27.06.2011

LEGENDEN

Die wahren Sätze

Von Matussek, Matthias

Vor 50 Jahren, nach acht Romanen, vier Ehen und einem Nobelpreis, erschoss sich Ernest Hemingway. Es war das Ende eines Machos, der vor nichts so viel Angst hatte wie vor einer leeren Seite. Von Matthias Matussek

So einfach ist das, und es kann so tödlich sein: "Alles, was du tun musst, ist, einen wahren Satz schreiben. Schreib den wahrsten Satz, den du weißt." Jeder Journalist, der schreibt, der wirklich schreibt, sollte den Spruch am Monitor kleben haben.

Es ist ein Spruch aus der Zeit der Schreibmaschinen, aber er ist immer noch brauchbar. Für Ernest Hemingway war er lebensrettend, solange er funktionierte und ihm die Schatten vom Leibe hielt, die ihm ein Leben lang zusetzten. Doch irgendwann versagte der Spruch, und die Schatten gewannen.

Schreiben, eine Sache auf Leben und Tod. Schon damals in Paris war es für ihn so, als er sich vom Journalismus zu lösen begann, aber dessen Ausrüstung mitnahm in die Literatur, die Genauigkeit und das Gehör für Slang und Pausen.

Die Pausen sind so wichtig wie das Gesagte. Wichtiger. Rund 90 Prozent der Gefühle bleiben ungezeigt, wie beim Eisberg. Übrig bleiben die knappen, wahren Sätze, die er schreiben wollte. Der Rest muss erahnt werden. Wie in der Story "Ein sauberes, gutbeleuchtetes Café":

"Letzte Woche hat er einen Selbstmordversuch gemacht", sagte der eine Kellner.

"Warum?"

"Aus Verzweiflung."

"Worüber?"

"Über nichts."

"Woher weißt du, dass es nichts war?"

"Er hat 'ne Masse Geld."

Einfache, klare Sätze in einer Regennacht, und er jagte weitere, später, sein Leben lang, unter den Akazienbäumen auf der roten Erde Afrikas oder in Harry's Bar in Venedig oder auf dem Schlachtfeld von Guadalajara.

Schon damals also, als alles begann, saß er in seiner Mansarde in Paris und machte sich Mut mit diesen merkwürdigen Marschbefehlen in die Kunst. Wenn er nicht gerade Ezra Pound das Boxen beibrachte oder sich von ihm die Adjektive aus den Texten streichen ließ oder mit Picasso über den Stierkampf fachsimpelte oder vor einem Bild von Cézanne stand und sich schwor: genauso schreiben wie der malt, reduziert auf das Wesentliche.

Das moderne Erzählen und der moderne Journalismus entstanden damals, in den zwanziger Jahren, also rund 90 Prozent von dem, was wir heute lesen.

Er lenkte sich ab, spritzte den Saft von Apfelsinen ins Feuer, damit es zischte, er schaute aus dem Fenster über die Dächer der Stadt, lauter kleine Fluchten, und er kämpfte die Panik nieder, weil er schon damals das Nichts fühlte, das aussehen kann wie ein leerer Bogen Papier.

"Mach dir keine Sorgen", sagte er sich. "Bisher hast du immer geschrieben, und jetzt wirst du auch schreiben können." Und dann kommt's: "Alles, was du tun musst, ist, einen wahren Satz schreiben."

Als ihm keiner dieser Sätze mehr einfiel, knapp vier Jahrzehnte und acht Romane und unzählige Reportagen und Kurzgeschichten und drei Ehen und einen Nobelpreis später, ging es dann doch schnell. Er tappte hinunter in die Diele in seinem Haus in Idaho, barfuß, im Morgenmantel, setzte eine doppelläufige Flinte an und blies sich den Schädel weg. Er war 61, so alt wie sein Jahrhundert. Und es war sein Jahrhundert.

Sein massiger Schädel, seine breite Brust, so sah die Heldengedenkmedaille der amerikanischen Literatur aus. Mehr: Er war der amerikanische Mann, der stets auf der richtigen Seite kämpfte, großmütig und großmäulig, opferbereit und ritterlich und durchaus romantisch.

