29.06.1998

LEGENDENDie Beine der Dolores

Dolores war ein Flamenco-Star der Adenauer-Zeit. Doch niemand wußte, daß in dem Zigeunerkleid ein Mann die Varietébühne betrat. Sylvin Rubinstein tanzte als Frau, weil die wirkliche Dolores während des Holocaust ermordet wurde. Von Kuno Kruse
Der Tag gehört dem Lackschuh. Der Vorhang hebt sich, unter dem Tremolo der Hacken vibriert das Parkett. Die Kastagnetten schlagen wie die Klapper einer Schlange, wie ihr Kopf winden sich Hände. Paradies und Höllenqualen, alles kommt aus Schritten und Gebärden. Im Finale dann spannt eine grazile Armbewegung das Zigeunerkleid zu einem großen Fächer auf. In diesem Augenblick erfüllt die ganze Würde des Flamenco die welke Wohnung in Hamburg-St. Pauli.
Sie sind schmal geworden, die Bretter, die einmal die Welt bedeuteten. Der Vorhang ist nur noch eine alte Gardine, die Bühne eine Nähtischplatte im Korridor, in den eine gnädige Nachmittagssonne ein warmes Scheinwerferlicht vom Hinterhof hereinwirft. Blaue Äderchen überspannen die Beine der Dolores. Sie sind alt geworden, fast so alt wie das Jahrhundert, aber sie tanzen wie früher. Und aus den Augen der Dolores strahlt der Glanz des Varietés.
Dann verwandelt sich das Nähtischparkett in ein Meer aus Rosen. Tagträumerische Erinnerung holt die Ovationen zurück: Königin Juliana der Niederlande sitzt in der Loge, auch Kaiser Haile Selassie. In der Garderobe wartet in einem seidenen Mohnblumenkleid die Millionenerbin Barbara Hutton. Und sie wird fragen, wo jemand so tanzen gelernt hat. Und Dolores wird antworten: Bei Madame Litwinowa von der Zarenoper.
Die Nacht gehört den Stiefeln. Eierschalen im Treppenhaus knistern warnend unter Ledersohlen, beschlagene Absätze knallen aufs Warschauer Pflaster. Die Stiefel treten in Gesichter, schreiten Leichen ab. Die Träume zerreißen den Schlaf. Dann kauert Dolores auf dem Küchensofa. Stirn und Brust stehen in Schweiß.
Dolores' Bett ist seit Jahren unberührt, die Schlafphasen sind zu kurz für Laken und Daunen. Zu viele Gespenster kommen nachts zu Besuch in die warme Küche. Sie kommen aus dem Warschauer Ghetto. Sie kommen aus Buchenwald. Dann sterben sie in Dolores' Armen. Nacht für Nacht.
In ihrem schwarzen Kleid mit silbernen Pfauenpailletten erscheint immer wieder Dolores' Schwester. "Auch Juden haben Engel", sagt Dolores, "schwarze Engel." Die Schwester ruft Dolores: "Sylvin." Das ist Dolores' richtiger Name, ein Männername: Sylvin Rubinstein.
Der alte Mann steht auf und zündet eine Kerze für sie an, die große auf dem tibetischen Messingkandelaber. Es brennen viele Leuchter in der Küche, jede Nacht. Er braucht ihren sanften Schein. Dann hört er den alten Rebbe sagen: "Rubinstein, bete, egal in welcher Sprache, aber bete."
Der Name Rubinstein steht nicht an der Tür und auch nicht auf dem Briefkasten. Der alte Herr mit dem osteuropäischen Akzent, der einmal Dolores war, lebt, ängstlich zurückgezogen, mit seinen Gespenstern. Auf dem Kiez, wie sich St. Pauli nennt, kennen alle nur Dolores. Niemand weiß, daß Rubinstein einmal eine Zwillingsschwester hatte, die Maria hieß. Und daß sie zusammen Flamenco tanzten. Daß er eine Frau hatte, Sala Gutman, aus guter jüdischer Familie. Nachts ist sie um ihn, weckt Reue, weil er nicht da war, als die Mörder sie abholten. In einem Wahnbild sieht er seine beiden Kinder, und immer sieht er SS-Männer, wie sie die kleinen Körper ins Feuer werfen. Rubinsteins Kinder waren damals noch keine drei Jahre alt.
