25.05.1998

Rückkehr nach Hause

Von Leinemann, Jürgen

In Berlin müssen Kanzler, Minister und Abgeordnete mit den Monumenten der Vergangenheit leben. Von Jürgen Leinemann

Wenigstens den Adler wollen sie mitbringen, den fetten. Viel mehr Staatssymbolik haben sie sich ja nicht geleistet in der Bonner Republik. Ein bißchen roter Teppich, ein paar Fahnen neben den Schreibtischen, ein Wachbataillon und ab und zu ein Dutzend weißer Mäuse, das wirkte, wie aus dem Filmarchiv entliehen: unverbunden mit der Hauptstadt dieses Staates, der von sich weder ein Bild hatte noch eines abgeben wollte.

Bescheidenheit? Mimikry. "Ausgetreten aus der Geschichte und eingetreten in die Geschäfte", wie der Schweizer Friedrich Dürrenmatt gespottet hat. Das Gründungssymbol des westdeutschen Nachkriegsstaates ist die harte Mark.

Die Bilder, die zur Identifikation mit der Bonner Republik einluden - Ludwig Erhard mit seiner Zigarre, Volkswagen und Fußball-Weltmeister, Willy Brandts Kniefall in Warschau und die entführte Lufthansa-Maschine "Landshut" in Mogadischu -, verweisen nicht direkt auf die rheinische Hauptstadt. Das politische Bonn präsentierte sich beim Gongschlag der "Tagesschau" um 20 Uhr entweder mit der güldenen Mammut-Skulptur von Henry Moore vor der schwarzen Kreissparkasse, die als Kanzleramt benutzt wurde. Oder eben mit dem Bundesadler.

Kein Wunder, daß Sir Norman Foster, der britische Architekt, der den Berliner Reichstag umbaut, die Bonner Abgeordneten vergebens zu überreden versuchte, den - in seinen Augen - aufgeschwollenen Wappenvogel durch eine athletischere Version zu ersetzen. Aus einer heraldischen Sammlung von deutschen Adlern hatte Foster einen ausgesucht, der leichter wirkte, sportlicher, "wie im Fluge". Abgelehnt.

Dietmar Kansy, der CDU-Vorsitzende der parlamentarischen Bonner Baukommission, bestand auf einem Vogel an der gläsernen Stirnwand im Reichstag, "der unserer Bonner fetten Henne möglichst stark ähnelt".

Ob der Bonner Adler dort durchhält? Unberechtigt scheint die Furcht der Zureisenden nicht, daß die alte Bundesrepublik in der neuen Hauptstadt so schnell aus dem kollektiven Gedächtnis der Deutschen verschwinden könnte, wie sie glauben, daß es der DDR bereits widerfahren sei.

Zügiges Vergessen ist Berliner Lebensstil. In 150 Jahren haben fünf verschiedene Staatsgebilde - Preußen, das Kaiserreich, die Weimarer Republik, der NS-Staat, die DDR sowie West-Berlin - versucht, die Spuren der Vorgänger auszulöschen. Zerstörung hat in dieser Stadt Kontinuität. Um so prägnanter wirkt, was bleibt. Im Bonner Bundestag, der ja - wie Richard von Weizsäcker spottet - "ein bißchen am Rande des Lebens angesiedelt war", mochte der Adler die symbolische Repräsentanz des Staates tragen. In Berlin ist der Reichstag selbst das Symbol - ein geschichtsbeladener Prachtbau, der bald strahlend und groß in der Mitte einer europäischen Metropole stehen wird. Und das Unsichtbare, das dieses Monument umhüllt und Phantasien und Vorstellungen aufheizt, ist noch viel komplexer und brisanter als die gebaute Realität.

"Erst gestalten wir unsere Bauten", hat Winston Churchill einmal über Westminster gesagt, "und dann gestalten unsere Bauten uns."

Man kann - wie es Christoph Stölzl, der Direktor des Deutschen Historischen Museums von Berlin, zu tun pflegt - die Entscheidung für die Hauptstadt Berlin als einen Sieg der Bilder über die Verhältnisse betrachten: Der Tanz der Menschen auf der Mauer blieb unvergessen. Das Ende der Honecker-DDR im November 1989 - das ja eher in Leipzig besiegelt wurde - haftet im optischen Gedächtnis der Welt als Berliner Ereignis.

Willy Brandt träumte an den Trümmern der Mauer, daß jetzt zusammenwachse, was zusammengehört. Bundespräsident Richard von Weizsäcker forderte 1990: "Hier ist der Platz für die politisch verantwortliche Führung Deutschlands."

