08.06.1998

„Sanft und rücksichtslos“

Die Berliner Erfolgsband Die Ärzte über ihren Hit „Männer sind Schweine“, Punk und Protestsongs
SPIEGEL: Seit Wochen ist Ihre Single "Männer sind Schweine" auf Platz eins der Hitparade. Ist das Lied die neue Hymne der Frauenbewegung?
Urlaub: Keine Ahnung. Aber von ein paar unserer Fans habe ich folgenden Erklärungsversuch für den Erfolg gehört: Feministinnen kaufen die Single, weil sie Männer für Schweine halten, und Männer kaufen sie, weil sie gerne Schweine sein wollen.
Bela B.: Mit der simplen und wahren Botschaft des Liedes kann sich jeder identifizieren.
SPIEGEL: Beruht der Text auf weiser Selbsterkenntnis?
Urlaub: Die Zeile "Männer sind Schweine" ist mir im Urlaub eingefallen. Es gab kein Schlüsselerlebnis. Ich habe nicht auf den Tisch gehauen und gesagt, so, jetzt zeige ich es den Männern aber. Ich habe das Stück den anderen beiden vorgespielt, und sie haben sich in einigen Passagen wiedererkannt. Dann war schnell ein Konsens da, daß das die erste Single wird. Ich selbst hatte große Bedenken, weil das kein typischer Punkrocksong der Ärzte war, eher so ein Motown-Stück. Die Sache fing an, komisch zu werden, als das Stück sofort im Radio gespielt wurde. Früher wurden uns die Singles nicht gerade aus den Händen gerissen.
SPIEGEL: Und wie reagierten die Hörer?
Urlaub: Wir haben empörte Anrufe und Faxe bekommen. Ein wütender Familienvater hat bei einem Kölner Fernsehsender angerufen und gesagt: "Ich erziehe zwei Kinder, was sollen die jetzt von mir als Mann denken?" Mit solchen Reaktionen hatte ich überhaupt nicht gerechnet.
SPIEGEL: In den achtziger Jahren sind Sie mit härteren Provokationen bekannt geworden. In "Geschwisterliebe" haben Sie den Inzest besungen - und die Platte wurde indiziert.
Urlaub: Das war nicht großartig, sondern sehr, sehr unangenehm. Nachdem die Polizei anfing, die Plattenläden zu durchsuchen, schickten alle Händler aus Angst ihre Platten zurück. Die Chefetage unserer Plattenfirma distanzierte sich von uns - dabei waren die die einzigen, die den Song schon vorher gehört hatten. Im Radio wurde nichts mehr von uns gespielt. Die dachten sich: Wer weiß, vielleicht ist das ja ein verbotenes Stück. Und keiner wollte mehr, daß wir irgendwo Konzerte geben. Die Medien wollten nichts von uns wissen, und wenn wir mal einen seltenen TV-Auftritt hatten, wurde uns eingeschärft, nicht über die Indizierung zu sprechen.
SPIEGEL: Heute wären Sie mit dem Thema in jeder Talkshow.
Urlaub: Logisch, aber das war 1986/87, da hatten alle Angst.
Bela B.: Wenn man damals "ficken" im Radio sagte, kamen 120 empörte Anrufe. Wir reden von einer Zeit, als Bayern überall war.
Urlaub: Eine amerikanische Organisation, die weltweit Fälle von Zensur registriert, hat uns damals mitgeteilt, wir seien die meistindizierte Band der westlichen Welt. Aber nicht wegen Gewaltverherrlichung oder so, nein, wegen kindischer Ferkeleien. Unsere Texte waren lustig, aber kindisch, und meiner Meinung nach entschuldigt wegen Unschuld.
SPIEGEL: Ganz so schlimm kann es nicht gewesen sein - schließlich hatten Sie trotzdem eine Menge Erfolg in den Achtzigern: weil Sie Ihre Neigung zu Schmuddeleien bezähmten?
Bela B.: Gar nicht. Irgendwann haben mehr Leute von der Indizierung erfahren, und dann sind wir im nachhinein Helden geworden. Wenn die Eltern dagegen sind, sind die Kinder dafür. Aber die Strecke durchzuhalten war hart. Wir haben die Songs alle auf eine CD gepackt, die wir "Ab 18" genannt haben. Und die wurde dann auch indiziert.
