DER SPIEGEL



KUNST

Die Falschen und die Richtigen

Von Knöfel, Ulrike und Reinhardt, Nora

Auf der Biennale in Venedig gibt sich China entspannt und tolerant. Neben einem staatlichen Auftritt im Landespavillon duldet man auch eine regimekritische Schau, die nur ein Ziel hat: das wahre Gesicht der Volksrepublik zu zeigen.

Auch unterdrückte Künstler können sich offenbar ihre unbekümmerte Art bewahren. Der Chinese Wang Chengyun trägt ein geringeltes Shirt und ist bestens gelaunt. Man merkt ihm die Freude darüber an, in diesem alten Palazzo in Venedig zu stehen, "schöne Architektur", sagt er auf Deutsch.

In Venedig ist Biennale, die Kunstwelt hat sich dort versammelt. Wang Chengyun gehört zu einer Gruppe von 13 chinesischen Künstlern, die an einer Schau mit dem Titel "Cracked Culture" teilnehmen, und sein Gemälde ist das auffälligste Werk: Maschinenhaft marschierende Soldaten bei einer Parade, daneben das Gesicht eines Soldaten in Großaufnahme, scharf angeschnitten, eine ausdruckslose, rötliche Fleischmasse, die Augenhöhlen schattige Vertiefungen. Eine waffenstrotzende Staatsmacht wird da gezeigt, anonym, bedrohlich, unberechenbar.

Es ist ein plakatives Bild, und nicht nur das: Ein westlicher Besucher würde es durchaus als provokativ bezeichnen. Ist es also gefährlich für ihn?

Gefahr ist ein Wort, das Wang Chengyun zu gefallen scheint. Man müsse klug sein, sagt er. In China würde er seine Kunst nicht kritisch nennen. Seine Kunst stelle nur das dar, "was meine Augen gesehen haben".

Wang Chengyun hat an Akademien in Sichuan und Braunschweig studiert, war in Deutschland verheiratet, seine Töchter leben hier. Er ist längst wieder nach China zurückgekehrt und lebt in Chengdu, wo er als Professor an einer Universität lehrt. Er ist 51 Jahre alt, in China fühle er sich heimisch, als Teil einer jahrtausendealten Geschichte. Er sagt: "Du kannst in China die Kunst machen, die du machen willst, aber du kannst sie nicht unbedingt ausstellen."

Hier unter der venezianischen Sonne hat er den Ruf eines Revoluzzers, zusammen mit den anderen zwölf Künstlern aus China. Sie stellen in einem Palazzo aus, der eine Schule beherbergt. Die Kunst hängt im Eingangsbereich und den oberen Fluren, die Stellwände sind angegraut. Diese bescheidene Ausstellung gilt als aufrührerische Gegenveranstaltung zum offiziellen chinesischen Beitrag zur Biennale und auch als trotziger Gedenkparcours für Ai Weiwei, den bekanntesten Künstler Chinas, der momentan in Haft ist.

Der Kurator Wang Lin war vorab in der italienischen Zeitung "Corriere della Sera" mit der Bemerkung zitiert worden, nur diese Schau erlaube einen Einblick in die Gegenwartskunst Chinas, die staatliche Auswahl sei eine Verfälschung, und der inhaftierte Ai Weiwei sei unter den Besten der Mutigste.

Im Katalog beklagt er zudem, die Kunst werde in China in ihrer Freiheit immer noch durch die politische Ideologie eingeschränkt. Auch sei es üblich, den Kurator des Länderbeitrags für Venedig vom Staat zu berufen, "nicht vom Volk". Nach dem Artikel im "Corriere" sind die Leute im Palazzo jedenfalls nur noch "die Oppositionellen".

Wang Lin, der Kurator, ist auch Kunstkritiker und Professor. Er lehrt in Sichuan im Südwesten Chinas, weit weg von Peking. Vielleicht wächst mit der Entfernung der Mut. Die Idee zur Ausstellung hatte seine Studentin Kai Zhuang, eine gut vernetzte Nachwuchskuratorin. Wang Lin hat dann entschieden, wer mitkommt. Ein noch junges Museum für zeitgenössische Kunst in Guangdong fungiert als Schirmherr.

Jetzt, im Garten des Palazzo, klingt Wang Lin vorsichtiger, er suche keine Konfrontation, lässt er übersetzen. Dann meint er, China sei für Ausländer schwer zu durchschauen.

