15.06.1998

DROGEN„Ich liebte meinen Dealer“

Konstantin Wecker über seine Kokainsucht
Der Liedermacher Wecker, 51, steht in München wegen unerlaubten Besitzes von 1,5 Kilogramm Kokain vor Gericht. Seine Anwälte plädieren auf Freispruch, weil ihn seine Drogensucht unzurechnungsfähig gemacht habe. Diesen Standpunkt vertrat Wecker auch auf der letzten Jahrestagung der bayerischen Nervenärzte. Auszug:
Als im November 1995 zehn Beamte des Bundeskriminalamtes meine Villa im Münchner Vorort Grünwald stürmten, hatte etwas in mir mit dem Leben bereits abgeschlossen. Die Miete des Luxusanwesens war schon seit Monaten nicht mehr bezahlt, und selbst meinen Dealer versuchte ich, mit ungedeckten Schecks zu vertrösten.
Wie konnte jemand, der immer die Nähe zu den einfachen Menschen gesucht hatte, sich so hinter den Mauern eines Eispalasts verstecken, in einer Gegend, in der man gerade mal vor Weihnachten den Chauffeur der Nachbarn zu Gesicht bekommt? Wie konnte es passieren, daß ein Lebenshungriger seine letzte Hoffnung in den Ausbruch eines Krieges oder in einen Herzinfarkt legte? Oder, um die unausweichliche Frage aller Kranken zu stellen, wie konnte das ausgerechnet mir passieren?
Seit ich mich dem Musikantenberuf verschrieb, habe ich mich damit auch der Ekstase verschrieben. Ekstase ist nun mal die einzige Möglichkeit, der Enge des Körpers kurz zu entwachsen und sich verbunden zu spüren mit allem, was ist. Ich berauschte mich an allem, am Rotwein "Brunello di Montalcino" ebenso wie an den "Liedern eines fahrenden Gesellen"; an einem Gramm reinsten bolivianischen Kokains, an Magic mushrooms, an Fellini und Trotzki, an Frauen.
Ein pralles Leben, vielleicht etwas deutlich gelebt, aber von der Idee her nichts Außergewöhnliches. Der liebe Gott hat mir eine kräftige Konstitution mitgegeben, diesen Vorschuß habe ich ausgenützt.
Viele mögen sich gefragt haben, weshalb ich soviel dazu beigetragen habe, die Einzelheiten meiner Sucht und meiner daraus resultierenden Paranoia publik zu machen. Aber wie anders macht man der bayerischen Justiz klar, daß es möglich sein kann, über ein Kilo Kokain im Laufe eines Jahres selbst zu konsumieren und keinen Handel damit zu treiben?
Interessant war dabei zu erleben, wie weit unsere Gesellschaft noch davon entfernt ist, Sucht als Krankheit zu sehen. Was auch immer in meinem Prozeß an Wahnvorstellungen von Zeugen geschildert wurde - es eignet sich höchstens dafür, dem öffentlichen Hohn preisgegeben zu werden.
So sehr ich mir auch einzureden versuchte, mich an bedeutenden künstlerischen Werken aufzureiben - vor meiner Verhaftung war ich, außer mit einigen flüchtig hinskizzierten Melodien, vor allem mit "Backen" beschäftigt.
"Backen" ist die euphemistische Beschreibung der zeit-, kosten- und nervenzerrüttenden Verarbeitung von Kokainpulver zu rauchfertiger Base.
Der Kick des ersten voll durchgezogenen Zuges ist so gigantisch, daß man ihn nie mehr vergißt und sich der sofortige Wunsch, nein, die unbedingte Notwendigkeit, ihn auf der Stelle zu wiederholen, für immer ins Hirn programmiert. Die größte Gemeinheit aller Drogen ist wohl, daß sich das erste gelungene Mal nie mehr wiederholen läßt und man sich anschließend eigentlich nur noch auf der Suche nach diesem verlorenen Glück befindet.
Die Gier nach einem geglückten Zug aus der Pfeife auf den nächsten ist mit nichts vergleichbar. Diese Droge ist wirklich eine moderne Droge - sie läßt einem nicht mal Zeit, den ersehnten Kick zu genießen, da es einen schon währenddessen dazu treibt, den nächsten Zug aufzubereiten.
