04.07.2011

Uh-uh-oh-oh-oh-oh-oh-oh-ohh

Popkritik: „Lose It“, der Sommerhit der kanadischen Band Austra
Dieses Lied kennt kein Entkommen. Es ist bekloppt, nervtötend und großartig. Wer es einmal im Kopf hat, bekommt es tagelang nicht mehr heraus. "Lose It" heißt es, Austra nennt sich die Band, und wer es einmal gehört hat, weiß: Der Sommerhit 2011 ist da. Es ist das Lied mit dem Refrain. "Uh-uh-oh-oh-oh-oh-oh-oh-oh-oh-ohhh", geht er. "Uh-uh-oh-oh-oh-oh-oh-oh-oh-oh-ohhh" versteht jeder, vergisst niemand.
Ein Sommerhit ist eine komplizierte Angelegenheit. Er muss am Strand genauso funktionieren wie im Stau, in der Disco wie auf dem iPod. Eltern müssen ihn aushalten, wenn die Kinder ihn hören, Kinder müssen ihn ertragen, wenn die Eltern süchtig sind. Er muss einfach sein und darf doch niemanden vor den Kopf stoßen. Franzosen, Italiener und Spanier sollten ihn genauso lieben wie Deutsche und Engländer, sogar die Griechen sollten dabei sein. Der Sommerhit ist der kleinste gemeinsame Nenner aller Menschen im Urlaub, eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit.
Austra könnte es gelungen sein. Sie kommen aus dem kanadischen Toronto, noch vor wenigen Monaten waren sie nur ein paar Eingeweihten bekannt, "Feel It Break" ist ihr Debütalbum, "Lose It" das Lied mit dem Refrain, die aktuelle Single.
Noch ist der Song zwar nicht in den Charts, die Wahrscheinlichkeit aber, dass sich das ändert, hoch. Wenn es gut läuft, werden sich die Sängerin Katie Stelmanis, die Schlagzeugerin Maya Postepski und der Bassist Dorian Wolf vom Ende des Sommers an nie wieder Gedanken darüber machen müssen, wie sie ihre Miete zusammenkriegen. Allerdings werden sie dafür einen Preis zahlen: Ihre Laufbahn als Künstler dürfte vorbei sein.
Das ist Fluch und Segen des Sommerhits: Ihn zu schreiben ist wie ein Sieg beim Eurovision Song Contest. Es klappt nur einmal.
Oder hat Lou Bega ("Mambo No. 5") je wieder einen Hit gehabt? Hat man noch einmal etwas von Las Ketchup ("The Ketchup Song") gehört? Was machen eigentlich Bellini ("Samba de Janeiro")? Die zwei Herren von Los del Rio und ihre Tänzerinnen ("Macarena")? Gibt es die Jungs von O-Zone noch ("Dragostea din tei")? Für einen Sommer gehörten ihnen die Radiowellen, die Beachbars und die Cabrios. Ein Sommerhit macht Spaß wie ein betrunkener Urlaubsflirt, doch mit dem ersten Herbstwind beginnt die Peinlichkeit.
Ein Wissenschaftler der Universität Huddersfield in England hat vor einigen Jahren den sogenannten Ohrwurm-Quotienten definiert, die Formel für den Sommerhit: Anzahl der Akkorde, Abstand zwischen dem höchsten und dem tiefsten Ton im Refrain, dazu die Anzahl der Tanzschritte im Videoclip und die Höhe der Marketing-Ausgaben der Plattenfirma.
Wie seriös die Studie war, lässt sich nicht mehr ergründen, Auftraggeber war das Bordmagazin von British Airways.
"Lose It" entspricht dem Ohrwurm-Quotienten des britischen Wissenschaftlers. Die harmonische Komplexität des Songs ist übersichtlich, die inhaltliche Komplexität gering, und bevor man weiter drüber nachdenkt, kommt auch schon der Refrain "Uh-uh-oh-oh-oh-oh-oh-oh-oh-oh-ohhh".
Die Sängerin Stelmanis hat eine klassische Ausbildung, man hört es ihrer Stimme an, sie hat eine Theatralik, die den meisten anderen Popsängerinnen fehlt. Sie klingt wie eine Strandkorbkönigin der Nacht. Wunderbar.
"Lose It" aber ist offensichtlich ein Zufallstreffer, kein anderes Stück dieses Albums besitzt eine ähnlich alberne Besinnungslosigkeit. Die Mitglieder der Band gehören zur Queer-Pop-Szene Torontos, Stelmanis ist lesbisch, die Schlagzeugerin Postepski ebenfalls, sie bezeichnen sich selbst als "schwule Band" und haben ein Stück namens "Young and Gay" im Programm, ein anderer Song heißt "Hate Crime".
Austra machen eigentlich nachdenklichen Electropop mit schweren Themen, der Videoclip zu ihrem Song "The Beat and the Pulse" wird auf YouTube verpixelt gezeigt, er zeigt eine Gruppe halbnackter junger Frauen, die sich in einem abgedunkelten Raum mit modernem Tanz ausdrücken.
Der Videoclip zu "Lose It" ist ein surrealer Band-sitzt-in-Zimmer-herum-Film, was er soll, bleibt vollkommen unklar, zum Tanzen animiert er auf jeden Fall nicht. Weiter entfernt vom balearischen Stranddisco-Wahnsinn können sich Künstler jedenfalls kaum aufstellen.
Wenn das eine Strategie war, hat sie nicht funktioniert. Ein Lied mit diesem Refrain ist vor seinem Erfolg nicht zu retten.
Von Tobias Rapp

DER SPIEGEL 27/2011
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