11.06.2011

Bestie und Unmensch

Von Wiegrefe, Klaus

Das "Dritte Reich" überfiel vor 70 Jahren die Sowjetunion und begann den grauenvollsten Krieg in der Geschichte der Menschheit. Die deutsche Niederlage entschied das Duell zweier Despoten, die einander seit 1923 belauert hatten: Hitler und Stalin.

Vor dem größten Feldzug der Geschichte ist Adolf Hitler die Anspannung anzusehen. Einer der Adjutanten beobachtet, wie er unruhig in seiner Wohnung in der alten Reichskanzlei in Berlin umhertigert. Später wird der Diktator erzählen: "Die Ungewissheit lastete wie ein Grauen auf mir." In dieser Situation sucht er die Nähe der engsten Gefolgsleute.

Albert Speer, sein Lieblingsarchitekt, kommt zum Essen. Sie sitzen in dem hellen Speisezimmer, dessen Glasfront auf den Garten hinausgeht. Hitler lässt in der großen Wohnhalle ein paar Takte aus den Préludes von Franz Liszt vorspielen. Ob ihm die Musik gefalle, fragt er, Speer werde sie demnächst öfter zu hören bekommen. Es sei die "Siegesfanfare für den russischen Feldzug", zitiert Speer seinen "Führer".

Propagandaminister Joseph Goebbels trifft ein und findet einen "vollkommen übermüdeten" Hitler vor. Draußen wird es inzwischen dunkel, und während viele Berliner den warmen Sommertag in Gartenlokalen ausklingen lassen, humpelt der gehbehinderte Goebbels an der Seite seines "Führers" im Salon "drei Stunden auf und ab".

Vor der Tür stehen SS-Wachen im Halbschatten und sorgen dafür, dass die beiden nicht gestört werden. Der Kanzler und sein Minister besprechen die Erklärung, mit der Goebbels am nächsten Tag, dem 22. Juni 1941, der Welt bekanntgeben wird, dass die Wehrmacht in die Sowjetunion einmarschiert ist, "zur Sicherung Europas und damit Rettung aller".

Um 2.30 Uhr morgens verlässt der Minister die Reichskanzlei. Hitler will noch einige Stunden lang schlafen, doch es gelingt ihm nicht. Auch Goebbels findet keine Ruhe. Er läuft die wenigen Meter zu seinem Ministerium auf der gegenüberliegenden Seite der Wilhelmstraße und trifft letzte Vorbereitungen.

Einen Häuserblock weiter, im Auswärtigen Amt, brennt noch Licht. Außenminister Joachim von Ribbentrop hat eine schwarze Mercedes-Limousine mit Fahrer und SS-Begleitung zur sowjetischen Botschaft an Berlins Prachtboulevard Unter den Linden geschickt. Sie soll den Botschafter ins Amt bringen.

Als Wladimir Dekanosow den Korridor entlangschreitet, der zu Ribbentrops Büro führt, reißen Wachen den Arm zum Hitler-Gruß empor. Der Minister ist angetrunken, Dekanosows Dolmetscher riecht die Fahne. Mit steinerner Miene erklärt der Nazi, "die feindselige Haltung der Sowjetregierung gegenüber Deutschland" habe das "Dritte Reich" gezwungen, "Gegenmaßnahmen auf militärischem Gebiet" zu treffen. Das Wort Kriegserklärung fällt nicht, aber Dekanosow hat auch so verstanden. Er verbeugt sich und verlässt den Raum.

Etwa zur gleichen Zeit ruft die deutsche Botschaft in Moskau im Kreml an. Chefdiplomat Friedrich-Werner Graf von der Schulenburg bittet um ein sofortiges Treffen mit Stalins Außenminister Wjatscheslaw Molotow. Der Botschafter ist gegen einen Krieg mit der Sowjetunion und gehört später trotz seiner NSDAP-Mitgliedschaft zu den Widerständlern des 20. Juli 1944. Er bezahlt dafür mit dem Leben. Nun aber fährt Hitlers Vertreter in Moskau in den Kreml, wo er dringend erwartet wird.

In der sowjetischen Machtzentrale laufen seit einer knappen Stunde Hiobsbotschaften ein. Deutsche Sturzkampfbomber fliegen Angriffe auf Sewastopol oder Kiew. Entlang der 1500 Kilometer langen deutsch-sowjetischen Grenze bebt der Boden vom Dröhnen der Geschütze.

Doch Stalin weigert sich, das Offenkundige zu akzeptieren. Der Kanzler sei kein "solcher Idiot", einen Zweifrontenkrieg zu eröffnen. Hitler wisse "sicher nichts davon".

Molotows Gespräch mit Schulenburg soll Klarheit bringen, und das tut es auch. Der deutsche Botschafter spult pflichtschuldig eine Liste absurder Vorwürfe herunter, die ihm Hitler aufgetragen hat. Was das bedeute, will Molotow wissen. Krieg, entgegnet Schulenburg.

Was nun beginnt, ist der opferreichste Konflikt in der Geschichte der Menschheit. Und es ist das blutige Finale im Verhältnis zweier Jahrhundertverbrecher, die das 20. Jahrhundert geprägt haben wie niemand sonst.

Sie haben einander belauert und bedroht, sich als "Bestie" (Hitler über Stalin) und "Unmenschen" (Stalin über Hitler) beschimpft. Und doch waren die beiden Todfeinde Brüder im Geiste. Der eine mordete für die Rasse, der andere für die Klasse.

Zwischendurch kollaborierten diese monströsen Massenmörder gegen die Westmächte. Als Komplizen fielen sie 1939 über Osteuropa her und teilten sich ihre Beute.

Immer wieder gab es Phasen, da bewunderten sie einander. Stalin sei in den Augen des "Führers" ein "Genie des Asiatentums", notierte Goebbels 1943 in seinem Tagebuch. Stalin wiederum hielt Hitler für einen "Teufelskerl". Und wenn es stimmt, was Stalins Tochter später berichtete, bedauerte ihr Vater, dass der Hitler-Stalin-Pakt nicht gehalten hatte. "Mit den Deutschen zusammen wären wir unbesiegbar gewesen", habe er gesagt.