Nur auf St. Pauli, in den Seitenstraßen, unter Punks, Musikern, Grün-Alternativen und Huren fühlt sich Rubinstein heute sicher. "Das sind alles Kommunisten", sagt er. Das ist sein Synonym für Menschen, "die den Juden nichts tun". In einer Welt, in der Erinnerungen wie Alpträume sind, verschwinden die Graustufen. Da heißt Gut und Böse auch 50 Jahre später Kommunist oder Nazi. "Gott", sagt Rubinstein, "war Kommunist. Er hat gegeben seinen Sohn."
Der Tänzer geht an seinen kleinen Kohleherd, über dem Apfelsinenkisten zu Feuerholz trocknen. Er kocht seinen "Kommunistenkaffee", bei dem sich der Satz auf dem Boden sammelt. Dann kramt er eine Schachtel hinter dem Vogelkäfig hervor. Er nimmt ganz vorsichtig, wie etwas Zerbrechliches, das Porträt einer jungen Frau heraus. Ihr Haar ist mit einer Spange gehalten, die Augen blicken scheu. "Wenn du willst verstehen, wie entstanden ist Dolores, du mußt kennen dieses Schicksal." Dann legt er das Foto genauso behutsam zurück. "Das ist Schwesterchen meine, wir sind gewesen Zwillinge. Sie wollte gehen, die Mama holen, Sala und die Kinder. Und ist nie gekommen wieder." Das war in Warschau 1942. Sie fuhr nach Brody in Galizien, dort, wo heute die Ukraine ist. Sie hatte zu ihm gesagt: "Ich komme durch, ich sehe nicht jüdisch aus."
Dolores wurde Legende in den Varietétheatern von St. Pauli, die einmal Moulin Rouge hießen, Trichter und Tabu. Das war in den Jahren des Wirtschaftswunders, als in jedem deutschen Hausflur eine Spanierin hing, die man wieder "rassig" nennen durfte. Wenn Rubinstein von dieser Zeit erzählt, ist er wieder Dolores. Dann strömen die Gäste aus der Oper in den Trichter: "Hat Dolores schon getanzt?" Es verzaubern sich die Zuhälter in Kavaliere, und Boxer wie der spendable Prinz von Homburg werden geadelt. "Aber wenn ein stinkender, deutscher Fisch an mich rangekommen, dann ich habe gesagt: Excusez-moi, je ne parle que français."
Die Schauspielerin Maria Litto, erinnert sich Dolores, habe in der ersten Reihe gesessen und die Schritte studiert. Sie tanzte in Geza von Cziffras Revuefilm, in dem Gerhard Wendland die "Beine der Dolores" besang.
Nur der Titel verband das Lied mit dem Tänzer. Als der Film 1951 in den Kinos lief, machte Dolores schon bald den ersten Striptease auf der Großen Freiheit. Vor dem Finale schlängelte sich die Federboa keusch über Brust und Schritt. Unter dem Kleid trug Rubinstein perlenbestickte Dessous. Die Gäste an den Tischen schrien und rissen an den Perlen. "Und ich habe gesagt, das unter die Perlen kostet 300 Mark, da können Sie sehen meine Scham. Und ich habe gezeigt die Eier."