Doch vergingen bis zum Umzug noch fast zehn Jahre. Nun, da sie sich lange genug geziert haben, reden Bonner, die kommen müssen, von der "Rückkehr nach Hause".

Den Prozeß der Vereinigung hätte ein früher Wechsel nach Berlin gewiß erleichtert. Der Umzug wäre direkter Ausdruck des Neuen gewesen, Signal dafür, daß sich Bonn risikofreudig darauf einließ. Damals

* Am Rednerpult: Außenminister Klaus Kinkel; vorm Grundstein: Bauminister Eduard Oswald, Berlins Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen am 7. April.

zog sich die Wunde, die der heiße und kalte Krieg in das zerschlagene Berlin gerissen hatte, noch als wüster Streifen durch die Stadtlandschaft. "Wie ein Geschenk lag der Reichstag für symbolische Politik auf der Gemarkungsgrenze zwischen Ost und West", sagt der Historiker Lutz Niethammer, der 1993 aus Essen nach Jena wechselte.

Die suggestive Kraft seiner volksverschmelzenden Symbolik entfaltete der klotzige Bau mit der silbernen Verhüllung durch die Verpackungskünstler Christo und Jean-Claude. Für einen Augenblick deckte im Sommer 1995 die künstlerische Überformung der Wirklichkeit den wilhelminischen, nationalsozialistischen und stalinistischen Traditionsballast des Ortes zugleich zu und auf.

Aber da hatten Vorsicht und Perfektionismus in Bonn längst das Tempo der Wende gedrosselt. Heute ist die Mauer Vergangenheit, der Reichstag und sein geschichtsvergiftetes Vorfeld im Spreebogen Baustelle. Die Zeitlücke wird durch Raumfüllung ersetzt.

Der Symbolsog, der jetzt entsteht, ist inszeniert. Die Brache ist durchgeplant und wird zugebaut. Sie ist kein Niemandsland mehr zwischen den Deutschen, sondern zugerichteter Archäologiepark. Die "Raumstation Bonn" landet planmäßig in einer Geschichtslandschaft, einst Exerzierfeld der Preußen, dann Königsplatz, dann Platz der Republik - vor allem aber Adolf Hitlers "magischer Ort".

Daß die Besetzung des Spreebogens durch die Bonner etwas Konquistadorisches hat, darüber sind sich westdeutsche wie Ost-Berliner Kritiker einig. Der Architekt Günter Behnisch, der den lichten Bonner Plenarsaal gebaut hat und mit dem Umzug nach Berlin Rückfälle der deutschen Politik in "Tendenzen" befürchtet, "die besser weiterschliefen", empört sich: "Warum können die das? In Bonn haben sie ja auch nichts besetzen dürfen." Und der Ost-Berliner Soziologe Wolfgang Engler findet, die politische Klasse aus Bonn erscheine als "letzte Abteilung der westdeutschen Dominanz". Nach der Wirtschaft und der Kultur setzten "sich nun auch die Regierenden auf die Enteignungsprozesse drauf".

Ungewollt, wenn auch nicht schuldlos, gerieten die Bonner so in die Fußspuren früherer Machthaber, die sich an der Spree Monumente bauten. Und keiner so furchterregend wie Adolf Hitler mit seinem Modell "Germania". Genau an der Stelle, an der das Kanzleramt aus dem Sandboden in der Spreeschleife wächst, sollte im tausendjährigen Reich ein Palast des Führers stehen - im Schatten der gewaltigen Halle des Volkes, die 180 000 Menschen aufnehmen sollte, ein Kuppeldom von 250 Metern Durchmesser, von der Weltkugel gekrönt, die ein Reichsadler sich gekrallt hat. Hybride Macht.

50 Jahre nach Hitlers Untergang fanden sich mit Helmut Kohl und seinen Architekten Axel Schultes und Charlotte Frank unerschrockene Verbündete, die gegen die Erinnerungen an diese begonnenen, aber nie vollendeten Wahnkomplexe anzubauen wagten. "Spur des Bundes" nennen die Baumeister den strengen Riegel aus

* Architekt Albert Speer (l.), Propagandaminister Joseph Goebbels (4. v. l.), Adolf Hitler auf der Baustelle für das "Haus des deutschen Fremdenverkehrs".

Bürogebäuden des Bundestages und dem Kanzleramt, vergleichbar der Mall in Washington. Politisch und symbolisch aufgeladen, zieht sich Schultes "Spange" über die Spree von Ost nach West, "quer durch die Speersche Staatsachse", die von Nord nach Süd verlaufen sollte.

