04.07.2011

SÜDSUDANWillkommen in Juba!

In Afrika entsteht diese Woche ein neuer Staat: Der ölreiche Süden des Sudan erklärt seine Unabhängigkeit. Aber die Konflikte mit dem Norden und zahlreichen Warlords trüben die Euphorie.
Der erste Eindruck des Reisenden, der aus dem Flugzeug steigt: Er ist auf einer Baustelle gelandet. Er blickt auf den Rohbau der neuen Abfertigungshalle, zu seinen Füßen gießen chinesische Arbeiter große Flächen mit Beton aus.
Willkommen in Juba, der Hauptstadt des Südsudan! Jener Stadt, die noch einiges vorzubereiten hat, bevor dieses Wochenende Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon und bis zu 40 Staats- und Regierungschefs den Juba Airport anfliegen, einen Flughafen etwa so groß wie der von Paderborn.
Am 9. Juli wird der Südsudan seine Unabhängigkeit ausrufen. Der Sudan, das größte Land Afrikas, verliert damit ein Viertel seiner Fläche, die Welt bekommt einen neuen Staat, den jüngsten Afrikas.
Guido Westerwelle kam 16 Tage zuvor schon mal her, um sich einen Eindruck zu verschaffen. Er wollte vorbereitet sein, wenn der Südsudan als 193. Staat seinen Aufnahmeantrag bei den Vereinten Nationen stellt, in dessen Sicherheitsrat die Deutschen derzeit den Vorsitz innehaben. Und er wollte in Erfahrung bringen, was die neue Regierung denkt, welche Vorstellungen sie hat. Das weiß er jetzt: Das erste Treffen mit Staatschef Salva Kiir, im vergangenen Jahr mit 93 Prozent der Stimmen zum Präsidenten gewählt, stimmte ein auf das, was da kommt.
Über eine Stunde ließ Kiir den deutschen Außenminister im Regierungssitz warten. Erst dann kam der 60-jährige ehemalige Buschkrieger - seinen schwarzen Stetson auf dem Kopf und Lackschuhe an den Füßen.
Was folgte, war ein einstündiger Dialog der Missverständnisse: Westerwelle forderte Flexibilität in strittigen Fragen mit dem Norden. Kiir sagte: "Wir sind sehr flexibel, es ist der Norden, der die Transporte in den Süden unterbrochen hat." Westerwelle erinnerte an die Einhaltung von Menschenrechten. "Machen wir längst", sagte der Präsident. Westerwelle mahnte den Aufbau demokratischer Institutionen an. "Wir arbeiten an unserer Verfassung, und im Übrigen: Demokratie liegt uns im Blut", sagte Kiir.
Der demokratische Alltag im Südsudan sieht anders aus: Journalisten werden der Spionage verdächtigt, an Straßensperren herrscht die Willkür der Polizei, der politische Betrieb wird von der SPLM, der Partei des Präsidenten, dominiert. Wie es wirklich um Demokratie und Menschenrechte steht, war vor gut einem Jahr zu besichtigen: Nachdem sich in der Polizeiakademie von Rajaf Rekruten über die Ausbildungsmethoden beschwert hatten, schickte der Polizeichef eine Spezialeinheit in die Kaserne. Das Ergebnis: Mindestens ein halbes Dutzend Polizisten wurden von der Truppe totgeprügelt, Dutzende landeten im Krankenhaus.
Der Uno, die mit Truppen und Transportkapazitäten den Aufbau des Landes unterstützen soll, wird regelmäßig der Zugang zu umkämpften Regionen verwehrt. Als die Nordarmee im Mai in die von beiden Landesteilen beanspruchte Abyei-Region am Fluss Bahr al-Arab einmarschierte und einen Flüchtlingsstrom auslöste, griffen südsudanesische Soldaten einen Konvoi der Vereinten Nationen an.
Chef des Uno-Hilfskontingents ist ein Amerikaner, 54 Jahre alt und so robust, dass er es schon seit 2004 in Juba aushält. Noch immer ist David Gressly in einem Büro-Container am Flughafen untergebracht. Auf großen Karten fährt er mit dem Finger die Brennpunkte des Landes ab: Da ist das fruchtbare Abyei, mitten auf der umstrittenen Grenze gelegen, äthiopische Truppen sollen dort im Auftrag der Vereinten Nationen die Kontrahenten aus Nord und Süd auseinander- halten. Da ist, weiter östlich, Süd-Kordofan, wo die Nordarmee Bomben abwirft und die Menschen zu vertreiben versucht.
