04.07.2011

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE

Der Ein-Dollar-Raub

Von Hoppe, Ralf

Warum ein Amerikaner unbedingt ins Gefängnis will

Dieser 9. Juni 2011, ein Donnerstag, war für einen der beiden Männer, Barack Obama, eher einer der ruhigen Tage: Staatsbesuch aus Gabun, Gespräche über bilaterale Abkommen, Telefonat mit der Gouverneurin Arizonas, business as usual.

Für den anderen der beiden Männer, für James Verone, 59 Jahre alt, war es der Tag, auf den es ankam.

Er war früh aufgestanden. Verone wohnte im Hotel, im Hampton Inn, einem Betonklotz an der Remount Road; sein Apartment am Poston Circle hatte er schon aufgegeben, alles verkauft, verschenkt, zerkloppt, die Möbel, alles. Das Hotelzimmer hier war unverschämt teuer, aber wozu brauchte er noch Geld?

Er bügelte sein graues Polohemd. Er schrieb einen Zettel.

Dann bestellte er ein Taxi und ließ sich zum Banküberfall fahren, zum ersten Banküberfall seines Lebens.

Gastonia, im Bundesstaat North Carolina, liegt unten rechts auf der USA-Landkarte, 70 000 Einwohner, es gibt ein naturhistorisches Museum, einen Park. Gastonia wirbt mit dem "City Livability Award", einer Auszeichnung, verliehen, weil es sich hier so wunderbar leben lässt. Aber das galt nicht für James Verone.

An jenem Tag betrat er gegen Mittag die Filiale der Royal Bank of Canada an der New Hope Road, früher war er da mal Kunde gewesen. Er ging zu einer Angestellten, zückte seinen Zettel.

Darauf stand, dass dies ein Überfall sei.

Dass er nur einen Dollar wolle, bitte.

Ich setz mich dann mal da drüben hin, auf den Stuhl da, und warte auf die Polizei, sprach Verone, so sagte es später die Bankangestellte.

Im Jahr zuvor hatte Präsident Obama ein 906 Seiten starkes Gesetz unterzeichnet: die Gesundheitsreform, die bis 2018 stufenweise in Kraft treten wird. Bisher unterschied sich das amerikanische System zum Beispiel von der deutschen Gesundheitsversorgung in einem zentralen Punkt: In den USA war der Versicherungsschutz traditionell an den Arbeitsplatz gekoppelt. Wer seinen Job verlor, der verlor nach kurzer Zeit seine Versicherung. Zuletzt betraf das zwischen 40 und 50 Millionen Menschen in den USA. Man musste eben für sich selbst sorgen. Wer es nicht konnte - Pech.

Pech zum Beispiel für Verone.

Viele Jahre seines Lebens hatte er redlich geschuftet, 17 Jahre arbeitete er als Auslieferer für Coca-Cola, dann als Truck-Fahrer, dann in einem Supermarkt. Bis er krank wurde und nicht mehr schwer heben konnte. Dazu kam wahrscheinlich, so wie Verone die Symptome beschreibt, Arthritis in allen Gelenken, dazu das Karpaltunnelsyndrom an seiner rechten Hand, ein Leiden, das oft mit einer einfachen Operation zu beheben ist, sonst aber zu Taubheitserscheinungen führt.

Verone wurde nicht operiert, er wurde stattdessen gefeuert, in Zeiten der Krise, der Arbeitslosigkeit. Weil er keinen Job hatte, konnte er sich nicht behandeln lassen; und weil er krank war, fand er erst recht keinen neuen Job.

Er hat einen Bruder, es gibt auch einen Sohn; doch er habe sie nicht um Geld bitten wollen, hat er zu Protokoll gegeben. Falls sie überhaupt in der Lage gewesen wären, ihm zu helfen.

Die Gesellschaft hatte James Verone aussortiert. Er brauchte eine Krankenstation. In jedem Gefängnis gibt es eine. Der Weg ins Gefängnis führte über eine Bank.

Die Polizisten, von der Bankangestellten verstohlen herbeitelefoniert, waren nach etwa vier Minuten da, sie stürmten die Bank mit gezückten Waffen.

Sie sahen einen etwas schratigen Typen mit weißem Bart und panischem Gesichtsausdruck, der sich von seinem Stuhl aufrappelte. Verone ließ sich folgsam festnehmen. Es ging ihm nie ums Geld, nur um ärztliche Hilfe, das hat er, befragt im Gefängnis, erklärt. "Mein Klient wollte niemandem schaden, deshalb hatte er keine Waffe bei sich", sagt Verones Anwalt, Michael Neece.

Natürlich ist Verone, der Minimalist unter den Gangstern, mit seinem deprimierendsten Überfall der Geschichte ganz anders als die Bankräuber aus Hollywood, die virilen Helden, denen Amerika gern zuschaut. Vielleicht klingen die Reaktionen in den amerikanischen Zeitungen und Blogs auch darum so peinlich berührt, so verlegen. Wie wollen die USA bewundert werden, geliebt für ihre Gangsterfilme, wenn die Bankräuber demnächst mit dem Rollator anrücken?

Als Barack Obama die Gesundheitsreform unterzeichnete, da wollte er Menschen wie James Verone helfen. Aber das Gesetz greift erst im Jahr 2018 vollständig, und so lange konnte Verone nicht warten. Er sitzt jetzt im County Jail, ist in ärztlicher Obhut. Wenn er jedoch Pech hat, wird er nicht wegen Überfalls verurteilt, sondern nur wegen Diebstahls. Er könnte allzu bald entlassen werden. Dann zöge er wohl wieder los, hat er einer Zeitungsreporterin gesagt, zum nächsten symbolischen Überfall, 110 Banken gibt es im Umfeld von Gastonia.


DER SPIEGEL 27/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 27/2011
Titelbild
E-Paper
E-Paper dieses Hefts kaufen

Lesen Sie den SPIEGEL als E-Paper:
Wo immer Sie gerade sind, zu Hause oder
unterwegs – den SPIEGEL bekommen Sie als PDF schon sonntags ab 8 Uhr. Werden Sie jetzt E-Paper-Kunde!

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE:
Der Ein-Dollar-Raub