Am Ende ließen sie die beiden größten Armeen der Welt gegeneinander aufmarschieren. Zwischen Elbe und Moskwa starben mehr Menschen als an allen anderen Fronten des Zweiten Weltkriegs zusammen. Allein über elf Millionen Soldaten brachten sich mit Panzern und Stalinorgeln um, mit Maschinengewehren und Flammenwerfern und - wenn es anders nicht ging - auch mit Klappspaten und Messern. Eines war dabei klar: Der Verlierer würde dieses Duell nicht überleben.

Adolf Hitler und Josef Stalin, das war: Österreicher gegen Georgier, Postkartenmaler gegen Bankräuber, Hasardeur gegen Realpolitiker, Rassist gegen Kommunist. Paranoiker waren beide. Der eine fürchtete eine jüdische Weltverschwörung, der andere den allmächtigen Klassenfeind.

Zwei Herrscher, wie sie der Kontinent zuvor nicht und danach nie wieder erdulden musste. Verblendet von Utopien, die ohne den Massenmord an Millionen Menschen nicht denkbar waren. Manchmal zielten sie sogar auf die gleichen Opfergruppen, etwa die Oberschicht Polens. Hitler befahl, im deutsch besetzten Teil des Landes "alle Vertreter der polnischen Intelligenz" umzubringen. Stalin ließ bei Katyn und anderswo einen Großteil des polnischen Offizierkorps erschießen.

Zunächst hatte der sowjetische Diktator in dieser grausamsten aller Disziplinen die Nase vorn. Schließlich war er früher als sein deutscher Rivale an die Macht gekommen. Obwohl in der Sowjetunion Millionen verhungerten, trieb er die aberwitzige Kollektivierung der Landwirtschaft voran; dann wollte er jede Opposition in Partei und Armee, Verwaltung und Wirtschaft buchstäblich ausrotten. Und so gingen bereits mindestens sechs Millionen tote Zivilisten auf sein Konto, bevor er von Hitler angegriffen wurde.

Es sind solche Befunde, die inzwischen auch in Russland die Stalin-Begeisterung deutlich abgekühlt haben. Russlands Präsident Dmitrij Medwedew erklärte im SPIEGEL (46/2009): "Die Liquidierung einer gewaltigen Zahl von Sowjetbürgern, unter welchen Vorwänden auch immer, war ein Verbrechen."

Doch wahr ist auch, dass Stalins Sieg am Ende noch Furchtbareres verhinderte. Denn der Holocaust, die Ermordung der europäischen Juden, war für Hitler nur der Auftakt. Allein der Generalplan Ost, die Blaupause von SS-Chef Heinrich Himmler für das braune Rasseimperium in Osteuropa, sah die Vertreibung und Ermordung von bis zu 40 Millionen Slawen vor.

Der deutsche Krieg im Osten war ein erster Schritt dahin. Nur in der Sowjetunion starben über 15 Millionen Kinder, Frauen und Greise infolge des von Hitler geführten "Vernichtungskampfes". Er ignorierte das Kriegsrecht und hob alle Grenzen auf zwischen Soldaten und Zivilisten, zwischen Front und Hinterland.

Schon auf dem Vormarsch ermordeten deutsche Einheiten Hunderttausende Juden, Ukrainer und Russen, die sie für Partisanen hielten. Sie plünderten das Land aus, verschleppten Einwohner zur Zwangsarbeit, versuchten Leningrad auszuhungern (wobei rund eine Million Menschen starben). Sie ließen etwa drei Millionen sowjetische Kriegsgefangene krepieren oder ermordeten sie direkt.

Bis heute streiten die Historiker, welcher der Tyrannen mehr Tote zu verantworten hat. "Wir wissen jetzt, dass die Deutschen mehr Menschen umgebracht haben als die Sowjets", schreibt der amerikanische Professor Timothy Snyder, dessen Buch "Bloodlands" in den USA für großes Aufsehen sorgt. Demnächst wird es auch in Deutschland erscheinen.

Snyder behauptet, die Interaktion der beiden Diktatoren habe zu mehr Toten geführt, als einer allein hätte verursachen können.

So stoppte Stalins Rote Armee während des Warschauer Aufstandes 1944 vor der polnischen Metropole und verweigerte den Aufständischen jede Hilfe. Die deutschen Einheiten erschossen ungefähr 150 000 Einwohner und zerstörten Warschaus Zentrum vollständig. Und natürlich hätte es ohne Hitlers Niederlage keine Säuberungen in Osteuropa gegeben. Erst der Vormarsch der Roten Armee an die Elbe begründete jenes Imperium, das mit dem Fall der Mauer 1989 und dem Zerbrechen der Sowjetunion 1991 endete.

Aber hat Snyder auch recht, wenn er behauptet, dass Stalin für den Tod der Millionen Rotarmisten in Hitlers Kriegsgefangenschaft mitverantwortlich war, weil er seinen Generälen 1941 den Rückzug verbot und die Wehrmacht ganze Armeen einkesseln konnte?

Eines wird die Snyder-Debatte auf jeden Fall bewirken: Sie richtet den Blick erneut auf das Verhältnis der beiden Diktatoren, die sich immer aus der Distanz duellierten, denn miteinander gesprochen haben sie nie. Allenfalls eine Zufallsbegegnung ist denkbar, 1913, irgendwo im Straßengewimmel des kaiserlichen Wiens.

Der mittellose 23-jährige Hitler lebt damals in einem Männerwohnheim in der Meldemann-Straße und verkauft selbstgemalte Bildchen von Wiener Sehenswürdigkeiten. Der neun Jahre ältere Stalin zählt zur Führungsriege der Bolschewiki, dem radikalen Flügel der russischen Sozialdemokraten. Er will sich in Wien über das Nationalitätenproblem im Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn informieren.

Der Ruf des Kaukasiers ist zu diesem Zeitpunkt bereits zweifelhaft, weil er mit Schutzgelderpressungen und Waffenhandel die Parteikasse auffüllt. 1907 organisierte er einen blutigen Überfall auf zwei Kutschen mitten in Tiflis, einen Geldtransport der georgischen Staatsbank. Das Gangster-Stück hat europaweit Aufsehen erregt. "Wir alle leisteten schmutzige Arbeit für die Revolution", wird Stalin später sagen.

