04.07.2011

ZEITGESCHICHTE Flirt mit Wowi

Jahrzehntelang wurde die Homosexuellen-Verfolgung der Nazis verdrängt. Jetzt erinnert der wohl letzte Überlebende, Rudolf Brazda, an die Schwulenhatz - und Sex im KZ.
Haut und Knochen. Ein ausgemergelter Körper. Der Mund: zahnlos, weit aufgerissen. Und dann sein Schrei, eine laute Wehklage, die zum Jammern wird und schließlich verklingt.
Rudolf Brazda liegt in seinem Krankenbett und wartet auf den Tod.
Er ruft, er flüstert, er schweigt. Minuten verstreichen, eine Viertelstunde, eine halbe Stunde, manchmal sagt er einen Satz, dann wird es wieder still.
"Ich bin zu alt zum Leben."
"Ich warte ab, bis die Zeit vergeht."
"Ich habe keine Lust!"
"Alles Scheiße."
Die Tür geht auf im Zimmer 8411 des Hôpital Emile Muller im elsässischen Mulhouse. Eine Schwester tritt ein, besorgt über den Zustand ihres greisen Patienten. Sie spricht kein Deutsch, er kaum Französisch, also schneiden sie Grimassen. Sie zieht fragend die Augenbrauen hoch, er wiegt den Kopf, blinzelt, lächelt. Alles halb so wild. "Comédien!", schimpft die Schwester zärtlich. Und Brazda grinst.
Brazda, der Komödiant. Der Charmeur. So hat er den Tod schon einmal ausgetrickst. Damals, im Konzentrationslager Buchenwald.
Jetzt ist der 98-Jährige der wohl letzte Schwule, der davon erzählen kann: vom Leben als Homosexueller im "Dritten Reich", von der Verfolgung, den Prozessen, von den Strafen und der Ermordung seiner Freunde. Aber auch vom Sex im KZ und von der Befreiung.
Seine Geschichte hat Brazda lange für sich behalten, er hat im Elsass seine Arbeit als Dachdecker gemacht, ein Haus gebaut, über fünf Jahrzehnte war er mit seinem Lebensgefährten zusammen, vor einigen Jahren hat er ihn begraben. Die Nazis waren ihm kein großes Thema in jener Zeit.
Bis 2008 im Berliner Tiergarten ein Schwulendenkmal eingeweiht wurde, im Fernsehen ein Bericht darüber lief und Rudolf Brazda vor dem Bildschirm seine Vergangenheit wiederfand - im Alter von 95 Jahren.
"Wir haben gedacht, es gibt keinen mehr, es sind alle tot", sagt Uwe Neumärker. Er ist Direktor des Berliner Holocaust-Denkmals, 2711 Betonstelen, die an sechs Millionen ermordete Juden erinnern sollen. Daneben betreut Neumärker eine fast baugleiche Stele, die auf der anderen Straßenseite, zwischen Bäumen versteckt, den verfolgten Homosexuellen gewidmet ist.
Diese Stele machte Neumärker oft Sorgen, es gab Anschläge und Streit. Ist sie allein für die etwa 6000 unter Hitler ermordeten Schwulen da? Oder auch für Lesben, obwohl die gar nicht ins KZ mussten?
In diese Diskussion platzte Brazda wie ein Gespenst aus der Vergangenheit; und wie ein sehr fröhliches noch dazu. "Auf einmal war da dieser nette Bursche, eine Frohnatur", sagt Neumärker über einen Besuch Brazdas im Sommer 2008. Der Greis genoss die Aufmerksamkeit, die Kameras, die Blumen und flirtete ungeniert mit Klaus Wowereit. Fotos zeigen, wie Berlins Regierender Bürgermeister Brazda vor dem Denkmal das Haar streichelt: eine späte Genugtuung für den fast Hundertjährigen.
Man würde Brazda gern dazu befragen in seinem Krankenzimmer. Er hat ein bisschen geschlafen, nun isst er ein Stück Aprikosenkuchen und kommt etwas zu Kräften. Es ist ein schöner Tag, die Sonne scheint, mittags hat er einen Brief bekommen, von Wowereit; der Bürgermeister bedauert, dass Brazda einen Berlin-Besuch absagen musste. Brazda liest, dann küsst er das Schreiben und strahlt.