Bewältigungsgesten. Architektonisch eindrucksvoll, symbolisch ohnmächtig, ein neues Kapitel der unendlichen Geschichte mißlungener Versuche, die Diskussion über die Vergangenheit abzuschließen. Denn daß ein demonstrativer Strich durch die Nazi-Achse so wenig ein Schlußstrich sein kann, wie das in der Nähe geplante Holocaust-Mahnmal einen Schlußpunkt setzt unter die Auseinandersetzung mit Auschwitz, versteht sich. Lutz Niethammer: "Bei den Versuchen solcher symbolischer Sinnstiftung haben wir uns bisher noch immer überhoben."

Das letzte, was Berlin jetzt bräuchte, wäre "eine triumphale Geste der Reue und des Bekennens", warnt der Historiker Reinhard Rürup, der als Direktor der "Topographie des Terrors" die bürokratischen und alltäglichen Details des Nazi-Terrors dokumentiert. Nicht um Gedenken geht es in der neuen Hauptstadt, sondern um Geschichte.

Die gescheiterten nationalistischen Exzesse des NS-Staates zur Eroberung eines europäischen Imperiums hatten ein deutsches Volk, aber keine deutsche Nation hinterlassen, wenn man als deren Voraussetzung einen Willen zur Selbstregierung annimmt. Die Macht übernahmen nach 1945 die Sieger. Das sowjetische Ehrenmal, gebaut aus dem Marmor der Hitlerschen Reichskanzlei, werden die Abgeordneten und der künftige Kanzler in Berlin ständig vor Augen haben.

Aus zwei deutschen Nachkriegsgeschichten ist 1989 plötzlich wieder eine deutsche Nationalgeschichte geworden. Und die politische Gesellschaft Bonns wird sich - worauf nur die wenigsten vorbereitet sind - mit der Tatsache auseinanderzusetzen haben, daß sie mit der Berliner Republik zumindest als symbolisches Staatsgebilde in die Nachfolge des Deutschen Reiches eingetreten ist.

Darum hatten sich die Bürger beider deutscher Teilstaaten mehr oder weniger bewußt herumdrücken können.

Der Begriff "Nation" signalisierte vorwiegend die Last aus der Vergangenheit. Zwar konnten weder die Deutschen in Bonn noch die in Ost-Berlin diese Erbschaft ganz ausschlagen, wohl aber gelang es ihnen, den Antritt zu umgehen, indem sie ihn bis zur "Normalisierung" hinausschoben.

Nun ist jene angebliche "Normalität" ins nationale Leben der Deutschen zurückgekehrt, an die im Ernst niemand geglaubt hatte. Der erste Kanzler im Spreebogen wird nicht nur Nachfolger sein von Konrad Adenauer und Willy Brandt. Er wird auch in einer Reihe stehen mit Otto von Bismarck und Adolf Hitler.

Geschichte ist eine deutsche Obsession. Aber wenige sind von ihr so befallen wie Helmut Kohl. Kaum war der studierte Historiker im Oktober 1982 zum Kanzler gewählt worden, da drängte er seinen Landsleuten gleich zwei neue Museen auf. Zunächst, unmittelbar nach Amtsantritt, das "Haus der Geschichte" in Bonn, das die Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland dokumentieren sollte.

Zwei Jahre später folgte dann das "Deutsche Historische Museum" in Berlin, das die Denkwürdigkeiten des Vaterlandes und der Nation aus allen deutschen Landen bis 1945 sammeln und ausstellen sollte, damit - wie Kohl sagte - die jungen Bürger der Bundesrepublik ein Gefühl dafür entwickeln, "woher wir kommen, wer wir als Deutsche sind, wo wir stehen und wohin wir gehen werden".

Schon damals war es dem Kanzler - wie bei der peinlichen Andacht mit US-Präsident Ronald Reagan an den Gräbern von Soldaten der Waffen-SS in Bitburg - immer um die möglichst endgültige symbolische Bewältigung der unheilvollen deutschen Vergangenheit gegangen. Deshalb hatte er entschieden, daß sein Berliner Gedenkpalast im Spreebogen stehen sollte, haargenau an der Stelle, an der jetzt die Fundamente seines Kanzleramtes liegen.

Natürlich stieß das Projekt vor der Wende auf Widerspruch, es wurde mit Kohls konservativer Regierung identifiziert und geriet in den Verdacht, als Ersatz für jene nebulöse "nationale Identität" dienen zu sollen, die so oft heraufbeschworen und so selten genau umrissen wird.