Dabei soll der wissbegierige Sohn eines Schusters aus Gori eigentlich Bischof werden. Noch lautet sein Name Josef Dschugaschwili - den Kampfnamen Stalin ("der Stählerne") wählt er später, und die ehrgeizige Mutter hofft auf den sozialen Aufstieg. Josef besucht das Priesterseminar in Tiflis, eine der besten Bildungseinrichtungen im Kaukasus.

Die Jungen werden hart rangenommen. Der Tagesablauf ist reglementiert, das Essen schlecht, weltliche Literatur untersagt. Wie viele andere Kommilitonen rebelliert der junge Stalin. Er schwatzt im Unterricht, liest verbotene Bücher wie "Die Dämonen" von Dostojewski, und manche Biografen glauben, dass er nur deshalb zum Sozialismus findet, weil die Rebellion so einen tieferen Sinn bekommt.

Hitler geht 1898 noch zur Schule, als sich der 19-jährige Stalin der Sozialdemokratischen Partei Russlands anschließt. Bald darauf verlässt er das Seminar ohne Abschluss, versorgt mit einem Grundstock an klassischer Bildung und voller Hass auf die Obrigkeit.

Im kleinen Georgien brodelt es. Bauern rebellieren gegen ihre Ausbeutung, Intellektuelle gegen die Russifizierungspolitik des Zaren, Arbeiter gegen die elenden Löhne. Und der kleingewachsene, pockennarbige Stalin zählt zu den zornigen jungen Männern, die in den Eisenbahnwerken von Tiflis für den "wissenschaftlich begründeten Sozialismus" (Stalin) werben. 1901 taucht er ab.

Er wechselt häufig Wohnung und Namen, organisiert Streiks, kooperiert mit dem organisierten Verbrechen, um Geld zu beschaffen, immer auf der Hut vor Spitzeln und der Polizei.

Man wird das Phänomen Stalin nie verstehen können, wenn man nicht jene Prägungen beachtet, die aus der Zeit im Untergrund resultieren: das Misstrauen, die Vorsicht, die Härte. Noch Jahrzehnte später kann es vorkommen, dass er im Ärger seinen engsten Mitarbeiter packt und mit dem Kopf auf die Tischplatte schlägt.

Bald wird Parteichef Lenin auf den "prächtigen Georgier" aufmerksam: "Das ist genau die Art Mensch, die ich brauche." Und während Hitler, der Sohn eines Zollbeamten aus dem ärmlichen Waldviertel in Niederösterreich, ohne Schulabschluss in den Tag trödelt, steigt Lenins Mann fürs Grobe in den Führungskreis der Bolschewiki auf.

Stalin reist zu geheimen Zusammenkünften nach London oder Berlin. Natürlich findet er die Deutschen sympathisch, weil sie "der Welt solche Menschen wie Marx und Engels geschenkt" haben. Aber er wundert sich auch über den Untertanengeist im Wilhelminischen Reich.

Den Ausbruch des Ersten Weltkriegs erlebt Stalin jenseits des Polarkreises. Die Polizei hat ihn erwischt, und er sitzt in einem sibirischen Dorf seine Strafe ab. Flucht ist zwecklos, denn die nächste Bahnstation liegt sechs Wochen Schlittenfahrt entfernt.

Hitler dagegen meldet sich freiwillig und landet auf den Killing Fields von Flandern. Und während der 25-jährige Sozialdarwinist glaubt, in dem Gemetzel des Stellungskrieges seine Bestimmung gefunden zu haben ("Was für das Mädchen die Begegnung mit dem Mann, das ist für ihn der Krieg"), schimpft Stalin über das "elende Leben" in der Taiga.

Immerhin ist der Georgier dabei, als Lenin die Bolschewiki im Oktober 1917 in Sankt Petersburg, damals Petrograd, an die Macht putscht. Er wird Minister für Nationalitätenfragen und ist wohl Nummer drei in der Hierarchie. Langsam zeichnet sich die Möglichkeit ab, dass die Wege Hitlers und Stalins einander kreuzen werden.

Auch in Deutschland sind die Zeiten unruhig. Der Krieg geht 1918 verloren, die Zeit der Weimarer Republik beginnt. Hitler, von der Niederlage gekränkt, beschließt, Politiker zu werden. Er hasst Juden und Linke, denen er den Kriegsausgang ankreidet. Und er liest die Pamphlete der rechtsradikalen Alldeutschen, die seit Jahrzehnten von einem Lebensraum im Osten phantasieren, dessen Eroberung Weltgeltung bringen soll.

1922 spricht der Österreicher erstmals von der "Zertrümmerung Russlands", die "genügend Boden für deutsche Siedler" hergebe. Eine ungewöhnliche Position, denn die meisten Rechtsradikalen wollen lieber zusammen mit Moskau gegen den Erzfeind England ziehen.

Noch ist Hitler eine Größe nur in Bayern, doch bald wird Stalin auf den schmächtigen Rivalen mit der gutturalen Stimme aufmerksam. Seit Benito Mussolini in Italien regiert, interessiert sich der Kreml für Faschisten, zumal in Bayern. Dort hat 1919 immerhin eine kommunistische Räterepublik einige Wochen überlebt.

1923 greifen Kommunisten und Nazis im krisengeschüttelten Deutschland nach der Macht. Stalin will den Braunen den Vortritt lassen, weil er vermutet, dass sich dann "die gesamte Arbeiterklasse um die Kommunisten" zusammenschließen werde. Aber die sowjetische Führung entscheidet anders, und so versucht die moskauhörige KPD im Oktober ihr Glück. Der geplante Generalstreik kommt nicht zustande, die Revolution fällt aus. Einige Wochen später scheitert auch Hitler, die Landespolizei stoppt seinen "Marsch auf Berlin".

Aus der Niederlage lernen beide. Hitler wählt fortan den legalen Weg in die Reichskanzlei. Stalin wiederum beschließt, zunächst den "Sozialismus in einem Lande", also der Sowjetunion, aufzubauen.

