04.07.2011

AUSSTELLUNGENDas Boot

Zwei Münchner Künstler haben - als Beitrag zur Biennale von Venedig - die Alpen mit einem selbstgebauten Kutter überquert. Das klingt nach Dada, war aber ziemlich gefährlich.
Die evangelische Kirche in der Altstadt Venedigs ist ein ehrwürdiger Renaissancebau, der deutsche Pfarrer spricht über menschliche Selbstüberschätzung und die selbstherrliche Gegenwart, danach setzt sich draußen in der Sonne eine Prozession in Bewegung. Zehn Männer tragen einen knallroten Fischkutter zum nächsten Kanal, immer mehr Touristen schließen sich an. Am Ufer sind es dann gut 300 Leute, selbst aus Palazzofenstern halten Neugierige Ausschau, als das Boot zu Wasser gelassen wird. Es sieht nur nicht besonders fahrtüchtig aus, es erinnert an ein übergroßes Spielzeug, und es hat auch schon einige Schrammen und Risse.
Angeführt wird der Marsch von den Münchner Künstlern Wolfgang Aichner und Thomas Huber, sie haben sich schick gemacht, allerdings ist es eher ein Kindergarten-Schick: Sie tragen weiße Hosen, weiße Hemden, blaue Kappen und grüne Turnschuhe, sie haben das 5,20 Meter lange Boot gebaut, und sie sind jetzt die Matrosen, die darin schippern wollen.
Das Ganze erscheint wie ein Gag, und das ist es auch ein wenig, nämlich das ironisch gemeinte Finale eines ungewöhnlichen, vielleicht sogar tatsächlich größenwahnsinnigen Kunstprojekts. Und trotz der Verkleidung, trotz dieser ganzen kuriosen Theatralik wirken die Künstler nicht wie zwei Spaßvögel, es sind zwei hagere Gestalten, ihre Mimik ist seit Tagen etwas erschöpft.
Aichner und Huber haben ihren Kahn in den vergangenen Wochen selbst und eigenhändig über die Alpen geschleppt. Sie sind Ende Mai am Schlegeis-Speichersee im Zillertal aufgebrochen und haben das Boot über den Alpenhauptkamm bis nach Südtirol gezogen.
Ein Boot in den Alpen: eine schöne, absurde Vorstellung, und die zu verwirklichen hat Kraft gekostet.
Zuerst hat es viel geregnet, oben schließlich auf dem Schlegeis-Gletscher mussten sie ihr Boot aus dem Neuschnee herausschaufeln, die Kleidung immer feucht, die Hände oft taub wegen der Kälte, sie haben Tabletten gegen Rücken- und Schulterschmerzen geschluckt und zur Belohnung auch schon mal Wodka. Sie hatten weniger Spaß als vermutet.
Einmal geriet Huber in Lebensgefahr, sie mussten das Boot 70 Meter an einer Steilwand abseilen, es war der schwierigste Moment ihrer Tour, sie befanden sich auf 3029 Meter Höhe. Wäre das Boot gegen den Fels geschlagen, wäre es zerbrochen. Doch alles lief gut. Nun musste Huber nach 16 Stunden Plackerei selbst nach unten klettern und wäre beinahe in die Tiefe gestürzt, er wurde panisch, musste sich wieder beruhigen, den Karabiner einhaken. Dabei haben sie, das betonen sie, die Gefahr nicht gesucht. "Wir sind kein Himmelfahrtskommando", sagt Huber.
Das alles zehrt. Huber sagt, er müsse nun den Gürtel um fünf Löcher enger schnallen. Aichner, noch hagerer, steckt sich eine Zigarette an und schweigt.
Mehrmals seien sie fast so weit gewesen, das Experiment abzubrechen. Sie hatten stets betont, das Abenteuer könne scheitern, es wäre in Ordnung gewesen. Aber dann waren sie zu begeistert "von dem Bild, das wir da geschaffen haben, von dieser Symbolik", davon, "wie wir das Boot in Szene setzen konnten, das war unglaublich poetisch", sagt Huber.
Sie bewunderten ihr rotes Boot auf grauen Geröllmassen, im weißen Schnee, senkrecht zwischen Felsen hängend, selbst im dichten Nebel hat es noch seine heitere, surreale Wirkung entfaltet.
Es sollte ein Fremdkörper in dieser pathetischen Bergwelt sein, und deshalb sieht es eben aus wie ein lustiger Fischkutter. Sie haben das Boot selbst gebaut, die Negativform ganz archaisch aus Erde hergestellt, dann aber mit Polyesterharz laminiert. Es ist schwerer, als es aussieht, gut 150 Kilo, und wenn sie Sachen darin transportiert haben, wurden es 200 Kilo.
Natürlich ist ein Boot auf dem Berg ein unnützer Gegenstand, es ist sogar eine Last, Kunstwerke sollen nicht nützlich sein, sagen sie.
Noch auf den letzten Metern in den Alpen abwärts bekommt man ein Gefühl dafür, wie eigensinnig es ist. Es ruckelt nach rechts, neigt sich nach links, bewegt sich meistens nur zentimeterweise. Huber nennt das "minimalistische Schritte"; dann rutscht der Kahn plötzlich ein paar Meter, es ist anstrengend, ihn zu navigieren, aber sie haben sich daran gewöhnt, dass das Boot die Choreografie mitbestimmt. Diese kleine rote Diva, die sich von ihrer Umgebung abheben soll, passt gut zur Unberechenbarkeit der Berge.
