22.06.1998

SPIEGEL-STREITGESPRÄCH„Rehe sind keine Pappkameraden“

Jürgen Vocke, Präsident der bayerischen Jäger, und der Forstmann Wilhelm Bode über Treibjagden auf Rehe, die Schießkünste der Jäger und die Zukunft des Weidwerks
SPIEGEL: Herr Vocke, schießen die Jäger zuwenig Rehe?
Vocke: Nein. Jedes Jahr werden in Deutschland 1,1 Millionen Rehe erlegt, allein die bayerischen Jäger schießen 250 000 Stück. Das ist ja nicht gerade wenig. Aber wir haben in manchen Regionen eine Schallmauer erreicht, mit tierschutzgerechten Mitteln ist einfach keine größere Jagdstrecke zu schaffen. Schließlich stehen die Rehe nicht wie Pappkameraden im Wald herum und rufen uns zu: Nun schießt mal schön!
SPIEGEL: Herr Bode, warum reicht Ihnen diese Abschußquote nicht?
Bode: In Bayern beispielsweise gibt es 25mal so viele Rehe wie vor 100 Jahren. Schon 1957 schrieb der damalige Bundesjägerpräsident: "Sie wachsen uns über den Kopf." Seither haben sich die Bestände
Das Gespräch moderierte Redakteur Olaf Stampf.
noch einmal mehr als verdoppelt. Wir ha-
ben eine dramatische Bambi-Plage - die Tiere fressen unsere Jungwälder auf.
Vocke: Sie sprechen wirklich von einer Plage? Und das aus dem Mund eines Naturschützers!
SPIEGEL: Herr Vocke, geben Sie denn zu, daß es in Deutschland zuviel Rehwild gibt?
Vocke: Nein, wieso denn zu viele? Seien wir doch froh, daß wir in unserer dichtbevölkerten Republik einen guten artenreichen Wildbestand haben. Einige Leute werfen uns vor: Die schießwütigen Jäger rotten das Wild aus. Vor jeder Jagdmesse stehen Tierschützer und fordern lautstark, daß überhaupt nicht mehr gejagt werden soll. Sie dagegen werfen uns vor, daß wir zuwenig schießen. Was stimmt denn nun?
Bode: Herr Vocke, Sie werfen doch nur Nebelkerzen! In Wahrheit tut die straff organisierte Jagdlobby alles, um eine Reduzierung der Wildbestände zu verhindern. Damit arbeiten Sie gegen die Interessen der Waldeigentümer.
Vocke: Sie wissen überhaupt nicht, wovon Sie reden! Jeder vernünftige Jäger hat ein vitales Interesse daran, daß sich die Wälder verjüngen. Und natürlich können wir die Jagd nicht gegen die Interessen der Grundeigentümer ausüben. Über 90 Prozent der Abschußpläne in Bayern werden im Einvernehmen zwischen Jägern und Grundeigentümern aufgestellt. Also kann das Verhältnis so schlecht nicht sein. Viele Jäger sind Waldbauern, sie leben vom Ertrag ihrer Wälder. Die gehen auf eigenem Grund und Boden jagen und können am besten beurteilen, wieviel Wild ihr Wald verträgt. Jäger jagen gern, man muß sie nicht erst wie Sündenböcke auf die Jagd treiben.
SPIEGEL: Aber vielerorts erfüllen die Jäger die Abschußpläne nicht. Weshalb wehren Sie sich dagegen, in solchen Fällen Zwangsgelder zu verhängen?
Vocke: Die Praxis zeigt, daß das zu nichts führt. Wir haben das ja in Oberbayern gehabt, in Aufham. Dort haben die Pächter angeblich zuwenig Rehe erlegt. Trotz der Androhung von 15 000 Mark Zwangsgeld haben die Revierinhaber, örtliche Bauern, gesagt: Wir können die Abschußpläne einfach nicht erfüllen. Dann haben sie die Jagd zurückgegeben. Bis heute hat sich dort kein neuer Pächter gefunden.
Bode: Sie tun immer so, als ob die armen Jagdpächter allein zahlen müßten. Das Gegenteil ist richtig. Dem Waldeigentümer ist es nahezu unmöglich, die existenzgefährdenden Verbißschäden an seinem Wald im Detail zu beweisen. Das meiste davon müssen die Waldbesitzer unentschädigt tragen.