Stalin ist jetzt Generalsekretär der Kommunistischen Partei und fördert Tausende Funktionäre in der Provinz. Sie unterstützen ihn nach Lenins Tod im Kampf um die Nachfolge, spätestens 1929 herrscht der Georgier unangefochten über das Sowjetimperium. Hitler tourt hingegen immer noch durch die Provinz und pöbelt aus der Ferne, Stalin sei ein "Revolutionsgauner".

Doch bald schrumpft der Abstand zwischen beiden, denn mit der Weltwirtschaftskrise und dem Niedergang der Weimarer Republik öffnen sich den Nazis die Tore zur Macht. Der NSDAP-Chef ist dabei paradoxerweise auf Stalins indirektes Zutun angewiesen, er braucht die Angst der Deutschen vor einem Bürgerkrieg.

Und Stalin tut ihm aus ideologischer Verblendung den Gefallen, indem er die Sozialdemokraten als "Sozialfaschisten" zum Hauptfeind erklärt. Anstatt gemeinsam mit der SPD die Republik zu verteidigen, befördern die deutschen Kommunisten deren Untergang. Am Ende fällt Hitler die Reichskanzlei zu, weil Präsident Paul von Hindenburg in ihm den Retter vor dem Chaos sieht.

Dass Hitler dann in wenigen Monaten eine ähnliche Machtfülle erringt wie Stalin erst nach vielen Jahren, ringt dem Georgier professionellen Respekt ab: "Das muss man erst mal bringen."

Das Duell könnte jetzt ernst werden. Aber Stalin will nicht, und Hitler kann nicht. Noch nicht.

Der neue Kanzler muss zunächst aufrüsten. Den Spitzen der Reichswehr nennt er bei einem Treffen im Februar 1933 eine Frist von sechs bis acht Jahren, bevor er nach Lebensraum im Osten greifen will.

Die Zusammenkunft findet in der Berliner Privatwohnung von Kurt von Hammerstein-Equord statt, dem Chef der Heeresleitung. Eine seiner Töchter ist mit einem sowjetischen Spion verbandelt; ihr Liebhaber berichtet alles nach Moskau.

Stalin weiß also, mit wem er es zu tun hat. Und er zählt zu den wenigen ausländischen Spitzenpolitikern, die nachweislich in "Mein Kampf" lesen. Aber das ändert nichts an seiner Weltsicht. Für ihn zählen Nazis und westliche Demokraten gleichermaßen zu den Klassenfeinden.

Während Hitler das große Risiko liebt, verfolgt der vorsichtige Stalin eine Außenpolitik, die ein enger Mitarbeiter so beschreibt: "Wenn es geht, sind wir offensiv, wenn es nicht geht, warten wir ab." Jetzt ist Zeit zum Abwarten.

Und so bemüht sich Stalins Außenminister Maxim Litwinow - der aus einer jüdischen Bankiersfamilie stammt und mit einer Britin verheiratet ist - um ein Bündnis mit dem Westen. Zugleich lässt Stalin diskret ausloten, ob auch mit Berlin ein Deal möglich sei.

Der Historiker Ivan Pfaff hat 13 sowjetische Versuche in 30 Monaten gezählt, zu einem Arrangement zu kommen. Mal ergreift die Botschaft in Berlin die Initiative, mal Stalins Sondergesandter David Kandelaki, ein Georgier, den Stalin von früher kennt. Die Moskauer Emissäre locken mit einem Nichtangriffspakt und "bestmöglichen Beziehungen". Sogar einen Gipfel mit Hitler scheint Stalin zu erwägen.

Statt Konkurrenz also Kumpanei?

Zeitzeugen beschreiben den Georgier als verschlossen, nie spielt er das große Theater, das Hitler so liebt. Der "Führer" tobt und brüllt, alles Teil eines wohlkalkulierten Ausbruchs, um Gesprächspartner zu beeindrucken.

Selbst ein Menschenkenner wie Winston Churchill findet Stalin "unergründlich". Der ist offenbar mehr Pate als konventioneller Staatschef, aber ohne den Familiensinn der Mafiosi. Stalins zweite Frau bringt sich um, der eine Sohn wird zum Trinker, der andere will sich das Leben nehmen. Als das scheitert, spottet der Vater: "Haha, danebengeschossen!"

Es gibt freilich auch einen anderen Stalin, von dem sein Biograf Simon Sebag Montefiore berichtet: leutselig, einnehmend, mit derbem Humor. Er und seine politischen Freunde legen schon mal Tomaten auf einen Stuhl und schlagen sich vor Lachen auf die Schenkel, wenn sich jemand setzt.

Im Führungskreis sind viele miteinander verschwägert, der Ton ist rau. "Denen hast du es gegeben! Die sollen sich ins Knie ficken", schreibt Stalin an einen Spitzengenossen.

Am liebsten versammelt der Pfeifenraucher das Politbüro abends um den großen Tisch im Esszimmer seiner Datscha, zehn Kilometer vom Kreml entfernt. Die Beratungen gehen bis tief in die Nacht, und immer ist die Angst dabei, wie einer später berichtet: "Man weiß nie, ob man allein nach Hause fahren wird oder ob man weggebracht wird - ins Gefängnis."

Es ist die Zeit der "Säuberungen". Der Terror richtet sich gegen angebliche oder tatsächliche Oppositionelle, aber auch Bauern und nationale Minderheiten.

Für Hitler erschließt sich der Sinn des Mordens nicht. Er vertraut Goebbels an, Stalin sei "wohl gehirnkrank". Die Schlussfolgerung ist eindeutig: "Muss ausgerottet werden." Politische Verhandlungen mit den "Schweinen" lehnt er ab.

Die deutschen Pläne sehen vor, gemeinsam mit Polen als Juniorpartner gegen die Sowjetunion zu ziehen. Aber zur Überraschung Hitlers verweigert sich 1939 die polnische Militärjunta. Wutentbrannt trommelt Hitler mit den Fäusten auf die Marmorplatte seines Schreibtischs in der Reichskanzlei.

Er muss neu disponieren, und ausgerechnet der eben noch geschmähte Stalin profitiert von der veränderten Lage. Denn Hitler lässt nun einen Angriff auf das widerspenstige Polen vorbereiten, und so buhlen Paris, London und auch Berlin um den Kreml-Diktator.

