27.06.2011

HYGIENEUnrat im Wasser

Während die Ehec-Epidemie abebbt, nistet sich der Keim in der Umwelt ein. Experten warnen: Vor allem auf dem Land ist selbst das Trinkwasser nicht sicher.
Sturzregen wie am vergangenen Mittwoch gehen nur alle zwei bis drei Jahre über Frankfurt nieder. In kurzer Zeit lief das 1600 Kilometer lange Abwasserkanalnetz der Stadt voll. Bald waren auch die 34 Regenüberlaufbecken gefüllt. Insgesamt 90 000 Kubikmeter Abwasser, so viel wie in 150 Schwimmbädern, schwappte darin.
In der Leitwarte der Stadtentwässerung sprangen die Kontrollbildschirme der Mischwasserentlastungsrohre an: Damit die Kläranlagen der Stadt nicht absoffen und das Wasser nicht aus den Gullys quoll, musste ein Teil des verdünnten Abwassers wie bei einem Badewannen-Überlauf durch etliche der dafür vorgesehenen 60 Betonrohre ungeklärt in Main und Nidda geleitet werden.
Mit dabei: Billionen von Fäkalkeimen aus den Toiletten der Großstadt - darunter wahrscheinlich auch der gefährliche Ehec-Keim vom Typ O104:H4, der bis Ende vergangener Woche über 3700 Menschen krank gemacht und 43 Todesopfer gefordert hatte.
Schon im Normalbetrieb filtern die Kläranlagen nur einen Teil der Mikroorganismen heraus. Doch bei Starkregen kapitulieren sie völlig. Nicht nur in Frankfurt könnte der gefährliche Ehec-Keim so in Flüsse und Bäche gelangt sein.
Während die Epidemie abebbt und alle hoffen, der Ehec-Spuk möge bald vorbei sein, deutet vieles darauf hin, dass der neue Erreger dabei ist, sich dauerhaft in der Umwelt einzunisten. "Der Keim wird es darauf anlegen, irgendwann wieder in einen Menschen zu kommen", sagt Helge Karch, Direktor des Instituts für Hygiene des Universitätsklinikums Münster.
Aufgeschreckt wurden die Experten, als Ende vorvergangener Woche in einem kleinen Frankfurter Fließgewässer in einer von mehreren Proben O104:H4 gefunden wurde. Sofort regten sich schlimme Befürchtungen: Könnte am Ende sogar das Trinkwasser mit dem neuen Ehec-Erreger kontaminiert werden?
Beunruhigt trafen sich die Mitglieder der Trinkwasserkommission des Umweltbundesamts am vergangenen Mittwoch in Berlin. Der Fund im Erlenbach hatte sie kalt erwischt. "Die Gefahr durch eine mikrobiologische Belastung des Trinkwassers wurde bisher absolut unterschätzt", sagt der Kommissionsvorsitzende Martin Exner, Direktor des Hygiene-Instituts der Uni-Klinik Bonn.
Sorge bereitet vor allem die vielerorts ungenügende Klärwerkstechnik. Die allermeisten Anlagen sind nicht dafür gerüstet, gefährliche Keime, wie sie derzeit von Kranken, etlichen bereits Genesenen und auch symptomlosen Infizierten ausgeschieden werden, aus dem Wasser zu filtern. Der Grund dafür liegt Jahrzehnte zurück: Angesichts von Schaum auf den Bächen und Gift in den Flüssen galt das Interesse jahrzehntelang vor allem der chemischen Balance im Gewässer.
Der Bonner Hygieneexperte Thomas Kistemann kritisiert, dass im Abwasserrecht bis heute keine Richtwerte für mikrobielle Belastungen festgelegt sind. Man verlasse sich darauf, dass dieses Problem durch Verdünnung geregelt werde.
Dabei lassen sich gefährliche Bakterien wie etwa der Ehec-Keim durch UV-Bestrahlung abtöten; während der Sommersaison wird so zum Beispiel das Wasser der Isar in München in Badequalität gehalten. Noch sicherer wären feinporige Membranen, die keine Bakterien durchlassen. "Doch die werden aus Kostengründen nur selten eingesetzt", sagt der Gießener Abwasserexperte Ulf Theilen.
Einmal ins Flusswasser gespült, können sich die Ehec-Erreger in Biofilmen auf Steinen, Holz oder anderen Oberflächen im Wasser festsetzen. "In unserem Laborkühlschrank überlebt der Keim bei fünf Grad jetzt immerhin schon seit über einem Monat", sagt Karch. Schon ab 20 Grad könne er sich auch vermehren.
