15.06.1998

KUNSTTahiti - ein Malermärchen

Gleich drei große deutsche Ausstellungen feiern in diesem Jahr den 150. Geburtstag des französischen Malers Paul Gauguin. Im Essener Folkwang-Museum startet nun eine Schau, die offenbart, in welchem Maß Gauguins Tahiti eine Künstlerphantasie war.
Im wilhelminischen Deutschland fand man seine nackten Südsee-Damen höchst befremdlich. Mochte das fachkundige Fin-de-siècle-Publikum die Darstellungen als mythisch und mystisch umschwärmen, die deutsche Zeitschrift "Die Kunst-Halle" warnte 1905 ihre betuchte Leserschaft in ungewohnt harschem Stil vor dem Kauf von Gauguins Gemälden: "Eine Sammlung von Bildern des in Paris verstorbenen obscuren Malers Paul Gauguin rückt langsam gegen Berlin vor. Auf den Idioten van Gogh folgt jetzt - Gauguin. Unseren Sammlern kann deswegen nur gerathen werden: Haltet Eure Taschen zu."
Deutschlands Kunstfreunde hielten sich nicht lange an den banausischen Ratschlag. Trotzdem blieben große Einzelausstellungen eine Seltenheit, auch längst nachdem Gauguin als bedeutender Pionier der modernen Malerei akzeptiert war - die letzte Werkschau fand vor 38 Jahren in München statt. Nun aber gibt es im Jahr, in dem sich der Geburtstag des Malers zum 150. Mal jährt, einen wahrhaften Gauguin-Boom.
Erst vor ein paar Wochen schloß eine große Gauguin-Schau in der Stuttgarter Staatsgalerie. Die Bilder, größtenteils während der ersten Tahiti-Reise des Künstlers in den Jahren 1891 bis 1893 entstanden, brachten mit 270 000 Besuchern und 2500 Führungen einen neuen Publikumsrekord.
In dieser Woche startet im Essener Folkwang-Museum mit "Paul Gauguin. Das verlorene Paradies" das zweite Großereignis des Gauguin-Jahres. Zum erstenmal sind auch Bilder aus Moskauer Sammlungen - wie das nie im Westen gezeigte "Ruperupe" - zu sehen. Im August folgt die Münchner Hypo-Kulturstiftung mit "Gauguin und die Schule von Pont-Aven".
Schon lange blüht in den europäischen Museumsshops der Handel mit Gauguin-Shirts, Gauguin-Bechern und ähnlichen Devotionalien, und auch die Werbebranche nutzt die Gemälde neuerdings anstelle der bewährten Hochglanzaufnahmen von hellen Palmenstränden und dunklen Schönheiten: Die Air France etwa preist ihre Südseeflüge mit den exotischen Reizen von Gauguins tahitianischen Frauen an. Mehr und mehr gleicht Gauguins Medienpräsenz der eines Popstars.
Die Biographie des Parisers bot schon zu seinen Lebzeiten Stoff für Legenden, die noch heute sein Bild verklären: Als Börsenmakler und Hobbymaler hatte Gauguin ein geregeltes Leben geführt, bis ein Börsenkrach seiner gutbürgerlichen Existenz ein jähes Ende bereitete. 1891 brach er nach Tahiti auf, um "in den schönen tropischen Nächten, in leidenschaftlicher Harmonie mit den geheimnisvollen Wesen um mich, der sanften Musik meines bebenden Herzens zu lauschen".
Solche Südseephantasien hatten in Frankreich Tradition - schon mehr als hundert Jahre zuvor hatten Weltreisende Tahiti als Liebesinsel, als "neues Kythera" gefeiert. Im sumpfigen Psychoklima des späten 19. Jahrhunderts erhielten die Träume vom erotischen Eldorado durch den Schriftsteller und Weltumsegler Pierre Loti Auftrieb. Sein Liebesroman über erotische Exzesse mit der wilden Eingeborenen Rarahu machten in den Pariser Salons Furore und prägten auch Gauguins Vorstellungen.
Doch die Mär vom unberührten Südseeparadies, das bei Gauguins Zeitgenossen die wüstesten erotischen Phantasien wachrief, hatte mit der Realität von Tahiti kaum etwas gemein. Längst war die Insel, französisches Protektorat seit 1842, von Missionaren und Ausbeutern heimgesucht worden. In den Dörfern grassierten Alkoholismus, Syphilis und Tuberkulose. Die schöne Illusion vom Erotischen des Exotischen existierte nicht einmal an jenen Stränden, an denen der gesellschaftsmüde Künstler das unverdorbene Leben suchte - auch dort lauerten schon die Hüter der verhaßten Zivilisation: Beim Nacktbaden an einem einsamen Strand wurde Gauguin von Gendarmen aufgegriffen und zu einer hohen Geldbuße verurteilt.
