27.06.2011

BOXEN

Leopard und Esel

Von Grossekathöfer, Maik

David Haye ist die neue Hoffnung im Schwergewicht. Vor dem WM-Kampf gegen Wladimir Klitschko überschreitet der Engländer ganz bewusst die Grenzen des guten Geschmacks.

Der Boxer, der am Samstag in den Kampf seines Lebens ziehen wird, hat nur diesen einen Wunsch, ein Ziel, er will, er muss gewinnen, "verlieren ist keine Option". Es ist nachmittags halb drei, David Haye kommt gerade aus dem Bett, sein Mittagsschlaf ist ihm heilig.

Er schlappt über die Randall Road in London und gähnt. Sein Gesicht ist zerknittert und unrasiert, er trägt eine Kappe, einen speckigen Jogginganzug, Socken und Badelatschen. Haye sieht aus wie ein Gammler und guckt, als könne er keiner Fliege etwas antun. Aber bei ihm ist wenig so, wie es scheint.

Vor einem roten Garagentor bleibt er stehen. Hausnummer 116, hier, unter den Gleisen, die zum Bahnhof Waterloo führen, liegt sein Gym, in der Mitte der Ring, drei Sandsäcke, Hanteln, ein Stepper, an der Decke Neonlicht und Wellblech. Alle vier Minuten kann man sein eigenes Wort kaum verstehen, weil ein Zug rumpelt.

Es riecht, anders als erwartet, nach Kamille und nicht nach Schweiß. Im Kühlschrank lagern Gemüsesaft und Vitamin-pulver. Haye setzt sich auf einen Stuhl, er streckt die Beine aus. Seit März trainiert er, seit fünf Wochen lebt er im Hotel, nur zwei Minuten von seinem Gym entfernt, nichts soll ihn ablenken von seiner Mission. Hinten rechts steht eine lebensgroße Pappfigur von Wladimir Klitschko, seinem Gegner.

Haye zeigt mit dem Finger auf die Figur, sagt: "Ich werde Wladimir am Kinn treffen. An den Armen. Den Schultern. Im Nacken. Ich würde ihm am liebsten in die Eier hauen, wenn der Ringrichter nicht guckt. Wladimir ist kein geborener Fighter wie ich. Wenn wir beide Tiere wären, dann wäre ich ein Leopard und er ein beschissener Esel."

Wenn Haye in Hamburg gegen Klitschko boxt, wenn ein Weltmeister auf einen anderen Weltmeister trifft, ein Engländer auf einen Ukrainer, dann ist das der aufregendste Kampf im Schwergewicht, der Königsklasse des Boxens, seit Jahren, seit Lennox Lewis im Juni 2003 in Los Angeles Vitali Klitschko, Wladimirs älteren Bruder, durch technischen K. o. besiegte.

Auf den Plakaten, die das Duell ankündigen, steht "The War", Krieg. 40 000 Zuschauer werden in der Imtech Arena sitzen, dem Stadion, in dem der HSV spielt; mehr als 150 Länder übertragen den Fight live.

Es ist weniger Wladimir Klitschko, der Favorit, der das Interesse auf sich zieht. Der, den alle sehen wollen, entweder gewinnen oder verlieren, das ist David Haye: 30 Jahre alt, 26 Kämpfe, 25 Siege, davon 23 durch Knockout, seit knapp sieben Jahren unbesiegt, verheiratet, Vater eines Sohnes. Auf einen wie ihn haben sie im Schwergewicht lange gewartet. Haye polarisiert, man liebt ihn, oder man hasst ihn. Er ist ein talentierter Boxer, Haye hat Kraft, Technik, Willen. Und er ist ein Provokateur. Um sich ins Gespräch zu bringen, um einen Kampf anzuheizen, reißt er das Maul auf, so weit es geht, und dabei übertritt er ganz bewusst die Grenzen des guten Geschmacks.

Über den Russen Nikolai Walujew, dem er im November 2009 den Weltmeistergürtel der World Boxing Association abnahm, sagte Haye, er sei "das hässlichste Ding, das ich je gesehen habe", er stinke wie ein nasser Hund. Und vor der Titelverteidigung gegen Audley Harrison kündigte Haye an, der Kampf werde "so einseitig wie eine Gruppenvergewaltigung".

Boxer sind immer auch Schauspieler. Klitschko inszeniert sich als Akademiker und Saubermann, mit guten Manieren und wohlformulierten Sätzen. Boxen ist immer auch ein Geschäft, und Haye hat verstanden, wie er sich positionieren muss. In einer Gewichtsklasse, in der es an Charakterköpfen mangelt, kann er sich am besten als Anti-Helden vermarkten, als Gegenentwurf zu Klitschko. Er tritt als Prolet auf, dröhnend, vorlaut, unverschämt.

Doch Haye hat noch eine andere, eine ruhige Seite. Er war bei den Pfadfindern und hat, das erzählt er ganz offen, noch mit 23 am Daumen gelutscht. Haye hat "Die Kunst des Krieges" von Sun Tzu gelesen. Gibt ein Hochglanzmagazin heraus, das "Hayemaker" heißt; er führte Interviews mit Sprint-Olympiasieger Usain Bolt und dem englischen Fußball-Nationalspieler Rio Ferdinand. Mit 31 will Haye zurücktreten, weil er nicht so enden möchte wie Mike Tyson und Evander Holyfield, die nicht aufhören konnten und heute als tragische Figuren gelten.