Er ist fast taub. Fragen versteht Brazda nur schwer. Aber er sieht noch gut. Wer ihn interviewen will, muss ihm Fotos zeigen, um Antworten zu bekommen, Bilder aus der Vergangenheit. Aus Thüringen, Meuselwitz und Umgebung, das Freibad Phönix neben einer Brikettfabrik: Hier traf er im Sommer 1933, damals 20 Jahre alt, seine erste Liebe. Das Foto macht Brazda wieder gute Laune in seinem Krankenbett, er lebt auf, lächelt. "Ich habe ihn ins Wasser geschubst", sagt Brazda, der Komödiant, "damit ich seine Bekanntschaft machen konnte."
Ein anderes Foto zeigt Brazda mit fünf Freunden, mit Anzug, Krawatte, guter Laune, das Leben in der Provinz war offenbar freier als in den großen Städten, wo die Nazis schon viel früher Schwule verfolgten. "Es war eine schöne Zeit, wir haben viel Spaß gehabt", sagt Brazda. Sogar ein Hochzeitsfest mit seinem damaligen Freund habe er inszeniert, seine Mutter, die Geschwister, alle hätten mitgefeiert, ein falscher Pfarrer habe seinen Segen erteilt, und niemand habe sich daran gestört.
Das war im Sommer 1934, zur gleichen Zeit ließ Adolf Hitler seinen SA-Chef Ernst Röhm erschießen und weitere SA-Leute ermorden. Die Schlägertruppe hatte ihm mit zur Macht verholfen, jetzt stand sie im Weg. Hitler nutzte die Homosexualität Röhms und mancher seiner Kumpane als Vorwand; kurz darauf begannen die Nazis mit ihrer Schwulenhatz.
Selbst im "Meuselwitzer Tageblatt" war am 2. Juli 1934 von den "Lustknaben" der SA die Rede: "Der Führer gab den Befehl zur rücksichtslosen Auslöschung dieser Pestbeule."
Brazda lebte weiter, als wäre nichts geschehen, zumindest versuchte er es. Er war mit seinem Freund zusammengezogen, Hand in Hand gingen sie über die Straßen, an Wochenenden stürmte er mit Freunden die Dorffeste und Jahrmärkte der Region. Wenn die Leute sie schräg ansahen, gaben sie sich als besonders ausgelassener Fußballclub aus.
Doch die Fotos aus jener Zeit bringen Brazda nur einen Teil der Geschichte in Erinnerung, den schöneren. Sein Gedächtnis hat große Lücken.
Im Hôpital Emile Muller sitzt Alexander Zinn neben dem Krankenbett, er ist einer der wenigen, die Brazda noch erkennt. Zinn ruft ihm Fragen des SPIEGEL ins Ohr und zeigt ihm alte Fotos. Der Autor und Soziologe hatte vor drei Jahren den damals noch rüstigen Greis kennengelernt. Er recherchierte seine Geschichte, fand die Kriminalakten zu seinen Prozessen, reiste mit ihm nach Meuselwitz und Buchenwald. "Das Glück kam immer zu mir", hat Brazda zu Zinn gesagt, und so lautet auch der Titel des Buches, das Zinn nun über ihn geschrieben hat(*).
Das Glück kam immer zu ihm? Zu der Zeit, als Brazda 1936 sein letztes Weihnachten mit seinem Freund feierte und ihm ein großes Schokoladenherz schenkte, zogen Polizisten und Staatsanwälte ihr Netz enger. Nach den Großstädten galt es nun, auch in der Provinz "Pestbeulen" auszulöschen. Der Reihe nach wurden die Homosexuellen aus Meuselwitz verhaftet, vernommen und dazu gebracht, sich gegenseitig zu belasten.
Am 8. April 1937 traf es Brazda, der zunächst behauptete, er habe "zu Männern keine Neigung". Der ermittelnde Beamte vermerkte jedoch, der Angeklagte habe das "typische Aussehen der homosexuell veranlagten Männer". Als weitere "Beweise" wurden Briefe und Liebesgedichte beigebracht.
Nach einem Monat Untersuchungshaft brach Brazda schließlich unter Tränen zusammen und gestand sein "Verbrechen". Kurz darauf wurde er zu einem halben Jahr Gefängnis verurteilt - weil er sich, so die Urteilsbegründung, zu seinem Freund "in Liebe hingezogen gefühlt" habe, statt "seinen widernatürlichen Trieb zu besiegen".