Vocke: Dann kennen Sie die heutigen Pachtverträge nicht. Darin werden alle Schäden dem Pächter aufgebürdet. Auch ist es einfach unfair, die Wildschäden allein den angeblich so schießfaulen Jägern anzulasten. Durch die Störungen der Freizeitgesellschaft wird die Erfüllung der Abschußquote immer schwieriger. Vor allem in großstadtnahen Wäldern haben wir an manchen Tagen eine größere Menschendichte als am Stachus in München. Das scheue Reh ist deshalb größtenteils zum Nachtwild geworden, und nachts ist die Jagd aus Tierschutzgründen verboten.
SPIEGEL: Sie wollen alle Freizeitsportler aus dem Wald werfen?
Vocke: Nein, wir wollen niemanden aussperren. Ich meine nur, wir sollten aufeinander Rücksicht nehmen. Die Gesellschaft erwartet zu Recht, daß wir die Wildbestände bejagen. Dann muß uns die Gesellschaft aber auch die Möglichkeit dazu lassen. Selbst große Naturschutzverbände fordern Ruhe- und Tabuzonen für die Tierwelt. Muß es wirklich sein, daß spätabends Jogger durch den Wald rennen oder in der Dämmerung die Pferde ausgeritten werden? Dann springt das Wild ab, und der Abend ist gelaufen.
Bode: Dummes Zeug, kein Reh fühlt sich durch ein Pferd gestört. Der Hauptstörenfried ist der Jäger selbst. Erst durch die fast ganzjährige, ineffiziente Bejagung ist das von Geburt tagaktive Reh zum Nachttier geworden. Überall dort, wo die Jagd nicht ausgeübt wird, werden die hochsensiblen Tiere nach ganz kurzer Zeit trotz höchster Besucherdichte fast handzahm und lassen Menschen bis auf wenige Meter an sich herankommen. Wildbiologen nennen das den Nationalparkeffekt.
Vocke: Ich kenne dafür den Begriff Verhausschweinung. Im Ernst: Sie widersprechen sich doch. Einerseits sagen Sie, wir schießen zuwenig, andererseits nennen Sie den Jäger Hauptstörenfried in der Natur. Was denn nun?
Bode: Mich stört nicht die Jagd als solche, sondern das mangelhafte Jagdhandwerk vieler naturfremder Jagdpächter. Die Jäger sollten mit effizienten Methoden in kürzerer Zeit deutlich mehr Beute machen. Nur so ließe sich auch der Tötungsstreß einschränken, unter dem die Tiere ständig leben müssen. Das Reh würde lernen, daß ihm über lange Zeiträume des Jahres vom Menschen keine Gefahr mehr droht.
Vocke: Vermenschlichen Sie die Tiere nicht. Das Wesen von Wildtieren ist es, ständig auf der Hut zu sein. Aber was wollen Sie denn konkret anders machen?
Bode: Wir Ökojäger schlagen vor: Im Winter, wenn das Laub gefallen ist, wird innerhalb von nur sechs Wochen richtig Strecke gemacht. Die Jäger sollten dann in den Wäldern mit Hunden auf die Treibjagd gehen. Im Unterholz können sie natürlich mit der Kugelbüchse nicht viel ausrichten, die ist auf kurze Entfernung unsicher und gefährlicher. Deswegen sollte der Einsatz der Schrotflinte auf Rehe wieder beschränkt erlaubt werden.
Vocke: Da können Sie bei mir keinen Treffer landen. Wir sind dagegen, Rehe wie Hasen auf der Treibjagd mit Schrotschuß abzuschießen. Das würde auf größere Entfernung die Tiere nur übel verletzen. Wann kommt Ihnen bei solcher Jagd, bei der die Tiere panisch vor den Hunden flüchten, einmal ein Reh auf 20 Meter nahe? So gut wie nie.
Bode: Das trifft für die Feldflur zu. Doch im Wald können Sie das Reh sehr wohl vor dem jagenden Hund auf kurze Distanz sicher erlegen.
Vocke: Wenn Sie dem Reh aus nächster Nähe eine Schrotgarbe verpassen, bringen Sie es nur sinnlos um und können das hochwertige Fleisch nicht mehr verwerten. Denken Sie nur an die US-Soldaten, die im Vietnamkrieg Schrot als Nahkampfwaffe eingesetzt haben. Die haben dem Gegner den ganzen Körper zerrissen.