Briten und Franzosen wollen mit Stalins Hilfe die Deutschen von einem Angriff auf Polen abschrecken; Hitler wiederum setzt darauf, dass die Westmächte den Polen nicht beistehen, wenn sie mit Nazi-Deutschland und der Sowjetunion gleich zwei Großmächte gegen sich haben. "Ihr könnt unserer Freunde oder unsere Feinde sein, ganz wie ihr wollt", lockt Ernst von Weizsäcker, der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes einen sowjetischen Diplomaten. Und Realpolitiker Stalin sondiert nach beiden Seiten.

Am Abend des 3. Mai lässt er sein Außenministerium von der Geheimpolizei umstellen. Litwinow wird durch den Russen Molotow ersetzt. Wenige Tage später fragt ein sowjetischer Unterhändler in Berlin an, ob "dieses Ereignis" die deutsche Haltung positiv beeinflusse.

Glaubt man den Aufzeichnungen Weizsäckers, liegt im Sommer 1939 das Schicksal Europas in der Hand des Georgiers. Die deutsche "Entscheidung über Krieg und Frieden" hänge davon ab, notiert Weizsäcker, ob Stalin dem Kreis der Westmächte beitrete.

Die können dem ungeliebten Kommunistenchef nicht viel bieten, denn eine sinnvolle Verteidigung Polens setzt voraus, dass die Rote Armee das Land betreten darf, doch das lehnt die Junta in Warschau ab. Hitler hingegen offeriert Stalin die Hälfte Osteuropas.

Nach einem Abendessen im Berliner Edelrestaurant "Ewest" mit dem Diplomaten Karl Schnurre berichtet der sowjetische Geschäftsträger Georgij Astachow nach Moskau, ein deutscher Verzicht auf das Baltikum, Bessarabien und Ostpolen sei "das Minimum, zu dem die Deutschen ohne lange Gespräche bereit wären, nur um von uns die Zusicherung zu erhalten, uns in den Konflikt mit Polen nicht einzumischen".

Der Angriff auf Polen soll Ende August beginnen. Fast täglich drängen Hitlers Diplomaten bei ihren sowjetischen Kollegen auf konkrete Vereinbarungen. "Wir sind in der Not und fressen da wie der Teufel Fliegen", notiert Goebbels.

Hitler diktiert das erste von insgesamt zwei Telegrammen, die er an "Herrn Stalin Moskau" schicken wird. Im zweiten wird er Stalin zum Geburtstag gratulieren, jetzt bittet er ihn, Außenminister Ribbentrop kurzfristig zu Verhandlungen in Moskau zu empfangen.

Als die Antwort eintrifft, sitzt Hitler auf seinem Berghof bei Berchtesgaden zu Tisch. Ihm wird ein Zettel gereicht, und schon beim Lesen läuft der "Führer" rot an. Er schlägt vor Begeisterung auf den Tisch, die Gläser klirren. Ribbentrop soll kommen.

Aus Rivalen werden Kumpane - auf Zeit.

Am 23. August 1939 landen zwei Maschinen mit der deutschen Delegation in Moskau. Für das sowjetische Protokoll kommt der Besuch so überraschend, dass man Hakenkreuzfahnen aus einem Filmstudio besorgen muss, in dem gerade ein Anti-Nazi-Film gedreht wird. Auf einigen Fahnen sind die Hakenkreuze spiegelverkehrt aufgenäht.

Die Verhandlungen sind schnell geführt. Der Nazi fließe "über von Beteuerungen guten deutschen Willens", wie ein Delegationsmitglied notiert, Stalin antworte "trocken, sachlich und kurz".

Nach Mitternacht steht der Text eines Nichtangriffspakts - den Hitler natürlich zu brechen beabsichtigt - und der eines geheimen Zusatzprotokolls über die "Abgrenzung der beiderseitigen Interessenssphären in Osteuropa". Stalin soll die Osthälfte Polens, Bessarabien, Finnland, Lettland und Estland bekommen; später erhält er zusätzlich Litauen.

Der Polit-Coup endet in entspannter Atmosphäre. Es wird ein einfaches Nachtmahl gereicht, und der Gastgeber trinkt auf Hitler: "Ich weiß, wie sehr das deutsche Volk seinen ,Führer' liebt."

Am Morgen nach dem Schmieren-stück fährt Stalin auf die Datscha und prahlt vor führenden Genossen: "Ich weiß, was Hitler im Schilde führt. Er glaubt, er ist schlauer als ich, aber in Wirklichkeit habe ich ihn überlistet." Wirklich?

Der Georgier setzt darauf, dass sich Deutsche, Briten und Franzosen einen Abnutzungskampf wie im Ersten Weltkrieg liefern und sich so erschöpfen, dass die Sowjetunion davon politisch profitieren kann. Doch Hitler wird Blitzsieg an Blitzsieg reihen und 1941 stärker sein als je zuvor.

Aber auch der braune Reichskanzler hat sich verkalkuliert. Weil er den Osten Polens Stalin überlässt, verlängert er die Strecke nach Moskau, die seine Wehrmacht 1941 erobern muss, um 200 Kilometer. Das rettet wohl die sowjetische Hauptstadt.

Zunächst einmal ahnen die Kumpane nichts von ihren Irrtümern, im September 1939 machen sie sich über Polen her.

Zuerst marschieren deutsche Truppen ein, dann rückt auch die Rote Armee von Osten heran.

In Brest-Litowsk an der neuen deutsch-sowjetischen Grenze nehmen ein deutscher und ein sowjetischer General gemeinsam die Parade ab, und das Oberkommando des Heeres vermerkt, die Rote Armee biete "Waffenhilfe gegen polnische Truppen" an.

Insgeheim steht Stalin den Deutschen in ihrem Krieg gegen den Westen sogar bei. Die deutsche Marine nutzt einen Stützpunkt bei Murmansk beim Angriff auf Norwegen, um Zerstörer mit Treibstoff zu versorgen. Die Luftwaffe bezieht für ihren Angriff auf England Wetterdaten von den Sowjets. Vor allem liefert Stalin Getreide und Rohstoffe und entwertet damit die Seeblockade, eine der schärfsten britischen Waffen.

Kein Wunder, dass manche Nazi-Führer einen Krieg gegen Stalin für nachrangig halten.