Die Deutschen, höhnt die amerikanische Journalistin Jane Kramer, besäßen eben einen starrköpfigen, beinahe unschuldigen Glauben, daß es sich mit ihrer Vergangenheit verhalte wie mit ihrem Diskontsatz oder ihrem Bruttosozialprodukt - "daß sie etwas sei, das bei guter Planung und mit viel Einsatz den Verhältnissen angepaßt werden kann, aufgefrischt, in die Dienste der neuen deutschen Nation gepreßt".

Tatsächlich ist genau das dem Museums-Plan nach der Vereinigung widerfahren. Der Bau hat gewechselt, die nationale Erziehungsaufgabe ist geblieben. Das "Vaterland", das hier vorgeführt werden sollte, ist in die Stadt zurückgekehrt und findet als Freilichtausstellung statt.

Doch bedeuten die historischen Bauten, in denen künftig wieder Staat gemacht wird, mehr als nur Kulissen. "In unserer Kultur sind Gebäude die zentrale Figur des Erinnerns", sagt Berlins Staatssekretär für Stadtplanung, Hans Stimmann.

Die Berlin-Besucher, die schon jetzt mit forschenden Blicken durch das frühere und künftige Zentrum der Hauptstadt ziehen, sind ja nicht bloß auf die historische Architektur aus. Sie suchen nach dem unsichtbar Gewordenen, nach authentischen Belegen für jene Bilder in ihrem inneren Archiv, die vergangene Wirklichkeiten heraufbeschwören - Bilder von der schwülstigen Pracht und dem uniformierten Drill der Kaiserzeit, von Krieg mit Pickelhauben, Revolution und Inflation, vom schrillen Flair der Goldenen Zwanziger, vom hysterischen Jubel und brutalen Terror der Nazis, von Bomben und Rosinenbombern, von Hundegebell, Wachtürmen und Scheinwerfern an einem betonierten Todesstreifen quer durch die Stadt.

Geschichte als Tourismus-Attraktion? Immer hereinspaziert, die Herrschaften. Überall werden derzeit in Berliner Fassaden letzte Einschußlöcher aus dem Zweiten Weltkrieg zugespachtelt, Baulücken geschlossen, Brandmauern kreativ bemalt und Plattenbauten aufgehübscht. Im früheren Niemandsland des Kalten Krieges, wo zuvor Freislers Volksgerichtshof, Bismarcks Kanzlei und Theodor Fontanes Schreibzimmer standen, werden gleich drei Vergangenheiten umgewühlt und zugebaut, hat der niederländische Berlin-Kenner Cees Noteboom staunend bemerkt.

Aber alte Ängste, fügt er hinzu, lassen sich nicht so leicht begraben. "Die Erinnerung von Völkern ist, hinter einem Schein von Geistesabwesenheit, eine uralte zähe Masse, und die Frage, die damals (nach dem Fall der Mauer) jeden beschäftigte, und mit Xjeden'' meine ich vielleicht noch am meisten die Deutschen selbst, lautete: Zu was für einem Land sind wir im Begriff, uns zu entwickeln?"

Je mehr Jahre seit der Wende vergingen, desto unangenehmer rückte diese Frage denen auf den Leib, die sich zum Umzug rüsteten aus dem Windschatten der Geschichte hinter den sieben Bergen am Rhein in das historische Trümmerfeld ihrer Vorfahren. Wie mag das Ausland das sehen? Genervt berichtet die New Yorker Architektin Karen van Lengen von den ängstlichen Bemühungen der Bonner, sich in Berlin sozusagen als größtes kleines Land der Welt darzustellen.

Einerseits, so schreibt der Amerikaner Michael Z. Wise in seinem gerade erschienenen Buch "Capital Dilemma", wollte der demokratische deutsche Staat seine Bedeutung nicht mehr verstecken. Andererseits, so van Lengen, die zusammen mit Architekten aus 44 Ländern an dem Spreebogen-Wettbewerb um das neue Regierungszentrum teilnahm, starrten die Verantwortlichen immer wieder mit furchtsamem Blick auf die Entwürfe: "Was sagen wir damit der Welt? Daß wir sie wieder erobern wollen?"

So ist es bis heute geblieben. Jene spezielle deutsche Verkrampfung, die alte Bonner noch aus der Zeit kennen, als die Bundesrepublik der Nato beitrat, hat sich nicht wirklich gelöst - ein bißchen stärker als Rußland und ein bißchen schwächer als Luxemburg, das wär''s noch immer.