SPIEGEL: Herr Bode, sind Sie ein Tierquäler?
Bode: Natürlich nicht. Herr Vocke erzählt Horrorgeschichten. Wildgänse, Füchse und Hasen werden schon immer mit Schrot geschossen, weil es nicht anders geht. Ich vertraue auf die Eigenverantwortung der jägerischen Basis, die ist ohnehin besser, als ihre Funktionäre vermuten lassen.
Vocke: Rehe sind größer als Hasen und Wildgänse. Da muß man mit einem anderen Kaliber ran. Sie schießen ja umgekehrt auch nicht mit Kanonen auf Spatzen.
SPIEGEL: Herr Vocke, weshalb ist der angeblich so verwerfliche Schrotschuß auf Rehe in vielen anderen Ländern erlaubt?
Vocke: In den meisten europäischen Ländern ist der Schrotschuß auf Rehe aus Tierschutzgründen verboten. Wir wollen ja auch keine grausamen Tellereisenfallen wieder bei uns einführen, nur weil sie anderswo erlaubt sind. Man muß nicht jeden Unsinn übernehmen. Der Zweck darf nicht jedes Mittel heiligen.
Bode: Wir haben doch nicht zufällig überall dort naturverjüngte und strukturreiche Wälder, wo der Schrotschuß auf Rehe noch gehandhabt wird, etwa in den Plenterwald-Kantonen der Schweiz oder in Schweden. Sie wollen nicht zugeben, daß der Schrotschuß hierzulande aus rein jagdideologischen Gründen entfiel, als Hermann Göring 1934 das Reichsjagdgesetz erließ.
Vocke: Ich verbitte mir, daß Sie uns Jäger mit den Nazis in Verbindung bringen. Dann ist bei mir der Gesprächsfaden gerissen.
Bode: Ich stelle nicht Sie als Person in die Nähe der Nazis, sondern das geltende Jagdrecht.
Vocke: Der Bundestag hat das Bundesjagdgesetz 1952 beschlossen und bis heute mehrfach novelliert. Das hat mit Nazitum nichts zu tun.
Bode: Ich sage nur, daß das Bundesjagdgesetz mit dem Reichsjagdgesetz in allen wesentlichen Inhalten identisch ist.
Vocke: Das stimmt doch nicht, egal wie oft Sie das wiederholen. An welcher Stelle enthält denn das Bundesjagdgesetz konkret nationalsozialistisches Gedankengut?
Bode: Wie das Reichsjagdgesetz dient das Bundesjagdgesetz vor allem dazu, die Trophäenjagd zu regeln. Hermann Göring war der Schirmherr der Trophäenjagd; er war der erste, der sie gesetzlich fixiert hat - bis auf den heutigen Tag.
Vocke: Sie reden Unsinn. Was hat der Kopfschmuck von Reh und Hirsch mit nationalsozialistischem Gedankengut zu tun - außer daß er braun ist? Geweihe werden gesammelt, seit es Rehe und Hirsche gibt.
Bode: Natürlich wurden seit der Barockzeit Hirschknochen an die Wand gehängt. Das war aber noch keine organisierte Trophäenjagd. Erst durch das Reichsjagdgesetz wurden die Jäger dazu verpflichtet, ihre Beute nach Trophäenmerkmalen auszuwählen. Das männliche Tier darf seither nicht mehr ohne Gehörn geschossen werden. Der Jäger wurde damit zum Gottvater und soll die Hirsche und Rehe nach gut oder böse herausselektieren.
Vocke: Das ist doch alles längst Geschichte. Aufgrund der hochgesteckten Abschußpläne hat ein Jäger heute kaum noch Wahlmöglichkeiten. Er muß schießen, was ihm vor die Büchse kommt; egal, ob das Tier ein prächtiges Gehörn hat oder nicht. Natürlich freut sich der Jäger, wenn er das Glück hat, ein Reh mit starkem Kopfschmuck zu schießen. Warum auch nicht?
SPIEGEL: Herr Bode, was stört Sie daran, wenn sich ein Jäger nach erfolgreicher Jagd ein Geweih über den Kamin hängt?