Hitler will das neue Bündnis auch für die Verfolgung der Juden nutzen. Adolf Eichmann, Vertreibungsexperte der SS,

fragt bei den sowjetischen Behörden an, ob man nicht Juden aus Deutschland und Österreich in der Westukraine oder dem Fernen Osten ansiedeln möge. Der Historiker Pawel Poljan hat das entsprechende Dokument veröffentlicht.

Eine Antwort auf Eichmanns Vorschlag ist nicht überliefert, vermutlich lehnt Moskau ab. Als ein sowjetischer Funktionär bei einem Besuch im deutsch besetzten Krakau mit einen SS-Führer das Thema erörtert, erklärt Stalins Mann, die Deutschen "würden schon andere Wege finden, die Juden zu beseitigen".

Man schreibt den Juli 1940, Frankreich ist geschlagen, nur die Briten unter Churchill wehren sich noch, und Hitler weiß nicht, wie er ihnen beikommen soll. Er will den Zweifrontenkrieg vermeiden und die Sowjets erst nach einem Frieden im Westen angreifen. Andererseits nimmt er an, dass die Briten nicht einlenken, weil sie insgeheim auf einen Bündniswechsel Stalins setzen. Und so befiehlt er seinem Generalstab, einen Angriff auf Stalins Reich vorzubereiten.

Hitler und die Militärs rechnen mit einem Feldzug von wenigen Wochen. Sie schätzen die Rote Armee gering, sie sei "nicht mehr als ein Witz" (Hitler). Diese Generation schaut nicht auf Napoleon, sondern auf den Ersten Weltkrieg, als das deutsche Heer bis auf die Krim marschierte und Russland gezwungen war, die Ukraine, Polen und das Baltikum aus seinem Herrschaftsbereich zu entlassen.

In einer ruhigen Minute räumt Hitler ein, er wisse "so gar nichts über Russland", es könne "eine große Seifenblase sein", es könne "aber auch ebenso gut anders sein".

Die Vorbereitungen laufen unter dem Decknamen "Fall Barbarossa", eine Referenz an den mittelalterlichen Kaiser, den die Nazis wegen seiner Kreuzzüge schätzen. Es zählt zu den Treppenwitzen der Weltgeschichte, dass ausgerechnet der misstrauische Stalin vom Überfall überrascht wird.

Dabei sind die Zeichen kaum zu übersehen. Ab Anfang März 1941 bringen bis zu vier Züge täglich deutsche Soldaten und Panzer in die Aufmarschräume in Polen. Sowjetische Spione berichten von einem nicht enden wollenden Strom von Truppen, die Richtung Osten marschieren.

Doch Stalin findet für alles eine Erklärung, wie der israelische Militärhistoriker Gabriel Gorodetsky schreibt, denn der sonst so gewiefte Taktiker glaubt, dass es in Berlin Falken und Tauben gebe (was stimmt), und Hitler zu den Tauben zähle (was nicht stimmt). Daraus folgert Stalin, der "Führer" wolle ihn mit dem Aufmarsch "nur einschüchtern" und sich für Verhandlungen eine bessere Ausgangsposition verschaffen. Gegenmaßnahmen würden den Scharfmachern in Berlin in die Hände spielen.

Als es am 22. Juni losgeht, sind viele sowjetische Divisionen weder angemessen ausgerüstet noch ausreichend mit Soldaten aufgefüllt. Schon im Laufe des ersten Sonntags ist zudem ein beträchtlicher Teil der Luftwaffe zerstört, weil die Flugzeuge ohne Tarnung auf den Flugplätzen stehen. Und weil Stalin in den "Säuberungen" ungefähr die Hälfte der höchsten Offiziere umbringen ließ, fehlt den Nachfolgern die Erfahrung.

Die deutschen Heeresgruppen durchbrechen in der ersten Woche die Verteidigungslinien, kesseln ganze Armeen ein und rollen Hunderte Kilometer weit auf sowjetisches Territorium vor.

Hitler verfolgt das Geschehen aus der Wolfschanze, dem "Führer"-Hauptquartier bei Rastenburg in Ostpreußen. Da steht er dann, über Karten gebeugt, und die Militärs erstatten ihm Bericht.

Die Stimmung ist gelöst. Als eine Sekretärin ihre Taschenlampe vermisst, witzelt Hitler, er komme als Täter nicht in Frage. Er sei "ein Ländledieb, aber kein Lämpledieb", schreibt die Frau.

Für sein Rasseimperium plant er bereits eine neue Ostgrenze, die entlang des Urals verlaufen soll; slawische und jüdische Bewohner der eroberten Gebiete sollen umgebracht werden oder als Zwangsarbeiter schuften.

Kaukasier stehen etwas höher in der Gunst Hitlers, und vielleicht sieht er deshalb für Stalin ein vergleichsweise mildes Schicksal vor. Jedenfalls sagt er zu einem Nazi-Diplomaten, der Georgier könne nach dem Endsieg im asiatischen Teil der Sowjetunion weiterregieren. Natürlich unter deutscher Oberherrschaft. Das Endspiel hat gerade begonnen, ist es auch schon entschieden?

In der Nacht zum 29. Juni trifft die Nachricht im Kreml ein, die Deutschen hätten Minsk erobert, Stalin ist einem Zusammenbruch nahe: "Lenin hat unseren Staat geschaffen, und wir haben alles versaut."

Der Kommunist fährt auf seine Datscha und nimmt weder Telefonate entgegen noch empfängt er Besucher. Als eine Gruppe Politbüro-Mitglieder auftaucht, fürchtet er, verhaftet zu werden.

Es ist ein bemerkenswerter Moment. Viele der Granden haben in den Säuberungen Freunde und Verwandte verloren. Dennoch drängen Molotow und die anderen Genossen, Stalin solle weitermachen.

Wie so oft will der gewaltverliebte Kreml-Chef das Problem mit Terror lösen. Er lässt den Oberkommandierenden der Westfront und weitere Generäle erschießen. Er verkündet, wer in Kriegsgefangenschaft gerate, sei ein Verräter. Die Angehörigen würden bestraft.