Der Tänzer hatte "zu füttern 17 Katzen und noch mehr Menschen, streunende". Verarmte Künstler sind bei ihm untergekrochen. Dissidenten aus Osteuropa, später, nach dem Militärputsch in Santiago, Sozialisten aus Chile; einmal versteckte er einen, den die Polizei suchte, weil er mit der RAF sympathisierte. Noch später beherbergte er Flüchtlinge aus Sri Lanka. Aber da tanzte Dolores schon lange nicht mehr. Die Flüchtlinge hießen jetzt Asylbewerber, und der alte Herr Rubinstein handelte mit Trödel.
Viele Kostgänger hat Rubinstein in der Ausländerbehörde getroffen. 22 Jahre lang half er als Dolmetscher aus. Er spricht französisch, russisch, polnisch, ukrainisch, englisch, spanisch und deutsch mit einem Akzent, der seine Herkunft nicht verleugnen will. Manchmal ist es, als spiele der Tänzer, der bis heute nur einen Fremdenpaß hat, mit verdrehter Syntax, damit er nicht zu perfekt deutsch spricht. Jede Sprache steht für eine Lebensstation. In seinen Erinnerungen springt er zwischen ihnen hin und her. Nur wenn er Halt sucht an Worten, dann spricht Sylvin Rubinstein jiddisch.
Das Französisch kam "von der Mama", sagt Rubinstein. Sie war Jüdin, eine Tänzerin in St. Petersburg, als der russische Adel noch Versailles spielte. Über seinen Vater weiß er nur aus ihren Erzählungen. Es soll ein Fürst Dodorow gewesen sein, während der Revolution ermordet. Die Mutter floh mit ihren Zwillingen über Budapest nach Brody in Galizien, wo Europa einmal jüdisch war. Dort lag eines der ältesten Schtetl an der Handelsroute nach Kiew. Galizien kannte den Hunger und den Frost. Heute erscheint es Rubinstein wie ein Paradies, durch das er barfuß gelaufen ist. Dann schwärmt er von den bejggele, den salzigen Hefeteigbrötchen, die er für seine Schwester stibitzte.
So wie die Zigeunerkinder, denen sie zugeschaut hatten, tanzten die Zwillinge für ein paar Zloty auf der Straße. Als die Mutter ihr Talent erkannte, sandte sie die Kinder zu Madame Litwinowa, der großen russischen Solistin, die nach ihrer Flucht in Riga lebte. 60 Kinder trainierten im Ballettsaal. Als die anderen gingen, mußten die Geschwister weiter üben. Die Litwinowa prophezeite ihnen eine Weltkarriere.
Kaum flügge, pfiffen sie auf das klassische Ballett. "Der Flamenco uns hat gelegen. Er ist maurisch, ist hebräisch, und die Zigeuner haben ihn bewahrt." Das Zwillingspaar eroberte die Varietétheater. Das Adria in Warschau, "bei Direktor Muskovic", dann das Libiza-Theater in Lodz. Rubinstein schwelgt, und dann seufzt er: "Ach, hat Gott se masl gegeben." Das Pélmél-Varieté in Budapest, dann Wien, Sofia, Bukarest. In den Rängen sitzen Damen in Abendrobe und stolze Husaren mit gepuderten Gesichtern.
Und Lemberg mit seiner polnischen Aristokratie, das ganze Varieté aus Marmor, die Treppengeländer vergoldet: "Mein Schwesterlein und ich, gekommen mit Vogel, weißem. Dann setzen die Kapelle ein. Und das Parkett, wunderbar! Wie Glas!"
Der Tänzer ließ sich in Lemberg die Nase operieren, "die jiddische Gummel". Nur eine winzige Narbe ist geblieben. Und bis heute ein Brennen in jedem Winter und Rötungen jeden Sommer.
Die Tourneen führten nach Krakau, Paris, London, Istanbul. Und nach Berlin. Der Wintergarten mit seinem Sternenhimmel, "drei schwere Vorhänge", und die Scala. "Mein Schwesterlein und ich, ein Fuß wir waren, magnetisch im gleichen Takt."