Es ist erstaunlich. Viele Künstler in China haben tiefe Angst vor der Willkür des Staates, müssen erleben, wie ihre Ateliers durchsucht werden, ihr Leben ausgeforscht wird, und hier macht sich eine Künstlerreisegruppe auf den Weg, um diese Nation zu kritisieren, und zwar so, dass es jeder mitkriegt. Man hat es geschafft, ins Beiprogramm der Biennale aufgenommen zu werden, eine Ehre, die Aufmerksamkeit bringt und 24 000 Euro extra kostet. Insgesamt war die Ausstellung rund 240 000 Euro teuer, die Künstler mussten Sponsoren finden, es war nicht leicht.

Einige erzählen, sie hätten die staatliche Kontrolle ausgehebelt und ihre Werke mit Tricks nach Venedig geschafft. Normalerweise muss für Kunsttransporte ins Ausland eine staatliche Genehmigung eingeholt werden. Man hört Geschichten über Ausfuhrverbote, darüber, dass Ausstellungen in letzter Sekunde umgehängt werden, weil einige Bilder nicht gezeigt werden dürfen, dass der Druck von Katalogen gestoppt wird.

In dem Palazzo gibt es ein weiteres Werk, das sofort irritiert, eine graufarbene Fotomontage, die aussieht wie eine traditionelle Tuschezeichnung. Auf einer Tafel sitzt eine riesige, hässliche Ratte in einer düsteren Landschaft, auf einer anderen liegt ein Skelett in einem See. Der Künstler heißt Maleonn und ist 39 Jahre alt. Er kommt aus Shanghai und hatte kein Geld für die Reise nach Europa.

Betrachtet man seine und die Kunst von Wang Chengyun, hat man den Eindruck, China ist gerade wegen der besonderen Umstände ein gutes Land, um Kunst zu machen. Die Künstler der Gegenveranstaltung machen kritische Kunst, aber das heißt nicht, dass sie Oppositionelle sind, Dissidenten, die den Staat abschaffen wollen oder die Alleinherrschaft der Kommunisten in Frage stellen.

"Wir wünschen uns mehr Freiheit", sagt Wang Chengyun. "Wir sind dabei zu lernen, wie man mit der Regierung umgeht. Es ist ein Seiltanz." Ob er selbst Angst habe? "Eigentlich nein."

Sie alle sagen, dass man sich in China eine ganze Menge erlauben könne, man müsse nur herausfinden, wo die Grenze sei.

Wo die Grenze ist, bestimmt das Regime.

Vom einen China zum anderen sind es auf Venedigs Wasserstraßen nur vier Stationen mit dem Vaporetto. Der chinesische Pavillon befindet sich auf der anderen Seite des Canal Grande im Arsenale, und das ist offizielles Biennale-Gelände. Die Halle der Chinesen ist ein düsterer, fast geisterhafter Ort.

Hier gibt sich die Volksrepublik so, wie sie gesehen werden will. Die Kunst ist teuer, groß, aufwendig, auf andere Art plakativ. Das Ganze ist mehr Show als Schau, den Werken soll man nicht ansehen, wie staatstreu ihre Schöpfer sind, eigentlich sollen sie nur möglichst unideologisch wirken.

Die erste Teilnahme Chinas an der Biennale im Jahr 2005 wurde vom Westen als Zeichen der Öffnung interpretiert. Man sah mit Wohlwollen auf die Kunst der freundlichen Chinesen und ihre Erfolge am Markt. Doch seit der Inhaftierung Ai Weiweis ist alles anders.

Ai Weiwei, einer der besten und inzwischen auch bekanntesten Künstler der Gegenwart, hat den Staat immer wieder mit seinen Werken, seinen Blogs, mit den von ihm organisierten Protestaktionen gegen sich aufgebracht. Er hat sein Land und den Rest der Welt daran erinnert, dass China eben doch noch eine Diktatur ist. Also wurde er verhaftet, erstmals 2004, später auch verprügelt, sein Atelier wurde abgerissen, dann die erneute Verhaftung im April dieses Jahres. Seitdem wird er an einem geheimen Ort festgehalten. Offiziell wirft man ihm Steuerhinterziehung vor.

Ai Weiwei hatte vor dem Regime keine Angst, und mit dieser Furchtlosigkeit ließ er das ganze System, das auf Angst gebaut ist, lächerlich aussehen. Er ist ein Staatsfeind, über ihn zu reden scheint riskant.