Bode: Gar nichts. Ich habe nur etwas dagegen, daß die gesamte Jagdpraxis auf den unseligen Trophäenkult ausgerichtet wird. Dadurch wird jede effiziente Jagd verhindert. Jungjäger beispielsweise, die von einem Revierpächter eingeladen werden, dürfen nur die uninteressanten Knopfböcke mit noch spärlichem Gehörn schießen. Alle anderen Rehböcke müssen sie laufenlassen und sitzen deshalb die meiste Zeit untätig herum.
SPIEGEL: Sie behaupten auch, daß die Rehe im Winter nur gefüttert werden, um prächtige Geweihträger heranzuzüchten.
Bode: Das ist in der Tat ein großes Ärgernis. Die Trophäengüte soll nun einmal durch die Winterfütterung wesentlich verbessert werden. Die schädliche Nebenwirkung ist jedoch, daß die Bestände durch die Fütterung künstlich hochgehalten werden.
Vocke: Alles Quatsch. Beim Rehwild bringt die Fütterung für die Geweihentwicklung doch kaum etwas. Mit zuviel Kraftfutter bewirken Sie sogar das Gegenteil.
SPIEGEL: Weshalb haben Sie dann Ihre bayerischen Jäger kürzlich gemahnt, rechtzeitig im Herbst mit der Fütterung zu beginnen?
Vocke: Doch nicht, um bessere Trophäen zu bekommen. Wir müssen nur rechtzeitig mit artgerechter Fütterung zum Schutze des Waldes beginnen, wo die Lebensräume nicht in Ordnung sind, die Rehe also zuwenig natürliche Nahrung finden. Nach dem schlagartigen Abernten der Mais- und Getreidefelder im Herbst ziehen sich viele Rehe in die Wälder zurück. Bevor sie dort den letzten Trieb auffressen, füttern wir lieber - dem Wald zuliebe. Die Fütterung ist aber nur eine Krücke. Um davon wegzukommen, müssen Jäger und Grundeigentümer in Wald und Flur mehr natürliche Äsungsflächen anlegen.
Bode: Wie meistens befindet sich Herr Vocke auf dem Holzweg. Die bayerische forstliche Versuchsanstalt hat in einer großangelegten Untersuchung bewiesen, daß der Wildverbiß durch die Fütterung und künstliche Hegemaßnahmen noch verstärkt wird. Durch die Fütterungsstellen angelockt, knabbern die Rehe in der näheren Umgebung konzentriert die jungen Bäume an. Hafer und Mais sind nämlich nicht Hauptnahrung des Rehwildes, sondern es ernährt sich acht Monate im Jahr durch Knospenäsung. Hinzu kommt, daß durch die Fütterung die Bestände künstlich auf hohem Niveau gehalten werden. Gegen das Waldsterben von unten hilft deshalb nur ein verstärkter Abschuß.
SPIEGEL: Herr Vocke, was wäre schlimm daran, wenn ein Teil der Tiere aufgrund der natürlichen Auslese in einem harten Winter verhungern würde?
Vocke: Nun stellen Sie sich einmal vor, es kommen Spaziergänger und da wanken ein paar dürre Rehe halbverhungert über die Fläche. Was meinen Sie, was dann wieder über die herzlosen Jäger in der Presse steht?
Bode: Warum füttern Sie dann nur die Trophäenträger? Gibt es keine anderen notleidenden Tiere? Das ist doch alles sehr merkwürdig.
Vocke: Herr Bode, das ist Unsinn! Als dürften nur die Rehböcke an die Futterstellen, Geißen und Kitze aber nicht.
Bode: Rehwild zählt als solches zu den Geweihträgern. Wie sieht es mit dem Gams aus? Wird das in einem harten Winter auch gefüttert? Oder der Feldhase? Wenn es uns endlich gelänge, der Nachtigall ein Geweih anzuzüchten, wir hätten vor lauter Nachtigallengesang schlaflose Nächte.