SPIEGEL: Auch wenn sich jetzt einige wenige über "Männer sind Schweine" erregen - ist es in einer Zeit der tagtäglichen Vertalkung von Geschwistersex und Sodomie nicht sehr schwierig geworden, überhaupt noch zu provozieren?
Urlaub: Das stimmt.
Bela B.: Wir versuchen es trotzdem. Mir machen Geschmacklosigkeiten Spaß.
SPIEGEL: Verstehen Sie sich immer noch als Punks?
Gonzales: Klar.
SPIEGEL: Punks sind heute Menschen, die an Straßenkreuzungen für 50 Pfennig Windschutzscheiben sauberschrubben.
Urlaub: Machen wir auch, nur für mehr Geld.
Bela B.: Neulich habe ich drei von diesen Scheibenwischern im Auto mitgenommen. Drei Jungs aus Polen. Einer hatte einen Irokesenschnitt und zwei bunte Haare. Wir sind ein paar hundert Kilometer zusammengefahren. Von meinen Punkkassetten hatten sie ganz schnell die Schnauze voll. Dann haben sie mir genervt eine Rotterdam-Technokassette gegeben. Aber für mich ist Punk vor allem eine Grundeinstellung.
Urlaub: Unsere musikalischen Wurzeln liegen im Punk. Das ist halt die Musik, die wir damals gehört haben und die leicht nachzuspielen war. Pink Floyd hätten wir nicht nachspielen können. Wir hatten weder Synthesizer noch tausendköpfige Chöre. Live klingen wir immer noch nach Punk, aber auf Platte wird das auf Dauer langweilig.
Bela B.: Wir haben eine anarchistische Grundeinstellung: Wir machen, was wir wollen.
Urlaub: Wenn man Punk so definiert: Du mußt in einem besetzten Haus wohnen, und dein Nettoeinkommen darf fünf Mark pro Tag nicht übersteigen, dann sind wir wohl keine Punks.
SPIEGEL: Auf Ihrem aktuellen Erfolgsalbum "13" gibt es einen Protestsong gegen Protestsongs. Wen meinen Sie damit? Bettina Wegner und die Bots sind doch längst im Ruhestand.
Bela B.: Der Protestsong hat sich über die Jahre sehr verändert. Heute hat der Protestsong bunte Klamotten an und steht auf riesigen Open-air-Bühnen mit erhobenen Fäusten ...
Urlaub: ... und mit großem Weltschmerz im Gesicht ...
Bela B.: ... und sagt: Macht mal was, ihr da.
SPIEGEL: Wen meinen Sie?
Bela B.: Diese Künstler, die sich zu jeder Platte ein Thema aussuchen, das betroffen macht. Zur Zeit wäre das wohl Kindesmißbrauch.
SPIEGEL: In Wahrheit haben Sie selbst auch schon protestsongartige Werke veröffentlicht - was ist das 1993 veröffentlichte Anti-Nazi-Lied "Schrei nach Liebe" anderes?
Urlaub: O ja, das war unser erstes politisches Lied. Früher haben wir nur über dicke Frauen und Zitroneneis gesungen. Dann gab es uns fünf Jahre nicht, und da ist eine Menge passiert. Natürlich gab es in den achtziger Jahren auch ein paar Neonazis, einige kamen sogar zu unseren Konzerten, aber das Klima hat sich drastisch verändert.
SPIEGEL: Was wollten die ausgerechnet beim Auftritt einer Berliner Punkband?
Urlaub: Wir haben uns schon bei unserer Gründung 1982 dafür entschieden, deutsch zu singen, und das hat erstaunlich viele von diesen Vollidioten angezogen. Die lieben ihre heilige Muttersprache.
Bela B.: Wir mußten deshalb ein deutliches Statement abgeben. Nach dem Lied haben wir eine Menge Haßpost bekommen, "Euch müßte man aufhängen" und so was. Wir kommen aus der Punkszene, da ist es nötig, sich abzugrenzen. Das Problem haben Grönemeyer, Westernhagen und Pur nicht. Bloß weil Pur noch kein Lied gegen Neonazis gemacht hat, käme doch nie einer auf die Idee, daß die ein rechtes Publikum haben könnten. Die haben nur die betroffenen Schlaffis.