So ist es wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, bis sich jemand beim Baden ansteckt oder an Gemüse, das mit kontaminiertem Wasser gegossen wurde. Vielleicht wird er den Keim dann erst einmal direkt von Mensch zu Mensch weitergeben oder gleich über Lebensmittel - etwa so wie die Mitarbeiterin einer Catering-Firma in Hessen, die, bevor sie selbst erkrankte, 20 Gäste ansteckte.
Auch bei den Sprossen des Biobetriebs in Bienenbüttel, der Quelle für den aktuellen Ausbruch, deutet inzwischen vieles darauf hin, dass die Keime vom Menschen auf die Sprossen übertragen wurden. Der Verdacht, der Erreger könnte auf Sprossensaaten aus China oder Italien eingeschleust worden sein, ließ sich bisher nicht erhärten. Als wahrscheinlich gilt inzwischen, dass eine erkrankte Mitarbeiterin den Erreger eingeschleppt hat. Möglich ist aber auch, dass die Sprossen durch Brunnenwasser des Betriebs verseucht wurden. Unter Experten gilt die Kontamination von Gemüse durch belastetes Gießwasser als eine der größten Gefahrenquellen.
Dem Bundesfachverband für Feldberegnung zufolge besprenkeln Landwirte in Rheinland-Pfalz ihre Felder zu 85 Prozent mit Wasser aus Flüssen und Seen und nur zu 15 Prozent mit dem als unbedenklich eingeschätzten Grundwasser. Mecklenburg-Vorpommerns Gemüsebauern schöpfen sogar 90 bis 95 Prozent ihres Bedarfs aus Fließgewässern.
Die Thüringische Landesanstalt für Landwirtschaft ermittelte 2009 in diversen Versuchsreihen "hohe bakteriologische Belastungen" von Fließgewässern in Thüringen. Um die seit Dezember 2000 in Kraft befindliche Wasserrahmenrichtlinie der Europäischen Gemeinschaft erfüllen zu können, seien "bundes- und europaweit noch große Anstrengungen erforderlich", mahnte die Behörde.
Auch um die Trinkwasserqualität steht es in weiten Teilen Deutschlands schlecht. In einem Bericht des Bundesministeriums für Gesundheit aus dem Jahr 2008 heißt es, dass von rund 120 000 Proben aus Wasserwerken, die jeweils mehr als 5000 Einwohner beliefern, 128 Proben E. coli und 1577 Proben coliforme Bakterien aufwiesen. Mehr als ein Prozent der Trinkwassertests war folglich mit potentiell krankmachenden Erregern verseucht.
Beängstigende Zahlen veröffentlichte auch die Weltgesundheitsorganisation: Demnach schwammen in fünf Prozent der Proben aus kleineren Wasserwerken Baden-Württembergs und sogar in fast jedem zweiten privaten Brunnen des Landes coliforme Bakterien.
Den Hygienikern fällt besonders schwer zu verstehen, dass die großen Wasserwerke, die die Ballungsgebiete versorgen, mehrmals täglich Proben nehmen - die einigen tausend kleinen Anbieter dies aber laut Trinkwasserordnung nur einmal im Jahr tun müssen. Dringend mahnte die Trinkwasserkommission vergangene Woche strenge Kontrollen für Beregnungs- und Prozesswasser im Gemüse- und Sprossenanbau an, aber auch für das Trinkwasser aus kleineren Wasserwerken.
Und selbst damit wären wohl noch nicht alle Gefahrenquellen trockengelegt. Das erfuhr der Mediziner Kistemann, als er gemeinsam mit einem Team von Wissenschaftlern die Swist inspizierte, den längsten Bachlauf in Deutschland. Die Forscher stießen in dem beschaulichen Eifel-Gewässer auf "Hunderte kleinerer und größerer Röhren, die in keinem Kataster verzeichnet sind". Derlei illegale Zuflüsse finden sich nach Aussage von Wasserkontrolleuren in den meisten deutschen Fließgewässern.
Aus diesen versteckten Pipelines plätschert unkontrolliert Unrat ins Wasser. Manch einer, der in einem alten Bauernhaus in ländlicher Region wohne, habe keinerlei Vorstellung davon, wohin seine Fäkalien gespült werden. Kistemann: "Die ahnen oft gar nicht, dass ihre Vorfahren einst einfach ein Rohr in den nächsten Bach gelegt haben."
Von Michael Fröhlingsdorf, Veronika Hackenbroch, Udo Ludwig und Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 26/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 26/2011
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