Lähmende Ambivalenzen ersticken jede Form von Erwartung. Aufbruch und Endzeit, diffuse Gefühle und analytischer Stillstand. Rückkehr in die Geschichte? Gewiß, aber keine Anknüpfung an die Rolle Berlins in der Vergangenheit. Sie ziehen an die Spree, um "ein anderes Land zu repräsentieren" (Minister Günther Rexrodt), aber den rheinischen Geist der Nachkriegsdemokratie, den wollen sie mitnehmen. Kurz, wie Verteidigungsminister Volker Rühe die Aufgabe als eine Art Tagesappell formuliert: Es gilt, "in die deutsche Geschichte gestellt zu werden und trotzdem das Richtige zu tun".

Antreten zum Himmelfahrtskommando. Tatsächlich sind die Sorgen der Bonner ja nicht unberechtigt, denn sie werden auf tückisches Gelände geraten. Was immer sie tun oder lassen, wird sich im Zerrspiegel der Überlieferung verändern. Alles ist mit Bedeutung aufgeladen.

* Am 7. September 1950.

Die Gnade der Ignoranz, egal ob bewußt oder unbewußt, schützt Spätgeborene nicht vor den Schatten der Vergangenheit. Das gilt für Politiker wie für Journalisten und Architekten. Die Frankfurter Martin Gruber, 35, und Helmut Kleine-Kraneburg, 37, erfuhren es beim Neubau eines Bürogebäudes im Garten des präsidialen Schlosses Bellevue. Aus ästhetischen Gründen entschieden sich die Architekten, das ovale Amt mit schwarzem Granit zu verkleiden. Bundespräsident Herzog lehnte ab: zu düster.

Daß die Grabmalsaura im Nach-Auschwitz-Berlin unglückliche Assoziationen an das Schwarze Korps der SS-Killer auslösen könnte, wollte den jungen Baumeistern auch hinterher nicht einleuchten: "Solche Diskussionen kann es nur in Deutschland geben." Eben. Selbst in seiner helleren, graugrünen Verkleidung strahlt das strenge Gebäude noch eine Kälte der Macht aus, die frösteln macht.

Theoretisch läßt sich gewiß trefflich darüber streiten, ob Quadrate ästhetische Machtgesten sind, ob Glas schon Demokratie signalisiert, Beton Brutalität und Holz Volksnähe. Aber entscheidend ist die Wirkung vor Ort, wo der konkrete historische Kontext die Wahrnehmung einfärbt.

Die Weimarer Architekturstudenten Torsten Krüger, Christiane Schuberth und Bertram Vandreike hatte es schon lange frustriert, daß ihre Professoren in der DDR geradezu reflexartig den Marschtritt der braunen Kolonnen im Ohr hatten, sobald sie drei Säulen in einer Reihe sahen. Dann kam die Wende, sie gründeten ein Architekturbüro und entwarfen trotzig für das künftige Kanzleramt im Spreebogen Säulenreihen, mit denen sie Eindruck machten und - neben Axel Schultes - den ersten Platz im Wettbewerb errangen.

Aber dann grub der SPD-Abgeordnete Peter Conradi Pläne Albert Speers aus, die an derselben Stelle ein Führerpalais vorsahen - mit ähnlichen Säulenreihen. Ende der jungen Ambitionen.

Selbst Schultes, dessen Rücksichtnahme auf die historisch kontaminierte Umwelt unbestritten ist, mußte seine Pläne ändern. Er hatte, um die optische Unverwechselbarkeit des Kanzleramtes zu sichern, eine riesige runde Öffnung in die Fassade geschnitten, die der Berliner Witz prompt als "Auge des Kanzlers" entlarvte und verspottete. In der früheren Hauptstadt von Gestapo und Stasi war das eine verheerende Assoziation: "Big brother is watching you." Jetzt öffnen halbmondförmige Bögen die Mauern nach Süden.

Paranoia? Auf Berlin fallen keine unschuldigen Blicke. Und harmlose Idyllen sind schwer zu finden. "Mißtraut den Grünanlagen", heißt eine Faustregel für Stadterkunder.

Die künftigen Souveräne beschränken ihr Mißtrauen nicht auf die Rasenflächen. Sie halten sich nach Möglichkeit noch immer das ganze Thema vom Leibe. CDU-Ministerin Angela Merkel, die in der Nähe Berlins aufgewachsen ist, reagiert "mit sehr gebrochenen Gefühlen" auf den Glanz des historischen Zentrums. Voller Staunen habe sie sich als Kind zu DDR-Zeiten die Sehenswürdigkeiten erlaufen, aber nie dahinter "ein schönes oder tolles Leben" vermutet. Von dieser Ambivalenz ist sie bis heute nicht frei.