Nach der Vorstellung saßen sie bei Mutter Schwannecke in der Künstlerklause gegenüber der Scala. Ein buntes Volk aus vielen Völkern. Jens Keith, der gute Freund von der Oper, warnte die Zwillinge immer wieder vor den Nazis. Dann brannten die Bücher, und die Stiefel marschierten. Hals über Kopf verließ das Tanzpaar das Reich. Rubinstein sind nur ein paar Kastagnetten und eine Gitarre aus dieser Zeit in Berlin geblieben. Die Baronin Wranicke, eine Mäzenin, hatte sie aufbewahrt.
Heute ist Rubinsteins Wohnung ein sentimental sakrales Museum. Puppen in Flamencokostümen, die anderswo Kitsch wären, sind in diesem Tempel der Erinnerung Reliquien. Zwischen russischem Samowar, chinesischem Porzellan, Madonnenbildern, Fotos und Flamencokostümen verstecken sich Davidstern und Chanukka-Leuchter. Funde von einer vernichteten Kultur. Rubinstein kaufte auf Flohmärkten zurück, was einmal geraubt worden war.
Maria und Sylvin Rubinstein gastierten in Prag, da marschierte die Wehrmacht in Österreich ein, die Geschwister suchten Sicherheit in Polen, da hallten die Stiefel durch Warschau. Rubinstein erlebte die Mordlust der Eroberer: "Da ist gefahren der Lastwagen in die Menschen. Juden und Polen sind gelegen auf dem Trottoir." Und er sah die Habgier: "Sie haben dem alten Mann gebrochen die Hände, weil er die Juwelen versteckt."
Wenn sich Rubinstein erinnert, entstehen die Szenen neu, beginnen Menschen wieder zu leben. Unauslöschbare Bilder zerreißen jede Chronologie. Er ist ein Tänzer, dessen Sprache die Bewegung, ein Künstler, dessen Erzählrahmen eine Bühne ist und dessen Adressat immer auch Publikum. Er läßt Atemlosigkeit entstehen und Trauer, unter deren Last er plötzlich selbst zusammensackt. So ist das, was nicht Geschichte werden will, in dieser welken Wohnung auf St. Pauli lebendig gehalten. Die kleine Küche ist plötzlich Kulisse des Ghettos. Das Gedränge in den Straßen, die überfüllten Notlager in den Treppenhäusern, Hunger, Krankheit, Todesangst erstehen wieder aus Worten und Bewegungen.
Wie ein Zauberkünstler läßt Rubinstein die Kastagnetten in einer Tasche verschwinden und aus einer anderen wieder- auftauchen. Aus den leuchtenden Augen des alten Mannes blickt jetzt spitzbübisch der junge Tänzer: "So sind verschwunden die Pistolen von SS-Säue, deutsche." Chuzpe war eine Tugend.
Dann hörte er die Schritte des SS-Mannes aus dem Dunkel der Erinnerung: das alte Militärgefängnis in der Gesiastraße. Die Schreie aus den anderen Zellen kündigen ihn an. Der Deutsche trägt Glacéhandschuhe. Damit streicht er den Gefangenen zwischen die schmutzigen Zehen, schnüffelt an der Fingerspitze. Dann schlägt er den Männern wie angewidert auf die Fußnägel, bis das Blut spritzt. "Solch perverse Sau", sagt Rubinstein, "ich habe gepißt auf die Füße, daß sie sind sauber." 50 Geiseln, eingepfercht in einer Zelle über ein Vierteljahr, dann wieder ausgestoßen ins Ghetto. Das war 1942. Aber auch der Friseurladen in der Siennastraße ist wieder da, die Schleuse in das "arische" Warschau.
"Masl und bróche, wenn du nicht hast, bist du tot", sagt Rubinstein. Er steht an der Heiligkreuzkirche, als Soldaten vorbeiparadieren. Der Offizier zu Pferd reißt die Zügel herum und reitet auf ihn zu. Rubinstein rezitiert den folgenden Dialog, als habe er ihn immer wieder auf einer Bühne gesprochen:
"Sind Sie nicht der Tänzer aus der Scala? Was machen Sie in Warschau? "
"Ich war im Adria engagiert, und jetzt ich habe ein Problem."
