04.07.2011

FRAUENFUSSBALLDie Miss-Wahl

Die Weltmeisterschaft soll Frauenfußball in Deutschland groß und wichtig machen, vom deutschen Team wird der Titelgewinn erwartet. Die Spielerinnen spüren den Druck.
Es geht doch hier nicht nur um Spaß, sagt Birgit Prinz, die Hände tief in den Taschen der Trainingshose, ihr Oberkörper kippt nach vorn, ihre Lippen sind noch schmaler als sonst. "Die Deutschen spielen so schön", sie wirft den Satz in den Keller unter dem Frankfurter Stadion, am späten Donnerstagabend, sie klingt höhnisch. Diesen Satz würden alle gern hören, gern sagen, geht aber gerade nicht. Na und, steht im roten Gesicht von Birgit Prinz.
Sie haben den Frauen aus Nigeria gerade ein 1:0 abgerungen, in einem harten, hässlichen Spiel. Sie stehen im Viertelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft, und die Leute wollen wissen, warum das alles nicht besser aussah.
"Es geht hier um Erfolg", sagt Birgit Prinz, für den Fall, dass das jemand vergessen hat, vor lauter neuem Frauenfußball-Glück. Birgit Prinz ist 33 und spielt in der Nationalmannschaft, seit sie 16 ist, ihr halbes Leben, sie hat fast alles gewonnen, was eine Fußballerin gewinnen kann.
Das war in der alten Zeit, in der vor ihren Turnieren keine Sommermärchen angekündigt wurden. Frauenfußball war eine kleine, von der Öffentlichkeit wenig beachtete Sportart.
In diesem Jahr sollte alles anders, besser werden, die deutschen Fußballerinnen sollten natürlich die Weltmeisterschaft gewinnen, so wie sie die letzten beiden Weltmeisterschaften gewonnen hatten. Aber diesmal sollte Deutschland das nicht nur mitbekommen, sie sollten das Land dabei auch verzaubern. Nebenher sollten sie den Frauenfußball groß und wichtig machen, "20Elf von seiner schönsten Seite", so lautet der Fifa-Slogan für die Weltmeisterschaft der Frauen. Wie das Motto einer Miss-Wahl.
Am Donnerstagabend lagen in dieser Konkurrenz die Französinnen vorn, ausgerechnet, die nächsten Gegnerinnen der Deutschen. Ihr Spiel wirkte leicht und fröhlich, sie sahen gut aus und schossen bis zu diesem Moment die meisten Tore.
Die Deutschen haben, neben dem Viertelfinale, auch schon einiges erreicht. Am Morgen nach ihrem ersten Spiel etwa bekommt das Wort Frauenquote eine ganz neue Bedeutung. Das sagt der Sprecher des Deutschen Fußball-Bundes, der wie an jedem Tag die Pressekonferenz der Frauennationalmannschaft moderiert. 18 Millionen in der Spitze, sagt der DFB-Mann, so viele Fernsehzuschauer wie nie, fast 60 Prozent Quote, die neue Frauenquote.
Der Sprecher lächelt seinem Gag hinterher, neben ihm schaut Doris Fitschen in das große gläserne Autohaus in Berlin, in dem sie sitzen, ihre Augen glänzen. Doris Fitschen ist die Managerin der Nationalmannschaft, sie ist begeistert, von den Zahlen, vom vollen Olympiastadion, sogar vor dem Hotel standen Fans.
"Über die Leistung der Mannschaft hab ich noch nicht gesprochen", sagt sie. Die Leistung war auch im ersten Spiel nicht ganz so toll, kein strahlender Sieg gegen Kanada, wenig Zauber, aber das war in diesem Moment egal.
Es hatte trotzdem funktioniert, all die Beschwörungen der letzten Wochen, viele in Deutschland wollten sehen, wie die Frauen spielten. Einige Kneipen hatten sogar Leinwände aufgestellt.
Bei der Eröffnungsfeier in Berlin platzte in der Mitte des Rasens im Olympiastadion die Oberfläche von einer großen Erdkugel, eine Spiegelfolie blitzte auf. Die Zuschauer konnten sich selbst erkennen, in ihren weißen Deutschland-Trikots, wenn sie wollten. Viele Familien saßen da, Kinder, ältere Leute, Frauenpaare, keine Besoffenen, keine Gröler, besonnene, nette Fans.
Die Leute konnten auch aus der WM machen, was sie wollten. Die meisten wollten gute Laune. Die Fans erhoben sich zur ersten Welle, kaum dass der Bundespräsident den Rasen verlassen hatte, und hörten erst erschrocken auf, als den Deutschen kurz vor dem Ende des Spiels fast noch der Sieg abhandenkam.