Was anfangs noch spielerischer Austausch von Erfahrungen ist, wird schon bald zur Obsession. Tag und Nacht wird experimentiert und geraucht, geraucht und experimentiert. Manche aus der Szene schwören auf Ammoniak statt Natron, irgendeiner hat sich beim Aufkochen das Gesicht verbrannt, die Hände verätzt, dazwischen wieder Atemlähmung, Herzstillstand, und bei all dem Verschleiß des Grundstoffes wird es bald zur Selbstverständlichkeit, wenigstens hundert Gramm Koks im Haus zu haben, um den nächsten zwei, drei Tagen einigermaßen beruhigt entgegensehen zu können.
Bald traut man dem besten Freund nicht mehr, man versteckt seine Droge nicht mehr vor der Polizei, sondern nur noch vor Mitbewohnern und Eindringlingen. Je-
* Auf dem Weg zum Münchner Landgericht in der vorvergangenen Woche.
der ist ein Feind, der einem an das Leben will: an den nächsten Kick nämlich, den ei-
nen ultimativen Zug, der einen mit allem Streß versöhnt, für ein paar Sekunden ins Nirwana katapultiert - mit dieser Droge löst sich jedes Zeitgefühl ins Nichts auf.
Welches Entsetzen, wenn nur noch ein paar Gramm im Haus waren. Wände wurden aufgeschlagen, hinter denen ich Depots vermutete, Möbel zerfetzt in der Hoffnung, Reste zu finden - wie unwürdig, wie sehr ekelte ich mich vor mir selbst. Ich liebte meinen Dealer, der mich sehr fair belieferte, und als ich ihm vor Gericht Anstand bescheinigte, kam das von Herzen.
Ständig schweißüberströmt, aufgeschwemmt auf Grund eines Nierenversagens, weitaufgerissene Augen, wirrer Blick, war ich kaum mehr in der Lage, meine Bewegungen in einem gesellschaftlich akzeptierten Maß zu koordinieren.
Die Bühne bot mir einen gewissen Schutz, da ich mich nirgends so zu Hause fühlte wie dort und mich nirgends so selbstverständlich bewegte wie am Klavier. Außerdem hoffte ich, mit Hilfe der Zauberkraft der Töne mein katastrophales Äußeres etwas vergessen zu machen.
Meistens befand ich mich beim Konzert auf zwei verschiedenen Bewußtseinsebenen gleichzeitig. Ich spielte makellose Soli, manchmal von ungeahnter improvisatorischer Kraft, wie mir meine Musiker bestätigten, ein anderer Teil meines Ichs befand sich in einer Art Traumzustand, in dem mich die heftigsten Phantasien bestürmten.
Es gibt eine Plattenaufnahme, da spielte ich ein Solo im wahren Sinne des Ausdrucks im Schlaf. Meine Musiker mußten mich nach der Aufnahme aufwecken, die Einspielung allerdings war so gut, daß wir uns entschieden, sie auf der CD zu belassen.
Es ist wahrscheinlich der Unwissenheit meines Staatsanwaltes zuzuschreiben, wenn er behauptet, man könne keine Konzerte geben im Zustand der Unzurechnungsfähigkeit. Vielleicht hat er noch nie die richtigen Konzerte besucht, ob Rock oder Klassik, Oper oder Mönchsgesänge: Man muß geradezu unzurechnungsfähig sein, um ein gutes, beseeltes Konzert zu geben.
Die ersten Tage nach meiner Verhaftung habe ich wie im Halbschlaf erlebt. Ich ahnte instinktiv, daß ich nur noch einige Wochen zu leben gehabt hätte. Trotz der Qualen des wahrlich unvorbereiteten Entzugs war etwas in mir dankbar und froh.
Von Beginn dieses Alleinseins an war mir schmerzlich klar, daß ich nicht nur auf die Droge verzichten mußte, sondern auf die gesamte Lebensweise der letzten Jahrzehnte.
Schiller schreibt, man habe im Leben zu wählen zwischen Sinnenglück und Seelenfrieden. Ersteres habe ich reichlich auszukosten versucht, nun zog ich, noch im Gefängnis, notgedrungen den zweiten Vorschlag in die engere Wahl.
* Auf dem Weg zum Münchner Landgericht in der vorvergangenen Woche.

DER SPIEGEL 25/1998
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