SPD-Kanzlerkandidat Gerhard Schröder, Jahrgang 1944, der sich selbst als reines "Produkt der alten Republik" bezeichnet, aber von der "Gnade der späten Geburt" nichts hält, fehlt jene erinnerungsträchtige emotionale Beziehung zu Berlin, wie er sie bei der "Kriegs- oder Vorkriegsgeneration" gespürt hat, vor allem bei Willy Brandt. Er versucht nachzulernen, was die Alten erlebt haben. Doch ist es eher eine Art Vorfreude auf die "innere Dynamik der künftigen Weltstadt" als das Vermächtnis der Geschichte, das ihn an Berlin fasziniert.

Im Ernst hat Schröder über die politischen, historischen und symbolischen Implikationen des Umzugs so wenig nachgedacht wie die meisten seiner Bonner Politiker-Kollegen, mit Ausnahme von Kanzler Kohl. Ein bißchen Warnung vor "wilhelminischem Schwulst" (Rudolf Scharping) oder vor der Illusion, "die Gebäude durch moralische Bekenntnisse entnazifizieren zu können" (Antje Vollmer) - der Rest ist Schweigen.

Die Folgen sind absehbar. Phantasielosigkeit, Alltagsroutine, Widerwillen und Ängste verbinden sich zu einer Haltung, die Ausrutscher und Peinlichkeiten garantiert. "Die werden hier in der ersten Zeit rumstolpern wie Konfirmanden in ihren viel zu großen Anzügen", glaubt der Historiker und Journalist Götz Aly.

Erhoben oder geängstigt von der schieren Größe und der historischen Aura ihrer neuen Wirkungsstätte, werden Abgeordnete, Minister und Beamte Mühe haben, Auftreten und Tonart in einer angemessenen Balance zu halten.

Hat nicht Helmut Kohl mit der aufgepusteten Kollwitz-Statue in der Neuen Wache und dem Operetten-Zeremoniell der Überführung Friedrichs des Großen nach Potsdam schon ein paar eindrucksvolle Vorgaben geleistet?

Nichts ist eingespielt und reflektiert, weder der Staat noch seine Repräsentanten sind an französische oder amerikanische Stilformen des Protokolls gewöhnt, die ihnen jetzt ihre pompösen Bauten nahelegen.

Nicht daß der Geist von Goebbels oder Hjalmar Schacht plötzlich aus den alten Mauern kröche und den Neuen das Hirn verhexte, ist ihr Problem. Sondern daß sie letztlich gar nichts richtig machen können. Außer lernen. Denn sie laufen in eine Falle. Sie sollen Geschichte fortsetzen und zugleich ihre Fortsetzung verhindern.

Deshalb hat die Aussicht, die neuen Herren in Berlin chaplinesk durch die langen Korridore und Marmor-Hallen, Säulengänge und pompösen Treppenaufgänge der Macht stolpern zu sehen, in Wahrheit nichts Furchterregendes. Im Gegenteil. Komik ist nicht die schlechteste Form, eine neue Monumentalität des Denkens und Handelns zu unterbinden.

Museumsdirektor Stölzl zitiert aus der Erzählung "Wälsungenblut" von Thomas Mann, um angemessen ironisch seine Erwartungen zu artikulieren: Nun, dankbar sollen sie sein. Sie werden "ein minder triviales Dasein führen, von nun an."

Keine Nation ohne Mythos, behauptet eine Ausstellung, die derzeit in Berlin "Ein europäisches Panorama" der Vaterländer vorführt - Ikonen patriotischen Kultes aus 18 Ländern, bluttriefend und todesschwülstig.

Könnte etwas weiter weg sein vom Selbstverständnis der Deutschen am Ende des 20. Jahrhunderts als Hermann der Cherusker und Barbarossa, Luthers Verbrennung der päpstlichen Bannbulle und die Völkerschlacht bei Leipzig? "Nach 1945 wirkte der deutsche Nationalismus wie ein erloschener Vulkan", sagt der Berliner Historiker Heinrich August Winkler, der von seinem Schreibtisch einen freien Ausblick hat auf ein gewaltiges Stück Schlacke dieser emotionalen Feuerstelle - den wilhelminischen Protz-Dom am Lustgarten.

Große Bauten, große Worte. Der Weg zu seinem Arbeitszimmer in der Humboldt-Universität führt Winkler täglich am Bildnis eines grimmen Mannes vorbei, Johann Gottlieb Fichte, der hier im Winter 1807/1808 jene Weltherrschaft des deutschen Geistes ausrief, die dann Wilhelm II. und Hitler katastrophal geistfrei zu materialisieren versuchten.