"Oh, mein Gott! Ich begleite die Truppe noch, dann treffen wir uns hier um 17 Uhr."
Der Mann auf dem Pferd war ein Verwandter des Kapellmeisters der Berliner Scala Otto Stenzel. Er weist dem Tanzpaar den Weg aus Warschau.
Rubinstein reist nach Krakau. Dort sollte es Papiere geben. Die Schwester bricht nach Brody auf, die Familie zu holen. In Krakau wollten sie sich wiedersehen.
Bei Lublin sieht Rubinstein das Morden durch das Zugfenster. Die Juden hätten im Wasser gelegen. "Und die Lebendigen saßen auf den Toten." Im Waggon trifft Rubinstein auf eine junge Frau. Sie trägt ein Kopftuch wie eine Bäuerin. Aber er erkennt sofort: "Gott, Gerechtige, das ist eine Jiddische." Es ist Freitag, Viertel vor vier. Er hat ein Hähnchen und teilt es mit ihr zum Sabbat. Als die Frau aussteigt, sagt sie: "Mich bekimt die nicht." Und Rubinstein verspricht: "Mich bekimt die auch nicht."
Bis heute heiligt Sylvin Rubinstein diesen Tag. Er schaltet das Radio ein, Norddeutscher Rundfunk, viertes Programm: "Zum Sabbat". Dann setzt er die Kippa auf und gibt die Flamme vom rechten Leuchter an den linken. In einer jüdischen Familie zündet die Frau die Kerzen an. Aber Rubinstein lebt allein. Nur die Madonna ist bei ihm, einen Meter groß, aus Holz geschnitzt. Sie blickt von Gobelins und Ikonen. "Maria war Jüdin", sagt Rubinstein, "und das Jesuskind auf ihrem Arm war Jude."
In Krakau wartete er vergeblich auf seine Schwester Maria, auf Sala, die Kinder und seine Mutter. "Und ich warte bis heute." Bei jeder Dokumentation über den Holocaust hockt Rubinstein ganz dicht vor seinem kleinen Fernsehapparat. Dann sucht er nach Lebenszeichen auf einem halben Jahrhundert alten Zelluloid.
Manchmal ist es, als müßte der Tänzer Mut beweisen und Triumphe zeigen. So wie jene Partisanenaktion 1942, ganz im Süden von Polen, zwischen Jaslo und Krosno. Die russischen Kriegsgefangenen sollten befreit werden.
Die Wachtürme erscheinen im fahlen Scheinwerferlicht. Rubinstein robbt an das Stromkabel. Das Licht fällt aus, und die Partisanen schießen auf die Wachen. Dann springt der alte Mann auf, und die Küche ist wieder Bühne. Jüdische und polnische Widerstandskämpfer, in der Geschichtsschreibung nur Randnotiz, finden in Rubinsteins Erinnerungen ihr Ehrenmal. "Gott hat gemacht mich zum Tänzer, Hitler hat gemacht mich zum Agenten."
Im Leben dieses Tänzers ist so vieles geschehen, daß Zweifel kommen, wie alles hineinpassen konnte. Und man fragt nach in Polen. Und das Gefangenenlager in Jaslo ist wirklich überfallen worden. Und eine Frau in Krosno erzählte ihrer Enkelin, daß sie einen der geflohenen Russen im Keller versteckt gehalten hatte. Und es beschleicht den Zweifler die bittere Ahnung, daß, wenn dieses jiddisch gesetzte Deutsch, das auf St. Pauli ein Versteck gefunden hat, einmal verstummen wird, etwas verloren ist, das keine Bibliothek bewahren kann.