Talent und Testosteron, Mut und Poesie, was für ein grandioses Macho-Spektakel von heute aus betrachtet, aus unserem Flachland geiler Machtzwerge, der Berlusconis und Sarkozys und Ecclestones, dieser Clowns, die aus Liebhabern Lachnummern gemacht haben.

Übrigens gab sich Hemingway, als er das Gewehr aus dem Schrank nahm, keine Mühe, die Sache wie einen Unfall aussehen zu lassen. Was soll's. Eine letzte Wahrheit. Die Sonne war gerade aufgegangen über den Bergen von Sun Valley, aber sie konnte die Schatten nicht mehr vertreiben, die sich ausgebreitet hatten, in seinem Haus, in seinem Leben. Schon sein Vater hatte sich umgebracht, andere aus seiner Familie würden folgen, eine Art Fluch.

Ein einziger wahrer Satz!

Der Dramatiker und Hemingway-Bewunderer Rolf Hochhuth schrieb später in einem Aufsatz, dass Hem, wie ihn seine Freunde nannten, voreilig war. Ein Selbstmord ist immer ein Risiko, es könnte ja noch was kommen. Der Nachlass zeigt, dass ihm auch am Ende die wahren, das heißt makellosen Sätze durchaus noch gelangen.

Ja, er war unser aller Champ.

Er hat lange vor den Sechzigern den "New Journalism" erfunden mit seinen schmucklosen Hammersätzen, er machte sich selbst zur handelnden Figur. Vor allem aber: Tempo. Dieser atemlose Telegrammstil ist ja tatsächlich eine Erfindung, die der Journalismus der Literatur geschenkt hat. Wir sollten täglich mindestens eine Seite Hemingway lesen, schon um das Gespür für Reinheit und Stil nicht verkümmern zu lassen.

Im "Kansas City Star", für den er nach der Highschool arbeitete, gab es eine Hausfibel für junge Polizeireporter: kurze Sätze, kurze Absätze, kraftvolles Englisch. "Sei positiv, nicht negativ." Von Wahrheit war erst mal nicht die Rede. Die war die Übung für Fortgeschrittene, war Sache der Kunst, seiner Kunst. Und war nur ein anderes Wort für Perfektion, also nicht nur ein moralischer, sondern auch ein ästhetischer Imperativ.

Sein Vater, ein puritanischer Arzt, hatte ihm das Jagen beigebracht, und seine Mutter, Sängerin, die Liebe zum großen Auftritt. Die Heldenträume steuerte er selbst bei. Abenteuerhungrig zog er mit knapp 19 in den Ersten Weltkrieg und schaffte es gerade noch, sich als Sanitätsfahrer an der österreichisch-italienischen Grenze eine Granate einzufangen. Über hundert Splitter im Körper.

Doch kurz darauf kehrte er wieder zurück nach Europa, als Reporter, diesmal nach Paris, weil alle da waren, John Dos Passos, Scott Fitzgerald, Ezra Pound, "als ob im Greenwich Village der Rahm abgeschöpft worden sei".

Alle saßen sie um die dicke Gertrude Stein herum, und Hem schrieb, zum Beispiel, über die europäischen Fürstenhäuser: "Ich hatte immer gedacht, Liechtenstein sei ein Boxmanager aus Chicago, aber es scheint auch ein sehr wohlhabendes Land dieses Namens zu geben."

Vor allem aber beschrieb er die junge Meute der amerikanischen Exilanten und ihre Sauftouren und Amouren und ihre Leere und Desillusionierungen nach dem Krieg in seinem Roman "Fiesta". Knappe Sätze, erklärt antiintellektuell.

"Wir gingen wieder auf die Straße und besahen die Kathedrale. Cohn machte die Bemerkung, dass dies ein sehr gutes Beispiel von irgendwas sei, ich habe vergessen, wovon." So erzählt das nun mal ein Kriegsveteran, der sich nicht für Kirchen interessiert. Jake Barnes, Hemingways Hauptfigur in "Fiesta", hat ein anderes Problem. Er ist impotent.

Dieser Roman setzte Hemingway auf die Landkarte, er lebt von der Liebe zum Stierkampf, zu diesen Blut-und-Kampf-Ritualen in Pamplona, diesem Todesballett mit Torero und Tier.

