01.06.1998

UNGARN

Gezähmte Wilde

Der künftige Regierungschef in Budapest, einst ein Sponti in Turnschuhen, trägt jetzt Maßanzüge und schreckt vor nationalistischen Tönen nicht zurück.

Eine Szene aus der Endzeit des prüden Sozialismus: Jugendliche treffen sich zum Kiss-in in einem Budapester Park. Die öffentliche Liebelei ist in Wahrheit eine politische Demonstration - Plakatschilder mit Erich Honecker, Nikolae Ceausescu, János Kádár und Michail Gorbatschow stehen im Gras und zeigen die Genossen beim sozialistischen Bruderkuß in enger Umarmung. "Wir lieben es anders", verkündet der Jurastudent Viktor Orbán, damals 27, und zieht sich mit seiner Freundin zurück.

Mit solchen Minirebellionen machten sich Orbán und seine Freunde im verrückten Sommer 1989 auf den Weg in die Freiheit und läuteten den Niedergang der roten Herrschaft ein. Flotte Sprüche, freche Happenings, flegelhaftes Auftreten waren das Markenzeichen der Jugendpartei FIDESZ, die Orbán gegründet hatte.

In den Kreis dieser Aufmüpfigen konnte nur eintreten, wer unter 35 Jahre alt war. "Trau keinem über 35, da wimmelt es von Stalinisten und Ewiggestrigen", spotteten Orbán und seine beschwingten Mitstreiter; mit diesem Motto warben sie auch 1990 im ersten Mehrparteienwahlkampf seit der kommunistischen Machtergreifung und errangen aus dem Stand 21 Sitze.

Acht Jahre später - Orbán feiert nunmehr seinen 35. Geburtstag - wirbelte der aufmüpfige Jungmann die alte politische Elite erneut durcheinander: Bei den Parlamentswahlen am Sonntag vor Pfingsten wurde seine FIDESZ mit 38,3 Prozent und 148 Mandaten stärkste Partei. Doch inzwischen ist es fraglich, ob die Bewegung der Jungdemokraten wirklich noch an der Spitze von Freiheit und Fortschritt steht.

Unzufrieden mit dem radikalen Reformprogramm der bisherigen Regierungskoalition aus Sozialisten und Freidemokraten, dem schmerzhaften Sparhaushalt und der Westöffnung um jeden Preis, votierten die Ungarn mehrheitlich für Parteien, die ihnen in Zukunft geringere Opfer abverlangen wollen. Von insgesamt 386 Sitzen ging die überwältigende Mehrheit an rechtsliberale und erzkonservative Gruppen, angeführt von der mittlerweile nach rechts gerückten FIDESZ. Sozialisten und Freidemokraten kommen im neuen Parlament zusammen nur noch auf 158 Mandate.

Der bisherige Regierungschef Gyula Horn, 66, Held der Deutschen, seit er im Sommer 1989 mit der Drahtschere den Zaun an der österreichisch-ungarischen Grenze durchschnitt, muß Orbán weichen.

Verkehrte Welt: Der Sozialist Horn war den Wählern zu kapitalistenfreundlich, mehr als drei Viertel der Volkswirtschaft hat er privatisiert, die Inflation mit rigoroser Ausgabendisziplin bei 17 Prozent in diesem Jahr unter Kontrolle gehalten. Vom Rechten Orbán erhoffen die Bürger mehr sozialpolitische Rücksicht und damit mehr Staatsgelder. Es war einer der seltenen Momente, in denen die Börse auf die Abwahl einer linken Regierung mit scharfen Einbrüchen reagierte. Am Montag nach dem Urnengang fielen die Aktienkurse um 8,7 Prozent.

Jetzt stellte sich heraus: Der Westen, der den Ex-Kommunisten Horn so schätzte, hatte sich blenden lassen vom soliden Wirtschaftswachstum, von anhaltenden Auslandsinvestitionen und Ungarns stetigem Weg in Nato und EU.

Nun kam die Wende rückwärts. Kein Ausverkauf des Landes, kein Diktat aus Brüssel, Ungarn zuerst den Ungarn, das waren die Parolen, mit denen die Konservativen ins Rennen gingen - und an ihrer Spitze ein gewandelter Orbán.