Wenn es Nacht ist in der engen Küche und Rubinstein sich auf das große Kissen legt, schmiegt sich ein Kaninchen an seine Brust. Er hat es im Park gefunden und mit dem Löffel aufgezogen. So ähnlich sind die beiden Tauben in die Wohnung gekommen und der Nymphensittich, der sich tagsüber auf Dolores' Schulter plustert. "Die Tierchen", sagt Rubinstein, "sind meine Gesellschaft."
Auch 1942, auf dem Friedhof in Krosno, waren Kaninchen Dolores' nächtliche Gefährten. Das Rascheln, das plötzlich zu vernehmen war, aber kam nicht von den Kaninchen. Es waren jüdische Geschwister, von den Eltern in den Tannen versteckt. Er wußte: Für die Kinder gab es nur eine Rettung: das Kloster Miejsce Piastowe.
In jener Nacht auf dem Friedhof hatte Rubinstein auf einen Deutschen gewartet: Major Kurt Werner, 257. Infanteriedivision, 1. Bataillon. Gemeinsam brachten sie die Kinder zum Kloster. Die Nonne an der Pforte zögerte, als sie den Offizier sah. Aber Rubinstein sagte: "Dieser Mann ist ein lebendiges Gotteskind, für euch und für die Juden." Und die Nonne öffnete. Durch die Verbindung zu deutschen Soldaten, berichtet eine der Schwestern heute, seien sie damals auch an Wehrmachtsuniformen gelangt, dank deren Mönche die versteckten Kinder über die Grenze schaffen konnten. Noch immer erhält sie aus London Briefe von Überlebenden, die als Kinder durch das Kloster gegangen waren.
Rubinstein hatte den Major das erste Mal in Krakau getroffen. Werner hatte bei einem Schuhputzer neben ihm gestanden. Vielleicht hatte der Soldat ihn angesprochen, weil Rubinstein so gut gekleidet war, vielleicht, weil sich der Tänzer so elegant bewegte. Sie sprachen englisch, dann deutsch, französisch. Der Deutsche lud ihn in ein Restaurant ein. Rubinstein wird nie vergessen, daß sie Ente aßen und Rotkraut. Und plötzlich fragte der Offizier: "Jude oder halb?" Am nächsten Tag hatte Werners Chauffeur Rubinstein mit nach Krosno genommen, zwei Autostunden von Krakau entfernt.
Um Major Werner war Leben. In der Villa Piasecki in Krosno, wo er bei zwei Lehrerinnen aus Danzig Quartier genommen hatte, gab es Personal und Abendgesellschaften. Werner kam aus Berlin. Er war Mitte 40, trug Monokel. Er hatte in Galizien ein Kabarett gegründet: "Die Überwinder". Die Kameraden waren Maler, Bildhauer, Philosophen und ein Pfarrer.
Was mögen das für Soldaten gewesen sein, die Polen besetzten und jenseits des Mordens Theater spielten, die malten und Gedichte schrieben? Die Verfolgten über die Grenzen halfen und die Rubinstein mit Lebensmitteln zu einem Gehöft schickten, in dem sich ein Deserteur verborgen hielt? Rubinstein glaubt, daß sie eine Masche jenes Netzes waren, das bis zu den Verschwörern des 20. Juli geknüpft war. Eingeweiht wurde Rubinstein nicht. Aber er erinnert sich an eine junge Frau, die er häufig in der Villa traf: "A jiddisches Kindl."
Rubinstein hat sich 1945 für Kurt Werner bei den Alliierten verwendet. Der wurde sofort aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft entlassen. Danach ist Werner Lehrer geworden in Gerlingen bei Stuttgart. Kollegen dort erinnern sich an einen kunstbesessenen Nachtschwärmer. Am 25. September 1979 ist er verstorben. Von Galizien hat Werner niemandem erzählt.