Einen Mangel an Konsequenz muss er sich nicht vorwerfen lassen, denn als sein Sohn, Oberleutnant Jakob Dschugaschwili, in deutsche Hände fällt, wird die Schwiegertochter verhaftet, der Enkel muss ins Heim. Jakob kommt ins KZ Sachsenhausen und sucht dort später den Tod. Er rennt in den elektrisch geladenen Zaun.

Die Wehrmacht gewinnt im Sommer und Herbst 1941 eine Kesselschlacht nach der anderen. Am 5. Oktober entdeckt ein sowjetisches Aufklärungsflugzeug eine Panzerkolonne 130 Kilometer vor Moskau.

Hohe Beamte und ausländische Botschaften siedeln bereits ins 800 Kilometer östlich gelegene Kuibyschew (heute Samara) über. Sogar der einbalsamierte Leichnam Lenins wird in einem gekühlten Waggon abtransportiert.

Bald verbreitet sich unter den Moskauern Panik. In der Nacht zum 17. Oktober 1941 stürmen 150 000 Menschen die Züge nach Osten, und der Mob plündert Geschäfte und leere Wohnungen.

Auch für Stalins Flucht ist alles vorbereitet. General Koniew berichtet später, der Kreml-Chef habe die Nerven verloren und sei in Tränen ausgebrochen.

Vermutlich gibt dann ein Telefonat mit General Georgij Schukow den Ausschlag. Stalin fragt: "Sind Sie sicher, dass wir Moskau halten können?" Der Verteidiger Moskaus ist sich sicher.

Die Entscheidung, in der Hauptstadt zu bleiben, ist der erste gute Zug des "Woschd" ("Führer") seit langem, denn Hitlers Wehrmacht stößt jetzt an ihre Grenzen.

Schon vor dem Angriff auf Moskau ist jeder zweite Panzer zerschossen oder in der Werkstatt; die Verluste des Ostheeres betragen bereits weit über 500 000 Mann. Es fehlt an Benzin und Munition, so dass Landser schon mal sowjetische T-34-Panzer stoppen, indem sie aufspringen, Dreck auf die Sehschlitze schmieren und mit dem Beil auf den Motor einhacken. Anders geht es nicht.

Mitte Oktober setzte der Herbstregen ein. Der Wetterwechsel ist "mächtiger als alle sowjetischen Armeen", schreibt der Historiker Christian Hartmann.

Die unbefestigten Pisten verbreitern sich auf Hunderte Meter, weil jeder dem Schlamm auszuweichen sucht. An manchen Stellen steht das Wasser so hoch, dass Pferde ertrinken.

Auf den Matsch folgt der Wintereinbruch, und nur wenige Einheiten schaffen es im November schließlich bis in die Außenbezirke Moskaus.

Der Vormarsch der Wehrmacht ist gestoppt, und nun zeigt sich, dass ausgerechnet die berüchtigte Planwirtschaft in einer besonderen Situation Besonderes leisten kann.

Bis Jahresende 1941 retten die Sowjets über 1500 wichtige Industrieanlagen vor der Wehrmacht und verlagern sie aus dem Westen in den Ural und darüber hinaus - eine "kriegsentscheidende Leistung", findet der Historiker Manfred Hildermeier. Mehr als hundert Flugzeugfabriken lässt der Kreml-Chef abbauen, auf Eisenbahnwaggons verladen und in sicheren Regionen neu errichten.

Und während in Russland selbst Halbwüchsige jeden Tag bis zu zwölf Stunden lang in den Rüstungsfabriken schuften, zögert Hitler, alle Reserven im Reich zu mobilisieren. Er fürchtet eine Rebellion der Deutschen wie einst am Ende des Ersten Weltkriegs.

Mit den neuen Waffen rüstet die Rote Armee ihre Divisionen aus, die in Sibirien stationiert sind. Sie werden dort nicht mehr benötigt, weil das bedrohlich wirkende Japan auf einen Krieg mit den Vereinigten Staaten zusteuert. Stalin kann die ausgeruhten Männer Anfang Dezember 1941 gegen die deutschen Einheiten schicken, die bei minus 52 Grad in Sommeruniformen zu überleben versuchen.

Grauenhafte Szenen spielen sich ab. Die verrohten und jetzt hart bedrängten Landser treiben russische Dorfbewohner durch Minenfelder; erschießen Gefangene, weil es ihnen zu mühsam ist, sie von der Front zu den Sammelstellen zu bringen; brennen Ortschaften nieder, sobald sie annehmen, die Rote Armee könne dort Stellung finden. Ein juristisches Nachspiel müssen sie nicht fürchten, Hitler hat bereits vor dem Krieg solche Verbrechen gegen sowjetische Zivilisten für legitim erklärt. Als im Frühjahr der Schnee schmilzt, liegt der Gestank von Leichen über der Landschaft.

Die Rotarmisten lassen ihre Wut an den Landsern aus, die ihnen in die Hände fallen. Nur 5 von 100 deutschen Gefangenen aus den ersten anderthalb Kriegsjahren kehren später zurück, insgesamt weniger als 10 000 Mann.

Das Ostheer muss bis zu 300 Kilometer weit zurückweichen und entkommt nur "um Haaresbreite" (Historiker Hartmann) der Vernichtung. Hitlers Blitzkrieg im Osten ist gescheitert.

Bis heute streiten die Historiker, ob der deutsche Diktator überhaupt eine Chance gehabt habe, das Duell mit Stalin zu gewinnen. Immerhin kann der "Woschd" insgesamt 30,6 Millionen Soldaten mobilisieren - der "Führer" hingegen nur 18 Millionen Mann, von denen 10 Millionen an der Ostfront kämpfen. Auch bei der Rüstung können die Deutschen nicht mithalten (siehe Grafik S. 67). Ihre Panzer und Flugzeuge werden zudem an mehrere Fronten benötigt. Und schließlich helfen vor allem die USA den Sowjets mit umfangreichen Rüstungslieferungen.

Doch wahr ist andererseits, dass die Soldaten der Wehrmacht in der Ukraine und anderswo zunächst als Befreier vom stalinistischen Joch begrüßt werden. Die Chance wäre also gegeben, die Sowjetbürger Stalin abspenstig zu machen, allerdings steht der Rassenwahn Hitlers und seiner Schergen dem entgegen.

