11.06.2011

ARCHÄOLOGIEKanalfahrt der Krauts

Wie germanisch ist Großbritannien? Archäologen und Genetiker präsentieren verblüffende Erkenntnisse zu den historischen Ursprüngen des Vereinigten Königreichs.
Die Angst vor einer gewaltsamen Eroberung ihrer Heimat ist bei den Engländern tief verwurzelt - wohl auch deshalb, weil ihre Vorfahren diese Untat selbst begingen.
Im Jahr 449, heißt es in der "Angelsächsischen Chronik", stiegen an der Küste von Kent zwei Germanen, Hengist und Horsa, an Land. Aus Nordfriesland kommend waren sie 600 Kilometer weit die Küste hinabgesegelt und hatten dann ins schöne Britannien übergesetzt.
Ein kultiviertes Land empfing sie dort. Bereits 43 nach Christus hatte Kaiser Claudius das Eiland zur römischen Provinz erklärt, mit Theatern und gepflasterten Straßen ausgestattet. In der Spätantike lebten in Londinium 30 000 Menschen.
Mit den Abenteurern vom anderen Ufer, die im Zuge von Familienzusammenführungen bald immer zahlreicher erschienen, ging all das kaputt.
Nur: Wie viele Leute kamen damals von der Waterkant? 1000? 10 000? Oder noch viel mehr?
In der britischen Archäologie gaben bislang die sogenannten Minimalisten den Ton an. Sie vermuten nur einen "Elitetransfer": Eine kleine Kaste germanischer Edelkrieger, wenige tausend Leute, habe sich durch eine Art Staatsstreich an die Spitze der Gesellschaft gestellt und am Ende sogar die keltische Sprache gekippt. Vielen Gegenwartsbriten gefällt dieses Szenario. Auf Vettern vom Festland sind sie nicht allzu erpicht.
Das erfuhr schon vor fast einem Jahrhundert der Museumskurator Thomas Sheppard. Im Jahr 1919 riefen ihn Offiziere zu Hilfe, weil sie bei Schanzarbeiten in Ostengland zufällig das rund 1500 Jahre alte Grab einer Angelsächsin angestochen hatten.
Als der Forscher die bleichen Gebeine der Frau "Eroberern aus Deutschland" zuordnete und verkündete: "Von diesen stammen wir ab!", standen die Militärs wie vom Donner gerührt da. Erst fluchten sie und wollten nicht wahrhaben, mit den "Hunnen" verwandt zu sein. Dann trübte sich die Stimmung: Der Rückweg in die Kaserne "erinnerte an ein Begräbnis", so Sheppard.
Doch leugnen gilt nicht. Es bestätigt sich der Grundsatz: Wer am meisten auf die Deutschen haut, war früher selbst ein Kraut. Gleich mehrere Untersuchungen belegen die ganze Innigkeit der deutsch-englischen Verwandtschaft.
Biologen vom University College in London ermittelten einen Abschnitt des Y-Chromosoms, der bei dänischen und norddeutschen Männern fast zu hundert Prozent verbreitet ist - und auch in Großbritannien erstaunlich häufig vorkommt (siehe Grafik Seite 113). Das besagt: Über die Nordsee ergoss sich einst eine Völkerflut.
Ähnliche Resultate liefern neue Isotopenuntersuchungen auf angelsächsischen
Friedhöfen: Chemiker prüften den Zahnschmelz und die Knochen von Skeletten. Rund 20 Prozent der Toten waren Zugereiste, die ursprünglich vom Festland stammten.
Der Archäologe Heinrich Härke von der University of Reading hat nun eine quantitative Abschätzung der Wanderungsbewegung gewagt. Er vermutet: "Bis zu 200 000 Emigranten" strebten über den Kanal.
Ausgelöst wurde die Reisewelle offenbar anno 407. In dem Jahr zog das angeschlagene Römische Reich große Teile seines Heeres aus Britannien ab. Kurz danach stellte es die Soldzahlungen ganz ein. Ergebnis: Die letzten Legionäre gingen stiften.
