01.06.1998

JAPANStolz der Nation

Ein Film entzückt Patrioten in Tokio und empört das Ausland: General Tojo, Ministerpräsident des Kaisers von 1941 bis 1944, nach der japanischen Niederlage als Kriegsverbrecher verurteilt und hingerichtet, wird als tragischer Held verklärt.
Der graue Steinklotz im Schatten des 60stöckigen Sunshine-Hochhauses in Tokio wirkt so unscheinbar wie der darauf eingemeißelte Spruch: "Den ewigen Frieden erhoffend". Ein Hinweis auf der Rückseite teilt mit, wessen hier gedacht wird: Am 23. Dezember 1948 wurden an dieser Stelle Japans sieben Hauptkriegsverbrecher gehenkt.
An der verschwiegenen Weihestätte mit der irreführenden Inschrift legen nationalistische Japaner täglich frische Blumen nieder. Bald könnte das Denkmal noch mehr Verehrer anlocken: Seit kurzem läuft in Japans Kinos ein Film, der den Kriegspremier General Hideki Tojo 50 Jahre nach dessen Hinrichtung zum patriotischen Helden verklärt. Titel: "Pride - unmei no toki" (Stolz - schicksalhafter Moment).
Im Kriegsverbrecherprozeß von Tokio 1946 bis 1948 - dem fernöstlichen Gegenstück zum Nürnberger Tribunal - mußten sich Tojo und 27 Mitangeklagte wegen Verbrechen gegen den Frieden verantworten. In dem Verfahren übernahm der ehemalige Ministerpräsident, der von 1941 bis 1944 regiert hatte, die Hauptverantwortung für Japans Überraschungsschlag gegen den amerikanischen Flottenstützpunkt Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 und die Feldzüge in China und Südostasien.
Schon vor der Premiere sorgte das Werk in Asien für Aufregung. "Hideki Tojo war der Hauptverantwortliche für die Planung des Angriffskriegs. Wir sind schockiert und empört, daß einige Leute in Japan einen solchen Film produziert haben, der Aggression reinwäscht", protestierte Chinas Außenministerium in Peking.
Den Produzenten kann der Wirbel nur recht sein: Toei, einer der drei größten japanischen Filmkonzerne, hat insgesamt 1,5 Milliarden Yen (rund 20 Millionen Mark) in die zweijährigen Dreharbeiten investiert - dreimal soviel wie üblich bei ähnlichen Projekten. Die Beteiligten verhehlen nicht, daß sie Tojo vom Image des Kriegstreibers befreien und den Tokioter Prozeß als Siegerjustiz der Amerikaner anprangern wollen.
So tritt Tojo als liebevoller Großvater, zärtlicher Gatte und treuer Untertan des japanischen Kaisers auf - nur nicht als Lebensraum-Ideologe und Kriegsbefürworter. Im Duell mit dem emotional und rachelüstern agierenden amerikanischen Chefankläger Joseph Keenan, der den Häftling zum Symbol des japanischen Militarismus stempeln will, rechtfertigt ein staatsmännischer Film-Tojo den von Japan angezettelten Pazifischen Krieg als Notwehr gegen die ökonomische Blockade des Kaiserreichs durch die USA, Großbritannien und die Niederlande - die ja auch tatsächlich stattgefunden hatte.
Die unrühmliche Vorgeschichte der 1941 von den Alliierten gegen das rohstoffarme Japan verhängten Wirtschaftssanktionen blendet "Pride" dagegen weitgehend aus: Mit der Besetzung der Mandschurei 1931, spätestens aber durch den Krieg gegen China, den die kaiserlichen Truppen 1937 mit einer Schießerei an der Marco-Polo-Brücke bei Peking provozierten, geriet Japan zunehmend in Konflikt mit den USA. Das Bündnis mit den Achsenmächten Deutschland und Italien 1940 zeichnete schließlich den Weg nach Pearl Harbor vor, wo Japan ohne Kriegserklärung einen Großteil der amerikanischen Pazifikflotte vernichtete. Anschließend überrannten die Truppen des Tenno Südostasien, darunter die Philippinen, Hongkong und Singapur, und stießen fast bis an die Grenze Indiens vor.
Weil die Japaner bei ihrem Vormarsch mit unerhörter Grausamkeit vorgingen, ist das Verhältnis zu ihren asiatischen Nachbarn noch heute schwer belastet. Allein bei der Eroberung des chinesischen Nanking 1937 ermordeten japanische Soldaten über 260 000 Zivilisten; chinesische Angaben sprechen gar von 300 000 Opfern.