HYGIENE:
Unrat im Wasser

Video 01:44

Facebook im Wahlkampf Haben Likes Trump zum Präsidenten gemacht?

  • Video "Facebook im Wahlkampf: Haben Likes Trump zum Präsidenten gemacht?" Video 01:44
    Facebook im Wahlkampf: Haben Likes Trump zum Präsidenten gemacht?
  • Video "Videoanalyse zum Nein in Italien: Bankenkrise könnte sich verschärfen" Video 02:08
    Videoanalyse zum "Nein" in Italien: "Bankenkrise könnte sich verschärfen"
  • Video "Erfolg für Naturschützer: US-Armee stoppt Pipeline-Bau durch Ureinwohner-Reservat" Video 01:37
    Erfolg für Naturschützer: US-Armee stoppt Pipeline-Bau durch Ureinwohner-Reservat
  • Video "Amateurvideos aus Sotschi: Riesenwellen treffen Olympiastadt" Video 01:01
    Amateurvideos aus Sotschi: Riesenwellen treffen Olympiastadt
  • Video "Video aus Australien: Segler von sinkendem Boot gerettet" Video 00:45
    Video aus Australien: Segler von sinkendem Boot gerettet
  • Video "SPIEGEL TV über Özil: Acht Millionen für den Vater" Video 01:59
    SPIEGEL TV über Özil: Acht Millionen für den Vater
  • Video "Webvideos der Woche: Landen, Ausflippen, Kuscheln" Video 03:08
    Webvideos der Woche: Landen, Ausflippen, Kuscheln
  • Video "Luftverschmutzung: Ein Jahr Feinstaub im Zeitraffer" Video 02:14
    Luftverschmutzung: Ein Jahr Feinstaub im Zeitraffer
  • Video "Videoanalyse zur Wahl in Österreich: Die Wähler sind müde" Video 03:11
    Videoanalyse zur Wahl in Österreich: "Die Wähler sind müde"
  • Video "Brand in Kalifornien: Mehrere Tote bei Feuer auf Raver-Party" Video 00:32
    Brand in Kalifornien: Mehrere Tote bei Feuer auf Raver-Party
  • Video "Filmstarts im Video: Runterkommen mit Tom Hanks" Video 07:46
    Filmstarts im Video: Runterkommen mit Tom Hanks
  • Video "Bewegender Appell vor der Präsidentschaftswahl: 89-Jährige Österreicherin warnt vor Rechtspopulismus" Video 02:34
    Bewegender Appell vor der Präsidentschaftswahl: 89-Jährige Österreicherin warnt vor Rechtspopulismus
  • Video "Polizeivideo aus Großbritannien: Schlagabtausch auf der Autobahn" Video 01:25
    Polizeivideo aus Großbritannien: Schlagabtausch auf der Autobahn
  • Video "Kino-Premiere in London: I am Bolt - der schnellste Mann der Welt" Video 01:41
    Kino-Premiere in London: "I am Bolt" - der schnellste Mann der Welt
  • Video "Harke, Rasenmäher, Laubsauger: Was hilft beim Kampf gegen das Laub am besten?" Video 03:18
    Harke, Rasenmäher, Laubsauger: Was hilft beim Kampf gegen das Laub am besten?
  • Video "Einsatz als Pflegevater: Hund zieht Tigerbabys auf" Video 01:23
    Einsatz als Pflegevater: Hund zieht Tigerbabys auf