18.05.1998

Ein Lob dem Mann, der nicht kann

Von Weingarten, Susanne

Der Potenzwahn in der Gesellschaft und seine bizarren Folgen. Von Susanne Weingarten

Ein britisches Theaterstück, das wegen seines ausgesucht vulgären Namens aufhorchen läßt, gilt derzeit in Deutschland als Hit der Saison: Es heißt "Shoppen & Ficken" und zeigt unter anderem wilden Beischlaf aller Beteiligten. Und wie meist ist die Kultur der Wirklichkeit ein wenig vorausgeeilt. Denn in Wahrheit wird seit neuestem erst geshoppt - nämlich in der Apotheke - und dann gefickt. Und das dank der Wunderpille Viagra. Endlich Sex ohne Ende! Orgasmen für alle! Hurra!

Oder? In der allgemeinen Begeisterung stellt offenbar kaum jemand die Frage: Braucht die Welt wirklich eine Beischlafpille, die Männer zu dauererigierten Sexprotzen machen kann? Anders gefragt: Was gäbe es Schlimmeres? Und was kommt als nächstes - die Pille für den Orgasmus?

Der Run auf Viagra wirkt, als hätte vorher der große sexuelle Notstand geherrscht. Sollte wirklich in so vielen Schlafzimmern tote (Pyjama-)Hose geherrscht haben? Eher ist zu vermuten, daß die meisten Pillenschlucker mit Viagra gar keine dauerhafte Impotenz bekämpfen, sondern nur mal gucken wollen, ob es mit Hilfe der Chemie vielleicht noch ein bißchen besser klappt.

Viagra verspricht ein Leistungs-Plus. Und genau darum ist die Phallus-Pille ein solcher Verkaufshit: Die westliche Gesellschaft sieht im erigierten Glied vor allem ein Symbol der Leistung, weniger der Lust. "Performance" ist das englische Wort für die sexuelle Darbietung ("Wie war ich?" "Wie immer super, Schatz.") genauso wie etwa für den beruflichen Status. In einer Ära, in der das Individuum vor allem durch Leistung punktet, ist ein schlapper Schwanz im Bett ebenso schädlich fürs Selbstwertgefühl wie Schwabbelfett, Stottern oder Unsportlichkeit (das zeigt umgekehrt die Anerkennung für den Marathon-Läufer Joschka Fischer).

Ein Mann, der ab und zu mal nicht kann, liegt darum gleich als Versager auf der Matratze - das männliche Pendant zu jener frigiden Frau, die vor wenigen Jahrzehnten noch die Phantasien beherrschte. Impotenz wird zum Trauma, weil die Gesellschaft eine Phallus-Verherrlichung pflegt, die einen allzeit bereiten Supermann als Idealbild propagiert.

Gerade US-Präsident Bill Clinton hat von diesem fragwürdigen Enthusiasmus für das männliche Geschlechtsorgan profitiert. Seine Affären schaden ihm in den Meinungsumfragen nicht, weil sie eine absolut ungebändigte Potenz - und damit Leistungsfähigkeit - signalisieren. Bill kann immer und mit jeder. Wow. Sein Widersacher bei den letzten Wahlen, der Republikaner Bob Dole, hat sich dagegen als Viagra-Tester geoutet (siehe Seite 109) - und damit indirekt seine Potenzprobleme zugegeben: Für einen Politiker ist das der Todeskuß.

Die Sexualisierung der Männer in der Parfümwerbung - Vorreiter ist der lasziv ausgestreckte "Cool Water"-Jüngling mit dem Waschbrettbauch - war nur das erste Anzeichen eines Trends, der sich auf praktisch alle Bereiche der Populärkultur ausgeweitet hat. Die Herren der Schöpfung müssen jetzt ihre mannhaften Qualitäten sichtbar beweisen.

Fast jedes Rap-Video auf MTV streichelt das Ego der verunsicherten Man-

* In "Dobermann" (1997) mit Vincent Cassel.

nen mit einer neuen Macho-Ästhetik, in der Frauen nur als Huren auftauchen, die es zu nehmen gilt. Im sexuell verklemmten Hollywood-Film bricht sich der Potenzwahn Bahn in Gestalt von martialischen Ersatz-Phalli: Immer gewaltiger wurden die Knarren, mit denen Schwarzenegger, Stallone und Co. auf der Leinwand ihrer pickligen, jugendlichen Testosteron-Zielgruppe über Versagenstraumata hinweggeholfen haben.

Daß männliche Sexualität, wie im Augenblick anläßlich Viagra, überhaupt öffentlich verhandelt wird, heißt vor allem: Die Männer sind unter Druck geraten. Schwierigkeiten lassen sich nicht mehr allein den Frauen in die Vagina schieben, denn die haben sich so weit emanzipiert, daß sie ihre Sexualität bewußt gestalten - und wissen, was sie von einem Bettgefährten wollen. Daß Viagra gerade jetzt erfunden wurde, ist sicher kein Zufall.

