15.06.1998

KRIEGSVERBRECHENExekution am Morgen

In Turin ist ein ehemaliger SS-Hauptsturmführer angeklagt, 1944 die Erschießung von 15 Italienern befohlen zu haben. Der pensionierte BKA-Beamte lebt unbehelligt in Niedersachsen.
Der alte Mann, 87 und immer noch ziemlich fit, ist sein Leben lang gern gereist. Die jüngste Einladung hat er allerdings abgelehnt: Theo Saevecke, Pensionär aus dem niedersächsischen Bad Rothenfelde, sollte sich, so verlangte ummißverständlich ein Untersuchungsrichter aus der Fiat-Stadt Turin, "auf italienischem Staatsgebiet" ein Domizil suchen, um für die dortige Justiz jederzeit greifbar zu sein.
Doch der rüstige Saevecke fährt nicht "in das Mafialand". Er fürchtet, nie mehr nach Hause zurückzukommen.
Deshalb läuft vor dem Militärgericht von Turin einer der außergewöhnlichsten und wahrscheinlich letzten Prozesse dieser Art in der Geschichte Italiens ohne die wichtigste Person an - den Angeklagten aus Deutschland.
Auf die Taten, die ihm Staatsanwalt Pier Paolo Rivello vorwirft, steht die Höchststrafe: lebenslänglich. Saevecke soll am 10. August 1944 als "Hauptmann der feindlichen deutschen Wehrmacht" die "vorsätzliche Exekution" von 15 Männern auf dem Mailänder Loretoplatz angeordnet und verfügt haben, die Leichname "den ganzen Tag zur Schau ausgestellt zu lassen" - aus Rache für einen Partisanenanschlag und als Warnung für andere.
Saevecke war kein Wehrmachtsoffizier, wie der Staatsanwalt meint, sondern Kriminalrat und Hauptsturmführer in Heinrich Himmlers SS. 20 Monate lang, vom September 1943 bis zum April 1945, war er im besetzten Mailand tätig, quasi als deutscher Polizeichef. Er leitete das etwa 20köpfige Außenkommando (AK) der Sicherheitspolizei und des SD, des Nachrichtendienstes der Partei.
Rivellos Anklageschrift weist Saevecke als "vollkommen unwahr" zurück. Er habe schon "dienstgradmäßig einen solchen Befehl gar nicht geben können". In Deutschland hat Saevecke bereits zwei Ermittlungsverfahren schadlos überstanden: Eins wurde 1971 eingestellt, das andere im Mai 1989. "Konkrete Feststellungen" über das "zur Last gelegte" Tatgeschehen seien nicht zu treffen gewesen, befand der zuständige Dortmunder Staatsanwalt.
Daß Pensionär Saevecke gegen Ende seines Lebens noch einmal ins Fadenkreuz der Ermittler geriet, hat seiner Meinung nach "mit Priebke und Hass" zu tun. Seine früheren SS-Kollegen Erich Priebke und Karl Hass waren Mitglieder des Außenkommandos Rom und an einem schrecklichen Massaker der Nationalsozialisten beteiligt - der Erschießung von 335 Geiseln in den Ardeatinischen Höhlen nahe Rom.
Beide hatten zugegeben, eigenhändig auf Befehl Menschen getötet zu haben. Beide wurden am 9. März zu lebenslanger Haft verurteilt.
Die Prozesse gegen Priebke und Hass sensibilisierten nicht nur die Öffentlichkeit in Italien, die gegen Verbrechen aus den Tagen des Zweiten Weltkriegs nach jahrzehntelangen Politskandalen abgestumpft schien. Auch eine neue Generation von Staatsanwälten, die manches Kriegsereignis juristisch anders bewerten als die älteren Kollegen, sorgte für neuen Wind.
Den bekommt nun Saevecke, dessen Biographie in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich ist, zu spüren. Mit 15 meldete er sich 1926 bei der Schilljugend des "Freikorps Roßbach" an, ging als Sekundaner in die SA und trat, knapp 18jährig, Hitlers NSDAP bei. Vier Jahre lang fuhr er zur See ("Ich bin Kap Hoornier") und begann 1934 als Kommissar-Anwärter bei der Kripo in Lübeck. Dann wurde er nach Berlin versetzt. Dort machte sich Saevecke schnell einen Namen als erfolgreicher Aufklärer von Mord- und Brandfällen.
Während des Krieges tat er erst in Posen Dienst, danach in Tunis. Sein Chef damals war einer der berüchtigtsten SS-Führer - Walther Rauff, zuvor im Reichssicherheitshauptamt verantwortlich für die Produktion der sogenannten Gaswagen, welche die Einsatzgruppen zur Ermordung der Juden im Osten einsetzten.
Mit Rauff, später Agent des chilenischen Geheimdienstes, ging Saevecke über Korsika nach Mailand. Wenige Monate vor seinem Amtsantritt im requirierten Hotel Regina war Benito Mussolini auf Druck des Faschistischen Großrats abgesetzt, gefangengenommen und schließlich von einem deutschen Kommando wieder befreit worden; der neue italienische Ministerpräsident Pietro Badoglio schloß mit den Alliierten, die seit Juli 1943 im Lande waren, einen Waffenstillstand. Das bedeutete den Bruch der Achse Berlin/Rom.