Bei Yuan Gong, einem der fünf Künstler der staatlichen Delegation, ist das Outfit die eigentliche Botschaft. Punkiger Haarschnitt, große Sonnenbrille, unter Löchern seiner Pluderhose schimmern Netzstrümpfe durch, die ganze selbstbewusste Haltung sagt: Man kann in China auch Individualist sein. In Venedig darf er an diesem Tag einen eigenen Empfang geben, die Einladungskarten sehen ein wenig staatstragend aus, als habe das Kulturministerium sie drucken lassen.

Yuan Gong ist mit einer Installation auf der Biennale vertreten. In der Halle und auf dem Rasen davor lässt er Nebel strömen, der nach Jasmin riecht, "mein Lieblingsduft". Viele Biennale-Besucher wollen unbedingt vor der dunstigen Kulisse fotografiert werden.

Yuan Gong nennt Ai Weiwei einen "guten Freund", und tatsächlich hat er 2010 an einer Ausstellung Ai Weiweis teilgenommen. Doch jetzt, hier in Europa, mag er offensichtlich nicht über ihn sprechen. "Die Sache ist kein großes Ding", sagt er. "Ai Weiwei hat genügend Stärke. Er kann sich aus eigener Kraft aus dem Gefängnis befreien." Ein Künstler, sagt er, solle sich "auf seine Kunst konzentrieren und nicht auf Politik". Das Interview ist dann schnell beendet. Ein anderer Künstler seiner Gruppe war tags zuvor bei der Frage nach Ai Weiwei sogar erschrocken zusammengezuckt: "Ich will dazu nichts sagen, ich weiß nichts darüber."

Und doch gibt es bei den Offiziellen ein Werk zu sehen, das deutlich an eine Arbeit von Ai Weiwei erinnert, bestehend aus lauter kleinen Vasen.

Seltsamerweise behandelt sogar die westliche Kunstszene Ai Weiwei in diesen Tagen wie ein Tabuthema. Wahrscheinlich will sich niemand die Laune verderben. Beim Empfang zur Eröffnung des chinesischen Pavillons halten immerhin fünf Besucher - keine Chinesen - Stofftaschen in die Höhe, auf denen "Free Ai Weiwei" steht. Den Funktionären aus China fällt es leicht, über diese kleine Demo hinwegzusehen. Nachdem sie ihre Reden gehalten haben, verschwinden die Männer aus Peking durch Yuan Gongs Nebelschwaden in die Ausstellungshalle.

Man kann mit ihnen reden, sie geben sich aufgeschlossen, geradezu westlich locker. Doch der Tenor ist eindeutig. Die Verhaftung Ai Weiweis habe nichts mit seiner Kunst zu tun, schuld seien allein seine Steuerprobleme. Auch in Deutschland gebe es Steuerdelikte, solche Untersuchungen dauerten ihre Zeit. Wie lange? Weiß man nicht. Einer, der im Kulturministerium für auswärtige Beziehungen zuständig ist, sagt noch, ihm gefalle Ai Weiweis Kunst nicht, "ich finde sie zu übertrieben", aber das sei seine private Meinung.

Das klingt alles nicht so schlimm. Dabei werden, so erzählt es ein Künstler, sogar Mails abgefangen, in denen der Name Ai Weiweis auftaucht.

Selbst unter den Teilnehmern der Gegenveranstaltung "Cracked Culture" will kaum jemand über Ai Weiwei sprechen.

Wang Xiaosong ist der einzige Künstler, der sich offen äußert. Er trägt Zopf und Hut, in den Neunzigern studierte er in Berlin, seine Arbeiten werden sowohl in China als auch in Deutschland gezeigt. In Venedig präsentiert er ein Video mit Aufnahmen eines großen leeren Platzes, der an den Tiananmen-Platz erinnert, es sind schwarzweiße Bilder, man sieht Vögel umherfliegen, immer mehr, bald sieht es aus, als ob sie vom Himmel fallen, schließlich färbt sich das Bild rot ein, erst an ein paar Stellen, am Ende ist kein Vogel mehr zu sehen, aber der Platz ertrinkt in tiefem Rot, Blutrot. Über Ai Weiwei sagt Wang Xiaosong, er habe die Regierung geärgert, er sei gefährlich geworden, also macht die Regierung diesen Künstler kaputt. "Er ist ein Überkünstler. Alle waren schockiert, als er ins Gefängnis kam, und noch jetzt ist Angst spürbar."

Vor einer Kirche auf der Insel Giudecca, gegenüber vom Markusplatz, hat der italienische Künstler Giuseppe Stampone riesige leuchtende Buchstaben aufstellen lassen: "Bye Bye Ai Weiwei".


DER SPIEGEL 24/2011
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