Hemingway war fasziniert vom Tod, sein Leben lang. Er war verliebt in den Tod, er nannte ihn seine Hure. Er mochte den Krieg, wie er einmal seinem Verleger schrieb, aus einem einfachen Grund. "Da besteht jeden Tag und jede Nacht die große Wahrscheinlichkeit, dass man getötet wird und nicht mehr schreiben muss."

Getötet werden, um nicht mehr zu schreiben. Gleichzeitig nennt er das Schreiben die einzige Tätigkeit, die ihn glücklich macht. Der Tod und das Schreiben sind die Konstanten dieses übervollen Lebens, alles andere ist Ablenkung und Lärm und Zufall. Und so setzte der Schuss vor 50 Jahren den einzig möglichen Schlusspunkt unter dieses Leben. Der Jäger erlegte sich selbst.

Todesnähe war Treibstoff seiner Literatur. Todesnähe in den Reportereinsätzen im türkisch-griechischen Krieg, im Spanischen Bürgerkrieg, in der Normandie-Offensive. Und dann die Todesspiele, die Angeltrips und Kneipenprügeleien und die Großwildjagden und die anderen Selbstinszenierungen jener Pappfigur, die den Touristen im Hemingway-Haus auf Key West in Florida vorgeführt wird.

Hemingway, das ist mittlerweile eine Bar, ein T-Shirt, ist Folklore, wie diese Geschichte vom Urinal aus Hems Lieblingskneipe "Sloppy Joe's", das er vor dem Abriss rettete und eigenhändig nach Hause trug, um es als Tränke für seine Katzen zu nutzen. Acht Katzen? Dreizehn Katzen? Das ist das, was heute viele über Hemingway wissen wollen. Die Souvenir-Industrie hat ihn verschlungen.

Es muss anstrengend gewesen sein, Hemingway zu spielen, vor sich selbst und vor den Kollegen. Hat ihm Jane Mason, die als Künstlerin auf Kuba lebte, tatsächlich Flamingos zum Hochzeitstag geschenkt? Er war ein Star. Gary Cooper saß auf seiner Finca in Havanna herum, und Ava Gardner badete nackt in seinem Pool. Irgendwann, als er mal wieder in die Schatten starrte, stöhnte er in einem Brief: "Ich will nichts als ein Schriftsteller sein und als solcher beurteilt werden."

Es war anstrengend, Hemingway zu sein, aber gleichzeitig muss es der schärfste Stoff gewesen sein, der zu haben war. In Hans-Peter Rodenbergs Rowohlt-Monographie, die nun als Digitalbuch erschienen ist, wird die Spur dieses Borderliners nun auch in Tondokumenten und Filmschnipseln nachgezeichnet. Borderliner? Aber klar, ein manisch-depressiver Trinker, größenwahnsinnig und verzagt, ein Leben zwischen Triumph und Schwärze. Er genoss die Schlagzeilen, Kritiken dagegen holten ihn von den Füßen. Er war ja verwöhnt. Seinem Erstlingserfolg "Fiesta" (1926) hatte er den ungleich reiferen Weltkriegsroman "In einem anderen Land" (1929) folgen lassen. Eine tragische Liebesgeschichte, eine Suche nach Idealen, Anmut unter Druck, ein Meisterwerk.

Es sollte dauern, bis ihm ein weiteres gelang. Er litt Höllenqualen, wenn er spürte, dass ihm die wahren Sätze ausgingen. Nach einer Kritik des Schriftstellers Edmund Wilson am Jagdbuch "Die grünen Hügel Afrikas" (1935) notierte er: "Ich fühle mich ungeheuer leer und nichtig, als ob ich nie wieder ficken, kämpfen oder schreiben könnte und praktisch schon tot wäre." Überflüssig zu sagen, dass die "Hügel" passagenweise strotzen vor Kraft und Sonne und Poesie und den schönsten Gedenksätzen für einen erschossenen Kudubock: "Er roch rein und wunderbar wie der Atem von Vieh und der Geruch von Thymian nach dem Regen."

In Rodenbergs Digitalbuch erleben wir Hem, den Naturburschen, wie er Schwertfische vor Kuba angelt und mit Gary Cooper auf die Jagd geht, massig und groß und ständig verletzt und wieder zusammengeflickt, wir erleben ihn als verliebten Romantiker, wie er seine vierte Ehefrau mit einem Gedicht umwirbt, und als Clown, wie er seinen eigenen Roman "Über den Fluss und in die Wälder" parodiert, denn natürlich will er auch in der Selbstdemontage der Größte sein.