Doch "Pride" sät Zweifel an der Schuld. Genüßlich zeigt Regisseur Shunya Ito, wie sich im Prozeß Belastungszeugen in Widersprüche verwickeln. Im Gespräch mit seinem Anwalt will Tojo einfach nicht glauben, daß japanische Truppen in Nanking auf Befehl ihrer Führung Massaker verübt hätten.
In der Tat ist fraglich, ob Tojo von den Greueltaten in Nanking von Anfang an wußte, denn 1937 kommandierte er als General Truppen in der Mandschurei und der Mongolei. Und auch als späterer Heeresminister und Kriegspremier habe sich Tojo, der 1944 nach der amerikanischen Eroberung Saipans zurücktreten mußte, nicht als "japanischer Hitler" aufgeführt, urteilt der US-Historiker Peter Wetzler.
Der steht kaum im Verdacht, ein Tojo-Apologet zu sein: In einer neuen Studie über Kaiser Hirohito weist Wetzler nach, daß der Tenno weitaus besser über Japans Kriegsvorbereitungen informiert war als bisher bekannt. Der Monarch ließ sich - wie sein loyaler Diener Tojo - in Fragen von Krieg und Frieden vor allem von einem Ziel leiten: der Wahrung der Staatsordnung mit dem Kaiserhaus an der Spitze. Aus diesem Grund entlastete Tojo im Tokioter Prozeß auch den Kaiser, wider besseres Wissen nahm er die alleinige Verantwortung auf sich.
Wenn die Person des peniblen Militärbürokraten Tojo also kaum zum lupenreinen Bösewicht taugt, so eignet sich der Premier allerdings auch nicht zum tragischen Staatsmann.
Dem Regisseur Ito geht es um noch mehr: Japans Eroberungspolitik deutet er in Wiederbelebung einer alten japanischen Rechtfertigungslegende als selbstlose Hilfe zur Befreiung der Asiaten von westlicher Kolonialherrschaft um. Schon die erste Filmszene schildert den Jubel der Inder über die Unabhängigkeit von den Briten. Rückblenden auf den mit Japan und Nazi-Deutschland verbündeten indischen Freiheitskämpfer Subhas Chandra Bose erwecken den Eindruck, Indien verdanke seine Unabhängigkeit 1947 vor allem Japan.
Für den japanischen Historiker Akira Fujiwara leugnet der Film damit die fundamentale Tatsache, daß die von Japan 1943 gegen die Westmächte ausgerufene "Großostasiatische Wohlstandssphäre" vor allem die Hegemonie über ganz Asien verbrämen sollte. Erst der Sieg der Alliierten habe Japans Kolonialherrschaft über Korea und Teile Chinas beendet.
Doch Kritiker wie Fujiwara sind in Japan in der Minderheit; die heimische Presse hält sich auffällig zurück. Und mit seinem Appell an das nationale Selbstwertgefühl könnte der Film bei vielen Zuschauern Beifall finden. Denn die derzeitige Wirtschaftskrise hat die einst vom Wachstum verwöhnten Japaner tief verunsichert. Mit den eigenen Mißerfolgen wächst im Land der Unmut gegen das Ausland - vor allem Amerika. Das filmische Heldenepos (Werbespruch: "Tojo gegen Amerika - der Kampf eines Mannes für den Stolz der Nation") dürfte die antiwestliche Stimmung kräftig anfachen.
Vor 1945 versuchte das neuzeitliche Japan stets, ökonomische und gesellschaftliche Krisen mit Gewalt nach außen zu lösen. Reste dieses traditionellen Reflexes werden auch jetzt wieder sichtbar: Spitzenpolitiker der Regierungspartei LDP drohen damit, amerikanische Staatsanleihen im Wert von rund 300 Milliarden Dollar abzustoßen, was die US-Währung in schwere Turbulenzen bringen müßte. Das konservative Magazin "Bungei Shunju" spricht bereits von einem "neuen USjapanischen Krieg".
Um den verletzten Stolz der Japaner auf Kosten der USA aufzurichten, bietet der Tokioter Kriegsverbrecherprozeß den passenden Stoff. Denn selbst Kritiker des Films müssen einräumen, daß es sich bei dem Gerichtsverfahren - anders als in Nürnberg - um eine äußerst selektive Siegerjustiz handelte.
Der größte Mangel des zweieinhalbjährigen Schauprozesses: Auf Weisung des amerikanischen Generals Douglas MacArthur verzichteten die Richter darauf, Kaiser Hirohito anzuklagen. Die Sieger brauchten den Tenno; daß er unangetastet blieb, erleichterte ihre Besatzungspolitik. Daher mußte Hirohito an Neujahr 1946 nur seiner Göttlichkeit entsagen und sich unter der neuen Verfassung von 1947 auf die unpolitische Rolle eines Symbols des japanischen Staates beschränken.