Am Morgen danach liegen auf den Stühlen der Journalisten im Autohaus kleine Broschüren, schwarzweiße Blätter, Ringbindung, in denen die Spielerinnen vorgestellt werden. Die Broschüren sehen aus, als hätte sie jemand in der alten Zeit des Frauenfußballs gebastelt, aber die Dinge, die unter "Persönliches" aufgelistet sind, weisen bereits in die neue. Bei den älteren Spielerinnen sind die Listen kürzer als bei den jüngeren.
Birgit Prinz hätte gern den starken linken Fuß von Lukas Podolski, steht da. Fatmire Bajramaj lackiert sich Finger- und Fußnägel in Deutschland-Farben.
Anfang April standen sie an der Auffahrt zum Kanzleramt in Berlin, zwei Dutzend Frauen, einige in Uniform, die anderen in hellen Hosen und dunklen Blazern. Die Spaziergänger liefen an ihnen vorbei. Noch 82 Tage bis zur WM, rechnete Angela Merkel vor, als sie die Spielerinnen drinnen begrüßte. Die Vorfreude werde nun jeden Tag größer. Es klang wie eine Anweisung, "die Unterstützung der Bürgerinnen und Bürger wird Ihnen sicher sein", sagte Merkel. Schon aus Gründen der Gleichberechtigung vermutlich, Merkel erinnerte an die WM 2006, sie sagte: die Männer-WM.
Dann eröffnete sie eine Ausstellung zum Frauenfußball und bestellte bei Theo Zwanziger, dem DFB-Präsidenten, eine Karte für das Eröffnungsspiel. Zwanziger strahlte abwechselnd die Bundeskanzlerin und Silvia Neid, die Bundestrainerin, an. "Der Frauenfußball ist mir mit der Zeit sehr, sehr nahegekommen", sagte er. Zwanziger war schon da, wo die meisten Deutschen noch hin sollten.
Nach dem Empfang saß Silvia Neid in einer Lounge im Flughafen Berlin-Tegel, es war kalt, die Klimaanlage ließ sich nicht abstellen. Neid verschränkte die Arme vor der Brust und hielt sie da fast eine Stunde lang.
Seit 1982 gibt es eine offizielle Fußballnationalmannschaft der Frauen in Deutschland, seit 1982 ist Neid dabei, als Spielerin, als Co-Trainerin, als Trainerin. Große Lust, über früher zu reden, schien sie nicht zu haben. "Die Sachen, die wir vollbracht haben, sind unwahrscheinlich toll", sagte sie. Siebenmal Europameisterinnen, zweimal Weltmeisterinnen.
Aber würde es auch diesmal klappen? Und würden sie die Leute begeistern? Waren ihre Spielerinnen bereit, zur schönsten Seite von 2011 zu werden?
Es werde ganz, ganz schwer, noch einmal die WM zu gewinnen, sagte Silvia Neid. Sie sagte es Woche für Woche, im Frühling, im Frühsommer, sie warnte vor Kanada, vor Nigeria, sie warnte vor den anderen Teams, sie klang wie eine Spaßverderberin.
Ach, und das Motto der WM, "20Elf von seiner schönsten Seite", das sei "ein etwas femininer Spruch", passe doch, sagte Neid. Um die Schönheit der Frauen gehe es sicher nicht. Frauenfußball sei attraktiver geworden, schneller, athletischer, nur darum könne es gehen.
"Habt ihr Probleme beim Jeanskaufen?", fragte Indira Weis, es war Anfang Mai. Sie hockte auf der Tribüne im leeren Stadion des 1. FC Köln. Vor ihr saßen Inka Grings und Alexandra Popp, sie waren nach Köln gekommen, um ein Frauenfußball-Buch vorzustellen, in einer Pause zwischen den sechs Trainingslagern mit Silvia Neid. Grings ist 32, Popp ist 20, beide sind Stürmerinnen, Konkurrentinnen in der Nationalmannschaft, obwohl sie das öffentlich nie so sagen.
Indira Weis war in einer Castingband, im Dschungelcamp und im "Playboy", nun trug sie ein Deutschland-Trikot und stellte sich als WM-Reporterin des Senders RTL vor.
"Mädels, wir wollen das so richtig pushen mit euch", sagte sie.
Inka Grings antwortete auf die Jeansfrage, dass es bei einigen, die schnell Muskelmasse aufbauen, mal eng werden könne. Danach ging es um Mascara.
Mascara auf dem Platz sieht immer gut aus. In der Mannschaft tragen alle Größe 34 oder 36. Solche Dinge konnte man lernen vor der Weltmeisterschaft, schlechte Laune bekamen die Spielerinnen wie an jenem Tag in Köln nur, wenn wieder jemand anfing, Frauen- mit Männerfußball zu vergleichen. Männerfußball, das Wort fiel nun häufiger, vielleicht war es ein erster Erfolg in Sachen Gleichberechtigung.