Wir sehen seine vier Frauen, denen er doch treu war, solange es jeweils währte. Alle stolz und unabhängig und schön. Alle, bis auf eine, Journalistinnen von Rang. Sie waren ebenbürtig. Er brauchte sie. In seinen Romanen sind es die Frauen, die stark und beständig sind, und die Männer sind die verwundeten Kämpfer auf verlorenem Posten.

Jake Barnes in "Fiesta" ist impotent. Harry Morgan aus "Haben und Nichthaben" wird auf seinem Schmugglerboot angeschossen. Robert Jordan wartet an einen Baum gelehnt auf seinen Tod durch die Faschisten in "Wem die Stunde schlägt". Und der Fischer Santiago kehrt geschlagen und mit leeren Händen zurück in "Der alte Mann und das Meer".

In diesem Zusammenhang die Frage, die neben der nach der Anzahl der Katzen die wahrscheinlich wichtigste ist für alle Hemingway-Touristen, auch diejenigen in den feministischen Literaturseminaren: War Hemingway schwul? Alle Anzeichen sprechen dafür, denn wer ständig seine Männlichkeit unter Beweis stellen muss, hat etwas zu verbergen.

Oder? Schildert er nicht einen schwulen Torero? Gibt es nicht die Erinnerungen seiner Frau Mary an Rollenspiele? Und die Ménages-à-trois in seinem nachgelassenen Roman "Der Garten Eden"?

Wie albern. Gegenfrage: Muss nicht jeder Schriftsteller beide Geschlechter in sich haben? Hat Shakespeare nicht seine Sonette womöglich an einen Jüngling geschrieben, Goethe nicht Verwirrungen in den "Römischen Elegien" verdichtet?

Der Kritiker Max Eastman schrieb in einem Verriss: "Tatsache ist, dass es Hemingway an Vertrauen mangelt, dass er ein ganzer Mann ist … (Er hat) einen literarischen Stil geschaffen, der sich mit falschen Haaren auf der Brust schmückt." Selbst wenn dieser längst vergessene Max Eastman, den man sich als neidischen Feuilleton-Wicht vorzustellen hat, recht gehabt hätte, wird jeder, der noch ein Gespür für Ehre im Leibe hat, verstehen, dass ihn Hemingway verdreschen musste.

Nicht weil Eastman an Hemingways sexueller Identität zweifelte, sondern weil er sie überhaupt zum Thema machte.

Hemingway galt seinen Zeitgenossen als politisch indifferent. Das änderte sich in den dreißiger Jahren, denn in denen war alles politisch. Hem widersetzte sich zunächst. In einem Brief schrieb er: "Jeder versucht einen jetzt mit der Behauptung einzuschüchtern, wenn man nicht Kommunist werde oder einen marxistischen Standpunkt einnehme, wird man keine Freunde haben und allein sein. Anscheinend meint man, das Alleinsein sei etwas Schreckliches." Dabei ist es das Größte.

Hemingway wollte zur Jagd nach Wyoming aufbrechen, als in Spanien der Bürgerkrieg ausbrach. Als ihn dann ein Zeitungssyndikat als Kriegsberichterstatter anforderte, setzte er sich sofort in Bewegung, zunächst wohl mehr aus Abenteuerlust als aus dem Gefühl heraus, die linke Sache stärken zu müssen.

Politisch war Hemingway dem Konservativismus seines Geburtsorts Oak Park verpflichtet. Der Staat soll sich raushalten aus den Angelegenheiten der Leute, das Paradies gibt es nicht auf Erden, es lässt sich auch nicht organisieren von Polit-Kommissaren. Hemingway wollte keine neue Welt. Aber er wollte Gerechtigkeit, das schon. Und Spaniens Großgrundbesitzer hielten sich im Ausland auf, während die campesinos, die Landarbeiter, schufteten und die Franco-Faschisten und die Deutschen und die Italiener sie zusammenschossen.

In seinen "Depeschen" berichtete Hemingway aus dem umlagerten Madrid, furchtlos, mit dem Blick für Details. Er ist mittendrin. "Sie töteten eine alte Frau, die vom Markt kam und nach Hause ging. Was von ihr liegen blieb, war ein Knäuel schwarzer Kleider. Ein Bein war gegen die Wand des nächsten Hauses geflogen."