Alles Schnee von gestern? Folgt man den Gedanken, mit denen der Philosoph Peter Sloterdijk unlängst in einer "Berliner Lektion" die Hauptstädter verstört hat, dann sind Nationen heute "thematische Erregungsgemeinschaften", die von den modernen Medien durch eine chronische, agitierende, hysterisierende Massenkommunikation ins Dasein gerufen werden.

So wie Fichte mit seinen berüchtigten "Reden an die deutsche Nation", die es im staatlich konstituierten Sinne gar nicht gab, das Zuhören zur Ergriffenheit steigerte und die Ergriffenheit zum emotionalen Aufschwung, so erzeugen heute die Nationen sich selbst unter einer dichten kommunikativen Glocke als ein "in gemeinsamen Themen und Sorgen vibrierendes Schein-Ganzes". Keine Frage, daß Berlin als Kulisse sich vorzüglich eignet, aktuelle Ängste und Träume der Deutschen durch eine organisierte Beschwörung großer Augenblicke der Vergangenheit emotional zu unterfüttern.

Das läßt sich als Volksfest gestalten wie gerade die Feiern zum 50. Jahrestag der Luftbrücke. Und dann sagt US-Präsident Bill Clinton den deutschen Satz: "Berlin bleibt doch Berlin." Es kann auch als historisches Bilderrätsel inszeniert werden - was symbolisiert zum Beispiel das Treffen des amerikanischen Präsidenten und des deutschen Kanzlers am Grabe Friedrichs des Großen? Ärgerlichere Inszenierungen sind denkbar.

Dabei ist Berlin natürlich kein Forum Romanum, auf dem sich Jahrhunderte in Ruinen zusammenballten. Auch haben die Bonner ja am Ende darauf verzichtet, sich an den symbolisch besonders heiklen Zentralorten der jüngeren deutschen Geschichte niederzulassen - auf dem Schloßplatz oder an der Wilhelmstraße. Diese Stätten einstiger Macht, von denen aus Kaiser und Führer die Deutschen in zwei Weltkriege schickten, liegen - Abraumstätten der Geschichte gleich - heute brach oder plattenbebaut mitten in der Stadt.

Doch ist es im Zeitalter der synthetischen Visualisierungen ein leichtes, die Einzelexponate der historischen Bau-Ausstellung, zu der sich die über die Stadt verstreuten Regierungsämter suggestiv zusammenziehen lassen, als Gesamtgemälde neonationaler Herrlichkeit zu präsentieren.

Darüber oder darunter kopierte Fotos und Filme der Vergangenheit können mühelos jeden gewünschten Kontext "dokumentieren" - Deutschland, das ewige Monster, das unglückliche Opfer, das verkannte Land des Humanismus und des Fortschritts. Heute sind Mythen Medienprodukte.

Noch scheint den wenigsten Bonner Politikern zu dämmern, daß sie mit ihrem Umzug nach Berlin zwangsläufig in eine Inszenierung hineingeraten, die "Deutschland" heißt. Die hat bisher weder eine feste Dramaturgie noch einen vorhersehbaren Ausgang. Wer das Drehbuch schreibt, ist so unbekannt wie der Name des Regisseurs.

Als Produzent von "vereinigenden Hysterien und integrierenden Paniken" (Sloterdijk) kann die Regierung auftreten, das Fernsehen oder das Volk. Schließlich ist die Berliner Republik nicht das Produkt obrigkeitsstaatlicher Anordnung, sondern sie entstand aus der Zivilcourage einer Bürgerbewegung.

Der Grad ihrer Bewußtheit und Offenheit wird darüber entscheiden, ob die Bonner in dieser historischen Landschaft Statisten oder Akteure werden. Denn dieselbe Ruinenszenerie, die als eine Art deutsches Disneyland Politik zur Vorabendserie degradieren kann, ist zugleich authentisches Anschauungsmaterial für menschliches und nationales Drama.

Der Berliner Reichstag ist keine Titanic- Attrappe. Die Brandspuren, die Inschriften der russischen Sieger von 1945 - alles echt. Daß bei den Renovierungsarbeiten in Hermann Görings Reichsluftfahrtministerium, in dem künftig der Chef der Bonner Finanzen mit seinem Riesenapparat residiert, Zeitungsseiten der SS-Postille "Das schwarze Korps" vom 27. Februar 1941 und des DDR-Gewerkschaftsorgans "Tribüne" vom 13. Dezember 1965 aus demselben Deckenloch quellen - das ist eben nicht Kino, sondern die materielle Substanz von Geschichte.

Wenn Orte, Personen und Dinge real zusammentreffen, dann verdichtet sich historisches Geschehen zu Erinnerungen, dann werden Spuren freigelegt, die quer liegen zu den glatten Inszenierungen stimmigen Scheins.

