15.06.1998

THEATERViel Lärm um Cymbelix

Die Münchner Kammerspiele, lange Zeit eines der wichtigsten Schauspielhäuser der Republik, versanken zuletzt in depressivem Zank - nun sucht Hausherr Dieter Dorn mit Shakespeares „Cymbelin“ den Anschluß ans Comedy-Zeitalter.
Wollten die Theatergötter beweisen, daß große Komik eine Himmelsgabe ist, die sich auch durch noch so wirre Schicksalswendungen niemals verlernen läßt: Es genügte, die Schauspielerin Sunnyi Melles auf ein paar wacklige Bühnenbretter zu schicken.
Ihre Ausflüge in Film- und Fernsehrollen (etwa in Doris Dörries "Paradies") belegten vor allem, daß ihr Zauber nur auf der Bühne funktioniert. Dann hat sie sich jahrelang vom Theater abgemeldet, hat einen echten Adelsmenschen geheiratet, zwei Kinder geboren und stakste als garantiert echte Prinzessin zu Sayn-Wittgenstein-Sayn ziemlich hilflos durch die Fotostrecken der Klatschblätter.
Aber als sie jetzt auf die Bühne der Münchner Kammerspiele zurückkehrte, schmerzten den Zuschauern die Innereien vor Lachen und vor Rührung: Ob sie die glücklich Verliebte hinkaspert oder die zu Unrecht als Hure Geschmähte vorschmollt, ob sie als Frau in Männerkleidern durchs Gelände hetzt oder mit enthaupteten Soldatenleibern hantiert - jeden Nullsatz spricht sie mit so staunender bleicher Anmut, jeden Schritt tut sie mit so ungelenker Inbrunst, daß es zum Losprusten und zum Steinerweichen ist.
Sunnyi Melles spielt die Prinzessin Innogen in einem äußerst selten inszenierten Shakespeare-Stück namens "Cymbelin", das in Shakespeares letzten Jahren entstand. Vierdreiviertel Stunden dauert die Aufführung, deren Darsteller das Münchner Publikum am Premierenabend vorvergangenen Sonntag heftig bejubelte. Der Kritiker der "Süddeutschen Zeitung" feierte das Spektakel als "Befreiungsschlag" von was auch immer, die "FAZ" schwärmte von einem "Triumph für München".
Und doch ist der Kammerspiel-"Cymbelin" mehr launige Kraftmeierei als spaßig-wildes Gegenwartstheater, eher ein verzweifelt aufgekratzter Abgesang als ein gutgelaunter Aufbruch - und das liegt vor allem an Dieter Dorn, dem Kammerspiel-Hausherrn und "Cymbelin"-Regisseur: Bedürfte es eines Beweises, daß große Komik eine Naturgabe ist, die sich nimmermehr erlernen läßt, dann muß man nur diesen Theatermann die Klamaukmaschinerie anwerfen lassen.
In den siebziger und achtziger Jahren hatte Dorn, zunächst Oberspielleiter und seit 1983 Chef in München, sich und sein Ensemble in die Spitzenklasse der deutschen Theater geführt: Seine Shakespeare- und Botho-Strauß-Inszenierungen waren penible und sensible Textauslotungen, dargeboten mit solcher Eleganz und schauspielerischen Finesse, daß der Wiener Konkurrent Claus Peymann einmal das böse Wort vom "Boutiquentheater" gen München schleuderte. An Dorns Rang als zumeist bitterernstem, zugleich analytisch genauem Porträtisten der bestehenden Verhältnisse änderte es nichts.
Nach dem Mauerfall wurde das anders. In den neunziger Jahren eroberte ein neues, mal spaßverliebtes und mal musikseliges, oft ruppiges und manchmal gewalttätiges Theater die deutschen Bühnen. Frank Castorf und Christoph Marthaler, Leander Haußmann und später Andreas Kriegenburg ließen ihre Schauspieler beherzt ihre Rollen vergessen, das Publikum anraunzen oder Volkslieder und Popsongs anstimmen, und bei allen Unterschieden scheinen sie sich bis heute in einer Sache einig: Texte sind nicht heilig, sondern vor allem dazu da, sie sich entschieden zur Brust (und zu Herzen) zu nehmen und sie dann verwegen als Spielmaterial zu nutzen: Mag das Ergebnis noch so vorläufig sein und das Scheitern einkalkuliert - ein durch Spaßkultur und Fernsehirrsinn, politischen Stillstand und wirtschaftliche Horrorszenarien verwirrtes Publikum weidet sich offenbar mit Lust an Zerstörungsphantasien und sentimentaler Sehnsucht.