Die WM sollte auch dort Fortschritte bringen. Wer sich nicht auf sie freute, geriet in den Verdacht, frauenfeindlich zu sein.
Doch dann kamen die Barbie-Puppen in deutschen Trikots, die Nachwuchsspielerinnen im "Playboy", die Modestrecken. In der "Bild"-Zeitung regte sich nach dem ersten Spiel nur noch Mario Basler über Frauenfußball auf, aber Sylvie van der Vaart schrieb in einer Kolumne, wie sexy sie Babett Peter finde, eine blonde Abwehrspielerin.
Drei Tage vor dem ersten Spiel saß Fatmire Bajramaj auf der Bühne in dem Berliner Autohaus, sie sah noch schmaler aus als auf all den Fotos, die man von ihr in den letzten Wochen gesehen hatte.
Sie war auf dem "Kicker"-Sonderheft und auf dem "L-Mag", einem Magazin für Lesben, unter anderem, die ARD zeigte eine Dokumentation über ihre Familie aus dem Kosovo, Nike stellte neue Werbespots mit ihr vor. Sie war das Gesicht der langen, zähen Zeit vor der Weltmeisterschaft, in der Deutschland sich an seine neue Nationalmannschaft gewöhnen sollte, an ein paar Namen und Gesichter.
Fatmire Bajramaj, Lira genannt, 23, hat eine gute Geschichte, die vom Flüchtlingsmädchen, dem der muslimische Vater einst den Fußball verbot. Sie ist der Beleg für das, was Theo Zwanziger, der DFB-Präsident, meint, wenn er den Frauenfußball ein "sportlich, gesellschaftlich und sozial wunderbares Produkt" nennt.
Aber sie hat auch lange dunkle Locken, geht gern shoppen und will später drei Kinder. Niemand erfüllte die Erwartungen an den neuen Frauenfußball so perfekt wie sie.
Nun musste sie ihre Medienauftritte verteidigen. Die Testspiele waren nicht gut für sie gelaufen. Ein Radiorepor-ter fragte sie, ob sie sich etwas Besonderes ausgedacht habe für das erste Spiel: Mit ihren Fingernägeln? Was plane sie da?
"Heude hat se sich ned geschminkt", sagte Melanie Behringer, die neben Bajramaj saß. Behringer ist rotblond, eher robust, kein Covergirl.
Als Lira Bajramaj gegen Ende des Spiels in Berlin noch eingewechselt wurde, sangen die Fans zum ersten Mal, sie sangen: "Oh, wie ist das schön."
"Oh, wie ist sie schön?", fragt Dietmar Neß, er steht vor dem Stadion in Frankfurt am VIP-Eingang, vier Tage später, vor dem Nigeriaspiel. Neß lacht, er ist ein freundlicher Mann, der Berater von Lira Bajramaj. Er weiß schon, dass sie am Anfang wieder nicht spielen wird, ganz versteht er das nicht, Lira sei topfit.
Neß erzählt, dass Cacau gleich komme, der Spieler vom VfB Stuttgart, den Neß auch berät. Es scheint ein gutes Zeichen für den Frauenfußball zu sein. Auch Helmut Kohl und Kurt Beck sind im Stadion.
Dietmar Neß ist mit der WM bisher zufrieden, "schauen Sie doch, was hier los ist", die Leute drängeln an ihm vorbei, er habe auch eine neue, gute Sponsorenanfrage für Lira.
Lira Bajramaj hat mal in Absatzschuhen auf die Torwand im "Sportstudio" geschossen, selbst der DFB erinnert in seiner Spielerinnen-Broschüre an diesen Moment, er gehört zur deutschen Frauenfußball-Geschichte wie die vielen Pokale von Prinz.
Birgit Prinz knallt ihre Hand gegen die Hände der Frauen auf der Bank, als sie gegen Nigeria kurz nach der Halbzeit rausmuss. Eigentlich wollte sie ihre letzte WM genießen, sie wirkte fast weich, als sie das vorher erzählte. Lira Bajramaj läuft sich fast 90 Minuten lang warm, als sie kurz ins Spiel darf, wird es auch nicht besser.
Silvia Neid läuft vor der Bank auf und ab, in einem hellen Hosenanzug, Ärger im Blick, die Fans machen keine Wellen mehr, sie pfeifen zur Pause, nicht mal das Wetter ist so schön wie 2006.
In Berlin könnte es eine Fanmeile geben, warum nicht, sagen die Politiker der Stadt, wenn sie von Journalisten gefragt werden. Bisher habe sich allerdings kein Veranstalter gemeldet. Hinter dem Brandenburger Tor beginnt in dieser Woche die Fashion Week.
Von Wiebke Hollersen

DER SPIEGEL 27/2011
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