Vier Jahre später wurde er erneut verhaftet, im August 1942 kam Brazda nach Buchenwald. Es sind aberwitzige Geschichten aus dem KZ, die Brazda erzählte, als er es noch konnte, sie finden sich in Zinns Buch. Fast alle homosexuellen Häftlinge kamen in die Strafkompanie. Stacheldraht trennte sie vom restlichen Lager ab, morgens ging es hinunter in den Steinbruch. "Vernichtung durch Arbeit" lautete die Strategie der SS.
Aber Brazda wurde verschont. Ein politischer Häftling, der als sogenannter Kapo die Arbeiten überwachte und im Steinbruch für seine Brutalität gefürchtet war, hatte ein Auge auf ihn geworfen. "Du, lass mal deine Schaufel liegen."
Fortan durfte Brazda in der Sanitätsbaracke Verbände anlegen. Im Buch erzählt er: "Eines Tages bin ich allein in der Sanitätsbude gewesen, als der Kapo hereinkam. Er nahm mich in den Arm und hat mich geküsst - und an mir herumgefummelt." Brazda ließ es sich gefallen, um dem Steinbruch, dem Erschöpfungstod zu entkommen.
Er hat nach dem Sanitätsjob als Dachdecker gearbeitet, später in der Verwaltung - und auch als die Amerikaner näher rückten und die SS Anfang April 28 000 Häftlinge auf Todesmärsche schickte, stand ihm das Glück zur Seite. "Ich habe einen Freund gehabt, einen Kapo, der mich im Schweinestall versteckte", sagt Brazda. Am 11. April wurde das KZ von der US-Armee befreit. Brazda zog nach Mulhouse, wo er bis heute lebt.
Uwe Neumärker, der Direktor der Holocaust-Gedenkstätte, hat viel über Brazda nachgedacht. Auf einmal gab es ein Schicksal, ein Gesicht, das sich mit seinem Schwulendenkmal verband. "Die besondere Tragik dieser Opfergruppe besteht darin, dass sie nach der Nazi-Verfolgung eine andere Form der Ächtung in der Nachkriegszeit erlebte", sagt Neumärker. Eine Entschädigung gab es für Brazda - und fast alle anderen Opfer der Schwulenverfolgung - nach 1945 nie.
Seit einem Jahr beschäftigt sich in Berlin eine Kommission mit der Zukunft des Denkmals. Die Betonstele hat ein kleines Fenster, durch das man ein sich ständig wiederholendes Video ansehen kann. Die Sequenz zeigt zwei junge Männer der Gegenwart, die sich küssen.
Jetzt soll ein anderer Film gezeigt werden. Er soll nicht mehr so schwul sein. Es gab eine Ausschreibung, 13 Vorschläge, 5 kamen in die engere Wahl. Nach monatelangen, kontroversen Beratungen hat sich die Kommission nun entschieden. Im neuen Video sollen sich auch lesbische Paare küssen. "Das Denkmal muss lebendig gehalten werden", sagt Neumärker.
Brazda ist unsicher, was er davon halten soll. "Die Leute sollen wissen, dass wir Schwulen einmal verfolgt wurden", sagt er, macht eine Kunstpause und grinst: "von Leuten, die selbst schwul waren."
Er ist müde geworden in seinem Krankenzimmer, er schaut auf Zinn, seinen Biografen, und rafft sich noch einmal auf, fängt wieder an zu flirten. "Ich hätte so gern etwas mit dir gehabt", sagt er zu dem fast 60 Jahre Jüngeren und lacht, "wenn ich Liebesgefühle habe, denke ich an dich." Als Zinn ihn vor drei Jahren erstmals im Elsass besuchte, strich Brazda eigens sein Haus frisch an, so aufgeregt war er und so einsam, die meisten Freunde waren ja bereits tot. Die Aufmerksamkeit, das Denkmal, das Buch, es war wie ein zweites Coming-out für ihn.
"Hast du Angst vor dem Tod?", brüllt ihm Zinn ins Ohr, aber Brazda antwortet nicht sofort, er verliert sich in Gedanken. "Jeder hat sein Leben, ich hatte meins", sagt er, "Hauptsache, man ist glücklich." Ihm gefällt die Freiheit der jüngeren Generationen. "Jetzt kann jeder machen, was er will."
Es ist Zeit, sich zu verabschieden. "Wie's kommt, wird's gefresse", sagt Brazda, "ich habe keine Angst." Dann schließt er die Augen und döst.
(*) Alexander Zinn: "Das Glück kam immer zu mir". Campus Verlag, Frankfurt am Main; 356 Seiten; 24,90 Euro.
Von Hornig, Frank

DER SPIEGEL 27/2011
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