Das Projekt soll durchaus an den Film "Fitzcarraldo" von Werner Herzog erinnern, Klaus Kinski spielte einen Abenteurer um 1900, der Geld machen wollte und im peruanischen Dschungel Hunderte Indianer dazu brachte, ein Boot für den Kautschukhandel über die Berge zu ziehen. Dieser Mann, den es wirklich gegeben hat, war musikbesessen, er wollte eine Oper ins Amazonasgebiet bauen. Auch Herzog und Kinski waren obsessiv.
Aichner und Huber, beide 46 Jahre alt, waren nur zu zweit, und sie wollten einfach ankommen. Der Weg ist tatsächlich das Ziel, sie haben ihre Wanderung "Passage" genannt, und die soll laut Untertitel ein "transalpines Drama" sein. Sie haben sich abgerackert, weil es ihnen um ihre Idee von Kunst geht, um eine große Metapher von Besessenheit und Idealismus.
Hannibal ist über die Alpen gekommen, auch Dürer auf dem Weg ins Malerparadies Italien. Aber kaum jemand hat es sich so schwergemacht wie diese beiden. Für sie sei Kunst eine extreme Erfahrung, sagt Huber. Kunst, die aus dem sterilen Atelier komme, sei nichts für ihn, sagt der rauchende Aichner.
Jeden Morgen sind sie - entweder von ihrem Zelt oder von einer Hütte aus - den Weg zu ihrem Boot gestapft, haben die Seile um Felsen gebunden und so das Boot in kleinen Etappen gezogen, manchmal haben sie es geschoben. Nachts haben sie ihre Blog-Einträge bearbeitet. Sie hatten nie Zeit, sich zu erholen. Ihre echte und ihre virtuelle Tour sind Protestmärsche. Sie richten sich gegen all jene, die es sich mit der Kunst bequem machen.
Deshalb muss das Boot dorthin, wo alle zwei Jahre die Kunst der Gegenwart ausgebreitet wird: zur Biennale von Venedig. Hier sind sie alle drei Fremdkörper.
Zwar ist ihre Alpen-Aktion sogar Teil des offiziellen Begleitprogramms geworden, und der Beitrag ist mit Sicherheit einer der besten und hintersinnigsten der gesamten Biennale. Aber sie haben - absichtlich - die Eröffnungswoche Anfang Juni verpasst, als sich die weltweite Kunstprominenz blicken ließ.
Es sei "subversiv schön, zu spät zu kommen", meint Huber und lacht. Die Vernissagepartys in Venedig waren weit weg, weiter als die paar hundert Kilometer, die zwischen den Alpen und der Biennale liegen. Sie haben derweil auf getrockneten Mangos herumgekaut.
Die beiden sind so unangepasst, wie es viele ihrer Kollegen gern wären. Sie entziehen sich den Zeremonien der Kunstwelt, den Gesetzen des Marktes. Normalerweise funktioniert es so: Was in Venedig gezeigt wird, kann man so ähnlich kurz auf der Baseler Kunstmesse sehen, nur hängen dann Preisschilder dran. Doch als die Messe begann, mussten sie den Gletscher bewältigen.
Mit einem Geländewagen haben sie das Boot schließlich nach Venedig transportiert. Die Stadt ist die Belohnung, der fröhliche Schlussakkord.
Aichner und Huber sind aufeinander eingespielt, sie arbeiten häufig zusammen. Vor ein paar Jahren haben sie sich fast in Lappland verlaufen, als sie in der Polarnacht den Polarkreis markierten - mit übergroßen Schreibtischleuchten.
Vor mehr als 20 Jahren gerieten sie bei einer Wanderung über den größten isländischen Gletscher in einen Eissturm, saßen im Zelt fest und hatten, so sagen sie, mit dem Leben abgeschlossen. Dass sie es geschafft haben, galt als Wunder. Danach wurden sie Künstler.
Dieses Mal mussten sie nicht hungern wie damals. Vor allem waren sie nicht die ganze Zeit allein. Immer wieder war ein Kameramann dabei, der ihre Bootstour dokumentierte, in den letzten Tagen ist ein Südtiroler Bildhauer zu ihnen gestoßen, hat ihnen Hilfe angeboten. Ohne ihn hätten sie es wohl nicht geschafft, das Boot ins Tal zu bringen. Dennoch sei die körperliche Herausforderung die größte in ihrem Leben gewesen, sagen sie.
Die Aktion ist vieles, masochistische Performance, dadaistisches Abenteuer, Roadmovie und Landart. Sie seien nicht Greenpeace, sagen Aichner und Huber, sie machten Kunst und keinen Umweltschutz. Aber sie hätten es nicht vermeiden können, über die Hybris des Menschen nachzudenken, gesteht Aichner. Ansonsten habe er die Erkenntnis gewonnen, "dass es einen mehr erfüllen kann, Sinnloses zu tun als sein Leben mit Sinn aufzuladen".
Ihr Boot ist eine Metapher, ein Bild. Es muss nicht auch auf Wasser fahren können. In Venedig, ohne Wanderkleidung, stattdessen ganz in Weiß, steigen sie ins Boot, paddeln in Richtung Rialto-Brücke und schon nach wenigen Minuten sinken sie. Erwartungsgemäß und gewünscht.
Das Boot wird geborgen und in einem Trauermarsch zurück zur Kirche gebracht, dort ist es bis zum Ende der Biennale aufgebahrt. Die Sammler, Museumsdirektoren und Feuilletonisten, stets in Eile, stets auf der Suche nach Neuem, lassen sich in diesen Tagen nicht mehr blicken. Ihnen entgeht etwas, weil sie immer zu früh dran sind, weil sie sich keine Zeit nehmen. Selbst schuld.
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 27/2011
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