Von Rapp, Tobias
Sie ist wunderschön. Sie ist talentiert. Sie kann tanzen und ist eine der besten Sängerinnen ihrer Generation. Außerdem ist sie erfolgreich wie kaum eine andere Künstlerin, sie hat einige der besten Songs der vergangenen Jahre gemacht. Es gibt keine peinlichen Fotos von ihr, auf denen sie besoffen aus einem Club torkelt, ohne Unterwäsche aus einem Auto steigt oder sich gerade die Haare abrasieren lässt.
Im Grunde ist sie perfekt. Und damit wäre das Problem von Beyoncé Knowles, 29, umrissen: Sie ist der wahrscheinlich langweiligste Superstar der Welt.
Eine Tugendboldin, die nicht aufhören kann, Gutes zu tun und alles richtig zu machen. Im Frühjahr hat sie Michelle Obama bei deren Kampagne unterstützt, die amerikanische Kinder vom Fast-Food-Essen abhalten und zu mehr Bewegung animieren soll im Kampf gegen das Übergewicht. Außerdem ist sie mit dem Coldplay-Sänger Chris Martin und dessen Frau, der Schauspielerin Gwyneth Paltrow, eng befreundet - nach ihr die zweitlangweiligsten Superstars der Welt.
Aber dann legt man ihr neues Album "4" auf, und alles ist vergessen. "1 + 1" heißt das erste Stück, ein Song über die einfachste Beziehungsmathematik. "If I ain't got nothing, I got you", beginnt sie zu singen. Die Stimme kommt von irgendwo ganz tief unten, und am Ende jeder Zeile lässt Beyoncé sie nach oben schnellen, sie klingt fast wie betrunken vor Liebesglück. Dazu schummert ein Keyboard, und die Gitarre tickt den Rhythmus, als wäre sie eine biologische Uhr. Puh, was ist denn hier los? Wie kann man so langweilig sein und dabei so aufregende Musik machen?
Wahrscheinlich ging es nicht anders in Houston, Texas, wo Beyoncé aufwuchs. Sie war kein Unterschichtskind, wie es viele Soul-Sängerinnen und -Sänger bis heute sind, sondern kam aus einem behüteten Mittelschichtshaushalt, ihr Vater war leitender Angestellter. Singen lernte sie in der Kirche.
Aber schon Ende der Neunziger, als sie mit der Girlgroup Destiny's Child ihre ersten Schritte in Richtung Weltkarriere machte, hätte es viele Ausbruchsmöglichkeiten gegeben. Destiny's Child hatten sich eine clevere Nische gesucht, ihr Programm bestand in der eleganten Zurückweisung all der sexistischen Klischees, mit denen im Gangsta-Rap über Frauen gesprochen wurde: Lasst euch von den Jungs nichts gefallen, riefen sie ihren Hörerinnen zu, die Typen sind Taugenichtse, und wenn sie die Rechnungen nicht bezahlen, schmeißt sie einfach raus.
Das war ein kluger Pop-Feminismus. Dass aber Beyoncé bis heute als Geschlechterphilosophin gilt, dürfte ein Missverständnis sein. "Single Ladies (Put a Ring on It)", einer ihrer größten Hits, war ein Loblied auf den sicheren Hafen der Ehe. Ihr Ehemann ist seit drei Jahren der ehemalige Drogendealer, Gangsta-Rapper, Musikmogul und Multimillionär Jay-Z.
Nun also "4", ihr neues Album. In Beyoncés Œuvre wird es die Platte ohne offensichtlichen Hit sein, mal klingt ein Stück nach aufgebohrtem Achtziger-Jahre-Funk, ein anderes Mal hat sie sich den Rhythmus bei den Straßentänzen des amerikanischen Südens geborgt. Und über alldem Beyoncés Stimme, sinnlich und kraftvoll, mal ausdrucksstark und wild, mal sensibel: die alte Soul-Schule eben, wo Sex und Gott immer zusammengehören.
Und dann gibt es da noch diesen Song "Run the World (Girls)", der an die alten postfeministischen Zeiten erinnert. In dem Video dazu stellen sich Beyoncé und ihre Tänzerinnen leichtbekleidet gegen uniformierte Polizisten. Das alles findet in einer verlassenen Wüstenlandschaft statt, zwischen brennenden Autos und Ruinen, es wirkt wie ein Kommentar zu den Aufständen in Nordafrika.
Und auch wie ein Kommentar zum tatsächlich bislang einzigen Skandal ihrer Karriere: Vor ein paar Monaten war bekanntgeworden, dass sie 2009 bei einer Silvesterparty des Gaddafi-Clans aufgetreten war und dafür viel Geld bekommen hatte. Beyoncé spendete das Geld und feuerte ihren Manager, immerhin ihren Vater, der seit den Teenagertagen für sie das Geschäftliche erledigt hatte.
Das war ein neues Bild: eine Künstlerin, die das Geld so sehr liebt, dass sie, trotz all der Millionen, die sie schon hat, im knallengen Bühnenkostüm vor Diktatorensöhnen singt. Politisch naiv, moralisch fragwürdig, aber immerhin nicht langweilig.
DER SPIEGEL 25/2011
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