Allein im persönlichen Nachlaß, den er einem Freund hinterließ, findet sich ein Gästebuch aus seiner Wohnung in Berlin, Urbanstraße 183, und einige Briefe aus Galizien. Dabei liegt noch das Manuskript der Tischrede eines Kameraden zu Werners Verlobungsfeier. Die Verlobte hieß Ethel, war gerade 20 Jahre alt, "am Filmhimmel", so verkündet der Gratulant, "der kommende Stern". Ob es das jüdische Mädchen war, das er oft in der Villa getroffen hatte, kann Rubinstein nicht mehr sagen. Der Stern ist niemals aufgegangen.
Unter Gedichten und Aquarellen liegen Briefe der Sängerin Rotraut von Paumgartten, die bei einem Gastspiel unter den Offizieren weilte. In einem, datiert vom 28. Oktober 1944, erkundigt sie sich nach dem "kranken Jungen" in Werners Wohnung in Berlin. Der "Junge" war Rubinstein.
Sylvin Rubinstein trug eine Karte um den Hals, als er am 12. September 1942 mit der Bahn nach Berlin geschickt wurde. Abgestempelt vom Arbeitsamt Krosno. Darauf stand der Name Turski. Auf den Papieren, die er in der Wojtynkiewicz-Apotheke von Krosno bekommen hatte, war er Pole, römisch-katholisch. Er hatte sich als Zwangsarbeiter im Krankenhaus Neukölln zum Dienst zu melden, der "Umfallklinik Süd-Ost". Das falsche m blieb unbemerkt.
In den Archiven des Krankenhauses fehlen aus dieser Zeit alle Akten. Der Tänzer auf St. Pauli aber hört die sterbenden Polen nachts rufen. "Sie haben gekotzt, als hätten sie gefressen Tabak." Er ist sicher, sie kamen aus einem Lager. Dann sagt er Buchenwald. Einer sei stark gewesen wie ein Boxer. Ein anderer habe nach einer Zitrone geschrien. Von einem weiß er sogar noch den Namen: Edmund. Die Zähne waren ihm ausgeschlagen. Edmund nahm Rubinsteins Hände und sagte: "Ich muß sterben, die haben mich angespritzt." Dann drückte Edmund ihm ein Buch und ein Medaillon in die Hand. Rubinstein sollte es den Eltern nach Polen schicken. Aber wie sollte er damals etwas verschicken?
Rubinstein hat es nicht ausgehalten im Dienst der medizinischen Forschung im Krankenhaus Neukölln. Freunde verhalfen ihm zu einem anderen Arbeitseinsatz.
Als Treffpunkt war der Friedhof am Halleschen Tor ausgemacht. Dort sollte eine Frau ihn abholen. Sie würde ein Tuch über dem Arm tragen. Doch Rubinstein wartete vergeblich. In einer "Katakombe" fand er ein Versteck. Darin standen zwei Särge, und Rubinstein legte seine Hand darauf. Und sagte: "Väterchen, sei nicht böse, ich leiste dir Gesellschaft. Ich will für dich beten, daß du schlafen kannst."
Drei Nächte hatte Rubinstein auf dem Friedhof verbracht, Wasser getrunken aus einer Friedhofsvase. Dann endlich wandelte die Frau mit dem Tuch über dem Arm durch die Gräberreihen. Sie hatte ihn lange gesucht, denn er hatte den Friedhof verwechselt. Die Katakombe war eines jener Grabhäuschen, wie sie auf dem Südstern-Friedhof entlang der Mauer stehen. Heute ist es ein Geräteschuppen.
Die Frau besaß ein Schirmgeschäft in der Urbanstraße. Sie hatte die Schlüssel zu Werners Wohnung. Zwei Jahre lebte er dort versteckt.