Ein halbes Dutzend Warlords, die einst in der Befreiungsarmee gekämpft haben, sorgen zusätzlich für Konflikte. Bis zum Referendum im Januar hielten sie still, weil sie die Unabhängigkeit nicht in Frage stellen wollten, richtig integriert waren sie nie. Seit Februar aber überfallen sie wieder Dörfer oder Kasernen, stehlen Rinder und verlegen Minen. "Es sind beträchtliche Mengen Waffen im Land", sagt Uno-Mann Gressly. Woher sie kommen? "Aus dem Süden jedenfalls nicht", so Gressly.
Die Regierung in Khartum unternimmt nichts, was zur Stabilisierung des Südens beitragen könnte. Warum auch? Der Norden hat rund 38 Milliarden Dollar Schulden, vor allem aber ist der Streit ums Öl nicht beigelegt. Da wäre - aus der Perspektive des Nordens - eine stabile Regierung in Juba wenig hilfreich.
Gefördert wird das Öl überwiegend im Süden, die Pipelines jedoch verlaufen alle durch den Norden, sie enden in den Raffinerien der Hafenstadt Port Sudan. Bisher wurden die Einnahmen geteilt, nun erhebt der Süden Anspruch auf zusätzliche Erlöse.
Seit Monaten verhandeln beide Seiten in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba. Der Präsident des Nordens, Umar al-Baschir, der wegen Kriegsverbrechen in der Region Darfur mit einem internationalen Haftbefehl gesucht wird, droht damit, die Röhren ganz zu sperren. Das wäre eine Katastrophe für den Süden, der zu 98 Prozent von den Öleinnahmen lebt. In Addis Abeba soll irgendwann im Spätsommer ein großes Paket geschnürt werden, das die Schuldenfrage und den Streit um die Öleinnahmen regelt.
Die künftige Süd-Hauptstadt Juba lässt sich von diesen Querelen nichts anmerken. Im Ministerium für regionale Kooperation schwärmt Staatssekretär Majok Guandong von über 40 Botschaften, die bis 2013 weltweit eröffnet werden sollen. Am wichtigsten Knotenpunkt der Stadt zählt eine Uhr die Tage und Stunden bis zum 9. Juli herunter. Und am Denkmal von John Garang, dem Vorkämpfer der Unabhängigkeit, errichten Bauarbeiter eilig jene Tribüne, auf der Sonnabend die Ehrengäste Platz nehmen sollen.
Mit ungewohnter Präzision und großem Eifer fegen weibliche Putzkolonnen den Abfall von Jubas Straßen. Normalerweise wird der Müll auf Haufen geschoben und am Straßenrand verbrannt. Nun schmücken einige Dutzend Abfalleimer die Stadt, auf dem Campus der Universität wird der Müll sogar getrennt.
Es ist Kosmetik, die eigentlichen Probleme des Landes sind ungelöst: die grassierende Korruption, die schlechte Arbeitsmoral. Bevor etwa der zuständige Minister dem Bau einer zehn Kilometer langen Teerstraße zustimmt, erwartet er mindestens einen neuen Geländewagen.
Ministerien werden überwiegend von Männern geführt, die ungleich mehr Erfahrung im Reinigen von Gewehren besitzen als im Führen einer effizienten Verwaltung. Eigentlich mangelt es an allem, was ein funktionierender Staat braucht: Es fehlt an Lehrern und Schulen, an Ärzten und Krankenhäusern, an Brücken und regensicheren Straßen.
An der Universität von Juba sind 70 Prozent der Mitarbeiter einfach gegangen, sie flüchteten nach Khartum. Auf rund 11 000 Studenten kommen jetzt noch 150 Professoren, Assistenten und Techniker. "Da kannst du eigentlich nicht mehr arbeiten", sagt der Politikwissenschaftler Leben Moro, einer der wenigen, die geblieben sind. Moro kam vor zwei Jahren vom Studium aus Kairo zurück, für seine zehnjährige Tochter, die bis vor kurzem in Ägypten noch Englisch, Französisch und Arabisch lernte, findet er in Juba keine Schule mehr.
Der Südsudanese, schlank und hochgewachsen, hat ein Büro auf dem Uni-Campus. Es bleibt an diesem Tag verschlossen wie alle Büros und Geschäfte in der Stadt. Polizei und Armee haben den Verkehr und das öffentliche Leben stillgelegt, nervös suchen sie überall nach Waffen.
"Wir gehen mit großer Aufregung in die Unabhängigkeit", sagt Moro, "jetzt passiert, wovon wir immer geträumt haben." Gleichzeitig, sagt der Wissenschaftler, habe er Angst, "Angst vor den viel zu hohen Erwartungen der Südsudanesen". Die Regierung werde sie nicht erfüllen können, da ist er sich ziemlich sicher.
Von Horand Knaup

DER SPIEGEL 27/2011
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