eine solche sexuelle Performance auch zu überleben.

SPIEGEL: Wie sicher sind die Mediziner, daß Viagra frei von Nebenwirkungen ist?

Porst: Das ist eine große Frage. Bisher wurde die Pille an 4500 Männern ausprobiert, und unter ihnen gab es keine ernsthaften Nebenwirkungen. Wenn Viagra aber jetzt von Zigmillionen geschluckt wird, dann tauchen auch die sehr seltenen und vielleicht schwerwiegenden Nebenwirkungen auf. Das passiert bei allen neuen Medikamenten, und Viagra ist dagegen nicht gefeit.

SPIEGEL: Werden die Menschen künftig mit Viagra besseren Sex zuwege bringen?

Porst: Da müssen Sie drei Fragezeichen dahinter setzen. Viagra verstärkt eher noch das oft von Frauen kritisierte Rein-raus-Rammlerbewußtsein der Männer. Ich hoffe sehr, daß die Herstellerfirma Pfizer künftig, in einer Art Sex-Stiftung, auch die sexuelle Aufklärung vorantreibt. Geld dafür wird die Firma in Zukunft reichlich haben.

SPIEGEL: Haben Sie Pfizer-Aktien gekauft?

Porst: Jeder, der in diesem Gebiet zu Hause ist, hat sich vor ein, zwei Jahren Pfizer-Aktien gekauft. Von vielen Kongressen her ahnte ich, was für eine Bombe Viagra wird. Hätte ich aber gewußt, was ich jetzt aus dem dreiwöchigen Ansturm auf meine Praxis weiß, dann hätte ich mir ein viel größeres Aktienpaket zugelegt.


DER SPIEGEL 21/1998
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