25.05.1998

ZEITGEIST„Wir sind alle Afrikaner“

Ein neues, politisch korrektes Pharisäertum in Deutschland verwechselt Ortlosigkeit mit Weltoffenheit, Multikulti-Einerlei mit spannungsreicher Vielfalt - der Autor Frank Böckelmann provoziert mit einer Kritik an gesinnungsfester Fremdenliebe. Von Reinhard Mohr
Wenn in Deutschland, besonders oft rund um Berlin, wieder einmal kahlgeschorene Schläger und Brandstifter ihre fremdenfeindlichen Wallungen ausgelebt haben, wenn xenophobe Dumpfbacken der rechtsradikalen DVU mit zweistelligen Wahlergebnissen in ein Landesparlament einziehen, dann zerfällt die ganze Republik sogleich in drei Teile: in die Dumpfbackenfraktion nebst Sympathisanten, die peinlich berührte schweigende Mehrheit und die Warner & Mahner, bekennende Fremdenfreunde daselbst. Die Debatte läuft stets nach demselben reflexhaften Muster ab.
Der Empörung folgt der Ruf nach harten Strafen für die Täter und einer Selbstkritik der Gesellschaft: Ist er fruchtbar noch, der braune Schoß? Was haben wir falsch gemacht? Sind die Schulen oder die Eltern verantwortlich, die DDR oder Helmut Kohl? Oder doch wir alle? Die Experten reden von Globalisierungsängsten und Modernisierungsverlierern, vom Zerfall sozialer Bindungen und vom Mangel an Orientierung. Schließlich fließt Geld für ein paar neue Studien über Rassismus und Jugendgewalt aus staatlichen Töpfen, hier und da entsteht ein neues interkulturelles Begegnungszentrum. Übergang zur Tagesordnung. Bis zum nächsten Mal.
Hinter diesem Reiz-Reaktions-Schema steckt nicht nur Ratlosigkeit, sondern auch eine Weigerung, Realität wahrzunehmen - sie ergänzt die rechten Ressentiments auf merkwürdige Weise. "Blinde Weltoffenheit" im Verein mit "probatem Wohlwollen" nennt der Autor Frank Böckelmann das linksliberale Syndrom der bedingungslosen Völkerfreundschaft in seinem jüngsten Buch über die "verfemte Fremdheit", das in Hans Magnus Enzensbergers Reihe "Die Andere Bibliothek" erschienen ist*. Seine anstößige These: Gerade die politisch korrekten Ausländerfreunde, die offene
Grenzen fordern, "Bleiberecht für alle" und Losungen wie "Kein Mensch ist illegal", "Jeder Mensch ist Ausländer - fast überall" oder "Wir sind alle Afrikaner!" ans Heck ihres Volvo kleben, tilgen das Fremde und gemeinden es umstandslos ins eurozentrische Eigene ein. Damit verschwindet es zugleich im großen "melting pot" des "pauschalen Einvernehmens" - Integration im Geiste des Multikulti-Weltgeists.
So sind die scheinbar weltläufigen Propagandisten der ethnischen Differenz und schrillen Abweichung auf paradoxe Weise Gleichmacher und Weißwäscher, die das Besondere, Verstörende, buchstäblich Andersartige gar nicht erst wahrnehmen wollen und damit gleich auch Autonomie und Unverwechselbarkeit des anderen einkassieren: "Die Akzeptanz des Fremdlings ist schon besiegelt, bevor er überhaupt in Sicht kommt", schreibt Böckelmann. "Der interkulturelle Austausch orientiert sich am Ideal des reibungslos fließenden Verkehrs. Möglichst ohne Irritation soll einer am anderen vorbeikommen." Die Kommunikation ist Selbstzweck: "Das Ziel der Verständigung ist die Verständigung."
Sein Plädoyer dagegen gilt der Anschauung und Anerkennung des Fremden, Unverständlichen und Abstoßenden, der schwierigen Vielfalt wie den Grenzen zwischen den Kulturen. Und er appelliert an das europäische Selbstbewußtsein: "Wer das Eigene nicht gegen das andere setzt, wird am Ende beides verachten", sagt Böckelmann, Jahrgang 1941, einst Mitglied der "Subversiven Aktion" wie des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) - ein linker Intellektueller der Bundesrepublik, der Bücher über die "Theorie der Massenkommunikation" schrieb wie über "Die schlechte Aufhebung der autoritären Persönlichkeit".
