01.06.1998

FERNSEHENEin Abschied gestern

Verlogene Stasi-Spitzel, verstörte Künstler, verschlagene DDR-Bonzen - Regisseur Frank Beyer verfilmte Manfred Krugs Tagebuch „Abgehauen“.
Wenn die Macht mit dem Geist zusammentrifft, gerät die Phantasie sehr schnell in Wallung: Bildungserinnerungen an Protestantenstolz ("Hier stehe ich, ich kann nicht anders"), Don-Carlos-Hochherzigkeit ("Der König hat geweint") und Sanssouci-Heiterkeit benebeln die Wahrnehmung.
Dem Schauspieler Manfred Krug, diesem Vierschröter mit allen zwei Beinen auf dem Teppich der Realität, ist es zu verdanken, den wahren Charakter solcher historischer Meetings entlarvt zu haben. Als sich am 20. November 1976 der ZK-Agitator Werner Lamberz in der Pankower Villa des DDR-Stars mit einem Dutzend Künstler zu einem Gespräch traf - die SED-Funktionäre hatten kurz zuvor den Liedermacher Wolf Biermann ausgebürgert, die Intellektuellen protestiert -, ließ Krug heimlich ein Tonband mitlaufen. Das aufgezeichnete Ergebnis, ein undurchdringlicher Nebel aus Vorsicht, Taktik, versteckter und unverhohlener Drohung - Luther, Schiller und alles Pathos sind ganz weit -, ist an diesem Mittwoch in der ARD zu besichtigen. Regisseur Frank Beyer ("Spur der Steine"), selbst damals Teilnehmer des Treffens, hat Krugs Buch "Abgehauen" verfilmt.
Die Vorlage umfaßt drei Teile: Neben dem Tonbandmitschnitt besteht sie aus einem Tagebuch und dem später eingesehenen Stasi-Protokoll, das durch Spitzelei eines mit den Krugs befreundeten Ehepaars zusammengetragen wurde.
Beyer und Drehbuchautor Ulrich Plenzdorf, auch er ein Mitstreiter von damals, halten sich eng an Krugs Buch, wodurch ein wortlastiger Film entstand, eine Parade meist gestochen redender Köpfe vor einer Kamera, die jede Epik, jede distanzierte Draufschau vermeidet.
Man muß schon einigermaßen in der DDR-Geschichte geübt sein, um sich zurechtzufinden unter den Intellektuellen, die da um Krugs Tisch sitzen: Jürgen Hentsch spielt den Dichter Stefan Heym, durch diese Besetzung bekommt der unbequeme Brausekopf Heym einen befremdlich staatsrätlich-seniorenhaften Anstrich. Heiner Müller gar, mit Zigarre und Dauer-Geräuspere, verfremdet sich durch Karl Kranzkowski zu einer Charge, zum Klischee seiner selbst - der düstere Dichter hätte seine Freude daran gehabt.
Auch an Peter Lohmeyer, der den Krug von damals spielt, muß man sich erst gewöhnen. "Manne", wie ihn das DDR-Publikum nannte, die ehrliche Haut, der unter der Schnoddrigkeit ein empfindsames
Herz verbirgt, tritt einem in Lohmeyer als norddeutsch zerfurchter Hamlet entgegen. Zum Glück läßt der Film den leibhaftigen Krug von heute als Kommentator seiner Geschichte auftreten - aus seinen ironischen Worten ist der Zorn auf die Dämlichkeit der Machthaber authentischer herauszuhören als aus dem Spiel seines schauspielerischen Doppelgängers.
Hier liegt ein Problem des Films: Er vermag Krugs innere Entwicklung nicht deut-
lich genug darzustellen. Ziemlich unvermittelt sieht man den Schauspieler einen Aus-
* Mit Karoline Eichhorn.
reiseantrag stellen. Erst durch die Bemerkungen, die Krug in Gesprächen mit dem Defa-Generaldirektor und bei Lamberz macht, kann der Zuschauer rekonstruieren, daß die DDR ihr Versprechen brach und den standhaften Biermann-Protestanten in seiner Arbeit behinderte. Auch von der Enttäuschung über das Weichwerden einiger seiner Kollegen ist im Buch mehr zu spüren.
Bleibt von Krugs innerer Verzweiflung einiges unterbelichtet, so erstrahlen um so heller (und düsterer) die perfiden Versuche der Mächtigen, den Star zum Bleiben zu überreden. Mal jovial, mal beleidigt, mal ganz Staatsmann, dann wieder alles verstehender Künstlerfreund - so zieht Hermann Lause in der Rolle des Lamberz alle Register seines beträchtlichen Könnens.
In einem schwindelerregenden Auftritt ist Ulrich Matthes als Krugs Schauspielerkollege aus dem Film "Spur der Steine" zu sehen. Aus rechtlichen Gründen wird er in der Besetzungsliste zum Film Eberhard E. genannt. Wie dessen Darsteller Matthes sein opportunistisches Arrangement mit der DDR rechtfertigt, wie er eine Mischung aus Verlogenheit und Ehrlichkeit aufblitzen läßt, erzeugt heilsame Irritation.
Wer sich eine historische Klärung von dem Film erhofft, wird enttäuscht. Beyer und Plenzdorf, wohl noch immer traumatisiert von den damaligen Vorgängen, verschanzen sich in Deutungsverweigerung. Sie zeigen einen Abschied, der gestern stattfand, keinen Abschied vom Gestern.
War der Widerspruch der Künstler der Anfang vom Ende der DDR, war er gar eine revolutionäre Tat oder nur ein zu matter Aufschrei einer staatlich gehätschelten Elite? Wie konnten Intellektuelle damals noch an die Illusionen einer DDR mit menschlichem Antlitz glauben?
Der Zuschauer bleibt mit solchen Fragen allein, bekommt aber ein ergreifendes Zeugnis am Schluß geliefert, wenn der ZDF- Korrespondent Dirk Sager den gerade in West-Berlin eingetroffenen Krug interviewt. Ob die Sehnsucht nach den Menschen und dem Publikum der DDR bleiben werde, fragt der Reporter. Und Krug, der Schlagfertige, kann nichts mehr sagen. Stummheit als Ergebnis der Begegnung von Geist und Macht.
* Mit Karoline Eichhorn.
Von Nikolaus von Festenberg

DER SPIEGEL 23/1998
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