Anders als die Nürnberger Prozesse wurde der Tokioter Prozeß bereits vom beginnenden Zwist der USA mit der Sowjetunion überschattet: Die Amerikaner verhinderten, daß Experimente der berüchtigten Einheit "731", die biologische Kampfstoffe an Kriegsgefangenen und Zivilisten ausprobiert hatte, in Tokio zur Sprache kamen - ihre Forscher waren selbst an den Ergebnissen interessiert. Und ein ursprünglich geplanter weiterer Prozeß gegen Nippons Industriebosse fand gar nicht erst statt.
Statt sich für Imperialismus und Greueltaten zu entschuldigen, hielten Japans verstockte Politiker an ihrem revisionistischen Geschichtsbild bis heute fest. Wiederholt mußten Regierungsmitglieder zurücktreten, weil sie Kriegsverbrechen auf provozierende Weise geleugnet oder gerechtfertigt hatten. Am 15. August, dem Jahrestag der Niederlage, pilgerten alljährlich Kabinettsmitglieder zum Yasukuni-Schrein in Tokio, wo Ultranationalisten heimlich die Asche Tojos und der sechs anderen Hingerichteten verbargen.
Kein Wunder, daß "Pride" auch in der regierenden LDP gut ankommt. Es gebe eben "viele verschiedene Interpretationen der Geschichte", meinte der Abgeordnete Masahiro Koga. Mit einem demonstrativen Kinobesuch protestierten er und mehrere Kollegen indirekt auch gegen die chinafreundliche Politik des Ministerpräsidenten Ryutaro Hashimoto.
Zum Zeichen der Versöhnung hatte Hashimoto voriges Jahr ein Kriegsmuseum in der Mandschurei besucht. Mehrmals bedauerte er Japans Verbrechen im Zweiten Weltkrieg. Doch eine staatliche Entschädigung für etwa 200 000 Koreanerinnen und andere Asiatinnen, die Japans Soldaten zur Prostitution gezwungen hatten, lehnt seine Regierung weiterhin ab.
Auf Druck der asiatischen Nachbarn erklärte sich zwar das konservative Kultusministerium bereit, düstere Kapitel der Geschichte in Japans Schulbücher einzufügen. Aber das will eine Gruppe von Nationalisten unter Führung des Erziehungswissenschaftlers Nobukatsu Fujioka wieder rückgängig machen.
Ein eifriger Fujioka-Förderer ist der Hauptsponsor von "Pride": Isao Nakamura, Präsident der Immobilienfirma Higashi Nihon Housing. An den Kosten des Films beteiligte sich das Unternehmen mit über 80 Prozent. Ursprünglich hatte sich Nakamura einen Streifen über den indischen Richter Radhabinod Pal gewünscht, der sich in einem Minderheitsvotum vom Tokioter Urteil distanzierte.
In "Pride" tritt der Inder als eine Art Kronzeuge gegen die vermeintliche Siegerjustiz auf. Einem ehemaligen japanischen Teilnehmer am gescheiterten japanischen Imphal-Feldzug von Burma nach Indien, bei dem 1944 Zehntausende umkamen, verhilft Pal zu einer Reise aus dem besetzten Japan nach Indien.
Dort erlebt der Japaner die indische Unabhängigkeit; im Kreise örtlicher Freiheitskämpfer genießt er die Solidarität der Asiaten, für deren Befreiung Japan angeblich Krieg führte.
Dem populären Tojo-Darsteller Masahiko Tsugawa ist dieses Ende noch nicht schön genug. Er hofft, daß Japans Politiker eine Neuverhandlung des Tokioter Prozesses erwirken, um den Kriegspremier und seine Schicksalsgenossen zu rehabilitieren.
[Grafiktext]
Kartenausriß - japanischer Machtbereich 1942
[GrafiktextEnde]
[Grafiktext]
Kartenausriß - japanischer Machtbereich 1942
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 23/1998
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 23/1998
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

JAPAN:
Stolz der Nation

  • Fußball-Star Goretzka zum Rassismus-Vorfall: "Mit viel Mut dagegen vorgehen"
  • Unglück in Kirgisien: Deutscher Tourist filmt Hubschrauberabsturz an Bord
  • Mays Auftritt beim EU-Gipfel: "Es kam zu tragikomischen Szenen"
  • Wolkenformation: Ein Mädchen am Horizont