Dorn, 62, verhielt sich angesichts der Bilderstürmer und Textwilderer nicht anders als viele konservative Kritiker und Zuschauer: Er duckte sich weg und versuchte zu überwintern. Mochte sich der wagemutige Peymann den großen Pionier und kaum kopierbaren Einzelkämpfer unter den Theatermachern der neuen Zeit, den famosen Chorführer Einar Schleef, ins Haus holen und dessen Triumph in der laufenden Theatersaison halb staunend, halb neiderfüllt beglotzen - Dorn igelte sich lieber ein und rief den alten Rivalen Peter Zadek nach München. Der allerdings brachte durch die hingeschluderten Inszenierungen von "Alice im Wunderland" und "Richard III." erst recht depressive Krisenstimmung und Zank ins Kammerspielgemäuer.
Es wurde also Zeit für einen rettenden Auftritt des Hausherrn selbst; und es traf sich gut, daß in den Feuilletons zuletzt häufig geraunt wurde von einer notwendigen Rückbesinnung auf solide Textinterpretation und Schauspielerdisziplin, vom Überdruß an Castorfs Erben und ihren Slapstickeinlagen: Papas Theater sollte wieder her.
Diesen Auftrag hat Dorn wohl gern übernommen. Zugleich aber wollte er offenbar beweisen, daß auch er den Anschluß ans Spaß- und Comedy-Zeitalter schafft.
Also hat er sich ein Stück ausgesucht (und von seinem künstlerischen Direktor Michael Wachsmann hübsch neu übersetzen lassen), dessen Handlung scheinbar den Gaga-Ansprüchen der heutigen Zeit genügt: Der altenglische König Cymbelin (Rudolf Wessely) hadert mit seiner Tochter Innogen, weil die einen nichtswürdigen Edelmann geheiratet hat. Der wird vom Hof verwiesen und findet ausgerechnet beim bedrohlichen Feind in Rom Asyl - wo er sogleich eine blöde Wette auf die Treue seiner Frau abschließt.
Im nächsten Schritt hat Dorn seine Schauspieler zu einem Spielrausch animiert, der sein Heil in der schrillen Welt der Comics und der Clowns sucht. Die Bühne ist ein kahles, aus grobem Fichtenholz gezimmertes Podest, und darauf sind lauter schlichte Figuren aus Karton zu bestaunen, flottflott auf ein paar Standardgefühle und Grundweisheiten heruntergetunt: Liebe und Haß, Feigheit und Mannesmut im Reich von Asterix und Obelix, pardon, am Hof des Cymbelix und seiner Lieben. Wenn endlich der Krieg zwischen Römern und Briten ausbricht, zitiert Dorn tatsächlich mit sichtlichem Prahlerstolz die römischen Legionäre aus Uderzos und Goscinnys klassischen "Asterix"-Bilderheften herbei: Die spinnen, die Regisseure.
Gag-Einfälle und Darsteller mit ulkig verzerrten Grimassen gibt es zuhauf. Nur leider ist die Lockerheit, mit der Dorn ans Werk geht, ganz schauerlich verkniffen. Asbachalte Nonsensnummern wie der Aufbau eines Konzertflügels und das Zusammenfalten eines Stadtplans werden aufgewärmt, eine Cäsar-Gipsfigur flickt man mit Klebstoff aus der Pattextube, und gleich zu Beginn hüpft eine Art Robin Hood in grünem Wams und Strumpfhosen durchs Gelände - kokette Anspielung auf Zadeks "Richard III."-Gemurkse, welches gleichfalls bestrumpft erfolgte.
Dorn nämlich will nicht bloß seine alten Textbefrager-Qualitäten beweisen, sondern nebenbei auch den besseren Zadek spielen; vor allem aber will er zeigen, daß er die Tricks und Sensationen der Kriegenburgs und Castorfe jederzeit ebenso draufhat. Doch jedem seiner Witze sieht man an, wie verteufelt viel Arbeit und Anlauf es dafür bedurfte: Die Pointen schielen schon um die Ecke, wenn ihre Exekution noch viertelstundenlang bevorsteht, den Darstellern sitzt der Schalk allzeit im Gesicht statt im Genick.
Dem Münchner "Cymbelin" fehlen Tempo und Timing, mehr noch aber die Anarchie und kregle Wurstigkeit, die eine Klamotte von diesem Schlag erst in mitreißende Kunst verwandeln könnte. Der Spaß-Guerrillero Dorn stolpert immerzu über den Textschulmeister Dorn. Es gibt viel zu schmunzeln und zu bewundern in dieser Aufführung, grandios ausgeleuchtete Standbilder und wunderbare Chargen wie den Großschurken-Darsteller Stephan Kampwirth zum Beispiel - bloß ist das alles zwar herzallerliebst arrangiert und irgendwie nett gemeint, in der Fünfstunden-Zerdehnung aber auch bald gründlich egal.
Wäre da nicht die käsweiße Gespensterkomik der Sunnyi Melles. Sie braucht kein Kasperlgewand und keine Krokodilsklatsche, um im Nu vom wildesten Ernst in die groteskeste Tolpatschigkeit zu verfallen: eine heilige Großkomödiantin inmitten von Dorns Münchner Lach- und Schießgesellschaft.
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 25/1998
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