Trotzdem ist die urologische Superpille alles andere als eine Lösung. Als vor knapp 40 Jahren die Anti-Baby-Pille erfunden wurde, schuf sie eine neue Gleichheit zwischen den Geschlechtern. Auch Frauen konnten jetzt den Sex genießen, ohne gleich die Gefahr einer ungewollten Schwangerschaft und damit, wenn sie unverheiratet waren, eines sozialen Stigmas auf sich zu nehmen. Etwas Vergleichbares leistet Viagra nicht. Im Gegenteil: Die Pille verhilft dem Geschlechtsstereotyp vom Mann, der immer kann, zur Machbarkeit. Sie leistet pharmazeutisch einem gesellschaftlichen Ideal von Allmacht Vorschub, das es dringend zu kappen gilt. (Insofern ist Viagra ein Traumprodukt für Vergewaltiger und Mißbraucher.) Und was "heilt" das Medikament Viagra eigentlich - außer ein paar Kratzern am Ego Betroffener? Gibt es ein Menschenrecht auf Sex?

Ein Medikament wird erst dann gesucht, wenn ein Krankheitsbild vorliegt: so etwa Krebs, Aids, Syphilis, Pest, Cholera und andere lebensgefährdende Geißeln. Im Regelfall soll ein Medikament etwas kurieren, was der Gesundheit schadet. Mehr und mehr aber werden physische Tatsachen, die einst als ganz "normal" galten, zu behandelbaren Sachverhalten - kurz: zu Krankheiten - umdeklariert. Immer mehr Medizin, immer weniger Spielraum der Normalität. Nicht der gesunde Mensch ist das Ziel, sondern der optimale.

Das gilt auch im Fall Viagra: Ein paar Erektionen weniger gefährden weder die Gesundheit eines Mannes noch die seiner Bettgespielin (oder seines Gespielen). Und selbst wenn der Geschlechtsverkehr der Nachwuchszeugung dienen soll - es gibt mittlerweile andere Wege der Befruchtung. Viagra ist allenfalls ein Hilfsmittel bei einem sexuellen Totalausfall des Mannes.

Ein Vorschlag zur Güte: Nur Frauen sollten Viagra kaufen dürfen - und ihren Ehemännern, Liebhabern oder sonstigen Beischläfern das kostbare Pillchen verabreichen, wenn sich das Paar miteinander amüsieren will. Denn auch mit Viagra gehören zu Klasse-Sex immer noch mindestens zwei.

Lifestyle-Drogen - Pillen für das Wohlbefinden

Haarausfall

Weltweit sind 13 Medikamente in der Entwicklung. In Deutsch- land kommt demnächst das hormonell wirkende Haarwuchsmittel "Propecia" auf dem Markt.

Psychische Verstimmung

Die Psychophamaka "Prozac", Zoloft" und "Paxil" werden vor allem in den USA in großen Mengen als Stimmungsaufheller verschrieben. In diesem Jahr wird der Umsatz allein dieser drei Medikamente über sechs Milliaden Dollar liegen.

Gedächtnisschwäche

Mit "Cognex" und "Aricept" kamen 1996 die ersten Medikament gegen altersbedingten Gedächtnisschwund auf den Markt. Die Alzheimer-Forschung könnte bald eine Vielzahl weiterer Mittel hervorbringen, welche als Hirndoping für jedermann die geistigen Fähigkeiten aufbessern.

Alter

Vor allem in den USA deklarieren Forscher zunehmend den natürlichen Alterungsprozeß zur behandelbaren Krankheit. Als phamakologischen Jung brunnen preisen sie derzeit das Hormon DHEA.

Angstzustände

Zahlreiche Firmen arbeiten an Alternativen zum Valium, die nicht, wie dieser Pharmaklassiker, süchtig manchen.

Biorhythmus- und Schlafstörungen

Das "Melatonin" wurde als Wunderdroge gegen Jetleg und Schlaflosigkeit zum Bestseller.

Hautfalten und Blässe

Zahlreiche kollagenhaltige Salben versprechen, alternde Gesichter glatt zu bügeln. Das Vitamin "Procarotin" soll den Teint rosiger machen.

Übergewicht

"Lipitor", ein Cholesterin-Senker wurde im letzten Jahr mehr als achtmillionenmal verschrieben. Eine Reihe von Schlank- heitspillen mit neuem Wirkprinzip stehen kurz vor der Zulassung.

Impotenz

In den Phamalabors weltweit wird schon an Viagra Nach- folgern gearbeitet. Im nächsten Jahr wird der Start von "Vasomax" erwartet, in den Jahren darauf sollen weitere Potenzpillen folgen.


* In "Dobermann" (1997) mit Vincent Cassel.

DER SPIEGEL 21/1998
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