20.06.2011

Zauber der Primitivität

Global Village: Wie die Alt-Hippies von Matala den Griechen neuen Mut geben wollen
Einfach nur den ganzen Tag rumgehangen? In den Höhlen gelegen und gekifft? Über das unendliche Blau der Bucht von Matala das Hier und Heute vergessen?
Nein, da sei mehr gewesen, damals in dieser berühmten Hippie-Kolonie auf Kreta, sagt jemand, der dabei war. Und der sich, wie Hunderte anderer hierher Zurückgekehrter, heute gern daran erinnert: Fritz Will, 74, ein Aussteiger aus dem Westfälischen.
Damals sei auch Politik gemacht worden: Interessiert beäugt von ein paar einheimischen Fischern und Olivenbauern, sei es um den weltweiten Kampf gegen den Vietnam-Krieg gegangen. Genau dafür hätten die Hippies gesorgt, die sich hier in den prähistorischen Felsenhöhlen von Matala eingenistet hatten.
"Wir haben nicht einfach nur so rumgelegen am Strand", sagt Will, "wir wollten die Welt verändern, Vietnam war ein Teil davon." Wehrdienstverweigerer aus aller Welt hatte es bald hergezogen. Selbst ein Star wie Joni Mitchell habe hier gelebt. Ach, die Tage von Matala: "Wir hatten einen Traum", sagt Alt-Hippie Will.
Nun steht er wieder in der Bucht, mit seinem grauen Haar und dem weißen, zotteligen Rauschebart, wie einer anderen Zeit entsprungen. Um ihn herum feiern an diesen Pfingsttagen Tausende die Wiederauferstehung von Matala. "Today is life, tomorrow never comes", der alte Hippie-Spruch steht frisch getüncht an der Hafenmauer; jetzt ist jetzt, ein Morgen gibt es nicht - vor dem Hintergrund der Finanzkrise, die ein ganzes Land, womöglich einen ganzen Kontinent an den Abgrund treibt, klingt der Spruch zynisch und passt so gar nicht zur nostalgiegetränkten Sanftmut der alt gewordenen Rückkehrer.
Denn von überall her sind sie gekommen, die Hippies von damals. Noch einmal wollen sie jung sein, zumindest im Kopf, und zwar an ihrem "Ort der Sehnsucht".
Sie sind dem Ruf des Bremer Autors Arn Strohmeyer gefolgt, der ein paar seiner alten Bekannten angemailt und zu einem Matala-Ehemaligentreffen aufgefordert hatte. Den Rest erledigten Facebook und Twitter. "Ein bisschen wie Kirmes", findet Will das Treiben nun, aber es erfüllt seinen Zweck: "Wir wollen uns ja erinnern."
Der gelernte Zimmermann war in den sechziger Jahren einer der ersten deutschen Bewohner der abgelegenen Bucht, wo der Sage nach der in einen Stier verwandelte Zeus die schöne Europa an Land trug. Damals entwickelte sich der Flecken auf halbem Weg zwischen San Francisco und Goa gerade zu einer Europazentrale für Sinnsucher und Aussteiger aus aller Welt. Und Will ist einer der letzten Bewohner von damals. Noch heute wohnt der Maler, Autor und Hobby-geologe mit seiner Familie ganz in der Nähe.
Erinnern will sich auch Shirley Read-Jahn, 66. Sie ist extra aus San Francisco angereist, ebenso wie Pam, 68, ihre Schwester, die aus Sydney eingeflogen ist. "Ich fühle mich, als wäre ich nach Hause gekommen", sagt Shirley, die zum ersten Mal nach 44 Jahren wieder in Matala ist.
Damals, 1967, habe sie gemeinsam mit Pam den "Zauber der Primitivität" gesucht. Von dem habe sie sich gefangen nehmen lassen und sei für ein paar Wochen geblieben. Pam kam dann noch zwei weitere Sommer: "Die Amerikaner flogen gerade zum Mond, wir wollten so etwas wie das Gegenteil des Fortschritts sein. Es war toll."
Sie suchten nach eigener Identität, neuen Werten und anderen Formen des Zusammenlebens. Sie fanden Gleichgesinnte in den primitiven Felslöchern, sie entdeckten Retsina und Sirtaki und die Gastfreundschaft der Bauern, die sie mit Brot und Bohnensuppe durchfütterten.
Doch viele Klischees von heute über die Zeit von gestern sollen nie gestimmt haben: von wegen freie Liebe, Drogen und Verwahrlosung. "Alles Quatsch", sagt Shirley. Feste Paare seien in Matala die Regel gewesen, wenngleich, nun ja, vielleicht nur wochenweise fest.
Sie erzählt von alten Freunden, von dem hohen Richter aus Bonn, dem Philosophen aus Lausanne oder dem Maler aus Kanada, mit dem sie auch mal zusammen war und der inzwischen Galerien in New York betreibt. Alle hätten später was erreicht. "Es war die beste Zeit meines Lebens", schwärmt Pam.
Und dann kraxeln die beiden alt gewordenen Schwestern gemeinsam mit Freundinnen von damals noch einmal die Felsen hoch zu ihren einstigen Schlafstätten: zur wohl luxuriösesten Höhle mit drei Kammern knapp über dem Meeresspiegel, die sie "Hilton" genannt hatten, oder zur größten, mit sechs Schlafplätzen eine Etage höher, "Globe City". Dann stürzen sie sich mit Blume im Haar zurück ins Festgetümmel am Strand.
Maria Petrakagiorgi, Bürgermeisterin von Matala und mit 44 Jahren eine Generation jünger als ihre Besucher, hofft, dass das Hippie-Revival dazu beiträgt, "einen Teil der Depression zu vertreiben", die sich über das krisengeschüttelte Griechenland gelegt hat. "Lebt jetzt, besser wird's nicht werden", fordert sie ihre Gäste auf. Petrakagiorgi gehört der Regierungspartei Pasok an, offenbar weiß sie, wovon sie spricht.
Fritz Will hofft darauf, dass die alte Hippie-Tugend der Anspruchslosigkeit noch einmal neu erblüht. "Alle verlangen von den Griechen doch, dass sie wieder eine Stufe runterschalten und ihre Bedürfnisse zurückschrauben", sagt er, "vielleicht kann ja ganz Europa etwas von uns lernen."
Er hat einen Traum, immer noch.
Von Manfred Ertel