Die Bombenangriffe, die Berlin erstarren ließen, ermöglichten dem Versteckten Bewegung. Viele hatten die Stadt verlassen. Überall waren Zwangsarbeiter. "Und Agenten", sagt Rubinstein. Er hielt Kontakte zu Tschechen, zu Russen, zu Deutschen. Mal ist der Pole Turski "mit Malerklamotten und einem Eimer" unterwegs, in dem Kassiber versteckt sind, mal verpaßt er beinahe die Frau mit dem grünen Turban, die Informationen bringt. Die Gedächtniskirche wird zur Nachrichtenbörse. Von einem Anschlag auf einen Polizeiposten in einer Seitenstraße des Kurfürstendamms beschreibt der Tänzer jedes Detail. Er trifft auf viele, denen er heute den Ehrentitel Agent verleiht. Menschen wie den Bäckermeister gegenüber, der ihm Brot und Streuselkuchen beiseite legte. Und den Chemievorarbeiter Ernst Richter in der chemisch-pharmazeutischen Fabrik H. Starke in Berlin-Tempelhof. Seine Widerstandsgruppe verschaffte dem Illegalen für den Fall einer Straßenkontrolle ein neues Arbeitsdokument. Er stieß auf Christen, Kommunisten, Reste einer Gesellschaft, die es vor 1933 gegeben hatte.
Einmal war auch Kurt Werner nach Berlin gekommen, und er hatte seinen Untermieter eingekleidet und mitgenommen in ein Tanztheater. Als die Tänzerin in einem schwarzen Kleid erschien, hat Rubinstein geweint, "weil ich habe gedacht an Schwesterlein meine". Später, in der Wohnung, setzte sich der Offizier an das Klavier und spielte Maurice Ravels "Rhapsodie espagnole". Und Rubinstein tanzte. Da machte der Major eine Flasche auf. "Aber ich habe nur angezündet eine Kerze."
Als Rubinstein erkrankte, wurde das katholische Franziskus-Krankenhaus in der Burggrafenstraße zur Zuflucht. Nonnen und Ärzte nahmen Juden und Flüchtlinge für Monate, sogar Jahre als Patienten auf, schleusten sie an Nazi-Ärzten vorbei.
Schwester Stanislawa, heute 90, kann sich noch gut an Rubinstein erinnern. Für den "schlanken jungen Mann", sagt sie, brauchte sie nicht zu beten: "Der war fromm genug. Immer saß er in der Kapelle und weinte."
Rubinstein weint noch immer, wenn er allein ist mit seinen Gespenstern. Aber wenn Dolores tanzte, dann lachte Rubinstein. Der Tanz war Weiterleben. Musik und Applaus nahmen ihn nach der Befreiung in den Arm. "Ich habe gegeben mein Herz an die Füße."
Er tanzte wieder Flamenco. Doch keine Partnerin war wie Maria. Er tanzte, die linke Körperhälfte in der Weste des José, die rechte im Kleid der Carmen. Er tanzte vor amerikanischen Soldaten. Er feierte Triumphe in der Schweiz. "Nie wieder ich wollte betreten das Nazi-Land."
Rubinstein kehrte nie nach Deutschland zurück. Dolores kam. Sie tanzte die Schritte, die Maria Rubinstein getanzt hatte, und sie trug die gleichen Kostüme. "Dolores hat nie verbeugt sich, den Kopf bis zum Knie, wie Artisten ohne Schule. Dolores war eine Königin."
Wenn Dolores im Morgengrauen über den Bürgersteig stolzierte, drehten die Menschen aus der Frühschicht die Köpfe nach ihr um. "Ich habe 24 Pelze gehabt, 24 Paar Schuhe. Perlen und Parfüm waren mir nie zu teuer." Doch das Varieté starb, und das Königreich wurde kleiner. Von den vornehmen Gästen kamen nur noch die Zahlenden, "zu steigen auf die Huren". Und Dolores trat aus dem Rampenlicht: "Ich wollte werden nie ein alter Clown. Aber Gott mir hat gegeben den Flamenco. Und wenn ich habe getanzt, er mir hat gegeben mein Schwesterlein immer dabei."
Von Kuno Kruse

DER SPIEGEL 27/1998
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