Er sieht Halbwüchsige hinter den Gleisen von Tortosa mit ihren Bajonetten den überlegenen Feind erwarten, und er schildert die Ruhe vor dem Sturm mit einer Stierkampfmetapher. Es war "wie in den alten Tagen, wenn sie erst einmal um die Arena gingen, bevor die corrida begann".

Bis dahin hatte sich Hemingway als Autor vorwiegend um eine Partei gekümmert: seine eigene. Nun aber ging es um eine größere Sache. Er beteiligte sich an dem Propagandafilm "Spanish Earth", den der niederländische Dokumentarfilmer und Kommunist Joris Ivens für die Internationalen Brigaden drehte.

Wir sehen karge rissige Felder und abgearbeitete Bauerngesichter, wir hören getragene spanische Weisen und darüber Hemingways Stimme, die nicht ohne Pathos vom harten Los der campesinos erzählt und von der Notwendigkeit zu helfen. Der Film wurde Präsident Roosevelt und später in Hollywood gezeigt, um Geld für Sanitätsautos zu sammeln.

Hem geriet in Fahrt. Auf dem New Yorker Schriftstellerkongress mahnte er die Pflicht an, nach der Wahrheit zu suchen und sie so darzustellen, "dass sie ein Teil der Erfahrung desjenigen wird, der sie liest".

Da war sie also wieder, die Forderung nach den wahren Sätzen, doch nun hatten sie einen Auftrag! Nun war Hemingway Teil einer Bewegung geworden, er hatte verstanden. Seinen Helden Harry Morgan lässt er in dem 1937 veröffentlichten Roman "Haben und Nichthaben" sagen: "Ein Mann allein … hat keine verdammt beschissene Chance."

Nun war Hemingway Partei, allerdings hinderte es ihn nicht daran, genau hinzuschauen in Madrid, in Tortosa, in Guadalajara, und so entgingen ihm auch nicht die Grausamkeiten, die auf republikanischer Seite verübt wurden. Nach drei Jahren Bürgerkrieg und Querelen zwischen kommunistischen und antikommunistischen Linken fiel Madrid im März 1939 an Franco. Ein knappes Jahr später erschien sein Meisterwerk "Wem die Stunde schlägt".

Der Lehrer Robert Jordan schließt sich den Partisanen an und erhält den Auftrag, eine Brücke zu sprengen. Er lernt das Gefühl kennen, "eine heilige Pflicht gegenüber allen Unterdrückten der Welt" zu spüren, das "wie ein religiöses Erlebnis" sei. Er stirbt für die Sache, ein Opfertod.

War Hemingway religiös geworden? Er war zwar 1927 in die katholische Kirche eingetreten, aber wohl eher aus Protest gegen seinen puritanischen Vater. Nein, der Roman war weder eine Apologie der Religion noch der kommunistischen Heilslehre, doch er kam nicht ohne Credo aus, das hieß "Anmut unter Druck".

Die Kritik überschlug sich. Sie lobte die humanistische Botschaft des Buches. Kritik kam von links, denn Hemingway hatte die Kommunisten hart rangenommen. Innerhalb eines Jahres war eine halbe Million Exemplare verkauft.

Den Zweiten Weltkrieg verbrachte Hemingway zunächst schippernd und trinkend und angelnd in der Karibik, aber durchaus im Dienst der Nation: Er hatte sich auf eigenen Vorschlag mitsamt seiner Yacht "Pilar" und ein paar Freunden zur Spionageabwehr verpflichtet. Man wollte in kubanischen Gewässern nach deutschen U-Booten suchen. Auf jeden Fall kam er so an den streng rationierten Diesel. Irgendwann stellte eine Dienststelle diesen Micky-Maus-Quatsch ein.

Kurz vor Kriegsende griff Hem doch noch in Europa ein. Er flog mit Maschinen der Royal Airforce, die V1-Raketen abfingen, und er fuhr in einer der Panzerdivisionen General Pattons mit. Als die Alliierten in Paris einmarschierten, befreite er im Alleingang das Hotel Ritz.