SPIEGEL: Was haben Punks mit Nazis zu tun?
Bela B.: Der Sex-Pistols-Bassist Sid Vicious hat ein Hakenkreuz-T-Shirt getragen. Die Symbole wurden toleriert, weil sie provozierten. Als ich 15 oder 16 Jahre alt war, fand ich Hippies auch schlimmer als Nazis. Das hat sich geändert.
Urlaub: In Düsseldorf hat mal ein Punkrocker in der ersten Reihe die Hand zum Hitlergruß erhoben. Schlagartig wurden alle ruhig. Der gesamte Saal hat ihn angestarrt. Und ganz schnell wurde aus der ausgestreckten Hand eine Faust. Wir sind vor Lachen umgefallen.
SPIEGEL: Protest gegen rechts ist erlaubt, aber ansonsten tun die Ärzte lieber nichts für eine bessere Welt?
Urlaub: Wir wollen nicht bei jeder Protestaktion aufrecht unser Fähnchen schwenken. Wir sind keine uneingeschränkt guten Menschen. Aber ich bin Kleinstunterstützer von Greenpeace.
SPIEGEL: Warum nur ein Mini-Engagement?
Urlaub: Ich halte andere Sachen für unterstützenswerter.
Bela B.: Die Bank, zu der du dein Geld trägst, zum Beispiel. Aber im Ernst: Wir tun privat eine ganze Menge, aber so was bleibt - wie schon gesagt - privat. Wir tragen unseren Heiligenschein nicht öffentlich.
SPIEGEL: Bei welcher Bank sind Punks wie die Ärzte?
Urlaub: Auf keinen Fall bei der Deutschen Bank. Aber mit denen habe ich meine erste Aktion als Kapitalist durchgezogen: Da bin ich hingegangen, hab' ganz viel Geld auf ein Konto getan, es nach einem Monat wieder abgeholt und gesagt: weil ich eure Politik zum Kotzen finde. Da kam sofort der Filialleiter aufgeregt angerannt und meinte, das können Sie doch nicht tun. Na logisch konnte ich.
Gonzales: Dann hat er sein Geld zur Commerzbank getragen.
Urlaub: Genau. In Wahrheit haben wir geheime, subversive Pläne, sämtliche Regierungsformen abzuschaffen. Oder so. Ich glaube, daß wir mit unserer abstrusen Art, zu singen, zu musizieren und Texte zu schreiben, andere dazu motivieren, selber etwas zu machen. Vor allem, wer uns live sieht, denkt: Das kann ich auch.
SPIEGEL: Wieso hat die, wie Sie sich selbst nennen, "beste Band der Welt" 16 Jahre gebraucht, bis sie einen Nummer-eins-Hit hatte?
Urlaub: Erstens gab es uns zwischen 1988 und 1993 nicht, es sind also nur 11 Jahre. Und zweitens, weil das nicht unser Ziel war. Klar, Platten zu verkaufen ist klasse, aber wenn einen jeder kennt und gut findet, ist das nicht mehr so richtig Punkrock.
Gonzales: Das Studium satanischer Riten hat etwa zehn Jahre gedauert. Erst vor kurzem gelang mir die Kontaktaufnahme mit Luzifer, der diese Nummer eins möglich machte.
Bela B.: Es ist schon absurd, daß Modern Talking und Falco, über die wir uns in "Radio brennt" lustig gemacht haben, jetzt hinter unserem Stück "Männer sind Schweine" in den Charts stehen.
Urlaub: Das ist der Triumph.
SPIEGEL: Den Softie der achtziger Jahre hat Grönemeyer in "Männer" besungen. Wie definieren Sie den neuen Mann der neunziger? Hart wie Markus Schenkenberg? Sensibel und verständnisvoll wie Roger Willemsen?
Urlaub: Sanft, einfühlsam, mit guten Manieren - aber rücksichtslos.
Bela B.: Gutaussehend, körperbetont und doch bescheiden.
Urlaub: Gebildet ...
Bela B.: ... ohne mit seinem Wissen zu protzen. Knallhart, aber auch irgendwie zerbrechlich.
Gonzales: Kurz gesagt: So wie wir.

DER SPIEGEL 24/1998
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