Fortan waren die Deutschen in Italien Besatzer. Die Okkupanten plünderten das Land aus, führten einen grausamen Krieg gegen Partisanen und Zivilbevölkerung. Saevecke und seine Kollegen vom AK Mailand hatten Order, "die Gefährdung kriegs- und reichswichtiger Interessen ... mit allen zur Verfügung stehenden polizeilichen Mitteln" zu verhindern.
Dafür schien Saevecke seinen Vorgesetzten offenbar besonders geeignet. Weil es "seiner Einsatzfreudigkeit und Entschlußkraft" zu verdanken sei, "daß die Bandenlage in der Lombardei auf ein möglichstes Mindestmaß herabgedrückt worden ist", schlug ihn der Himmler-Intimus und SS-Obergruppenführer Karl Wolff fürs Kriegsverdienstkreuz 1. Klasse mit Schwertern vor. Wolff lobte vor allem, daß Saevecke "bei fast allen Einsätzen im Kampf gegen die Partisanen in vorderster Linie gelegen" habe.
Die Auszeichnung erhielt der Mailänder AK-Chef Ende April 1944. Ein Vierteljahr später, am 8. August, explodierte gegen 8.15 Uhr in der Viale Abruzzi neben einem geparkten deutschen Militär-Lkw eine Bombe. Sechs italienische Passanten wurden getötet, zehn weitere verletzt.
Für die deutschen Besatzer stand schnell fest, wer die Urheber des Attentats waren - Gappisti, Partisanen. Generalfeldmarschall Albert Kesselring, ranghöchster Soldat in Italien, hatte am 17. Juni einen Befehl "zur verschärften Partisanenbekämpfung" herausgegeben. Er versprach, "jeden Führer zu decken, der in der Wahl und Schärfe des Mittels" über das übliche Maß hinausgehe. Am 1. Juli wiederholte er die Order und fügte hinzu, die Ankündigung dürfe "keine leere Drohung sein". Daneben gab es auch eine andere verbindliche Weisung. Danach sollten "für jeden getöteten Deutschen zehn Italiener" erschossen werden.
Entsprechend dieser brutalen, im Kriegsfall jedoch gängigen Faustregel verfuhren die Deutschen nach dem Mailänder Bombenanschlag. Doch sie hätte gar nicht angewendet werden dürfen: Beim Attentat war der deutsche Fahrer des Wehrmacht-Lkw nur leicht an der Wange verletzt worden.
Am 9. August, einen Tag nach der Bombenexplosion, stellten die Besatzer eine Liste mit den Namen jener Männer zusammen, die zur Vergeltung füsiliert werden sollten. Ursprünglich enthielt die Liste wohl bis zu 60 Namen. Schließlich standen auf ihr 20; bis heute ist nicht geklärt, auf wessen Geheiß welcher Name auf diese Todesliste kam.
Saevecke erhielt die Liste mit den Todesurteilen am Abend des 9. August. Seine Sekretärin Elena Morgante gab später britischen Ermittlern zu Protokoll, sie habe ihren Chef gebeten, "doch fünf Namen zu streichen". Dies, bekräftigte sie, habe er auch getan.
Die Exekution am frühen Morgen des 10. August auf dem Mailänder Loretoplatz nahmen keine Deutschen vor, sondern Mitglieder der faschistischen Todesschwadron Legion Muti. Einige Opfer versuchten zu fliehen, wurden verfolgt und niedergeschossen - wie jene, die sich ihrem Schicksal ergeben hatten. Bis Sonnenuntergang blieben die Leichen auf der Piazza liegen.
Saevecke geriet nach der Kapitulation im Frühjahr 1945 für drei Jahre in Gefangenschaft, ehe er sich wie viele seiner Kollegen zeitweise beim CIC, dem Geheimdienst der US-Armee, verdingte. Ende 1951 bewarb er sich beim im Aufbau befindlichen Bundeskriminalamt (BKA) - als einer von Tausenden Aspiranten. Nur 18 Plätze waren noch frei.
Gern referiert Saevecke den damaligen angeblichen Kurzmonolog eines BKA-Oberen: "Wissen Sie, warum wir Sie genommen haben? Sie waren der einzige, der zugegeben hat, in der SS gewesen zu sein. Den letzten Nazi müssen wir doch am Leben erhalten."
Der gebürtige Hamburger bekam einen Posten bei der BKA-Sicherungsgruppe in Bad Godesberg. In der Schattenwelt von Spionageabwehr und Staatsschutz hätte er ein halbwegs ruhiges Leben führen können - wäre nicht 1962 die SPIEGEL-Affäre dazwischengekommen. Von seinem Bad Godesberger Schreibtisch aus mußte der BKA-Mann die Polizeiaktion gegen den SPIEGEL und dessen Chefs wegen angeblichen Landesverrats leiten.
Der Skandal brachte auch den Kripo-Beamten Saevecke und seine SS-Vergangenheit in die Schlagzeilen. Warum die Italiener den Deutschen erst jetzt, 36 Jahre später, zur Rechenschaft ziehen, gehört zu den Geheimnissen italienischer Justiz.
Saevecke selbst bestreitet nach wie vor jede Schuld. Die Exekutionen an jenem 10. August 1944 seien auf Befehl geschehen. Zudem sei eine "Sühnemaßnahme" gegen die Partisanen, so Saevecke noch heute, "schon lange fällig gewesen: Was ist da Verbrecherisches bei?"

DER SPIEGEL 25/1998
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