Damit lag das Eiland schutzlos da. Diese Chance ließen sich die Hungerleider vom anderen Ufer nicht entgehen. Angeln, Sachsen und Jüten verließen scharenweise ihre im Sumpf liegenden Wurten und Saubohnenfelder.
Ganze Familienclans stachen damals in See. Meist im Frühling und Sommer, wenn die See ruhig war, machten sie sich auf den Weg. Die Schiffe waren prall gefüllt mit Hausrat, Kühen und Pferden. Einer alten Chronik zufolge lag das Land der Angeln bald "verlassen" da.
Den ersten Friedhof errichteten die Neuankömmlinge um 410 in Dorchester bei Oxford. Er war vollgestopft mit Urnen, Broschen und Fibeln, wie man sie auch an der Elbe findet.
Totenfelder dieser Art haben die Ausgräber mittlerweile zuhauf freigelegt. Die germanischen Farmer von Spong Hill (Ostengland) hielten über zwei bis drei Generationen hinweg Kontakt zur alten Heimat. Härke vermutet, dass zwischen 450 und 550 ein steter Strom von Abenteurern das Festland verließ. Dennoch tun sich Rätsel auf. Den geschätzten 200 000 Eindringlingen stand eine Übermacht von mehr als einer Million Britonen gegenüber. Trotzdem triumphierten die Invasoren. Schnell bildeten sich Königtümer wie East-Anglia (Ostangeln), Wessex (Westsachsen) oder Essex (Ostsachsen), in denen kernige Häuptlinge wie Sigeric oder Cynewulf das Regiment führten.
Diesen Raubeinen hatten die Kelten wenig entgegenzusetzen. Leier spielen hatten sie von den Römern gelernt, auch das unmäßige Trinken von Wein. Das Tragen von Waffen dagegen war den Bürgern im Einflussgebiet der Pax Romana verboten. So verloren die Alteingesessenen, dem Schwerte entwöhnt, Schlacht um Schlacht. Sie wurden an die Ränder der Insel abgedrängt.
Das altenglische Heldenepos "Beowulf" lässt ahnen, wie derb und kampfeslüstern es damals in den reetgedeckten Hütten der heidnischen Eroberer zuging. Bald hielten sie ganz Ost- und Mittelengland besetzt.
Auch die berühmte Artus-Sage entstand damals - als eine Art Gegenpropaganda. Forscher stufen das Werk als "Abwehrmythos" der christlichen Altbevölkerung ein (wobei der Heilige Gral den Abendmahlskelch symbolisieren könnte). Vielleicht steckt hinter dem Sagen-Artus ein keltischer Urkönig, dem um 500 am Mount Badon ein Sieg glückte.
In Wahrheit aber kämpfte das Heer der Britonen zumeist im Rückwärtsgang. Viele gerieten in Gefangenschaft. Als "Knechte und Mägde" hätten die Leute in den Dörfern der Angelsachsen ein übles Dasein gefristet, so Härke.
Die Friedhöfe jener Zeit weisen zwei Grabtypen auf - solche mit Schwertern und anderen Waffenbeigaben und solche ohne. In Letzteren liegen offenbar die entrechteten Einheimischen.
Der Londoner Genetiker Mark Thomas ist sicher: Die Eroberer vom Kontinent pflegten "soziale Strukturen nach Art der Apartheid". Genährt wird die Ansicht auch durch die Gesetze des Königs Ines von Wessex (um 695). Sie nennen sechs Sozialränge für die Britonen. Fünf davon bezeichnen Sklaven.
Infolge der brutalen Unterjochung wurde offenbar auch die Reproduktionsquote der Verlierer gebremst. Die Sieger dagegen kriegten viele Kinder. Die Folgen lassen sich noch heute am Genpool der Briten ablesen. "Die Leute aus der englischen Provinz sind mit den Norddeutschen enger verwandt als mit ihren eigenen Landsleuten aus Wales oder Schottland", erklärt Härke.
Jeder zweite Mann von der Insel trage das "Friesen-Gen" in sich.
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 24/2011
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