Schon während des Vormarschs haben SS- und Polizeieinheiten in Kooperation mit der Wehrmacht etwa eine halbe Million jüdische Kinder, Frauen und Greise erschossen und in Massengräbern verscharrt. Beim Rückzug im Dezember 1941 hinterlässt die Wehrmacht verbrannte Erde.

In der Sowjetunion wächst der Hass auf die Eindringlinge. Statt zu kollaborieren, verteidigen die Rotarmisten ihre Heimat mit ungeahnter Standhaftigkeit.

Nein, das Duell kann Hitler nach der Katastrophe des Winters 1941/42 nur noch für sich entscheiden, wenn Stalin ein entscheidender Fehler unterläuft.

Und im Frühjahr 1942 sieht es danach aus. Denn wieder verschätzt sich der Kreml-Herrscher, der einen Angriff auf Moskau erwartet. Hitler stößt hingegen in den vergleichsweise ungeschützten Kaukasus vor, wo Stalins Riesenreich zu Friedenszeiten einen Großteil seines Ölbedarfs gedeckt hat.

Am 21. August 1942 flattert die Reichskriegsflagge auf dem Elbrus, dem mit 5642 Metern höchsten Berg des Kaukasus. Ein freudetrunkener Kommandeur schlägt vor, ihn in "Adolf-Hitler-Spitze" umzubenennen.

Stalins Lage ist erneut prekär, weil nicht nur die Ölquellen bei Baku bedroht sind, sondern auch der Nachschubweg für amerikanische Lieferungen über Iran in Gefahr ist. Wieder tönt der Mann aus Linz, der Krieg sei entschieden. Und wieder irrt er sich.

Denn der deutsche Oberbefehlshaber hat mit dem Vorstoß die Front auf über 4000 Kilometer ausgedehnt, obwohl der Generalstab des Heeres nur fünf Prozent der verfügbaren Verbände als "voll angriffsfähig" eingestuft hat.

Und dann glaubt Vabanquespieler Hitler ("Ich höre grundsätzlich immer erst fünf Minuten nach zwölf auf") auch noch, er könne die 6. Armee abzweigen, jenen Eliteverband, von dem er einmal geschwärmt haben soll, mit ihm könne er "den Himmel stürmen".

Die Experten sind sich einig, dass Hitler und Stalin nicht zu den militärischen Genies des 20. Jahrhunderts zählen. Dem sowjetischen Oberbefehlshaber dämmert allmählich das Defizit, und er zieht sich im Laufe des Krieges aus der operativen Führung zurück. Die Idee, die 6. Armee bei Stalingrad einzukesseln, stammt von seinen Generälen.

Der beratungsresistente Hitler hingegen zieht immer mehr an sich. Nicht zufällig spottet der Volksmund über den "Gröfaz" ("Größter Feldherr aller Zeiten"), der zum Debakel von Stalingrad maßgeblich beiträgt. Im Februar 1943 ist die 6. Armee vernichtet, und die Wehrmacht räumt im Eiltempo den Kaukasus.

Militärisch ist das Duell Hitler gegen Stalin entschieden, und die Niederlage an der Wolga führt der Welt vor Augen, wer der Sieger ist. Zwar steht die Wehrmacht weiterhin tief im sowjetischen Kernland, aber Hitler kann den Krieg nicht mehr gewinnen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis seine Truppen weichen müssen.

Er könnte eine Verhandlungsinitiative versuchen, und manche seiner Helfer sehen hier noch eine Chance, halbwegs davonzukommen. Hitler lehnt alle Vorschläge ab. Seinem Außenminister entgegnet er: "Wissen Sie, Ribbentrop, wenn ich mich heute mit Russland einige, packe ich es morgen wieder an - ich kann halt nicht anders."

Und da es immer klug ist, den Gegner zu loben, wenn man verloren hat, gibt Hitler sich nun als Bewunderer von Stalin, dem "Mann von Format".

Im Oktober 1944 überschreitet die Rote Armee die Grenzen des Reiches, und die Ostdeutschen zahlen als Erste den Preis für das Duell, das Hitler als Vernichtungskrieg führte. Sie können dabei nicht auf Nachsicht des gewaltverliebten Georgiers rechnen, obwohl der offiziell zwischen Parteigenossen und Nicht-Nazis unterscheidet. In kleinem Kreis aber spricht er eine andere Sprache: "Ich hasse die Deutschen."

Als ihn ein Besucher auf die Massenvergewaltigungen von deutschen Frauen durch Rotarmisten anspricht, wiegelt Stalin ab. Was sei schon dabei, wenn sich ein Soldat "amüsiert, nach all den Schrecknissen".

Die Vertreibung einiger Millionen Deutscher ist für den Diktator, der ganze Völker in seiner Sowjetunion zwangsumsiedelt, "eine Kleinigkeit", wie Molotow sagt.

Bleibt noch die Frage nach dem Verlierer Hitler, der fürchtet, dass seine "Leiche von den Russen in einem Panoptikum ausgestellt" werde. Er soll vor Gericht, so ist es mit den anderen Alliierten vereinbart. Dass er sich dem am 30. April 1945 durch Selbstmord entzieht, quittiert Sieger Stalin mit Bedauern: "Schade, dass wir ihn nicht lebend bekommen haben."

Stalins Agenten machen sich auf die Suche nach Überresten, und es ist umstritten, ob jene verkohlten Knochen, die sie im Garten der Reichskanzlei aufsammeln, wirklich vom "Führer" stammen. Nur ein Kieferteil gilt als authentisch, zumindest behauptet das der russische Geheimdienst FSB, der ihn bis heute aufbewahrt, in seinem Archiv in der Lubjanka.

Es liegt nur wenige Hundert Meter von der Kreml-Mauer entfernt, wo der 1953 verstorbene Stalin später beerdigt wurde. Diese Nähe ist durchaus symbolisch, denn bei allen, auch moralischen Unterschieden zwischen dem Angreifer Hitler und dem Verteidiger Stalin, teilten die beiden Rivalen eine Gemeinsamkeit: ihre Geringschätzung des menschlichen Lebens.

Das Duell Hitler gegen Stalin war eben auch das Duell zweier Jahrhundertverbrecher.

(*) In einem Lager im Sauerland 1942.

DER SPIEGEL 24/2011
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