Schon in seinem letzten Buch - Titel: "Begriffe versenken" (1997) - beschwor Böckelmann süffisant die beliebige Ansammlung zeitgemäßer Wahrheiten über Naturkatastrophen, die angeblich nur "Folgen von Fehlverhalten und mangelhafter Ausstattung der Vorwarnstellen" seien, und die Deutschen, die noch nicht "locker genug" sind, "solange sie sich von Amerikanern und Italienern unterscheiden": toskanalinke Spießer-Gemeinplätze.
Ganz auf dieser Linie wohlfeiler Gewißheiten, so Böckelmann, benutze der postmoderne Multikulturalist die Einwanderung als "Vorwand für erzieherischen Tugendterror", mit Totem und Tabu. Das Fremde, sagt er, ist gar nicht fremd, sondern ein verdrängtes Eigenes, Projektion und Konstruktion der Weißen: "Der andere, das ist mein Unbewußtes", meint die Psychoanalytikerin Julia Kristeva. Die Fremden, das sind wir. Alles, was von außen, aus weiter Ferne kommt, ist eigentlich immer schon hier, in uns selbst codiert. Böckelmann mokant: "Chinesen, Japaner, Araber, Schwarze, Indios - ein bunter Strauß abendländischer Erfindungen."
Gegen diese Hybris, gegen den Kult der grenzenlosen Indifferenz breitet der Multikulti-Kritiker auf mehreren hundert Seiten seine Recherche der verlorenen Grenzen aus, Bilder der Fremdheit. Es sind historische Dokumente von Krieg, Kolonisation, Neugier und Unverständnis seit dem 9. Jahrhundert, aktuelle Fachliteratur, und Poesie, nicht zuletzt ausführliche Gespräche mit Japanern, Chinesen und Afrikanern, die in Deutschland leben: "Schwarze sehen Weiße", "Gelbe sehen Schwarze" - eine detailreiche, verwinkelte Geschichte des exotischen Blicks.
Sie ist eben deshalb kaum zu resümieren, weil sie vor allem zeigt, was nicht resümierbar, was inkompatibel, unvereinbar, verrückt und voller Mißverständnisse ist. Trotz aller Offenbarungen bleibt man sich durch die Jahrhunderte wechselseitig fremd und faszinierend zugleich. Noch in den achtziger Jahren glaubten etwa Menschen im schwarzafrikanischen Sierra Leone, daß der weiße Mann weder Frauen noch Kinder brauche, weil er "überall in der Welt Bankkonten" besitze.
Eine Episode aus dem Frühjahr 1946 zeigt den Schrecken, der in der plötzlichen Konfrontation mit Fremden liegen kann: In einem oberbayerischen Weiler tauchten drei amerikanische Soldaten auf dem Hof des Bauern M. auf. Sie hatten den Befehl, das Haus zu durchsuchen. Die siebenjährige Tochter öffnete und sah in das Gesicht eines Schwarzen - zum erstenmal in ihrem Leben. Ihr Blick rutschte ins Bodenlose. Sie bekam das Gliederschlottern und einen Schock, der einer schweren Zuckerkrankheit zum Ausbruch verhalf, an der das Mädchen elf Jahre später starb. Sowenig es eine Rassistin war, so sicher ist, daß heute jedes bayerische Kind als kleiner Fernseh-Weltbürger schon Tausende von Schwarzen gesehen hat und womöglich für die New Yorker Rapper-Szene schwärmt.
Die zeitgenössisch coole Ignoranz gerade gegenüber all dem tatsächlich Fremden, Unverständlichen und Undurchschaubaren schafft die Grundlage für jene ideologischen Scheingefechte, bei denen reale, alltägliche Konflikte, ob in der Hochhaussiedlung oder auf der Straße, stets unter dem Vorzeichen des Prinzipiellen, des weißen Rassismus stehen. Nach dem Motto: Der Ausländer, besser: der Flüchtling oder Migrant ist gut, weil er Opfer ist; doch der einheimische Deutsche und Europäer spielt stets die Rolle des potentiellen weißen Täters, der für alle Schandtaten von der afroamerikanischen Sklaverei bis zur Vernichtung des brasilianischen Regenwaldes verantwortlich ist.