Haye hat ein großes Ego, keine Frage, und in ihm brodelt ein Vulkan, aber er kann die Ausbrüche kontrollieren.

Er sitzt in seinem Gym, nur einen Steinwurf von der Themse entfernt, er sagt: "Ich überlege mir, wie ich aus einem Kampf ein Drama machen, wie ich Schlagzeilen produzieren kann. Die Leute sollen denken: Wer ist dieser Kerl? Und dann gucken sie sich den Kampf an, weil sie wissen wollen, ob ich was kann. Oder weil sie hoffen, dass ich verprügelt werde."

Haye hat keine Gelegenheit ausgelassen, die Klitschkos zu demütigen. Er tönte, er werde Wladimir zerstören, ihm den Hintern versohlen, werde ihn im Ring enthaupten. Er sagte, der Kampf werde eine "öffentliche Hinrichtung". Haye verweigerte den Handschlag, und er zeigte sich in einem T-Shirt, auf dem er als Triumphator posiert, in der rechten Faust den Kopf von Vitali, in der linken den von Wladimir.

Wladimir verlor die Beherrschung und nannte Haye "ein Stück Scheiße". Genau das war Hayes Plan.

"Ich versuche alles, um der Stachel im Fleisch meines Gegners zu sein", sagt Haye. Er redet langsam und in feinem Oxford-Englisch, und dieser bedächtige Haye klingt furchteinflößender und gefährlicher als der vorlaute, der plumpe Haye. "Ich will meinem Gegner unter die Haut gehen. Er soll wütend auf mich sein. Er soll mich hassen."

Warum?

"Weil er dann vielleicht seine Technik vernachlässigt und seine Taktik vergisst. Weil er nur noch daran denkt, mir weh zu tun."

Muhammad Ali, Hayes Vorbild, hat es so ähnlich gemacht, vor dem Rumble in the Jungle gegen George Foreman und dem Thrilla in Manila gegen Joe Frazier. "Eigentlich bin ich alte Schule", sagt Haye.

Er wuchs in Bermondsey auf, einem Viertel im Süden Londons, sozialer Wohnungsbau. Sein Vater, ein Einwanderer aus Jamaika, hat als Karatetrainer gearbeitet. Haye war ein hyperaktives Kind, mit 10 begann er zu boxen, später modelte er für Abercrombie & Fitch und Versace. Mit 22 entschied er sich, Boxprofi zu werden, im Cruisergewicht. Er gewann 21 von 22 Kämpfen, wurde Weltmeister von drei Verbänden, legte die Titel nieder und wechselte vor drei Jahren ins Schwergewicht. Schon mit dem zweiten Kampf holt er sich gegen Walujew den WM-Titel.

Sein Trainer ist auch sein Manager, Haye hat noch nie einen Vertrag mit einem großen Promoter unterschrieben. Weil er ihnen nicht traut, weil er für sein Schicksal selbst verantwortlich sein will. Er will sich nicht vorschreiben lassen, wann er wo gegen wen antreten soll. Es geht ihm nicht darum, möglichst oft einen Titel gegen Fallobst zu verteidigen; es geht ihm darum, etwas zu riskieren.

Nun also fordert er Wladimir Klitschko. Klitschko ist gegen Haye im Vorteil, auch wenn der das natürlich anders sieht. Klitschko ist sieben Zentimeter größer als sein Gegner, rund zwölf Kilo schwerer, hat acht Zentimeter mehr Reichweite.

Wie will Haye ihn besiegen?

"Wladimir ist der beste Boxer, gegen den ich je im Ring stand. Aber er kämpft wie ein Roboter, immer: Führhand, Führhand - Klammern." Haye lässt die Fäuste fliegen, imitiert Klitschko. "Wenn er eine Lücke in meiner Deckung findet, wird es schwer für mich. Aber das wird er nicht schaffen. Er hat nur gegen fette Puddings gekämpft, die sich nicht wehren konnten. Nun trifft er zum ersten Mal auf einen Gegner, der fitter ist als er, der besser boxt. Ich werde ein Zauberwürfel sein, den er nicht lösen kann."

Haye redet jetzt atemlos, er feuert die Sätze ab wie seine Schläge. "Wenn es brenzlig wird, greift Wladimir nicht an, sein Instinkt sagt ihm, er soll sich zurückziehen. Ich werde ihm auf die Pelle rücken. Er hat Angst vor meinem Stil, denn ich bin schnell, beweglich."

Wenn es nur noch zwei, drei Wochen sind bis zu einem Kampf, beginnt Haye, von seinen Gegnern zu träumen. Er träumte, wie Nikolai Walujew in Zeitlupe vor ihm auf die Bretter fällt. Träumte, wie er John Ruiz auslacht, weil der versucht, ihn mit Blicken einzuschüchtern.

Und jetzt, kurz vor dem Kampf gegen Wladimir Klitschko, was für einen Traum hat er da?

"Ich sehe seinen Bruder Vitali, er steht am Ring und schwenkt die weiße Fahne. Er will den Kampf stoppen, weil er weiß, dass Wladimir schlimme Schmerzen hat."

Haye rammt die rechte Faust in die linke Hand. Genug geredet, er muss trainieren. Er hat diesen einen Wunsch, das eine Ziel.


DER SPIEGEL 26/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 26/2011
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon sonntags ab 8 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BOXEN:
Leopard und Esel