04.07.2011

INVESTORENMeine Werft, meine Bank

Moskauer Geschäftsleute nutzen die maroden Werften der Nordic Yards in MecklenburgVorpommern als Faustpfand für einen dubiosen Milliarden-Deal.
Der Mann aus dem Kaukasus hat in Moskau Verbindungen wie nur wenige: Igor Jussufow, 55, lernte in den neunziger Jahren Wladimir Putin kennen, der ihn, kaum im Kreml eingezogen, erst zum Minister, dann zum Sonderbeauftragten für Energie machte. Mit dem jetzigen Präsidenten, Dmitrij Medwedew, verbinden Jussufow fünf Jahre an der Spitze des Energiekonzerns Gazprom.
So gut waren die Beziehungen, dass Medwedew Kanzlerin Angela Merkel im Juli 2009 Jussufows Sohn Witalij als Retter der maroden Werften in Wismar und Rostock-Warnemünde empfahl. Sie liegen in der Nähe von Merkels Wahlkreis. 2400 Arbeitsplätze standen auf dem Spiel.
Es sah aus, als könnte man sich auf die Moskauer Retter verlassen. Und es machte nicht den Eindruck, als würden sie mit den ostdeutschen Werften eine Art russisches Finanz-Roulette spielen.
Witalij war damals erst 29 Jahre alt, hatte aber schon eine steile Karriere hinter sich: Er war Büroleiter des Ex-Stasi-Mannes und Putin-Freundes Matthias Warnig, der heute Geschäftsführer des Ostsee-Pipeline-Konsortiums Nord Stream ist. Als Geschäftsführer der Moskauer Nord-Stream-Niederlassung führte Jussufow Protokoll, wenn die Granden des Milliardengeschäfts zusammentrafen. Seine Doktorarbeit widmete er "Makroökonomischen Problemen bei der Erhöhung der Konkurrenzfähigkeit Russlands".
Die eigene Konkurrenzfähigkeit hat der Überflieger dabei nie aus dem Blick verloren. Jussufow soll offenbar die deutschen Schiffbauer und kleinere Beteiligungen als Garantie benutzt haben, um sich einen 1,13-Milliarden-Dollar-Kredit bei der Bank of Moscow zu sichern, obwohl er für die Nordic Yards nur 40,5 Millionen Euro auf den Tisch gelegt hatte.
Die Tageszeitung "Moskowskije nowosti" hat Unterlagen des Kreditkomitees der Bank eingesehen. Demnach soll der Russe die deutschen Werften schlicht verpfändet haben, um sich bei der Bank einzukaufen, die ihm das Geld lieh.
Die Milliardensumme soll für den Bau von Schiffen gewährt worden sein, die noch gar nicht bestellt sind. Neue Großaufträge scheinen allerdings nicht in Sicht, seit die russische Regierung heimische Werften bevorzugen will.
Tatsächlich erwarb Jussufow mit dem Kredit mindestens 19 Prozent der Aktien der Bank of Moscow. Er kaufte das Paket dem Präsidenten der Bank ab, Andrej Borodin, einem Vertrauten des Ex-Bürgermeisters Jurij Luschkow. Bankboss Borodin brachte den Kredit noch auf den Weg, ehe er selbst die Kontrolle über die Bank of Moscow an die staatliche WTB-Bank abgeben musste. Dann flüchtete er, seine Unschuld beteuernd, vor russischen Ermittlern ins Londoner Exil.
Es ist nicht das erste Mal, dass Moskauer Rechtsschutzorgane im Zusammenhang mit den deutschen Schiffsbauern tätig werden. Nach Recherchen des SPIEGEL soll bereits der erste russische Käufer der ostdeutschen Werften, Andrej Burlakow, einst mehr als hundert Millionen Euro aus Staatsunternehmen herausgezogen haben. Über ein Firmengeflecht in Steueroasen sowie eine Firma in Luxemburg soll er das Staatsgeld gleichsam privatisiert und damit die Werften gekauft haben. Burlakow hat dies immer bestritten. In Moskau wird ihm wegen "Betrugs in besonders großer Höhe" der Prozess gemacht.
Mit der Familie Jussufow ist Burlakow seit langem bekannt. Manches deutet darauf hin, dass der Deal von Anfang an im Büro von Jussufow senior in der Kreml-Verwaltung geplant wurde. Bis heute ist unklar, woher Jungunternehmer Jussufow überhaupt die 40 Millionen Euro für den Kauf der Werften nahm. Moskauer Marktexperten raunen mal von der helfenden Hand eines Rohstoff- und Internetoligarchen, mal von einem Finanzmagnaten mit zweifelhaftem Ruf. Witalij Jussufow verweist dagegen auf Eigenmittel und Bankdarlehen sowie erfolgreiche Aktienspekulationen, unter anderem mit Papieren von Gazprom, wo sein Vater im Direktorenrat sitzt. "Da gab es keinen Interessenkonflikt. Das war einfach Weitblick."
Sein Grußwort auf der Web-Seite der Nordic Yards schließt mit der Hoffnung, dass "Sie interessante Eindrücke von unserem Unternehmen bekommen". Ein näherer Blick auf die Geschäfte der Familie jedoch wirft Fragen auf.
Für die Landesregierung in Schwerin sind die Erfahrungen mit den Russen ernüchternd, allerdings gab es in der Krise keine anderen Interessenten. Der Belegschaft bleibt nur die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. "Immer wieder ist von Projekten die Rede, aber es gibt keine neuen Aufträge", sagt Heiko Messerschmidt, Sprecher der IG Metall Küste.
Auch die Kanzlerin könnte sich bei ihrem für Mitte Juli geplanten Treffen mit Präsident Medwedew in Hannover dafür interessieren, wo denn die von Jussufow versprochenen Großaufträge russischer Firmen bleiben. Einzig ein eisbrechender Tanker wurde auf Druck des Kreml vom Bergbaukonzern Norilsk Nickel geordert. Die Zahl der Arbeiter an der Ostsee schrumpfte unter tausend. Und selbst der Stern des Seniors schien schon heller: Jussufow wurde vom Präsidenten zuletzt als Kreml-Berater gefeuert.
Von Markus Dettmer und Matthias Schepp

DER SPIEGEL 27/2011
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