Vocke: Es wird unseriös. Mit hohem eigenem Aufwand und zusammen mit anderen Naturschützern verbessern wir die Lebensräume von freilebenden Tierarten - egal ob Rehwild, Hase, Fischotter, Kiebitz oder Schwarzstorch. Ohne Unterscheidung, ob jagdbar oder nicht. Das müssen Sie doch wissen
Bode: Sie vergessen die staatlichen Jagdparks in Bayern, für deren Erhaltung Sie erbittert kämpfen. Dabei hat der Rechnungshof kürzlich scharf kritisiert, daß diese Einrichtungen den Steuerzahler jährlich Hunderttausende von Mark kosten und keinerlei wildforscherischen Sinn machen. Hauptattraktion in den Jagdparks sind 350 Mufflons, nach Deutschland verschleppte Tiere, die kränklich herumstakeln, weil ihre Schalen hier unkontrolliert weiterwachsen. Aber vielleicht wollen Sie die Mufflons gerne behalten, um einmal exotische Tiere zu schießen?
Vocke: Sie meinen den Ebersberger Forst bei München. Das ist kein privater Jagdpark, sondern ein Staatsforst, in dem Staatsförster das Jagdrecht haben und sich das Muffelwild bester Gesundheit erfreut. Und wenn es sich unsere Gesellschaft leistet, Museen und Theater zu subventionieren, wo leider nur wenige hingehen, dann muß man auch etwas für die Hunderttausende tun, die gerne in die Wildparks gehen und Wild sehen wollen.
Bode: Wozu muß die Bevölkerung unbedingt korsische Wildschafe im deutschen Buchenmischwald bewundern? Dann könnten Sie doch auch fordern, wir brauchen Elefanten im deutschen Wald!
SPIEGEL: Herr Bode, Sie kritisieren die mangelnden ökologischen Kenntnisse der Jäger. Reicht die als anspruchsvoll gefürchtete Jägerprüfung nicht aus?
Bode: Untersuchungen etwa der Entenjagd am Bodensee oder letztes Jahr bei der Gänsejagd an der unteren Mittelelbe haben gezeigt: Wenn die Gans zu Boden fällt, ist es nicht selten ein Kranich. Auch das Schießen auf bewegte Ziele müßte häufiger geübt werden. Heute sind die Schießanforderungen beim Jagdschein sehr milde. Und wer das einmal geschafft hat, wird nie wieder geprüft, obwohl die Schießfertigkeit mit dem Alter stark nachläßt. Es wäre wünschenswert, zumindest ab einem gewissen Lebensalter einen regelmäßigen Schießleistungsnachweis zu verlangen.
Vocke: Dann müßten Sie konsequenterweise auch eine regelmäßige Kontrolle von Führerscheininhabern fordern. Um regelmäßig die Schießfertigkeit zu überprüfen, brauchten wir wesentlich mehr Schießstände.
Bode: In diesem Punkt bin ich doch auf Ihrer Seite.
SPIEGEL: Herr Vocke, immer wieder erschießen die Jäger angeblich wildernde Hunde. Was haben Sie eigentlich dagegen, wenn Ihnen die Haustiere ein wenig bei der Reduzierung der zu hohen Wildbestände helfen?
Vocke: Das meinen Sie nicht im Ernst! Haben Sie schon einmal erlebt, wenn einer hochbeschlagenen Geiß von Hunden der Fötus herausgerissen wird? Sie müßten einmal die Schmerzensschreie der Rehe hören. Da wollen Sie tatenlos zuschauen? Und bei der Jagd kommt es nicht nur darauf an, Wildtiere zu töten, sondern auch darauf, das Fleisch und das Fell sinnvoll zu nutzen. Wir sind Jäger und keine Kammerjäger, die Ungeziefer vernichten, egal, wie.
Bode: Das ist doch pure Heuchelei. Wie oft kommt es vor, daß Jäger selbst ein Beutetier nur verletzen und es angeschossen trotz Nachsuche nicht gefunden wird? Warum sprechen Sie nicht darüber, wie qualvoll ein Wildschwein verhungert, dem der Unterkiefer weggeschossen wurde? Daß ein Haushund wirklich wildert, passiert extrem selten. Schauen Sie doch einmal, wie Stadthunde sich verhalten. Die weichen meistens nicht einen Schritt vom Weg ab ins Unterholz. In den letzten 20 Jahren habe ich keinen wirklich wildernden Hund mehr gesehen.
Vocke: Dann sind Sie zu selten draußen. Sollte aber ein Hund rechtswidrig geschossen werden, ist das ein Fall für den Staatsanwalt.