DER SPIEGEL 25/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 25/2011
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Zauber der Primitivität

Video 00:47

Hochgiftiges Reptil Schlangenfänger kämpft mit Eastern Brown Snake

  • Video "Hochgiftiges Reptil: Schlangenfänger kämpft mit Eastern Brown Snake" Video 00:47
    Hochgiftiges Reptil: Schlangenfänger kämpft mit Eastern Brown Snake
  • Video "Wahlkampf-Kritik am Imbiss: Alles Sprücheklopfer" Video 03:46
    Wahlkampf-Kritik am Imbiss: "Alles Sprücheklopfer"
  • Video "Durchstartmanöver: Sturm verhindert Airbus-Landung" Video 00:58
    Durchstartmanöver: Sturm verhindert Airbus-Landung
  • Video "Erdbeben in Mexiko: Mindestens 21 Kinder sterben in Schule" Video 00:51
    Erdbeben in Mexiko: Mindestens 21 Kinder sterben in Schule
  • Video "Trump bei der UN: Sowas hat es noch nie gegeben" Video 01:53
    Trump bei der UN: "Sowas hat es noch nie gegeben"
  • Video "Erster Weltkrieg: Deutsches U-Boot vor Ostende entdeckt" Video 01:28
    Erster Weltkrieg: Deutsches U-Boot vor Ostende entdeckt
  • Video "Drohnenvideo aus Australien: Walkuh schiebt Kajak beiseite" Video 00:43
    Drohnenvideo aus Australien: Walkuh schiebt Kajak beiseite
  • Video "Rede vor der Uno: Trump droht Nordkorea mit völliger Zerstörung" Video 01:32
    Rede vor der Uno: Trump droht Nordkorea mit "völliger Zerstörung"
  • Video "Sturm der gefährlichsten Kategorie: Hurrikan Maria bedroht Karibikinseln" Video 00:59
    Sturm der gefährlichsten Kategorie: Hurrikan "Maria" bedroht Karibikinseln
  • Video "#1TagDeutschland: Bundeskanzlerin Weidel oder Wagenknecht, Herr Scheuer?" Video 01:35
    #1TagDeutschland: Bundeskanzlerin Weidel oder Wagenknecht, Herr Scheuer?
  • Video "Überraschung: Ex-Trump-Sprecher Spicer tritt bei Emmy-Verleihung auf" Video 01:24
    Überraschung: Ex-Trump-Sprecher Spicer tritt bei Emmy-Verleihung auf
  • Video "Das Tote Meer Chinas: Salzsee färbt sich grell pink" Video 00:00
    Das "Tote Meer Chinas": Salzsee färbt sich grell pink
  • Video "Militärmanöver Sapad: Das Misstrauen ist sehr groß" Video 02:31
    Militärmanöver "Sapad": "Das Misstrauen ist sehr groß"
  • Video "Dokumentation über Flüchtlingskrise: Unfassbar, was da draußen stattfindet!" Video 02:30
    Dokumentation über Flüchtlingskrise: "Unfassbar, was da draußen stattfindet!"
  • Video "Radikalisierung der AfD: Der Einzug in den Bundestag ist eine Zäsur" Video 05:04
    Radikalisierung der AfD: "Der Einzug in den Bundestag ist eine Zäsur"