11.06.2011

Bis auf die Knochen

Von Thielke, Thilo

Global Village: Auf einer Philippineninsel hilft ein deutscher Missionar den Ureinwohnern, die Grabruhe ihrer Ahnen zu wahren.

Kurz nachdem am 11. März vor der Küste Japans die Erde bebte, Tausende in einer Flutwelle starben und die Bilder von unermesslichem Leid um die Welt gingen, kamen in einem kleinen Dorf im Südosten der philippinischen Insel Mindoro die Menschen zusammen. Sie bildeten einen Kreis, und einer von ihnen, der Häuptling, bat um Aufmerksamkeit. "Dies ist der Zorn unserer Ahnen", sagte er. "Der Tag, auf den wir gewartet haben, ist gekommen."

Dann löste sich die Runde auf, die Menschen vom Stamm der Hanunuo kehrten zurück in ihre Bambushütten und machten sich an die Arbeit. Die Hanunuo bauen Mais, Reis und Bananen an, sie hüten Ziegen und erlegen ab und zu ein Wildschwein. Es reicht zum Überleben.

Die Hanunuo gehören zur Gruppe der Mangyanen, eines der zahlreichen indigenen Völker auf den Philippinen. 100 000 von ihnen sollen noch auf Mindoro leben. "Die Mangyanen fühlen sich von den Philippinern unterdrückt", sagt der deutsche Missionar Ewald Dinter, "deshalb haben sie sich von der Küste in die kargen Berge und tiefen Wälder zurückgezogen, wo viele von ihnen noch wie ihre Vorfahren leben."

Dinter lebt seit 1969 auf den Philippinen; er erfuhr vom Schicksal der Mangyanen, erwarb ihr Vertrauen und erlernte als einer von wenigen Fremden ihre Sprache. Mitte der achtziger Jahre ließ er sich bei ihnen auf Mindoro nieder. Dinter, 73, ist ein bescheidener Mann mit schlohweißem Haar. Er will die Mangyanen nicht in erster Linie zum christlichen Glauben bekehren, er will ihnen helfen. Noch immer tragen die Menschen in seinem Sprengel Lendenschurz und langes Haar, das auch den Männern bis zur Hüfte reicht. Und sie halten Kontakt zu ihren Ahnen, deren Knochen sie sorgsam in Höhlen aufbewahren.

Bis vor ein paar Jahren hatten die Hanunuo ihre Ruhe. Die meisten Touristen knatterten in Minibussen an ihren Dörfern vorbei in Richtung Boracay, der "Traumbucht" mit ihren Bars und weißen Sandstränden, und auch die philippinischen Behörden haben mit den Leuten von den Bergen wenig zu schaffen. Doch eines Tages tauchten Fremdlinge auf. Die Männer behaupteten, sie kämen aus einem Land namens Japan, und bezahlten ein paar Einheimische dafür, sie in der Gegend herumzuführen. Sie fuhren von Dorf zu Dorf und stellten seltsame Fragen. Wo die Mangyanen die Knochen ihrer Verstorbenen aufbewahrten, wollten sie zum Beispiel wissen.

Die Einheimischen hegten keinen Argwohn. Was sollten die Fremden schon wollen? Es gibt keine Reichtümer bei den Hanunuo, die sich mit Mühe selbst versorgen können. Doch als die Dorfältesten und Häuptlinge wenig später eine der Gräberhöhlen aufsuchten, um ihre Ahnen in einer schwerwiegenden Angelegenheit um Rat zu fragen, fanden sie deren Ruhestätten geplündert vor: Alle Knochen waren verschwunden. Die Nachricht ging wie ein Lauffeuer von Dorf zu Dorf. Und sie bestätigte sich fast auf der ganzen Insel: Hunderte Skelette waren gestohlen, ganze Höhlen komplett geplündert worden.

Schnell fiel der Verdacht auf eine japanische Organisation. Die soll über Nacht säckeweise Knochen ausgegraben und nach Übersee verschifft haben. Einheimische hätten für einen läppischen Lohn von elf Dollar pro Mann bei der Arbeit geholfen. "Wir erfuhren, dass eine japanische Organisation namens Kuentai hinter der Aktion steckte", sagt Dinter. "Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Überreste der japanischen Soldaten, die hier gefallen sind, zurück nach Japan zu bringen." Kuentai, die Tokioter Organisation, dementierte.

1944 tobten auf Mindoro heftige Kämpfe zwischen amerikanischen und japanischen Truppen um die Vorherrschaft im Pazifik. Schätzungsweise rund 500 000 Japaner sollen im Zweiten Weltkrieg auf den Philippinen gefallen sein, die Überreste von 380 000 sollen hier noch vergraben sein. Weil der verwitterte Knochen eines Mangyanen sich aber nicht immer von dem eines Japaners unterscheidet, sollen die Grabräuber von Kuentai kurzerhand alle Knochen eingepackt haben.

Dinter versuchte, Kontakt zu den Behörden herzustellen. Die Philippiner wandten sich an die Japaner. Selbst Präsident Benigno Aquino setzte sich für die Rückführung der Skelette ein. Doch die Japaner rücken die Knochen nicht heraus. Im Gegenteil, vor ein paar Monaten erst tauchte wieder eine Delegation bei den Hanunuo auf und versuchte, die Grabungen fortzusetzen. "Die Mangyanen leiden entsetzlich", sagt Ewald Dinter. "Sie sind ein friedfertiges Volk, aber vor allem verehren sie ihre Ahnen."

Jedes Jahr im Juli oder August begehen die Hanunuo ihr Neujahrs- und Knochenfest. Dann versammeln sie sich in den Höhlen, graben die Skelette ihrer Vorfahren aus und kleiden sie ein. Sie sagen Sprüche auf und warten darauf, dass die Seelen der Verstorbenen für eine kurze Zeit zurückkehren. Es ist der feierlichste Moment im Jahr, der Augenblick, in dem die Hanunuo um Frieden und um gute Ernte beten. Zuletzt hatten sie jahrelang Dürre und Hunger zu beklagen. "Seit dem Tsunami aber haben sie wieder eine Hoffnung", sagt Dinter: "dass die Japaner begreifen, dass sie die Ahnen der Mangyanen in Ruhe lassen sollen." Vielleicht bringen sie dann die Knochen zurück.


DER SPIEGEL 24/2011
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