SPIEGEL: Herr Bode, Herr Vocke, wird es in 50 Jahren noch Jäger in Deutschland geben?
Bode: Die 30 000 deutschen Jagdpächter werden erheblich in Bedrängnis geraten, wenn sie Wildschutz weiter über den Wald stellen. Die Entnazifizierung des deutschen Jagdrechts ist überfällig - oder die 1,3 Millionen Waldbesitzer werden die Sache selber in die Hand nehmen müssen.
Vocke: Natürlich hat die Jagd Zukunft. Wenn es den Jäger nicht gäbe, müßte man ihn erfinden. Die Bevölkerung sieht das ebenso. Am Pfingstmontag hatten wir beispielsweise bei schönstem Wetter eine Veranstaltung, die mit einer jagdlich gestalteten Messe begann. Der Pfarrer sagte: "So voll sind die Kirchen selten." Auch die Jagdverbände können sich über Zulauf nicht beklagen. Allein in Bayern haben wir in den letzten Jahren mehrere tausend neue Mitglieder gewonnen, darunter viele Waldbauern.
SPIEGEL: Herr Bode, Herr Vocke, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch moderierte Redakteur Olaf Stampf.
Von Olaf Stampf

DER SPIEGEL 26/1998
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 26/1998
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SPIEGEL-STREITGESPRÄCH:
„Rehe sind keine Pappkameraden“

Video 00:54

Ägypten Archäologen finden Katzen-Mumien

  • Video "Brände in Kalifornien: Promi-Ort Malibu evakuiert" Video 01:24
    Brände in Kalifornien: Promi-Ort Malibu evakuiert
  • Video "100 Jahre Frauenwahlrecht: Gleichstellung haben wir trotzdem nicht" Video 02:06
    100 Jahre Frauenwahlrecht: "Gleichstellung haben wir trotzdem nicht"
  • Video "Vor Norwegen: Kriegsschiff kollidiert mit Tanker" Video 01:03
    Vor Norwegen: Kriegsschiff kollidiert mit Tanker
  • Video "Die Sache mit dem Aschedünger: Bill Gates' wasserlose Toilette" Video 01:18
    Die Sache mit dem Aschedünger: Bill Gates' wasserlose Toilette
  • Video "Webvideos der Woche: Das ist doch die Höhe" Video 02:10
    Webvideos der Woche: Das ist doch die Höhe
  • Video "Wir drehen eine Runde: Lada Vesta SW Cross" Video 06:21
    Wir drehen eine Runde: Lada Vesta SW Cross
  • Video "Schach-Videoanalyse: Carlsen hatte die Qual der Wahl" Video 03:35
    Schach-Videoanalyse: "Carlsen hatte die Qual der Wahl"
  • Video "Projekt Jeder hilft Jedem: Wie 17 Flüchtlinge den Deutschen danken wollen" Video 02:51
    Projekt "Jeder hilft Jedem": Wie 17 Flüchtlinge den Deutschen danken wollen
  • Video "Filmstarts der Woche: Auf den Mond geschossen" Video 08:58
    Filmstarts der Woche: Auf den Mond geschossen
  • Video "Eklat bei Trumps Pressekonferenz: Wurde das Eklat-Video manipuliert?" Video 01:51
    Eklat bei Trumps Pressekonferenz: Wurde das Eklat-Video manipuliert?
  • Video "Schach WM 2018: Man spürt die Kampfeslust" Video 04:06
    Schach WM 2018: "Man spürt die Kampfeslust"
  • Video "Suchoi Su-57: Video zeigt Russlands neuen Tarnkappenjet" Video 00:57
    Suchoi Su-57: Video zeigt Russlands neuen Tarnkappenjet
  • Video "Mit Hand und Fuß: Chinese löst drei Zauberwürfel gleichzeitig" Video 01:14
    Mit Hand und Fuß: Chinese löst drei Zauberwürfel gleichzeitig
  • Video "US-Präsident gegen CNN-Reporter: Ist Trump zu aggressiv - oder Acosta?" Video 04:03
    US-Präsident gegen CNN-Reporter: Ist Trump zu aggressiv - oder Acosta?
  • Video "Ägypten: Archäologen finden Katzen-Mumien" Video 00:54
    Ägypten: Archäologen finden Katzen-Mumien