Die Ost-Berliner Historikerin Annette Leo hat nie vergessen, daß ihr Vater zu Hause ein Schild aufbewahrte, das er heimlich von seinem Arbeitsplatz mitgebracht hatte. Auf dem Schild stand "Deutsche Reichsbank", der Vater arbeitete aber im Gebäude des Zentralkomitees der SED. Annette Leo: "Da fängt man als Kind an zu fragen." Ihre Kinder können weiterfragen, denn fortan wird in diesem Gemäuer deutsche Außenpolitik gemacht.

Gerade für die Jüngeren, die mit Bildern groß geworden sind und sich mit ihrer Flüchtigkeit auskennen, macht die "materielle Substanz" der Geschichte einen großen Unterschied. Ihr Zugang zur Vergangenheit läuft über Personen und Orte. Im Tiergarten-Gebüsch kartographisch genau den Ort zu wissen, wo das Rednerpult stand, von dem aus Hitler der Welt den Krieg erklärte: "Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen" - das hat für viele eine eigene Faszination. Denn von der Kroll-Oper, wo Hitler sprach, ist nicht ein einziger Stein geblieben.

Das Gedächtnis ist nicht nur eine Instanz des Erinnerns, sondern auch eine des Vergessens. Abriß ist Zensur. Schon Schinkel hatte in Berlin aufgebaut, indem er abriß. Und Albert Speer hatte bereits viel altes Berlin für seine "Germania" niedergerissen, bevor Joseph Goebbels diese "monströse Stadt aus Stein und Asphalt" und Adolf Hitler "diese ungeregelte Anhäufung von Bauten" ihrer feurigen Götterdämmerung auslieferten.

Übriggeblieben ist eine Stadt der Brüche und Fragmente, der Ruinen und Trümmer. Für die politische Gesellschaft der alten Bundesrepublik kann das nur hilfreich sein: Denn die mögliche Verführung zum Größenwahn durch gebaute Gebärden der Macht wird gekontert durch die restaurierten Spuren des schnellen Herrschaftswechsels und unheilvoller Vergangenheiten.

Im Reichstag, wo Norman Foster sorgfältig die Schichten freilegt und konserviert, wird es besonders deutlich. "Viele haben in Berlin versucht, das Gesicht der Nation zu zeichnen", sagt Antje Vollmer, die grüne Vizepräsidentin des Bonner Parlaments. "Die Spuren der Zugriffe zeigen, wie mächtig sie waren. Aber keiner hat das Bild vollendet."

Jetzt sind die Bonner dran. Der Philosoph Jürgen Habermas hat ihnen eine Richtung gewiesen. Nicht mehr als eine Nation von Volksgenossen, die das Fremde ausschließen und bekämpfen, sondern als eine Nation von Staatsbürgern und Verfassungspatrioten könne die Berliner Republik eine neue Normalität entwickeln, schreibt er: "Statt von Berlin aus klirrende Entscheidungen zu treffen, müßte sie in Straßburg und Brüssel Mehrheiten gewinnen."

Tatsächlich schließen europäische Integration, Globalisierung und in 50 Jahren Bundesrepublik entwickelte demokratische Traditionen zwar nicht eine neue arrogante Überheblichkeit der politischen Klasse aus, wohl aber simple Rückgriffe auf falsche Triumphe und Versuchungen der Vergangenheit.

Die nationale Hauptstadt Berlin ist eine Fiktion. Allenfalls als "postklassischer Nationalstaat" (Winkler) kann ein Gemeinwesen noch gelten, das seine wichtigsten Souveränitätssymbole - zuletzt den wohl populärsten deutschen Adler, den auf der D-Mark - geopfert und an die Europäische Union und die Nato in Brüssel abgegeben hat.

Macht tritt um die Jahrtausendwende als weltweiter Wanderzirkus in internationalen Konferenzen auf - Uno und Nato, Gipfeltreffen , die G 7 oder G 8 heißen, als nähme James Bond daran teil. Nationale Politik wirkt dagegen wie Oberammergau. "Im Vaterland", spottet Lutz Niethammer, "wird das Welttheater in der Muttersprache gegeben."

Mehr wird es auch in Berlin nicht sein.

* Am Rednerpult: Außenminister Klaus Kinkel; vorm Grundstein: Bauminister Eduard Oswald, Berlins Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen am 7. April. * Architekt Albert Speer (l.), Propagandaminister Joseph Goebbels (4. v. l.), Adolf Hitler auf der Baustelle für das "Haus des deutschen Fremdenverkehrs". * Am 7. September 1950.

DER SPIEGEL 22/1998
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