Paradise lost: Auch Gauguins tahitianische Geliebte hielt es nur wenige Wochen in seiner rustikalen Strandhütte aus. 1893 kehrte der Maler tief enttäuscht und krank nach Paris zurück. Zwei Jahre später allerdings beschloß er, für immer in die Südsee auszuwandern.
Offenbar hatte Gauguin seinen Insel-Frust schnell vergessen. In Paris stilisierte er sich zum mysteriösen Aussteiger, der fern der muffigen Dekadenz Europas bei den Wilden das unverdorbene Leben entdeckte. In seinem Atelier gab er Soireen im tropischen Ambiente, sprach über freie Liebe und Erfüllung, während eine Mulattin Kuchen servierte. Über der Tür stand "Te farùrù" - hier huldigt man der Liebe.
Zum Mythos Gauguin gehört ein kaum verhohlenes sexuelles Versprechen. Seine tahitianischen Traumwelten spiegeln vor allem Wunschvorstellungen eines sinnsuchenden Europäers. Das Landschaftsbild "haere mai" (komm her) von 1891 etwa läßt erst auf den zweiten Blick im schwülen Abendlicht der Szenerie die ferne, roséfarbene Silhouette einer Frau erkennen.
Die Kombination von Fremde und Verfremdung, erotischer Pose und exotischem Dekor definierte einen Code der Verführung, der heute Teil der Massenästhetik ist. Noch in den Model-Fotografien der Gegenwart verheißen griesgrämig dreinblickende Schönheiten genau jene Mischung aus Verweigerung und Verlockung, Gefahr und Versprechen, deren Urbild Gauguins rätselhaft schöne Südseefrauen lieferten.
Die Qualität der Essener Schau erweist sich darin, daß sie Gauguin nicht auf eine benettonbunte Multi-Kulti-Show für den gefühligen Weltbürger reduziert. Schon der umfangreiche Katalog meidet jene Reiseführerpoesie, die raunend "die brennende Glut von Gauguins Farben" feiert. Zugleich ignoriert er weitgehend jene moralische Verurteilung Gauguins, auf die etwa die Amerikanerin Nancy Mowll Mauthews in ihrer Untersuchung "The Erotic Life of Paul Gauguin" hinsteuert: Der Maler sei wegen seiner Liebschaften mit tahitianischen Minderjährigen schlicht ein pathologischer Kinderschänder gewesen.
Den Essener Ausstellungsmachern geht es um die Hintergründe von Gauguins "künstlichen Paradiesen". Die Arbeiten des Malers, so Folkwang-Museums-Chef Georg-W. Költzsch, basierten auf "einer ganzen Tradition europäischer Paradies-Vorstellungen". So erklärt sich, daß Költzsch den Gauguin-Bildern zu Beginn der Ausstellung die Paradies-Gemälde von Cranach und Breughel voranstellt.
Im Katalog ist auch der Einfluß der ihm scheinbar so verhaßten europäischen Kultur auf die Werke Gauguins dokumentiert. So war seine Strandhütte am Ende der Welt mit Fotografien und Drucken europäischer Kunstwerke dekoriert - auch unter Palmen hatte Gauguin noch Giotto und Phidias vor Augen.
Angela Schneider etwa macht in ihrem Beitrag plausibel, daß in der exotischen "Tehamana" das Bildnis der Mona Lisa aufscheint, im kauernden Akt "Der Geist der Toten wacht" dagegen der Hermaphrodit Borghese aus dem Louvre. So versuchen Katalog und Ausstellung zu belegen, daß Gauguins Südseebilder keineswegs ethnologisch präzise Dokumentationen aus einer anderen Welt waren, sondern Phantasien und Projektionen eines Europäers. Dabei vergaß Gauguin bei seiner Malerei keineswegs den kommerziellen Aspekt. Von Tahiti schrieb er an einen Freund: "Für diese Ausstellung habe ich eine Auswahl getroffen, die jedem Geschmack gerecht werden soll. Figuren, Landschaften, Nacktes."
Die Zuschauer staunten über die fremde Welt und bekamen doch nichts anderes zu sehen als die Zerr- und Spiegelbilder europäischer Bildtraditionen.
Gauguin, so deutet die Essener Schau an, war auch ein Kolonialist des Blickes, in der Südsee fand er die Projektionsfläche für seine Vision vom einfachen Leben. Sein Fernweh nach dem Exotischen war zugleich die Heimatsuche eines Entfremdeten; das erklärt die melancholischen Zwischentöne in Gauguins scheinbar idyllischen Bildern: ein zu dunkler Hang, eine bedrohliche Schieflage, ein verfärbter Kopf - das Paradies erscheint bedroht und bedrohlich.

DER SPIEGEL 25/1998
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