Der einstige Bürgerschreck, der sich über Kommunisten und Nationalisten gleichermaßen lustig machte, tritt heute als Sprecher der Unzufriedenen und Zukurzgekommenen aller Art auf, verheißt wirtschaftliche Wunder und nationale Größe. "Ich möchte in einem Land leben", lautet das Motto des gezähmten Wilden, "in dem die Bürger stolz sein können auf das, was sie vollbringen, und in dem sie nicht ständig nach dem Westen schielen müssen."

Früher hatte Orbán mit Orangen, seinem Parteisymbol, nach allem geschmissen, was nach dem Muff der Vergangenheit roch, ein landesbekannter Provokateur mit Bart und langem Haar, der selbst im Parlament Jeans und Turnschuhe trug. Jetzt entpuppte er sich als Aufsteiger, im Maßanzug und mit tadelloser Frisur. Mit hemmungslosen Versprechen, die Steuern um 50 Prozent zu senken, die Wohltaten des Sozialstaats zu mehren und die profitgierigen Konzerne des Auslands schärfer unter Kuratel zu stellen, hat sich Orbán in die Herzen der kleinen Leute geschlichen.

Das führte ihn zum Sieg, machte ihn aber auch zur Geisel seiner eigenen Strategie. Von einer Avantgardepartei wurde FIDESZ zur populistischen Sammlungsbewegung, die immer mehr ressentimentgeladene, dubiose Gestalten anzieht. Schon biedern sich Chauvinisten und Antisemiten als Koalitionspartner an.

Der künftige Regierungschef kann die Zusammenarbeit kaum ausschlagen, denn es waren ausgerechnet die Wahlempfehlungen dieser Bundesgenossen, die bei der Stichwahl den Ausschlag gaben gegen Horns Partei. Die Sozialisten lagen nach dem ersten Urnengang am 10. Mai noch knapp vorn, doch aufgrund des komplizierten Wahlrechts konnten die Rechten über Direktmandate am Ende die Mehrheit der Sitze erringen.

Unter den neuen Abgeordneten im Parlament ist auch ein einstiger Informant des kommunistischen Geheimdienstes: der Schriftsteller und Le-Pen-Bewunderer István Csurka, der seit der Wende mit faschistischer Rhetorik gegen "jüdisch-kosmopolitisch-kapitalistische Verschwörungen" wettert, zum Schutz des "heiligen Ungarntums" aufruft und eine Revision des Vertrags von Trianon verlangt, in dem Ungarn nach dem Ersten Weltkrieg zwei Drittel seines Territoriums verlor.

Zwar braucht der künftige Premier Csurkas Partei der Wahrheit und des Lebens am äußersten rechten Rand nicht unbedingt, um eine Mehrheit im Parlament zu bekommen. Aber seine Beteuerung, er sei ein "Mann des Volkes und nicht der Extremisten", überzeugt nicht. Die Geister, die er im Wahlkampf zu Hilfe rief, wird er bei den anstehenden Koalitionsverhandlungen so leicht nicht los.

So ist Orbán auf die Kleinlandwirte angewiesen, die Ungarns Integration in die EU ablehnen. Und er umgarnt Nationalisten mit zweideutigen Sprüchen, etwa: "Die künftige ungarische Regierung gehört dem ganzen ungarischen Volk, wo immer es lebt." Das könnte als Ankündigung verstanden werden, sich mehr um die Belange der ungarischen Minderheiten in Rumänien und der Slowakei zu kümmern - für die Nato eine alarmierende Aussicht.

Ein Beispiel für die Kumpanei der Rechten zeigte sich bei der Wahlabsprache zwischen FIDESZ und dem Ungarischen Demokratischen Forum im Wahlkreis Lakitelek. Orbán stellte dort überhaupt keinen eigenen Kandidaten auf, um so seinem Freund, dem Forums-Vorsitzenden Sándor Lezsák, ein Direktmandat zu sichern.

Kamerad Lezsák bedankte sich auf seine Weise: Orbán sei ein kluger Kopf, Csurka sei ein kluger Kopf - "und kluge Köpfe braucht das Land".

[Grafiktext]

Sitzverteilung im zukünftigen ungarischen Parlament

[GrafiktextEnde]

[Grafiktext]

Sitzverteilung im zukünftigen ungarischen Parlament

[GrafiktextEnde]


DER SPIEGEL 23/1998
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 23/1998
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

UNGARN:
Gezähmte Wilde