"Geständigen Imperialismus" nennt Böckelmann diese Haltung, jene "neuartige Vormundschaft über die Welt, die per Selbstanklage und Reue ausgeübt wird": "Früher kamen wir als Eroberer über die Fremden, heute führen wir sie bußfertig auf uns zurück. Sobald etwas Unbekanntes auftritt, beschlagnahmen wir es als Eigenes oder als ,versäumtes Eigenes'' (Adolf Muschg)." Statt auf Raubzüge und Abenteuer geht die Alte Welt "in sich und entdeckt dort, daß sie an allem schuld ist. Somit, folgert sie, gibt es da draußen nichts außer ihr selbst".
Dialektik von Allmacht und Ohnmacht: "So wie die transnationalen Konzerne aus jeder Wirtschaftskrise gestärkt hervorgehen, so bekräftigt das westliche Gewissen mit jeder Selbstzerknirschung seinen Anspruch auf Universalkompetenz."
Die virtuelle Entgrenzung der Welt durch Fernsehen und Internet, die globale Konsum- und Popkultur suggerieren unentwegt Begegnungen, die gar nicht stattgefunden haben, Einverständnisse, die überhaupt nicht erzielt worden sind: "Come together" als ethnofolkloristische Werbeparole. "We Are The World" hieß vor Jahren die Benefiz-Platte einer All-Star-Band "U.S.A. for Africa".
Bevor wir staunen und versuchen zu verstehen, wissen wir schon alles. Der Transitraum unserer Weltgesellschaft ist der Flughafen-Terminal. Nichts ist uns fremd, wohin wir auch reisen: Babylon ist überall. "Unser Gleichmut im Durchgangsverkehr ist unvordenklich." Die auf der Panflöte spielenden Indios in den Fußgängerzonen der Republik, schwarze, gelbe Paare und Passanten, internationale Showstars und der Gemüsetürke an der Ecke - sie alle bilden jene Weichzeichnung des Fremden, der schon längst zum Inventar des gesamtideellen deutschen Wohnzimmers gehört.
Doch der abstrakt allgemeine Willkommensgruß an die Fremden aus aller Herren Länder ist Ausdruck einer Pseudo-Toleranz, die das zu tolerierende Andere, womöglich Unangenehme und Gefährliche, gar nicht definiert, sondern im Namen des großen Ganzen überspielt und tabuisiert. So entzieht man sich zugleich jeder wirklichen Auseinandersetzung über Orient und Okzident, über die eigenen prekären Lebensentwürfe und die fremden Welten der islamischen, hinduistischen oder animistischen Kultur.
Schon auf der schlichten Beschreibung äußerer Unterschiede und sozialer Gewohnheiten lastet der Generalverdacht des Rassismus, den die scheinheiligen Philanthropen nur allzu gern erheben. Wenn andere Menschen sich über Hautfarbe, Sprechweise, Gerüche oder landestypische Gewohnheiten äußern oder gar mokieren, und sei es das Schächten eines leckeren Hammels in der heimischen Badewanne, dann kann das nur "reaktionäres Stammtischgerede" sein. Das politische Verbot, über befremdliche, gar kritikwürdige Zustände offen zu reden, beruht auf der Unterstellung, von dort sei der Weg zur rassistischen Mordbrennerei kurz und direkt. Doch wer Konflikte negiert, schwächt das Bewußtsein über die Wirklichkeit, untergräbt Realismus wie Vernunft und fördert die Dummheit im Lande. Wenn der Fremde stets der arme gute Mensch sein muß, wird er zur unberührbaren Ikone, zum abstrakten Prinzip - zum Un-Menschen.
Die rechten Dumpfbacken liefern der politisch korrekten Gleichmacherei ihre eigene, gewalttätige Unterschiedslosigkeit frei Haus. Auch sie kennen nur ein Prinzip.
Doch der Kritiker der Verbrüderungsfolklore bietet keine Therapie für die Krankheit, die er beschreibt. Am Ende seiner Diagnose beharrt er - hier wie da - auf dem Anderssein. Der Autor besteht darauf, auch sich selbst gegenüber ein Fremder zu bleiben. Konsequent ist das allemal.
* Frank Böckelmann: "Die Gelben, die Schwarzen, die Weißen". Eichborn Verlag, Frankfurt am Main; 456 Seiten; 49,50 Mark.
Von Mohr, Reinhard

DER SPIEGEL 22/1998
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