DER SPIEGEL



Liebliche Hirschkuh

Von Feldenkirchen, Markus

Ortstermin: In Dresden wird über den Umgang mit der Sexualität im Christentum und im Islam diskutiert.

Die eine Frau trägt ein Tuch um den Kopf, am Körper weite, fluffige Baumwollkleider und an den Füßen gesunde Sandalen. Die eine Frau vertritt den Islam.

Die andere Frau trägt ein beigefarbenes, luftiges Sommerkleid und modische Sommerschuhe. Die andere Frau vertritt das Christentum.

Es sieht aus, als stiege hier die nächste Runde im Kampf der Kulturen. Der verspannte Orient gegen den aufgeklärten Westen.

Die Frau mit Kopftuch heißt Rabeya Müller. Sie arbeitet als Religionspädagogin in Köln und hat im vorigen Jahr den Liberal-Islamischen Bund mitgegründet. Die Frau daneben ist Margot Käßmann, die frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland. Sie sitzen eng beieinander im Kongresszentrum Dresden, Vertreterinnen zweier Religionen, die lernen wollen, miteinander zu leben. Der Osten ist mit seiner arabischen Revolution westlicher geworden, die Kulturen werden sich vermischen, auch im Alltag, auch im Privaten, die Frage ist: Geht das eigentlich?

"Liebe, Lust und Leidenschaft", so lautet das Thema, über das die beiden Frauen reden wollen. "Sexualität und Partnerschaften im Christentum und im Islam". Es geht also um Schnittmengen im Schlafzimmer. Bis jetzt war es so: Wenn der Christ an Sexualität und Partnerschaft im Islam dachte, dachte er an Burka, Zwangsheirat und Ehrenmord. Wenn der Muslim an Sexualität und Partnerschaft im Westen dachte, dachte er an Silvio Berlusconi, Dominique Strauss-Kahn und, sofern er in Deutschland lebt, an Jörg Kachelmann und die Hamburg-Mannheimer. An Sex auf Teufel komm raus.

Margot Käßmann hat sich vor einiger Zeit von ihrem Mann scheiden lassen, im vergangenen Jahr ist sie betrunken Auto gefahren, neben ihr saß ein unbekannter Mann. Würde sie in Saudi-Arabien leben, säße sie jetzt wahrscheinlich im Gefängnis.

Käßmann sagt, im Handwörterbuch der Bibel tauche der Begriff "Sex" gar nicht auf. Stattdessen gebe es den Begriff "Geschlechtsleben". Das klingt medizinischer, neutraler. Es könnte der Anfang einer Annäherung sein.

Käßmann sagt, auch wenn in der Bibel das Wort Sex nicht vorkomme, wimmle es in der Heiligen Schrift doch von sexuellen Phantasien. "Deine beiden Brüste sind wie junge Zwillinge von Gazellen, die unter Lilien weiden", so heiße es im Hohelied Salomos über die schöne Sulamith. "Dieser Satz steht tatsächlich in der Bibel - man wundert sich, dass er drin geblieben ist", sagt Käßmann. Und auch diese Sätze finden sich in der Heiligen Schrift der Christen: "Mit der Stute an Pharaos Wagen vergleiche ich dich, meine Freundin!" Oder: "Die liebliche Hirschkuh und anmutige Gämse - ihre Brüste sollen dich berauschen jederzeit, in ihrer Liebe sollst du taumeln immerdar!"

Die Bibel, so liest es sich, hat nichts gegen Sex. Jesus Christus war ja auch mit Maria Magdalena befreundet, und die war eine Sünderin.

Rabeya Müller, die Frau mit dem Kopftuch, nickt. Sie sagt, auch der Koran stehe dem Sex aufgeschlossen gegenüber. Im Geschlechtsakt selbst liege dem Koran zufolge eine Art Gottesdienst. In Sure 2, Vers 223 heißt es: "Eure Frauen sind euch ein Saatfeld. Geht zu eurem Saatfeld, wo immer ihr wollt."

Hirschkuh und Saatfeld, Bibel und Koran, beide von Männern geschrieben, haben einen einfachen Blick auf die Dinge.

Die Zwangsehe sei vom Koran nicht gewollt, sagt Müller. Der Prophet Mohammed persönlich habe den Befehl erteilt: "Wenn einer von euch seine Tochter verheiraten möchte, so muss er sie um ihre Erlaubnis bitten." Beiden, Frauen und Männern, werde im Koran ein Anrecht auf ein befriedigendes Sexualleben zugesprochen, sagt Müller.

Der Blick in Bibel und Koran zeigt, dass das geschriebene Wort und die gelebte Praxis heute weit auseinanderklaffen. In der Praxis sieht es so aus, als gehe der Christ beim Sex oft weit über die Empfehlungen der Bibel hinaus, während der Muslim hinter den Möglichkeiten des Koran zurückbleibe.

Aber hat nicht Osama Bin Laden sein Werk im Namen Mohammeds ausgeführt? Und hat man nicht bei seiner Verhaftung eine beträchtliche Sammlung an Pornofilmen gefunden?

Der Reiz des Verbotenen entwickelt hier wie da dieselbe Kraft. Die Unterschiede zwischen den Welten lösen sich im Gespräch der beiden Frauen langsam auf.

Die Christin Käßmann sagt: "Leider haben die Kirchenoberen die Lust der Frau als bedrohlichen, unberechenbaren Faktor gesehen und deshalb Prüderie gepredigt." Die Muslimin Müller sagt: "Die Körperfreundlichkeit des Koran haben die Altvorderen und Orthodoxen zu einer großen Leibfeindlichkeit in der islamischen Welt gewandelt, um die Frauen zu kontrollieren."

In einer Religion, die sich auf die Bibel stützt, werden Kondome verboten, weil der Geschlechtsakt eine Einrichtung zum Kinderkriegen sein soll. Ihre Priester vergreifen sich im Dunkeln an Ministranten. In der Religion, die sich auf den Koran gründet, kommt es zu Analverkehr, weil die Frauen jungfräulich in die Ehe gehen sollen.

Christentum und Islam sind sich eigentlich sehr nahe, das ahnt man, als Margot Käßmann und Rabeya Müller nach eineinhalb Stunden auseinandergehen.

Die Praxis ist kompliziert, die Theorie doch so einfach: Hirschkuh und Saatfeld.


DER SPIEGEL 24/2011
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