Dort, in Zimmer 31, hielt er Hof und bewirtete mit Beute-Cognac und Feldküche die Résistance-Intelligenz, Sartre und Beauvoir und Malraux, aber auch George Orwell und J. D. Salinger, und er erzählte seine Heldengeschichten. Etwa, wie er über hundert Deutsche erledigt habe und einem, der die Amerikaner beleidigt hatte, dreimal in den Bauch und schließlich in den Kopf geschossen habe, so dass das Gehirn herausgespritzt sei.

Ein Untersuchungsausschuss der Armee ermittelte gegen ihn wegen möglicher Kriegsverbrechen, Belege aber fanden sich nicht.

Von heute aus gesehen hatte sich der amerikanische Held mit dem Sieg über die Nazis 1945 sein Denkmal gesetzt, doch literarisch, so schien es, hatte sich Hemingway erst mal zu Ende erzählt.

In den Folgejahren nahm er mehrere große Unternehmungen in Angriff, doch nichts wollte mehr glücken. Im Roman "Der Garten Eden", der 1986 postum veröffentlicht wurde, erzählt er von der Suche nach den wahren Sätzen:

… wieder landete er in kompletter Leere. Er war unfähig, den Satz hinzuschreiben, der folgen sollte, obwohl er ihn kannte. Erneut schrieb er einen einfachen Aussagesatz, und es war ihm unmöglich, den nächsten Satz aufs Papier zu bringen. Er machte vier Stunden so weiter, bevor er erkannte, dass Entschlossenheit machtlos war gegen das, was hier passierte.

Er trank. Er fuhr nach Italien. Er trank. Er schrieb Reportagen, immer noch glänzende. Er schrieb einen missglückten romantischen Kurzroman über den Stierkampf. Er trank. Und dann, eines Tages, setzte er sich hin und schrieb eine Geschichte, die so begann:

Er war ein alter Mann, der allein in einem kleinen Boot im Golfstrom fischte, und er war jetzt vierundachtzig Tage hintereinander hinausgefahren, ohne einen Fisch zu fangen.

Und dann wird in der "Der alte Mann und das Meer" ein epischer Kampf geschildert zwischen Mensch und Kreatur, in dem es um viel mehr geht als um die Beute, sondern, wie in dem gewaltigen Vorläufer "Moby Dick", um alles, um Ehre und Stolz, um die Seele und den Sinn des Lebens.

Du tötest mich, Fisch, dachte der alte Mann. Aber dazu bist du berechtigt. Niemals habe ich etwas Größeres und Schöneres oder Ruhigeres oder Edleres gesehen als dich, Bruder. Komm nur und töte mich. Mir ist es gleich, wer wen tötet.

So klingt eine Geschichte, die aus lauter wahren Sätzen besteht. Es sind nur 26 500 Wörter, doch die bilden ein Weltepos. Der alte Santiago stirbt fast in seinem Kampf mit dem Marlin, Haie bringen ihn schließlich um seine Beute, er kehrt zurück mit Wundmalen an den Händen, die ihm die Angelsehne gerissen hat, und er schleppt noch den Mast hinauf zu seiner Hütte, wie es der Brauch ist, und er fällt auf dem Weg wie Christus unter dem Kreuz. Dann schläft er wie ein Toter und steht wieder auf und lebt, um zu erzählen.

Das amerikanische Magazin "Life" druckte die Geschichte in einer einzigen Ausgabe, die sich innerhalb von 48 Stunden fünf Millionen Mal verkaufte. William Faulkner schrieb: "Bisher schufen seine Männer und Frauen sich selbst, aus ihrem eigenen Leben." Doch mit dieser Novelle sei dies anders: "Diesmal hat er Gott entdeckt, einen Schöpfer."

Diese 20 Seiten Prosa über einen Mann, der nicht aufgibt, sicherten ihm den Nobelpreis und garantierten seine Unsterblichkeit. Das hat er uns gegeben, die Kunst der wahren Sätze. Das hätte er doch noch weiter tun können!

Das Vorbild für die Figur Santiago war ein Fischer namens Gregorio Fuentes. Er starb 2002 im Alter von 104 Jahren auf Kuba. Womöglich hat er nie wieder einen Fisch aus dem Meer geholt wie jenen, von dem Hemingway in der Novelle erzählt.

Aber verdammt, Hem, Gregorio war der Held, denn er hat durchgehalten. ◆


DER SPIEGEL 26/2011
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